Am Montag, den 30.April geht meine nächste Geschichte an den Start: "Die Zugfahrt meines Lebens". Ein etwas alberner Titel, für eine aber wirklich gute Geschichte im Genre LGBT, Comedy und Drama. Zudem hat die Geschichte etwas von einem Roadmovie und einem Melodram. Hier alle Kapitel im Überblick:
1. Die Reise beginnt! 2. Mein Sitz- und Schlafplatz 3. Freut mich dich kennen zu lernen "Mitbewohner" 4. Konfrontation am Sitzplatz 5. Fahrkartenkontrolle! 6. Die Geschichte hinter dem Song 7. Mein italienischer Freund 8. Auseinandersetzung im Abteil 9. Courage 10. Liam und die Lunch-Box 11. Der neue Sitznachbar 12. Die Besiegelung unserer Freundschaft 13. Orientierung 14. Aussprache 15. Auf dem Weg zum Speisewagen 16. Im Speisewagen 17. Klare Worte 18. Schlichtungsversuche 19. Ein letzter Ratschlag 20. Neue Fahrgäste 21. Für immer fort? 22. Die schwangere Katharina 23. Kleiner Junge, große Probleme! 24. Wer ist der Vater? 25. Vater und Sohn 26. Familienkrise 27. (K)Eine ruhige Minute 28. Unversöhnlich 29. Aussprache unter vier, nein sechs Augen 30. Eine schwierige Geburt 31. Ein neues Leben 32. Liam + Liam = psychisch und physisch nicht ertragbar! 33. Das durchgeknallte Quartett 34. Wiedergutmachung 35. Alles ist anders... 36. Gesucht werden: Tischmanieren! 37. Das Frage-Antwort-Spiel 38. Diebstahl und Poesie 39. Die Fragestunde geht in die heiße Phase 40. Wer ist Jonas? 41. Sonnenuntergang 42. Mutitas 43. Die drei Affen 44. Das Toilettenproblem 45. Liebeskummer 46. Spaß im Abteil 47. "Blinde Kuh" 48. Der Kuss 49. Mil(an)o 50. Erlebnisse eines Tages 51. Nur rein hypothetische Gedanken 52. Ein Tag mit Liam 53. Luca 54. Zum Scheitern verurteilt? 55. Im Mondschein 56. Der Schatten der Angst 57. Herzklopfen 58. Eine unvergessliche Nacht 59. Bilder der Vergangenheit 60. Die ganze Wahrheit 61. Eine gebrochene Seele 62. Endstation - Das Ende meiner langen Reise
1. Die Reise beginnt! Ich blickte noch einmal in meinen vollgepackten Koffer und kontrollierte, ob ich auch nichts vergessen hatte. Von der Kleidung zu den Körperpflegeprodukten bis hin zu meinem Tablet und meinem Mp3-Player. Nachdem alles meinen Augen zur Kontrolle fiel, klappte ich meinen Koffer zu und schloss ihn mit Müh und Not. Vermutlich würde mir alles entgegen springen, wenn ich ihn in vierundzwanzig Stunden wieder öffnete, aber das darf dann mein Freund übernehmen. Der freut sich, wenn ihm meine Boxershorts ins Gesicht fliegen. Sollten es jedoch meine Socken sein, die ihm unter die Nase kommen, kann er froh sein, dass sie frisch gewaschen sind. Ich stolzierte die Treppe ins Erdgeschoss hinunter und stellte meinen schweren Koffer neben meinen bereits bereitgestellten Schuhen ab. Meine Mutter kam mir etwas wehmütig aus der Küche entgegen und trug meinen Rucksack bei sich, indem sich noch allerhand Verpflegung für meine bevorstehende Reise befand. „Ich vermiss dich jetzt schon mein Engel!“, sagte sie traurig, aber mit einem Lächeln im Gesicht, zu mir und drückte mich dabei noch einmal ganz fest an ihre Brust. Das war mir natürlich etwas unangenehm, schließlich war ich mit meinen siebzehn Jahren kein kleines Kind mehr, aber es sah mich ja keiner, also ging das schon in Ordnung. Hätte sie das in der Schule mit mir gemacht, wäre ich jetzt wieder das Gespött meiner Mitschüler und sie würden mich lachend „Muttersöhnchen“ rufen, aber es waren Sommerferien und heute begann für mich eine tolle Reise. In einer knappen halben Stunde ging mein Zug vom Berliner Hauptbahnhof weg. Mein Reiseziel: Das legendäre Rom in Italien! Denn dort lebte mein italienischer Freund zusammen mit seiner Familie. Ich hab ihn nun schon seit den Osterferien nicht mehr gesehen. Damals war er bei uns zu Besuch und nun würde ich ihn für drei hoffentlich herausragende Wochen besuchen. Ich freute mich schon sehr darauf ihn endlich wieder in meinen Armen zu halten und ihm einen Kuss auf die Lippen zu drücken. Mit dem Internet kann man heutzutage ja vieles anstellen – chatten, camen – aber nicht die gegenüberliegende Person in den Arm nehmen. Mein Herz kribbelte schon wie wild, dabei würde ich meinen Freund erst morgen sehen, da ich fast vierundzwanzig Stunden mit dem Zug unterwegs war. Eine lange Reise und mir taten meine Pobacken von dem ewig langen Sitzen jetzt schon weh. Mein Vater kam in den Flur geschlürft und fragte mich ob ich startklar sei. Ich antwortete ihm mit einem knappen Ja und konnte es nicht verhindern, dass meine Mutter mich noch einmal in ihre Arme zog. Mein Vater ging inzwischen schon einmal zur Haustür raus und lud meinen vollgepackten und gefühlten zehn Elefanten schweren Koffer in den Kofferraum ein. „Hast du dein Zimmer leergeräumt, oder sind das Ziegelsteine?“, fragte er mich hinterher etwas schwer atmend. Ich grinste nur breit und blieb ihm die Antwort schuldig. Als wir ins Auto stiegen und aus der Einfahrt fuhren, winkte mir meine Mutter von der Haustür noch einmal hinterher. Ich winkte zurück und blickte ihr nach, bis das Auto um eine Ecke bog und ich sie nicht mehr sah. Zum Bahnhof waren es etwa zehn Minuten mit dem Auto. Genug Zeit, dass mein Vater mir noch einmal Ratschläge gab und mir zur Vorsicht mahnte. Wäre vollkommen in Ordnung, wenn er mir das Alles nicht gestern schon beim Abendessen vorkaute. „Und vertrau keinen fremden Menschen, sprich nicht einmal mit ihnen, das wird das Beste sein!“, riet er mir zur Vorsicht und ich rollte mit meinen Augen. „Dad, ich bin kein Baby mehr.“, entgegnete ich nach einer Weile, als er auch noch meinte, ich solle nichts Unbedachtes anstellen – in Bezug auf meinen Freund, wenn ihr wisst was ich meine. Ich war froh, als wir endlich am Bahnhof ankamen und es sich nur noch um Minuten handelte, bis ich im Zug nach Rom saß. Der Bahnhof war gerammelt voll – verständlich, in den Sommerferien. Mein Vater und ich kämpften uns durch eine Gruppe von japanischen Touristen, die es sogar für nötig hielten, einen deutschen Mülleimer zu fotografieren und kamen kurze Zeit später am Bahnsteig an, von dem mein Zug weg fuhr. Der Zug stand bereits da und viele Fahrgäste stiegen ein. In fünf Minuten war Abfahrt. „Also dann.“, sagte ich schließlich zu meinem Dad und überlegte kurz ob er mich zum Abschied auch in den Arm nahm, aber er war ein Mann…, ich war ein Mann… Männer umarmen sich nicht, das ist sowas von uncool! Zumindest keine Hetero-Männer… „Pass auf dich auf, melde dich kurz wenn du angekommen bist und schick uns eine Postkarte, auf dem das Kolosseum zu sehen ist.“, sagte er nur zu mir, nachdem er mir dabei half, meinen Koffer in den Zug zu lupfen, während mein Rucksack auf meinem Rücken baumelte. „Werde ich, versprochen!“, rief ich ihm zu, gerade als der Pfiff einer Trillerpfeife ertönte, gefolgt vom lauten Zuschlagen aller Waggontüren. Ich starrte durch das Türfenster zu meinem Vater, der mir ein letztes Mal lächelnd entgegen winkte. Der Zug setzte sich in Bewegung und verließ mit langsamer Geschwindigkeit den Berliner Hauptbahnhof.
2. Mein Sitz- und Schlafplatz Der Zug ließ den Berliner Hauptbahnhof hinter sich und fuhr mit langsamer Anfangsgeschwindigkeit Richtung Süden. Ich stand mir die Beine in den Bauch, also beschloss ich, mich endlich auf die Suche nach meinem reservierten Abteil zu begeben. Zum Glück waren die einzelnen Abteiltüren mit Automatik versehen und öffneten sich, sobald man in ihre Nähe kam. Es wäre für mich nämlich etwas mühselig gewesen, jedes Mal meinen schweren Koffer abzustellen, wenn ich an einer Abteiltür ankam. So ging die Tür automatisch auf und ich kam in ein gewöhnliches, aber sehr stickiges Abteil, dass überfüllt mit Reisenden war, die entweder versuchten ihr Gepäck in den oben angebrachten Ablageflächen zu verstauen, oder versuchten sich durch das Gedränge der Menschen durch zu kämpfen. Mir kam sofort ein gut beleibter Herr entgegen, der ein dunkeltürkises Shirt und einen Strohhut auf dem Kopf trug. Der Schweiß tropfte regelrecht von seiner Stirn und seine feuchten Achseln waren auch nicht unbedingt der schönste Anblick. Das Schlimmste jedoch war der Geruch, der von ihm ausging. Er roch nach faulen Eiern und ich wünschte ich könnte mir die Nase zuhalten. Der Mann wollte an mir vorbei und ich war erleichtert, dass er offenbar in die entgegengesetzte Richtung unterwegs war. Mir tat die Person jetzt schon leid, die sich ein Abteil mit ihm teilen musste. Irgendwie gelang es uns, an dem jeweils anderen vorbei zu huschen, was im Anbetracht seines massiven Körpers kein leichtes Unterfangen war und ich konnte mich weiter durch das Abteil kämpfen. Als nächstes kreuzte sich mein Weg mit einer jungen Frau mit Pferdeschwanz. Sie lächelte mir freundlich zu und ich konnte es in ihrem Gesicht ablesen, dass sie auch heilfroh war, wenn sie ihren Sitzplatz fand. Mein Sitzplatz befand sich am anderen Ende des Abteils und nachdem ich mich weiter durchs Abteil kämpfte, kam ich dort glücklich und wohlbehalten an. Allerdings handelte es sich hierbei nur um meinen Sitzplatz. Da ich über vierundzwanzig Stunden unterwegs war, war bei meiner Reservierung ein Schlafplatz inklusive dabei – und den durfte ich mir nun auch noch suchen. Da hier allerdings immer noch Leute herumschwirrten, saß ich mich erst einmal auf meinen Platz am Fenster. Es war ein Vierer-Platz samt Tisch in der Mitte und mir gegenüber saß ein schnieker Mann, der gerade dabei war seinen Laptop aus der Tasche herauszuziehen und sich auf dem Tisch breit zu machen. Neben ihm saß eine ältere Dame und ich rechnete schon damit, dass sie zugleich ihr Strickzeug hervorzog, doch wurde ich eines Besseren belehrt, als sie einfach nur ihre Augen schloss und vor sich hindöste. Ich beschloss es ihr in etwa gleich zu tun, lehnte mich an die Fensterscheibe und blickte wortlos aus dem Fenster. Während der Zug seinen weiten Weg fortsetzte, zogen Häuser und Bäume an mir vorbei. Wir befanden uns zwar immer noch in Berlin, aber schon ziemlich außerhalb des Zentrums und nachdem es ein wenig ruhiger im Abteil wurde, beschloss ich nach meinem Schlafplatz zu suchen. Der Sitz neben mir war noch immer frei, trotz der Anzeigetafel, dass hier reserviert sei. Wer sich da wohl noch neben mir setzte? Ob dieselbe Person auch in meinem Schlafabteil nächtigte? Solange diese Person nicht schnarcht ist mir alles recht. Es genügt mir schon, dass mein Freund aus Italien hin und wieder im Schlaf Bäume zu Fall bringt. In dieser Hinsicht bin ich leider ziemlich empfindlich und kann dann oftmals nicht weiter schlafen. Erst ein Stups nach meinem Freund, bringt ihn zum Schweigen und ich kann wieder in Ruhe weiter schlafen. Die Suche nach meinem Schlafplatz ereignete sich zum Glück als weitaus weniger problematisch, als die Suche nach meinem Sitzplatz. Bereits nach zwanzig Sekunden stand ich vor dem Abteil mit meiner Reservierungs-Nummer. Ich öffnete die Tür und erspähte zugleich ein Stockbett, samt meinen „Mitbewohner“ für die nächsten vierundzwanzig Stunden. Ich war überrascht und erleichtert zugleich, denn es war weder eine Frau, noch ein alter Mann, noch so ein Freak, die einem sonst so überall begegnen. Tatsächlich war es ein Junge der nicht viel älter als ich sein durfte. Er besaß dunkelbraunes Haar und blaugraue Augen. Ich mit meinen blonden Haaren und grünen Augen bildete dazu einen guten Kontrast. Ich begrüßte ihn erst einmal freundlich und streckte ihm meine Hand entgegen. Ich verbringe mit dieser Person schließlich viel Zeit in diesem Zug. „Guten Tag! Ich glaube, dass wir uns dieses Abteil teilen müssen.“ Der fremde Junge starrte mich etwas eigenartig an und ich fragte mich, ob ich etwas Falsches oder Dummes von mir gegeben hätte, da dies bei recht häufig der Fall war. „Du glaubst? Check lieber noch einmal dein Ticket, sonst könntest du das am Ende noch bereuen.“, meinte der Junge zu mir und zwinkerte mir dabei verschmitzt zu, was mich etwas aus der Fassung brachte. „Äh… also, eigentlich bin ich mir schon sicher, dass dies auch mein Abteil ist.“, erwiderte ich daraufhin. „Wenn das so ist.“ Der Junge streckte mir nun ebenfalls seine Hand entgegen, packte kräftig zu und wir schüttelten uns die Hände. Dann sagte der Junge allerdings etwas, was mich wirklich aus der Fassung brachte: „Na sieh mal einer an. Das muss mein Glückstag sein. Du bist schwul!“
3. Freut mich dich kennen zu lernen „Mitbewohner“ „W-Was?“, brachte ich nur stotternd aus meinem Mund heraus. Meine Augen weiteten sich vor Schreck, denn mir war nicht bewusst, dass ich irgendwelche Anzeichen machte, schwul zu sein. Mit dieser Aussage brachte mich der fremde Junge nun völlig aus der Fassung. Wer ist dieser Kerl? „Ich habe gesagt, dass heute mein Glückstag zu sein scheint, da du ganz offensichtlich schwul bist.“, entgegnete mir der Junge voller Selbstbewusstsein. „Und wie kommst du zu dieser Annahme?“, fragte ich ihn daraufhin. Dem Jungen entfiel ein Lächeln, ehe er mit der Sprache rausrückte: „Also erst einmal hast du einen ziemlich sanften Händedruck. Dieses Indiz trifft recht häufig auf Homosexuelle zu, aber das allein reicht natürlich noch nicht, um jemanden als so einen zu enttarnen. Da spricht dein Verhalten, seitdem du dieses Abteil betreten hast, schon mehr Bände.“ Ich blickte ihn wortlos an, wusste aber genau was er meinte. Mir war mein Verhalten ihm gegenüber plötzlich peinlich, aber daran war nur er schuld! „Seitdem du dieses Abteil betreten hast, waren deine Augen auf meinem Oberkörper gerichtet. Vielleicht klopfst du das nächste Mal vorher an, wenn du mich nicht beim Umziehen erwischen willst, aber ich gebe gerne zu, dass mein heißer Body unwiderstehlich ist.“ Ich wurde knallrot im Gesicht. Dieser Moment war mir wirklich außerordentlich peinlich. Ich versuchte stark zu bleiben und ihm etwas entgegen zu setzen: „Wieso ziehst du dich überhaupt am helllichten Tag in einem Zug um? Hattest du keine Zeit mehr, dies bei dir zuhause zu erledigen?“ „Doch natürlich, aber ich war verschwitzt und alles und ich wollte meinem „Mitbewohner“ nicht den miefigen Schweißgeruch meiner Achseln zumuten.“ Na wenigstens spricht er dieselbe Sprache wie ich, dachte ich mir, während ich inständig hoffte, dass er sich endlich wieder was drüber zog. „Könntest du vielleicht…“, bat ich ihn und versuchte zwanghaft wegzusehen. „Was? Könntest du deinen Satz vielleicht auch beenden, oder soll ich raten? Soll ich mir etwas überziehen, oder möchtest du dass ich mir meine Hose auch noch ausziehe? Versteh mich nicht falsch, aber ich steh nicht so auf Sex beim ersten Date… wobei das hier nicht einmal ein Date ist…“ Der Junge macht mich wahnsinnig! „Könntest du dir bitte etwas überziehen!“, rief ich ihm nun lautstark entgegen. „Jaja, schon gut Kleiner.“, sagte der Junge, der sich daraufhin ein Tank Top überzog, wodurch ich seine athletischen Oberarme immer noch erkennen konnte. „Übrigens sieht dein Koffer sehr schwer aus. Soll ich dir helfen ihn hier rein zu lupfen, oder schaffst du das alleine?“ „Schon gut, die paar Zentimeter kriege ich gerade noch alleine zustande.“, antwortete ich ihm ein wenig bockig, dabei hatte ich keinerlei Grund dazu. Schließlich war er so freundlich mir seine Hilfe anzubieten. Doch schien es mein Schicksal zu sein, mich weiter vor ihm zum Deppen zu machen, denn ich stolperte versehentlich über meine eigenen Füße, ließ den Koffer zu Boden fallen und fiel im Anschluss daran über den Koffer drüber und landete auf allen Vieren zu den Füßen des Jungen. Dabei fiel mir sein braungebrannter Hautton auf, da er wie ich Sandalen trug. Natürlich ließ er sich wieder zu einer Bemerkung hinreißen. „Suchst du da unten nach Ameisen? Ich glaube die gibt es hier im Zug nicht, aber bei deinem Geschick schaffst du es sicherlich, auch noch aus dem Zug zu fliegen.“ Ich stand hastig vom Boden wieder auf und schlug dabei die reichende Hand des Jungen aus. Komischer Typ… einerseits ist er so freundlich und im nächsten Moment macht er sich wieder lustig über mich. „Nur damit das klar ist…“, sagte der Junge kurz darauf, „…ich schlafe oben. Ich schlafe immer oben - ob nun alleine, oder zu zweit, wenn du verstehst.“ Der Junge lachte und warf seinen Rucksack aufs obere Bett. „Hier ist es zwar etwas eng, aber dann wird es dafür umso kuschliger. Was denkst du?!“ „Schlussfolgere ich richtig, dass du auch schwul bist?“, fragte ich den Jungen daraufhin. „Hab ich deine Hand wie eine Pussy gedrückt? Nein! Hab ich dir die ganze Zeit auf deinen nicht vorhandenen Sixpack gestarrt? Nein! Wieso zum Geier sollte ich also schwul sein?“, antwortete der Junge mir und seine Argumentationen wären stichhaltig, hätte er nicht auch einen groben Schnitzer begangen. „Darf ich dich dann daran erinnern, dass du kurz bevor du mich auf meine Orientierung hingewiesen hast, von deinem Glückstag sprachst.“, sagte ich nun grinsend zu ihm. „Ach das…“, sagte der Junge und erstmals schien er nach Worten zu suchen. „Vielleicht war das ironisch gemeint. Daran schon gedacht? Vielleicht gehöre ich zu einer Anti-Schwulen-Bewegung.“ „Ja klar und ich bin der Weihnachtsmann.“, entgegnete ich lauthals lachend. „Darüber macht man keine Witze!“, schrie mich der Junge nun an und für einen kurzen Moment bekam ich Angst vor ihm und trat ein Schritt zurück. „Der Weihnachtsmann ist ein feiner alter Mann und du solltest ihm Respekt zollen, dass er sich in seinem Alter noch jedes Jahr durch den Kamin zwängt, um dir Geschenke unter den Christbaum zu legen.“, erklärte der Junge mir. Meine Angst wich der totalen Verwunderung. Glaubt der Junge etwa diesen Käse den er von sich gab? Der Junge blickte mich böse funkelnd an, doch kurze Zeit später konnte er sich das Lachen nicht mehr verkneifen und sagte: „Das war Spaß! Glaub doch nicht jeden Scheiß den ich dir erzähle. Ich bin etwas abgedreht und aufgeregt, das ist alles. Übrigens: Ich heiße Liam und wie heißt du?!“ Eindeutig ein komischer Typ, aber ich bin ja flexibel und stell mich mal auf eine verrückte Zugfahrt mit diesem Kerl ein. „Hallo Liam, ich heiße Milo!“
4. Konfrontation am Sitzplatz Es war ein ziemlich chaotischer Beginn meiner vierundzwanzig Stunden Zugfahrt, aber ich war optimistisch, dass es ab sofort etwas ruhiger wurde. „Du heißt Milo? Das ist mir zu lang. Ich werde dich einfach nur Lolo nennen, okay?“, meinte Liam zu mir, als ich ihm meinen Namen nannte. Wie gesagt: Ich bin optimistisch, dass es nun ruhiger wird! Liam und ich kehrten in das Abteil mit den Sitzplätzen zurück und ich setzte mich wieder ans Fenster. Der schnieke Mann von gegenüber saß noch immer an seinen Laptop und tippte eifrig in die Tasten. Solange er das nicht die ganze Zugfahrt über machte, ging das für mich in Ordnung. Da hörte ich ein Lispeln im rechten Ohr und ich zuckte ein wenig zurück. Es war Liam, der mir etwas ins Ohr flüsterte: „Sag mal, glaubst du das die alte Frau da noch atmet?“ Obwohl ich seine Frage mehr als unpassend fand, ließ ich es mir nicht nehmen, einen kurzen Blick auf die alte Dame zu werfen, die mir schräg gegenüber saß. Bevor ich auf die Suche nach meinem Schlafplatz ging, hatte sie ihre Augen geschlossen und vor sich hingedöst, doch nun schien sie nicht einmal mehr zu atmen. Ihr Körper bewegte sich nicht und aus ihrem Mund strömte auch kein leichter Atemzug. Die Frau war doch nicht wirklich im Schlaf gestorben…, oder doch? Liam streckte seinen rechten Arm nach der alten Dame aus und spitze seinen Zeigefinger. Vermutlich wollte er die alte Dame im Gesicht anstupsen. Ich spürte bereits den fragwürdigen Blick des schnieken Mannes, der mir gegenüber saß und mich und Liam aus den Augenwinkeln heraus musterte. Liams Zeigefinger war nur noch eine Fingerspitze weit weg vom Gesicht der alten Dame. Jeden Augenblick würde er sie berühren und dann würden wir erfahren, ob sie noch unter den Lebenden weilte. Eine komische Situation. Noch komischer wurde es, als die alte Dame unerwartet zu Grunzen anfing, Liam erschreckt seine Hand zurückzog und es mich halb vom Sitz lupfte. Was für eine Schreckenssekunde, aber immerhin lebte die alte Dame noch. Der schnieke Mann versteckte seinen Kopf zwar hinter seinem Laptop, dennoch konnte ich erkennen, wie er uns spöttisch auslachte und dabei den Kopf schüttelte. Liam sah das offenbar gar nicht gern und sprach den Mann nun an: „Haben sie ein Problem, Mister?“ Der Mann beachtete ihn gar nicht und tippte weiter eifrig in seine Tasten. In Liams Augen konnte ich ablesen, dass er das als Provokation empfand. Merkwürdig. Obwohl ich Liam erst seit einer halben Stunde kannte, wusste ich bereits was in seinem Kopf ungefähr vorging. Doch gegen alle Erwartungen blieb Liam ausgesprochen ruhig und streckte dem Mann sogar seine Hand entgegen. „Guten Tag. Dürfte ich ihren Namen erfahren?“ Wieder beachtete der Mann ihn nicht und in Liam fing es allmählich an zu brodeln. Ich wusste, dass das kein gutes Ende nahm „Hören sie schlecht?“, fragte Liam den Mann nun gereizt. „Haben sie wenigstens so viel Anstand, um mir ihren Namen zu nennen. Ignorieren sie mich nicht!“ Liams Worte zeigten nur bedingt Wirkung, denn der Mann blickte nur kurz zu ihm rüber, ehe er sich wieder seiner Arbeit am Laptop widmete. Für Liam war das zu viel. Er stand von seinem Sitzplatz auf und klappte den Laptop des Mannes mit seinen beiden Händen zu. Der Mann versuchte seine Hände noch zeitig rauszuziehen, doch gelang ihm das nur mit einer Hand. Die andere Hand wurde eingeklemmt und der Mann jaulte auf vor Schmerz. „Bist du verrückt geworden?!“, schrie der Mann ihn an und stand nun ebenfalls von seinem Platz auf. Sein hervorgegangener Schrei erweckte auch die alte Dame aus ihrem tiefen Schlaf. Etwas schlaftrunken, blickte sie zuerst zu dem Mann und dann zu Liam, die sich nun böse funkelnd anstarrten. Die Konfrontation schien unausweichlich. „Kann ich vielleicht helfen?“, fragte ein maskuliner Mann, der sich nun ebenfalls von seinem Sitzplatz erhob. Sein Platz war ein Vierer-Platz weiter und zum Gang hin. Er blickte zu den beiden Streithähnen und versprühte dabei eine machtvolle Aura. „Ich bin Polizist. Hier ist meine Dienstmarke. Wenn sie sich prügeln wollen, nur zu, aber dann werde ich persönlich dafür Sorge tragen, dass sie diesen Zug nicht ohne eine Anzeige verlassen werden.“ Der schnieke Mann setzte sich wortlos, aber innerlich kochend wieder auf seinen Platz. Lediglich Liam blieb stehen und blickte diesmal den Polizisten herausfordernd an. Bin ich hier eigentlich im Kindergarten? Ich umschlang mit meiner Hand Liams linken Arm und versuchte ihn wieder auf seinen Platz zu zerren. „Jetzt lass es schon gut sein. Das muss doch wirklich nicht sein.“, sagte ich zu ihm. Liam ließ sich schließlich widerwillig auf seinen Platz nieder. Er und der schnieke Mann wichen jedem weiteren Augenkontakt aus. Ich blickte zu dem Polizisten und bedankte mich bei ihm mit einem freundlichen Nicken. Der Polizist setzte sich ebenfalls wieder auf seinen Platz und ich stieß einen leisen Seufzer aus. Die Zugfahrt ist alles andere als langweilig und mit jeder Sekunde wich mein Optimismus, dass es hier noch ruhiger zugehen würde.
5. Fahrkartenkontrolle! Nach der kindischen Konfrontation zwischen Liam und diesem schnieken Mann kehrte fürs Erste – und zu meiner großen Erleichterung – Ruhe in das Abteil ein. Ich traute allerdings meinen Augen kaum, als die alte Dame, die sich danach kurz in ihr Schlafabteil zurückzog, mit Wollknäuel und Strickzeug zurückkehrte. War meine Vermutung zu Beginn der Reise also doch richtig. Ich schaute mich ein wenig im Zugabteil um. Auf der anderen Fensterseite saßen ebenfalls vier Personen. Ein junger Mann und eine junge Frau, die offensichtlich gemeinsam auf Reise waren, ein Mann so geschätzt um die Mitte Fünfzig und ein etwas älterer Junge. Der Junge trug kurze Shorts und ein rotes Shirt. Sein braunes Haar war inzwischen so lang, dass ihm ein Scheitel ins Gesicht hing und er diesen immer wieder mit seiner Hand ein wenig zur Seite schob. Seine Füße waren ständig in Bewegung und er blickte sich etwas unruhig im Abteil um. Irgendetwas schien ihn nervös zu machen. Auf einmal stand Liam von seinem Sitzplatz auf. „Ich geh mal kurz auf die Toilette. Bin gleich wieder da.“, sagte er zu mir und schritt in Richtung Schlafabteile davon. Mir stand noch eine lange Fahrt bevor. Ich nutzte die Gelegenheit um meine Gliedmaßen zu strecken, als die Tür zum Zugabteil aufsprang und ein Mitarbeiter der Bahn herein stolziert kam. „Fahrkartenkontrolle!“, stieß er laut aus, damit es auch jeder im Abteil vernahm und sein Zugticket bereithielt. Ich holte also meinen Rucksack von der Gepäckablage herunter und zog mein Ticket hervor, das ich vorsichtshalber in einer Klarsichtfolie aufbewahrte, damit keine Flecken drauf kamen. Als ich mich wieder auf meinen Platz niederließ, wanderte mein Blick wieder zu dem Jungen mit dem Scheitel im Gesicht. Er war kreidebleich im Gesicht und Schweiß tropfte von seiner Stirn. Seine vorherige Nervosität wich einer innerlichen Panik. Ich hatte eine starke Vermutung, was der Grund dafür sei und beobachtete das bevorstehende Dilemma mit regem Interesse. Der Mitarbeiter der Bahn kontrollierte jedes einzelne Ticket der Fahrgäste, als ein Signal aus dem Lautsprecher ertönte, gefolgt von der Stimme des Zugschaffners. „Liebe Fahrgäste. In Kürze erreichen wir Leipzig Hauptbahnhof, bei dem wir einen kurzen Zwischenstopp einlegen, um weitere Fahrgäste aufzunehmen. Wir bedanken uns bei allen aussteigenden Fahrgästen. Bitte beehren sie uns bald wieder. Ausstieg ist dann in Fahrtrichtung links.“ Der Lautsprecher verstummte wieder. Der Kontrolleur trat nun an meinem Sitzplatz und ich reichte ihm mein Ticket ohne Aufforderung. Während er mein Ticket genauestens musterte, fiel mir ein, dass Liam noch nicht zurückgekehrt war. Naja, er und der Kontrolleur würden sich schon noch über den Weg laufen. Ich erhielt mein einwandfreies Ticket zurück und der schnieke Mann war als Nächstes an der Reihe. Selbstverständlich hatte er sein Ticket nicht auf Papier, sondern in seinem Handy gespeichert. Mit der „DB Navigator App“ war dies in der heutigen Zeit kein Einzelfall mehr. Die Sache zögerte sich hinaus und ich konnte sehen wie der Junge mit dem Haarscheitel nervös zur Tür blickte. Es war offensichtlich dass er in diesem Zug ohne Ticket mitfuhr. Der Zug wurde allmählich langsamer und es konnte sich nur noch um Minuten handeln, bis der Zug am Leipziger Hauptbahnhof ankam. Inzwischen kontrollierte der Kontrolleur das Zugticket der alten Dame, die ihr Strickzeug einstweilen auf dem Tisch neben dem Laptop des schnieken Mannes ablegte. Vergangenheit und Zukunft prallten hier aufeinander. „Verzeihen sie, aber auf meine alten Tage höre ich leider nicht mehr so gut. Wie heißt die nächste Haltestation noch einmal?“, fragte sie den Kontrolleur. „Leipzig.“, antwortete der Kontrolleur ihr kurz und bündig. Er wollte sich gerade zu dem Jungen mit dem Haarscheitel umdrehen, als die alte Dame ihm eine weitere Frage stellte. Der Junge atmete kurz erleichtert aus, da der Zug noch immer in Bewegung war. Ich fand das ungeheuer spannend! „Dieser Zug hält aber schon auch in Frankfurt am Main oder?“, fragte die alte Dame. „Natürlich.“, antwortete der Kontrolleur ihr wieder. „Sie können die Haltestellen unseres Zuges übrigens auch in dem Fahrplan-Prospekt entnehmen, der sich an ihrem Sitz befindet.“, fügte er noch hinzu und deutete auf den Prospekt. Ich fand, dass er ein wenig unfreundlich rüber kam, aber der Schein konnte auch trügen, da er auch im Gesamteindruck eher grimmig drein sah. Der Zug wurde von Sekunde zu Sekunde langsamer. Der Kontrolleur hatte nur noch die vier Personen auf der anderen Fensterseite zu kontrollieren – darunter der in Panik geratene Junge. Er war auf jeden Fall nicht dumm, denn er tat so, als würde er immer noch in seiner Tasche nach dem Ticket suchen. Inzwischen kontrollierte der Kontrolleur die Tickets der anderen Reisenden und der Junge konnte das Unvermeidliche hinausschieben. Doch dann endlich war auch er an der Reihe! „I-Ich suche noch… ei-einen Moment bitte.“, bat er den Kontrolleur mit zittriger Stimme. Der Mann starrte ihn von oben herab skeptisch an, als der Zug endlich zum Stillstand kam. Dann ging alles furchtbar schnell. Der Junge sprang wie vom Blitz getroffen von seinem Platz auf, rempelte den Kontrolleur an und flitze den Gang entlang in Richtung Ausgang. „Halt! Sofort stehen bleiben!“, schrie der Kontrolleur und rannte ihm fuchsteufelswild hinterher. Es war eine große Aufregung und nun wandten sich ohne Ausnahme alle Fahrgäste dieses Abteils dem Spektakel zu. Der Junge sprang aus dem Zug, der Kontrolleur hinterher, dann verschwanden beide aus meinem Blickfeld. Leider erfuhr ich somit auch nie, ob der Junge dem Kontrolleur auch wirklich entwischte. Der Polizist, der vorhin den Streit zwischen Liam und dem schnieken Mann ein jähes Ende bereitete, stand ebenfalls auf und verließ für wenige Sekunden den Zug, um nach dem Rechten zu sehen. Nach etwa fünf Minuten setzte sich der Zug wieder in Bewegung und verließ den Hauptbahnhof von Leipzig. Aus meinem Gedächtnis vollkommen gelöscht, tauchte auf einmal auch Liam wieder auf. Er ließ sich auf seinen Platz nieder und fragte mich: „Sorry, hatte Verstopfung. Hab ich was verpasst?“
6. Die Geschichte hinter dem Song Ich berichtete Liam, was er alles in der Zeit verpasst hatte, in der er mit einer Verstopfung auf der Toilette saß. Zu meiner Verblüffung war er stinksauer und haute einmal kräftig auf den Tisch. Dabei kam der Laptop ins Wanken und der schnieke Mann warf Liam einen bösen Blick zu. Er sagte aber kein Wort, da er wohl keine Lust auf eine weitere Konfrontation mit ihm hatte. „Da ist man mal für eine Minute fort und schon findet hier eine Actionshow statt.“, beschwerte Liam sich lauthals. Bisher hielt ich Liam ja für ein klein wenig irre, aber inzwischen war ich mir sicher, dass er wirklich durchgeknallt war! „Glaub mir, so spannend war es am Ende gar nicht.“, erklärte ich ihm. „Ich werde jetzt ein wenig Musik hören, um mich ein wenig zu entspannen.“ „Bin ich für dich keine Entspannung?“, fragte Liam mich und sein Mund stand erschrocken offen. Ich musste lächeln und formte die Wahrheit schonend um. „Mit dir hier meine Zeit zu verbringen ist schön, aber ich benötige ein bisschen Zeit für mich und die Zugfahrt geht ja noch eine ganze Weile.“ „Eben. Der Zug hat noch eine lange Fahrt vor sich. Musik hören kannst du doch später auch noch. Jetzt unterhalte mich!“, meinte Liam frech zu mir. Ich lächelte Liam an, aber auch meine Nettigkeit hatte seine Grenzen. „Liam… du bist ein lieber Kerl, aber wenn du mir weiterhin auf den Sack gehst, stopf ich dir dein vorlautes Mundwerk mit dem Wollknäuel dieser alten Dame.“ Nach diesen Worten war Liam erstmals sprachlos und ich drehte ihm erfreut den Rücken zu. Ich steckte mir meine Kopfhörer in die Ohren und drehte meinen Mp3-Player laut auf. Die Musik dröhnte in meine Ohren, indessen ich zum Fenster hinaus blickte und die Natur bestaunte. Felder, Flüsse, Bäume, Straßen, Autos und Häuser zogen an meinen Augen vorbei, während ich mich von der Musik mitreißen ließ und es mich in meine eigene Traumwelt riss. Plötzlich zog mir jemand den rechten Hörer aus dem Ohr und als ich mich umdrehte, steckte sich Liam gerade meinen Hörer in sein linkes Ohr. „Hey, was soll denn das?!“, fragte ich ihn genervt. „Mir ist langweilig, also will ich wissen, was für Schnulzen-Musik du so hörst.“, erklärte er mir. Schnulzen-Musik? Hat dieser freche Kerl gerade allen Ernstes mein Musikgeschmack beleidigt? Das was er da hörte dürfte seine Meinung von mir allerdings grundlegend ändern. „Oha…“, hörte ich aus seinem Munde und danach eine ganze Weile nichts mehr. Bis zum Ende des Songs sagte er keinen Ton mehr. Er hörte genüsslich zu und erst als der Song zu Ende war, wandte er sich mir wieder zu und sagte: „Du hast ja sogar Geschmack. Green Day mit ''Boulevard Of Broken Dreams'' ist zumindest nicht schlecht.“ Sollte ich mich jetzt für seine netten Worte etwa bedanken? Eigentlich hatte er gar kein Recht dazu, diese Musik zu hören, schließlich ist das mein Kopfhörer. Okay… ich klinge gerade ein wenig zickig, aber das ist reine Kopfsache. Allerdings wurde ich knallrot im Gesicht, als der nächste Song abgespielt wurde, von dem ich dachte, dass er erst sehr viel später an der Reihe kam. Ich versuchte schnell die Stopp-Taste zu drücken, doch durch meine hektischen Bewegungen fiel mir mein Mp3-Player zu Boden und unter meinen Sitz. Ich versuchte ihn schnell wieder rauf zu ziehen, indem ich am Kabel zog, doch dabei verhedderte sich mein Mp3-Player an meinem Rucksack. Ich fluchte innerlich über meine Schusseligkeit. Inzwischen hörte sich Liam den Song an und in seinem Gesicht bildete sich ein immer größer werdendes Grinsen. „Nein, das darfst du nicht hören, verdammt noch mal!“ „Mami, der Junge dort hinten hat gerade geflucht, aber ich dachte das darf man nicht.“, hörte ich ein kleines Mädchen ein paar Plätze weiter vorne sagen, was mich zu einem weiteren Fluchwort hinreißen ließ, den ich an dieser Stelle aber nicht genauer erläutern möchte. „Warum regst du dich denn so auf?“, fragte Liam mich belustigt. „Das ist doch ein schöner Song und ich finde es irgendwie süß, dass er sich auf deiner Musikliste befindet.“ „Das ist überhaupt nicht süß!“, erwiderte ich mürrisch, als ich endlich meinen Mp3-Player wieder zur Hand hatte und auf die Stopp-Taste drückte – umsonst, da der Song nun sowieso zu Ende war. „Du bist süß wenn du dich aufregst, weißt du das?!“, entgegnete Liam daraufhin. Ich war inzwischen so rot wie eine Tomate, als ich zu Liam sagte: „Und ich bin auch nicht süß!“ „Lolo…“ „Hör auf mich so zu nennen, das mag ich nicht!“, schimpfte ich nun regelrecht mit Liam und zog damit die Blicke einiger Reisenden auf mich. Gott wie peinlich mir das alles hier war. „Okay ich hör auf, aber verrate mir bitte, warum sich dieser Song auf deiner Musikliste befindet.“, bat Liam mich und sah mich mit seinen blaugrauen Augen lächelnd an. Ich dachte fieberhaft darüber nach ob ich ihm die Bedeutung des Songs für mich erzählen sollte. Eigentlich ging es ihn ja gar nichts an, aber da mir klar war, dass er nicht locker ließ, erzählte ich ihm meine Geschichte: „Ich erklär dir, welche Bedeutung dieses Lied ''Never Alone'' von Lady Antebellum für mich hat, aber danach gibst du endlich Ruhe und stocherst nicht weiter über Details nach. Ich hatte eine ziemlich schwere Kindheit und fühlte mich oftmals sehr alleine. Doch dann lernte ich jemanden kennen, der mich aus einer heiklen Situation befreite. Einige Jahre später musste die Person allerdings das Land verlassen und hinterließ mir diesen Song, damit ich niemals vergesse, dass ich nicht alleine bin.“ „Das…“, setzte Liam zum Satz an und ich erwartete schon die nächste Unverfrorenheit von ihm, doch wurde ich eines Besseren belehrt, „… das klingt echt schön. Wunderschön sogar!“ „Danke…“, erwiderte ich überrascht und beruhigte mich nun wieder ein wenig. „Darf ich dir einen Tipp geben?“ Liam konnte einfach nicht seinen Mund halten. Was wollte er mir denn jetzt schon wieder sagen? „Das nächste Mal, wenn du nicht möchtest, dass eine andere Person dieses Lied hört… zieh ihm einfach den Hörer aus dem Ohr!“ Liam grinste mich wieder an und ich klatschte mir zur Demonstration meiner eigenen Dummheit eine Hand ins Gesicht.
7. Mein italienischer Freund Still und schweigsam saß ich an meinem Platz im Abteil und schaute zum Fenster raus. Meinen Mp3-Player hatte ich wieder in meinem Rucksack verstaut. Vereinzelt hörte ich, wie sich Passagiere miteinander unterhielten, darunter ein junger Mann und eine junge Frau, die sich offenbar gerade auf den Weg in die Flitterwochen befanden. „Onkel Justus hat bei der Hochzeit ganz schön sein Tanzbein geschwungen.“, sagte der Mann erheitert. „War wohl ein Glas Rotwein zu viel für ihn.“ „Das war der wunderschönste Tag in meinem ganzen Leben.“, meinte seine Frau. Dann küssten sie sich und ein Lächeln zauberte sich auf mein Gesicht. Ob ich wohl jemals heiraten werde? „Was guckst du denn so freudestrahlend?“, fragte Liam mich, der zwischen mir und dem Pärchen auf der anderen Fensterseite saß, von denen ich meinen Blick nicht mehr abwenden konnte. Ich antwortete Liam nicht, schüttelte grinsend den Kopf und blickte wieder zum Fenster raus. „Sag mal…“, Liam stupste mich mit seinem Ellenbogen an, „…hast du eigentlich einen Freund?“ Die Frage kam so plötzlich, dass sie mich zu gleichermaßen schockierte und überraschte. Mein Herz rutschte mir in meine Boxershorts, die ich unter meiner Hose trug, und mich lupfte es halb aus dem Sitz. Gut das ich gerade nicht am Essen war, sonst hätte ich mich womöglich auch noch verschluckt. „W-Was? Wie kommst du denn nun auf diese Frage?“, fragte ich Liam fassungslos. „Wir haben doch vorhin über diesen einen Song diskutiert und dass du schwul bist, haben wir ja bereits zuvor festgestellt, da hab ich eben eins und eins zusammen gezählt und mich gefragt, ob du Single oder glücklich vergeben bist.“, erklärte Liam mir genau, während ich ihn nach wie vor anstarrte, als hätte ich einen Geist gesehen. „Äh… also… das ist so… im Grunde genommen… äh… naja…“, stotterte ich vor mich her. „Hast du Balbuties, oder warum stotterst du so vor dich her?“, erwiderte Liam nun, womit er mich schon wieder auf die Palme brachte. Der Kerl ist so unverschämt und abgebrüht… „I-Ich habe einen Freund, ja!“, antwortete ich ihm schließlich und fügte sogar noch hinzu: „Und wenn du es genau wissen möchtest, ich bin gerade auf dem Weg zu ihm.“ „Aha! Hab ich es mir doch gedacht!“, stieß Liam laut aus und lächelte mich breit an. Er schien sehr erfreut zu sein, mit seinem Verdacht Recht zu behalten. „Wie heißt er? Ist er so alt wie du? Wie sieht er aus? Welches Sternzeichen ist er? Er trägt doch hoffentlich keine Reizunterwäsche oder?“ Mir drehte sich der Kopf vor all diesen Fragen. Noch schlimmer war jedoch, dass ich gar nicht zum Antworten kam, selbst wenn ich wollte, da mir Liam unaufhörlich ein Loch in den Bauch fragte. „Halt Stop!“, sagte ich schließlich und brachte Liam zum Schweigen, indem ich meine rechte Hand auf seinen Mund legte. Dabei ertappte ich mich, wie ein warmes Gefühl durch meine Adern zog, dass bis zu meinem Herzen reichte und es zum Pochen brachte. Was war denn nun geschehen?“ „Wenn du deine Hand nicht von meinem Mund nimmst…“, so hörte ich Liam nuscheln, „… dann schleck ich sie dir mit meiner Zunge ab. Was dich eventuell etwas anwidern könnte.“ Schnell nahm ich meine Hand wieder runter und blickte Liam in die Augen. Was war nur mit diesem Kerl los? Wieso bringt er mich so aus der Fassung? Ich versuchte Ruhe zu bewahren und die Gedanken in meinem Kopf nach dem Alphabet zu ordnen. „Durchgeknallter Irrer“ kam vor „Nerviger, aber attraktiver Spinner“. Mein Leben ging Liam eigentlich nichts im Geringsten an, aber um seinen Wissendurst zu stillen – und er sowieso keine Ruhe geben würde, bis er ein paar Details erfuhr – antwortete ich ihm auf ein paar seiner Fragen. „Sein Name ist Luca, er ist so alt wie ich und ist gebürtiger Italiener. Bis vor zwei Jahren lebte er noch mit seiner Familie hier in Deutschland, doch dann bekam sein Vater einen neuen Job in Italien und sie zogen wieder um. Seitdem führen Luca und ich eine Fernbeziehung, die – man glaubt es kaum – sogar recht gut läuft.“ „Luca hm? Typischer Lieblingsname der Italiener.“, kommentierte Liam meine Antwort. „Hätte mich auch gewundert, wenn sein Name Emanuele oder Giuseppe gewesen wäre.“ „Ich weiß gar nicht was du hast. Ich finde den Namen sehr schön.“, entgegnete ich. „Jaaaa, aber er ist so typisch und vorhersehbar… naja auch egal. Wie sieht er aus? Kannst du ihn mir beschreiben?“, fragte Liam nun weiter. „Vielleicht hat auch jemand ein Blatt Papier und einen Stift dabei, dann kannst du ihn zeichnen, oder der äußerst nette Herr dir gegenüber, lässt dich kurz an seinen Laptop. Du und dein Freund habt doch bestimmt ein Facebook-Account – heutzutage hat jeder einen – und du kannst mir ein Bild von ihm zeigen.“ „Belassen wir es lieber dabei, dass ich ihn dir beschreibe.“, sagte ich mit einem Blick auf den schnieken Mann, der uns argwöhnisch beobachtete. „Luca hat schwarze Haare und diesen leicht verschmitzten Gesichtsausdruck. Die Sonne hat seine weiche Haut braun gebrannt und er selber ist auch der pure Sonnenschein, da er einem mit seiner puren Anwesenheit ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Es gibt für mich keinen attraktiveren Menschen auf diesem Planeten.“ „Jaja schon gut, hab schon verstanden.“, sagte Liam leicht beleidigt, was mich zum Schmunzeln brachte. „Die Antwort auf die wichtigste Frage überhaupt, hast du mir allerdings vorenthalten.“ „Die da wäre?“ Ich blickte Liam misstrauisch an. „Na ob er Reizunterwäsche trägt!“
8. Auseinandersetzung im Abteil Noch während Liam mir über meinen Freund Löcher in den Bauch fragte, spürte ich die hasserfüllten Blicke des schnieken Mannes auf uns gerichtet. Dass er nicht sonderlich gut auf uns zu sprechen war, war mir inzwischen ja bewusst, spätestens nach seiner Konfrontation mit Liam natürlich, aber seine Blicke bedeuteten mehr als nur reine Abneigung. Als hätte ich es vorausgeahnt, schlug der schnieke Mann plötzlich seinen Laptop zu und funkelte uns mit seinen Augen böse an. Dann erhob er seine Stimme und was er sagte, gefiel mir so gar nicht: „Ihr widerlichen Schwuchteln. Hört sofort auf mit eurem abscheulichem Gerede! Das hält man ja im Kopf nicht aus.“ Das war zu viel des Guten. Während ich noch wie erschüttert dasaß, erhob sich Liam von seinem Platz. Seine Miene ließ nichts Gutes verlauten. „Was haben Sie da gesagt? Das nehmen sie auf der Stelle zurück, oder ich werde ihnen eigenhändig die Fresse polieren, das ihnen Hören und Sehen vergeht!“, drohte Liam an. Der schnieke Mann stand nun ebenfalls von seinem Platz auf und die zweite Konfrontation war unausweichlich. „Ich werde hier gar nichts zurücknehmen. Ich hab mir dieses bescheuerte Geschwafel von euch Beiden nun lange genug angehört. Da kommt mir ja die Galle hoch!“, entgegnete der schnieke Mann. Ich war sprachlos und saß wie versteinert auf meinem Platz. Mir war durchaus klar, dass es auch in der heutigen Zeit noch so intolerante Menschen wie diesen Mann gab, dennoch hätte ich nicht geglaubt, dass es so schlimm ist. Auch die alte Dame mir schräg gegenüber schien entsetzt zu sein. „Homosexualität ist eine Krankheit!“, fuhr der schnieke Mann furchtlos fort. „Ihr seid alle Opfer dieser Krankheit und solltet weggesperrt werden, da es keine Heilung für euch gibt!“ „Was fällt ihnen eigentlich ein?!“, schrie Liam den schnieken Mann nun an, packte ihn am Kragen und zog ihn dabei ein wenig zu sich rüber. Der Tisch zwischen uns fing zu wackeln an. Liams geriet nun richtig in Rage, während seine Pulsschlagader momentan deutlich zu sehen war. Nun war Schluss mit Lustig und ich entdeckte eine völlig andere Seite an Liam. Einerseits fand ich es gut, dass er dem schnieken Mann so mutig entgegen trat, andererseits bereitete er mir aber auch ein wenig Angst. Was wenn Liam von Haus aus ein streitsüchtiger Mensch war und es regelrecht darauf anlegte? Die Konfrontation schien in einer handfesten Prügelei zu enden, doch wieder einmal war es der Polizist, eine Sitzreihe vor uns, der dazwischen ging und Liam dazu zwang, den Mann los zu lassen. „Das reicht jetzt, alle Beide!“, rief er. „Dies ist ein Reisezug, in der die Passagiere ihre Ruhe haben wollen, aber ihr führt euch auf wie die Wilden!“ „Sagen sie das diesen elenden Schwuchteln!“, erwiderte der schnieke Mann laut. „Die verpesten hier die ganze Luft. Wer weiß, was für ätzende Krankheiten die noch mit sich herumtragen…!“ „Jetzt reicht es mir aber…!“ Liam wollte über den schnieken Mann herfallen. Er war nicht mehr zu bremsen. Doch nun war es an der Zeit das ich dazwischen ging und Liam vor einer Riesendummheit bewahrte. Ich legte meine Arme um seinen Körper und versuchte ihn zurückzuhalten, während die alte Dame panisch von ihrem Platz aufstand und einen Schrei losließ. Liam hatte bereits seine Faust geballt und wollte zuschlagen, doch der Polizist war zur Stelle und wehrte seinen Faustschlag mit seiner rechten Handfläche ab. „Dieser Junge ist total irre!“, rief der schnieke Mann bestürzt, als wäre er vollkommen unschuldig an diesem Dilemma. „Verhaften sie diesen Jungen augenblicklich! Hätte vielleicht mal jemand die Güte und würde das Zugpersonal holen. Die beiden Jungs gehören aus dem Zug geworfen!“ Boah, was musste ich mich zusammenreißen, es Liam nicht gleich zu tun und über diesen geistig minderbemittelten Mann herzufallen. Doch mein Geduldsfaden war ausgesprochen lang. Liam hingegen wollte dem schnieken Mann nach wie vor eins auf die Nase geben, doch der Polizist hielt ihn zurück, indem er ihn mit beiden Armen von hinten packte und Liam kampfunfähig machte. „Lassen sie mich verdammt noch mal los!“, fluchte Liam. „Ich werden diesem Kerl meine Meinung über ihn ins Gesicht prügeln. Er hat es nicht anders verdient!“ „Jetzt beruhige dich endlich Kleiner!“, versuchte der Polizist auf ihn einzureden. „Der Junge ist ein Fall für die Psychiatrie. Kein Zweifel!“, gab der schnieke Mann hochnäsig von sich, während er seine Krawatte zurecht rückte und seinen Anzug von Falten befreite. „Jetzt möchte ich auch mal etwas sagen, denn ich habe mir das Ganze nun lange genug mit angesehen.“, sagte der Mann um die Mitte Fünfzig, der von meiner Seite ausgesehen, auf der genau schräg gegenüberliegenden Fensterseite saß. Ihm wiederrum gegenüber saß das junge Ehepaar, das das ganze Schauspiel hier mit regem Interesse verfolgte, so wie inzwischen jeder der Anwesenden im Abteil. Der Mann, den ich auf Mitte Fünfzig schätze, trug eine braune Hose und ein khakifarbenes Shirt, der seinen gut befüllten Bauch gerade so verdeckte. Unter den Achseln schien er zu schwitzen, denn an diesen Stellen war auch sein Shirt leicht durchnässt. Für seinen korpulenten Körper besaß er einen recht kleinen Kopf, mit einer beginnenden Glatze. Seine Stimme klang sehr ruhig und sanft, doch schaffte er es durchaus sich Gehör zu verschaffen, wenn ihm danach war. „Entschuldigen sie, dass ich mich hier einmische, aber schließlich waren sie es auch, der uns hier alle mit rein zog und behauptete Homosexualität sei eine Krankheit.“, sagte der ältere Mann zu dem schnieken Mann. „Ich pflichte ihnen nämlich bei, dass Homosexualität eine Krankheit ist…“ Ich ahnte schlimmes voraus. Saßen denn nur ignorante Menschen in diesem Zug? „…zumindest hab ich das bis vor ein paar wenigen Wochen noch selber geglaubt, doch musste ich mir eingestehen, dass ich einem Irrtum auferlegen war.“ Okay, jetzt war ich überrascht…
9. Courage Die letzten Worte des älteren Mannes überraschten mich und ich wartete gespannt ab, was er als nächstes zu sagen pflegte. „Ich habe eine Tochter, die ich nun seit etwa acht Jahren nicht mehr gesehen habe. Meine Sturheit und Ignoranz gegenüber dem Fortschreiten der Menschenliebe haben sie von mir fort getrieben. Vor acht Jahren kam sie zu mir und erzählte mir unter Tränen, dass sie auf Frauen stünde und sich dafür schämte. Wollen sie wissen was ich daraufhin getan habe?“ Der ältere Mann blickte den schnieken Mann mit strengen Augen an und ich ahnte, was er gleich sagen würde. „Ich habe meine Tochter am Arm gepackt, sie zur Tür gezerrt und aus dem Haus geworfen. Da sie volljährig war, vertrat ich die Meinung, dass sie dort hingehen konnte wo der Pfeffer wächst. Ich habe meine eigene Tochter aus dem Haus geworfen, während sie mich unter Tränen anflehte ich möge ihr doch bitte verzeihen. Ich war wie sie der Meinung, dass Homosexualität eine unheilbare Krankheit sei, doch anstatt meiner Tochter in ihrer schweren Zeit der Orientierung beizustehen, hab ich sie im Stich gelassen. Meine Meinung über Homosexuelle war gefestigt, doch während die Jahre vergingen, wurde mir bewusst, dass ich einen schwerwiegenden Fehler begangen habe. Ich las Berichte über Homosexualität und schaute mir Fernsehreportagen dazu an. Ich fing an, meine Tat zu bereuen und hasste mich für das was ich meiner Tochter antat. Ich vermisste meine Tochter, also versuchte ich meinen Fehler wieder gut zu machen und sie zu kontaktieren. Doch da viele Jahre ins Land zogen, wusste ich nicht wie und wo. Erst als ich eine ehemalige Schulfreundin meiner Tochter um Hilfe bat, gelang ich in den Besitz ihrer Telefonnummer. Drei Stunden saß ich vor dem Telefon und haderte mit mir und meinen Schuldgefühlen. Drei Stunden überlegte ich, ob ich anrufen sollte oder nicht. Was wenn sie sofort wieder auflegt, wenn sie meine Stimme hörte. Ich hätte es ihr nicht verübelt. Doch wissen sie was dann geschah? Ich wählte ihre Telefonnummer, sie nahm ab und als ich anfing mich bei ihr zu entschuldigen, da hörte sie mir einfach nur zu. Sie legte den Hörer nicht auf – sie hörte mir zu! Als ich zu Ende geredet hatte, sagte sie: „Ich würde mich freuen, wenn du nächsten Monat auf meine Hochzeit kommst und mich zu der Frau führst, die mich so liebt wie ich bin und die ich so sehr liebe.“ Ich brach in Tränen aus, denn damit gab sie mir eine zweite Chance und dafür bin ich so dankbar! Meine Tochter ist nicht krank! Meine Tochter hat nur einen anderen Weg eingeschlagen, als ich damals erwartet hatte und trotzdem ist und bleibt sie meine Tochter, mit einem Herz aus Gold und ich freu mich schon sehr darauf, sie endlich wieder sehen zu dürfen.“ Als der ältere Mann seine Geschichte zu Ende erzählt hatte, kehrte für wenige Sekunden Stille in das Zugabteil ein. Es wurde sogar so still, dass es mir fast schon unheimlich war. Meine Augen wanderten zu Liam rüber, der sich langsam wieder zu beruhigen schien, woraufhin der Polizist seinen Griff leicht lockerte, wenn er ihn auch noch nicht frei ließ. Die Gedanken des schnieken Mannes waren mir unergründlich. Er hatte dem älteren Mann aufmerksam zugehört, doch was ging nun in seinem Kopf vor sich? Verständnis? Danach sah er nicht gerade aus. Mitgefühl? Als ob jemand wie der zu so etwas überhaupt fähig wäre. Abscheu? Das könnte den Nagel auf den Kopf treffen! „Was ich damit sagen will ist, dass keiner der beiden Jungs hier auch nur im Entferntesten krank ist.“, sagte der ältere Mann weiterhin an den schnieken Mann gewandt. „Diese Jungs haben sich nur für einen anderen Weg entschieden und das ist vollkommen in Ordnung so, denn so ist die Entwicklung des Lebens und wir Menschen dürfen nicht ignorant oder hasserfüllt gegen diese Entwicklung vorgehen, denn das führt nur zu noch mehr Hass, Unverständnis und Leid. Bitte lassen sie die beiden Jungs also in Frieden.“ Kaum hatte der ältere Mann seine letzten Worte gesprochen, geschah etwas völlig Unvorhergesehenes. Die ältere Dame, die Liam gegenüber saß und die bis vorhin noch fleißig am Stricken war, klatschte dem älteren Mann für seine Courage Beifall. Kurz darauf fing auch das junge Ehepaar zu klatschen an und nach und nach stimmten die Mitreisenden im Zugabteil mit ein. Völlig entsetzt blickte sich der schnieke Mann um, während Liam schadenfroh zu grinsen anfing. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ließ mir ebenfalls ein Lächeln entlocken. Mit dieser unvorhergesehenen Entwicklung der Ereignisse hatte ich wahrlich nicht gerechnet. Der Polizist ließ Liam daraufhin wieder los und wandte sich kurz darauf dem schnieken Mann selber zu. „Hören sie. Ich glaube es wäre das Beste für alle Anwesenden, wenn sie mit einem anderen Fahrgast aus einem anderen Abteil ihren Platz tauschen. Diese Lösung erscheint mir im Anbetracht der Umstände am Sinnvollsten. Sind sie damit einverstanden?“ Der schnieke Mann schien nach wie vor entsetzt über das Gesagte und Geschehene zu sein, doch nickte er einvernehmlich. Er nahm seinen Laptop unter die Arme und verließ in Begleitung des Polizisten den Zugabteil. „Was für ein Spektakel.“, sagte Liam erfreut, als er wieder neben mir Platz nahm und mich angrinste. „Wer hätte gedacht, dass sich diese Zugreise als so ereignisreich herausstellt. Ich war natürlich Herr über die Lage, trotzdem möchte ich ihnen danken Herr…“ Liam wandte sich dem älteren Mann zu, der noch immer aufrecht stand. „…Wimmer. Mein Name ist Ferdinand Wimmer und keine Ursache, das habe ich doch gern gemacht.“ „Ich möchte ja nicht neugierig erscheinen, aber wie ging die Geschichte mit ihrer Tochter denn weiter?“, fragte ich Herrn Wimmer. „Haben sie sie wiedergesehen und hat sie ihnen verziehen?“ „Nun… was das anbelangt… wird sich noch herausstellen, denn just in diesem Moment bin ich auf dem Weg zu ihr. Sie hat einen Job als Tischlerin in Frankfurt am Main angenommen. Dort werde ich aussteigen und ihr nach über acht Jahren endlich wieder begegnen.“ „Ich hoffe sehr, dass sie ihnen verzeihen wird.“, sagte ich zu Herrn Wimmer aufmunternd. „Ja das hoffe ich auch.“, pflichtete Liam mir bei. „ Wüsste sie von ihrem beherzten Einsatz von eben, dann wäre sie bestimmt stolz auf sie. Ich jedenfalls bin ihnen zum Dank verpflichtet.“ „Keine Ursache und auch ein Dankeschön an euch, für eure Hoffnung und euer Glauben.“, erwiderte Herr Wimmer lächelnd, während er seinen Platz wieder einnahm. „Das Leben ist schon erstaunlich. Bis vor acht Jahren verabscheute ich die Homosexualität und derer, die sich ihr hingaben und nun würde ich am liebsten zwei… Schwule in den Arm nehmen, die mein Herz von der Last befreiten.“
10. Liam und die Lunch-Box Nach der Auseinandersetzung mit dem schnieken Mann, kehrte zum Glück wieder Ruhe ein. Zumindest dachte ich das für wenige Minuten, denn das nächste Beben machte sich kurz darauf stark bemerkbar. „Oh, ich glaube mein Magen schreit „Fütter mir!“.“, gluckste ich, als dieser knurrte. „Kein Wunder. Wir sind inzwischen schon eine Weile unterwegs und es ist Mittag.“ „Essen! Eine sehr gute Idee!", stieß Liam hocherfreut aus, als hätte ich etwas gesagt, was ihm soeben den Tag gerettet hätte. „Ich gehe in den Speisesaal. Kommst du mit?“ „Bist du wahnsinnig? Das Essen im Zug ist doch völlig überteuert. Zum Glück hat meine Mum mir eine Lunch-Box hergerichtet, bevor ich losgefahren bin. Sie ist in meiner Tasche und ich geh sie kurz holen. Du kannst gerne in den Speisesaal gehen. Bis später!“ So trennte sich Liams und mein Weg – zumindest für kurze Zeit – und ich war froh, mal wieder ein wenig Ruhe vor ihm zu haben. Klar, er ist ein lieber und unterhaltsamer Kerl, aber mindestens auch so verrückt und anstrengend. Seine Eltern muss er in den Wahnsinn getrieben haben. Da fällt mir gerade ein, dass ich eigentlich so gar nichts über ihn weiß. Während der ganzen Fahrt bisher, hat er mir immer nur Löcher in den Bauch gefragt, aber andersherum eigentlich so gut wie gar nicht. Ich bin nicht gerade der Neugierigste, aber vielleicht sollte ich etwas mehr Interesse an ihm zeigen, wenn er schon so freundlich zu mir ist. Außerdem verbringen wir ja auch noch genügend Zeit miteinander. Doch erstmal ist Essen an der Reihe. Wo ist denn die Lunch-Box? Ich durchwühlte meinen Koffer, auf der Suche nach meiner Lunch-Box, als der Zug um eine Kurve bog und ich mein Gleichgewicht verlor. Ich kippte zur Seite und versuchte mich irgendwo festzuhalten. Doch da war es schon zu spät und ich knallte mit meinem Hinterkopf gegen die Bettkante. Um mich herum drehte sich alles und mein Bewusstsein driftete in eine andere Welt ab. Alle Farben dieser Welt erschienen um mich herum, während ich mich in einer völlig verdrehten Welt wiederfand. Es roch vorzüglich nach Essen und während die Gerüche meine Sinne benebelten, tauchte ganz unerwartet Liam vor mir auf. Doch er war nicht alleine, sondern in Begleitung einer Armee von tanzenden und singenden Gurken. Ich traute meinen Augen kaum und rieb einmal kräftig an ihnen, doch als ich noch einmal hinsah, bestätigte sich meine erste Sicht. Liam stand inmitten von grünen Gurken auf zwei Beinen, Arm in Arm und sie tanzten und sangen gemeinsam, aber das war noch längst nicht alles, auch Tomaten, Zwiebel- und Käsecracker, Apfelschorlen und selbstgemachte Sandwiches waren mit von der Partie. Gemeinsam veranstalteten sie ein riesiges Tohuwabohu. Liam und die tanzenden Gurken legten mit einer Polonäse Blankenese los, während die Tomaten wie wild auf dem Boden umherrollten. Die Sandwiches stellten sich als Trampolins zur Verfügung, auf der die Zwiebel- und Käsecracker ausgelassen herumhüften und dabei zu jodeln anfingen. Inzwischen schüttelten sich die Apfelschorlen von selber und spritzten in die Höhe, als sie sich öffneten. Liam kam mit seiner Gurken-Polonäse an mir vorbei und dabei hörte ich ihn lauthals dieses Liedchen trällern, das zwar keinen Sinn ergab, aber richtig Laune machte:
„Los Leute wir lassen es jetzt krachen, wir mischen diese Lunch-Box gehörig auf. Wie Schnitzel gehen wir ab, wir machen jetzt `ne Sause, die Gurken sind los und torkeln übers Parkett. Los Tomaten rockt die Bühne Rock´n Roll, und ihr Cracker lasst es so richtig krachen. Hier wird gefeiert und getanzt und nicht gemampft, lasst die Schorle knallen und die Apfelschaumparty beginnt! Hier fliegen keine Löcher aus dem Käse, denn nun geht sie los unsere Gurken-Polonäse Von Blankenese bis hin zu den Hamburger. Wir ziehen los, mit Gerdi und Gitta Gurke, und Gerdi fasst der Gitte von hinten an die Schale. Das hebt unsere Stimmung und es kommt Freude auf!“
Liam und die Gurken-Polonäse zogen erneut an mir vorbei und diesmal heftete ich mich an ihre Fersen und stimmte in den Gesang mit ein. Was für eine durchgeknallte Party…! Völlig abrupt öffnete ich wieder meine Augen und blickte zur Decke des oberen Teils des Stockbettes. Jemand hatte mich auf mein Bett gelegt, nachdem ich mein Bewusstsein verlor und dieser Jemand war natürlich kein geringerer als… „Ah du bischt emdlich aufgewafft. Wie gäht esch dir?“, fragte mich Liam mit vollgestopften Mund. Er war gerade dabei mein Essen aus der Lunch-Box zu verdrücken. „Ah mein Kopf tut weh.“, sagte ich noch etwas in Mitleidenschaft gezogen, während ich mich an die Bettkante setzte und meine linke Hand meinen Hinterkopf streichelte. „Das gibt eine Beule…“ Moment mal… Liam isst mein Essen aus der Lunch-Box? Mein Essen?! „Hey, was soll denn das?!“, schrie ich Liam nun verärgert an. „Du kannst doch nicht einfach an meine Sachen gehen! Das Essen hat mir meine Mama gemacht. Bist du jetzt völlig verrückt geworden?“ „Tut mir leid, aber als du von deinem Essen in der Lunch-Box geschwärmt hast, dann wurde ich neugierig. Dann fand ich dich hier bewusstlos vor und während ich darauf wartete, dass es dir wieder besser geht, bekam ich eben großen Hunger. Deine Mutter macht ausgezeichnete Sandwiches! „Ich glaub das einfach nicht…“, gab ich fassungslos über Liams Verhalten von mir. „Ja ich auch nicht. Diese Tomaten sind wirklich sehr rot.“, meinte Liam. „Die müssen sich ja in Grund und Boden geschämt haben. Was hast du angestellt? Dich vor ihnen ausgezogen?“ „Ich glaub das einfach nicht…“, wiederholte ich. „Wo ich diese Sandwiches sah, kam in mir die Frage auf, ob du weißt was eine Sandwich-Stellung ist.“, sagte Liam, der nun in eine der saftigen Tomaten biss, aus denen Tomatensaft spritzte. „Ich glaub das echt nicht…“
11. Der neue Sitznachbar „Ich glaub das noch immer nicht…“, sagte ich zum inzwischen hundertsten Mal, als Liam und ich uns auf dem Rückweg ins Abteil machten – in meinen Händen, die halb leer gefutterte Lunch-Box meiner Mama. „Du bist sowas von unverschämt und gefräßig!“ „Und du bist sowas von egoistisch. Ich dachte du teilst gerne dein Essen mit mir und schließlich hab ich dir freundlicherweise ja auch die Hälfte übrig gelassen.“, erwiderte Liam verteidigend. „Du könntest ruhig ein wenig dankbarer zu mir sein, schließlich hab ich dich ja auch auf dein Bett gelegt, nachdem du bewusstlos wurdest und bevor ich mich über das Essen in der Lunch-Box hermachte.“ Die automatische Tür sprang auf und wir kehrten in unser Abteil zurück, in dem alle Fahrgäste saßen. Auch der Polizist war inzwischen wieder zurückgekehrt. „Das war MEIN Essen!“, betonte ich nun extra laut, so dass es jeder im Abteil hören könnte. „Na wenn das nicht die zarte Stimme meines guten alten Freundes Milo ist.“, sagte eine mir nicht unbekannte Stimme und als ich auf den Sitzplatz starrte, auf dem bis vor kurzem noch der schnieke Mann saß, entdeckte ich einen alten Schulfreund. „Du hast wie es scheint noch immer einen Hang zur Dramatik!“ Der Junge stand auf und streckte mir lächelnd seine Hand entgegen. „Wem sagst du das. Der Knabe ist ein richtiger Drama-Boy.“, pflichtete Liam ihm Augenbrauen zuckend bei. „Hey, Moment mal. Wer zum Teufel bist du denn jetzt?!“ „Du meine Güte, Erik, wie schön dich wieder zu sehen!“, stieß ich bei dem Anblick meines alten Schulfreundes vor Begeisterung aus und schüttelte ihm nicht nur die Hand, sondern viel ihm vor Wiedersehensfreude auch noch um den Hals… - sehr zum Leidwesen von Liam wie es schien. „Ja… schön… hallo… das reicht jetzt auch wieder… hallo?!“, murmelte er wenig erfreut. Ich löste die Umarmung mit Erik und wir setzten uns wieder auf unsere Sitzplätze. Vergessen war meine von Liam halb leer gefutterte Lunch-Box, vergessen war die Beule auf meinem Hinterkopf, vergessen war Liam – ich hatte nur noch Augen und Ohren für Erik, den ich nach langer Zeit endlich wieder traf. Ich hatte so viele Fragen an ihn und er ebenso an mich. „Wie lange ist das nun her, dass wir uns nicht mehr gesehen haben?“, fragte Erik mich. „Zwei Jahre, sieben Monate, achtzehn Tage, zwei Stunden und fünfunddreißig Minuten.“, antwortete ich ihm explizit genau, denn das war einer der traurigsten Tage in meinem Leben. „Du hattest von uns Beiden schon immer das bessere Gedächtnis.“, lachte Erik über meine Genauigkeit. „Fehlten eigentlich nur noch die Sekunden.“ „Ja, aber was machst du eigentlich hier?“, fragte ich ihn neugierig. „Och, ich bin gerade auf dem Weg in die Schweiz. Genauer gesagt auf den Weg nach Bern.“ „Arbeitet dein Vater immer noch dort?“, fragte ich Erik weiter aus. „Ja und offenbar gefällt es ihm dort sehr gut. Solange sind wir noch nie an einem Ort verblieben. Ständig mussten wir umziehen, weil mein Vater eine neue Arbeitsstelle annahm.“ „Das ist sehr schön.“, sagte ich, denn Erik und seinem Vater schien es wirklich gut zu gehen. Doch dann fiel mir etwas ein, was die Wiedersehensfreude etwas dämpfte. „Moment mal. Du bist im selben Zug wie ich, bedeutet das etwa, du warst in Berlin und hast nichts gesagt, mich nicht besucht?!“ Erik wandte sein Gesicht beschämend ab und blickte zum Fenster raus. „Tut mir wirklich leid, Milo, aber ich dachte, dass du mich vielleicht nicht sehen willst, nach allem was geschehen ist.“ „Hey du da, ja du am Fenster. Traust du dich nicht, ihm das ins Gesicht zu sagen?!“, fragte Liam, der bis jetzt stillschweigend neben mir saß, wodurch ich ihn für kurze Zeit vergaß. Sein Tonfall klang alles andere als freundlich und ich sah den nächsten Ärger schon vorprogrammiert. „Sei nicht so unfreundlich. Erik ist voll cool und lieb, also halte dich etwas zurück.“, ermahnte ich Liam. „Du weißt ja noch nicht einmal, worum es hier geht.“ „Schon in Ordnung Milo. Dein Freund hat ja Recht.“, mischte sich Erik nun ein. Als er Liam als „meinen Freund“ bezeichnete, stellten sich mir zugleich die Nackenhaare auf. „Es geschah damals nur alles so unglaublich schnell und inzwischen ist so viel Zeit vergangen, dass ich mich gar nicht mehr dazu im Stande fühlte, mich irgendwie bei dir zu entschuldigen. Nun sitze ich dir aber völlig unerwartet gegenüber und das auch nur, weil ich meinen Platz mit so einem schmierigen Kerl mit Laptop tauschen sollte.“ „Na toll, dann bin ich auch noch Schuld daran, dass dieser Kerl mir dazwischen funkt.“, nuschelte Liam vor sich hin, was aber weder von Erik, noch von mir vernommen wurde. Meine Augen waren gänzlich auf Erik gerichtet, der wie bereits damals strubbeliges braunes Haar und Augen so schwarz wie die Nacht hatte. Er trug ein orange-blau-kariertes Hemd und dazu eine azurblaue kurze Hose. Insgesamt sah er Liam gar nicht mal so unähnlich, aber Erik wirkte für sein Alter weitaus reifer und ausgeglichener. Nicht umsonst war er der Traummann eines jeden Mädchens… und auch der Traummann eines ganz bestimmten Jungen… Das ich Erik nun endlich wiedersah, erfüllte mein Herz mit purem Glück und unendlicher Freude, doch mit ihm kam auch die Vergangenheit wieder hoch…
12. Die Besiegelung unserer Freundschaft Erik und ich hatten wirklich einiges zu bereden und das möglichst unter vier Augen. Deshalb zogen wir uns in mein Schlafabteil zurück, was selbstverständlich auch Liams Schlafabteil war. Jeder klar denkende Mensch hätte erkannt, dass wir ungestört bleiben wollten, doch Liam gehörte allem Anschein nicht zu dieser Sorte von Mensch. Die Tür zum Schlafabteil sprang auf und Liam stolzierte herein, als wäre das das Normalste auf dieser Welt. Ich warf ihm einen bösen Blick zu, der ihn aber kalt ließ. Er setzte sich auf seinen Koffer und musterte uns Beide eingehend. „Schon gut Milo. Mich stört es nicht, wenn er dabei ist. Er ist schließlich dein Freund.“, sagte Erik und meine Nackenhaare stellten sich erneut auf. Liam war nicht mein Freund… er war auf Dauer unerträglich! „Siehst du Lolo, ich kann den Typen immer besser leiden.“, gab Liam von sich, was meine Wut nur noch mehr zum Kochen brachte. Muss er mich ausgerechnet jetzt so nennen? „Lolo? Mei wie süß…“, lachte Erik lauthals. „Unser lieber Lolo findet das nur leider gar nicht so süß.“, stimmte Liam in das Gelächter mit ein, während ich vor mich hin grummelte. Dass die Beiden sich verbrüdern, passte mir gar nicht. „Aber mich interessiert es jetzt schon, was damals zwischen euch vorfiel.“, sagte Liam hinterher. Wird dessen Neugier eigentlich nie gestillt? „Du hast dich vorhin entschuldigt, aber warum und wofür?“ „Das ist eine etwas längere Geschichte. Darf ich sie ihm erzählen Milo?“, fragte Erik mich. Im Grunde genommen war es mir eigentlich egal, wenn Liam davon erfuhr, also nickte ich und Erik begann von unserer gemeinsamen Schulzeit zu berichten: „Ich muss etwas ausholen, also fange ich am besten von Anfang an. Es war vor fast drei Jahren. Mein Vater und ich waren aufgrund seiner Arbeit von Hannover nach Berlin gezogen. Für mich bedeutete das eine neue Stadt, eine neue Schule und viele fremde Menschen. Doch zum Glück war ich nicht der einzige Neuling an der Schule. Ich lernte einen Jungen namens Luca kennen und wir freundeten uns an. Seine Familie stammte ursprünglich aus Italien und auch er fühlte sich völlig fremd in seiner neuen Umgebung.“ „Ah Luca… der Name sagt mir was.“, unterbrach Liam Eriks Erzählung. Dabei grinste er ganz verschmitzt und mir schoss zugleich seine unverschämte Frage mit der Reizunterwäsche in den Kopf. „Jedenfalls waren wir Beide neu an der Schule. Es vergingen keine zwei Tage, da erzählte er mir, dass er homosexuell sei und somit quasi auf Jungs stand. Er wollte es mir gleich sagen, damit ich ihn unter den richtigen Voraussetzungen kennenlernte. Seine sexuelle Orientierung war mir egal und seine Ehrlichkeit mir gegenüber zeigte nur, dass er es mit einer Freundschaft ernst meinte. Zudem hatte dies zum Vorteil, dass wir uns bei der Suche nach der großen Liebe nicht in die Quere kamen. Zu diesem Zeitpunkt kannten wir allerdings auch Milo noch nicht, der unser beider Leben gehörig auf den Kopf stellte.“ Mir trieb es unvermeidlich ein Lächeln ins Gesicht, denn ich konnte mich noch sehr gut an diese Zeit erinnern. „Bei einem Fußballspiel gegen eine gegnerische Klasse lernten wir den guten Milo hier kennen. Ich stand im Tor, während Milo mit dem Ball auf mich zuraste und Luca in der Verteidigung stand. Eines steht jedenfalls fest: Schwul hin oder her, das was die Beiden sich geliefert haben war kein Frauenfußball, sondern ein fairer Zweikampf unter Männern. Die Zwei haben sich nichts geschenkt. Milo ließ sich den Ball nicht entlocken, doch auch Luca gab nicht so schnell auf. Es war ein erbittertes Duell, den Luca letzten Endes aber für sich entscheiden konnte, nachdem Milo der Ball ins Gesicht flog und er rücklings zu Boden ging. Es folgte eine kurze Spielunterbrechung. Ich rannte kurz aus meinem Tor und beugte mich über den kurz bewusstlos gewordenen Milo. Als dieser seine Augen langsam öffnete, erblickte er mich und fragte…“ „Bist du ein Engel?“, beendete ich den Satz von Erik, den auch an diesen Moment konnte ich mich noch gut erinnern. Ich war peinlich berührt, dass sich Erik sogar an dieses Detail noch erinnerte. „Ganz genau.“, sagte Erik und er grinste zu mir herüber, ehe er sich wieder zu Liam wandte und mit seiner Geschichte fortfuhr. „Ich half Milo wieder auf die Beine, der außer einer krummen Nase und Kopfschmerzen keinerlei Schaden nahm und nachdem das Spiel vorüber war, entschuldigte Luca sich bei ihm für seine harte Herangehensweise. Italiener spielen eben etwas temperamentvoller. Damit war auch schon die Grundlage für unsere Dreier-Freundschaft geschaffen, die durch unsere Ehrlichkeit gegenüber dem jeweils anderen zusätzlich gefestigt wurde. So merkte ich schnell, dass ich nun zwei schwule Freunde hatte und keiner von Beiden mir auf der Jagd nach der passenden Traumfrau ins Gehege kam. Wir verbrachten viel Zeit miteinander. Gemeinsam gingen wir auf Party, oder auch mal ins Kino. Wir statteten der nächsten Eisdiele einen Besuch ab, oder legten uns auch einfach mal ins Gras und beobachteten wie die Wolken an uns vorüber zogen. Es war eine schöne Zeit, bis die Tage dunkler wurden, die Blätter von den Bäumen herab fielen und der Winter in mir ein schwere Depression auslöste…“
13. Orientierung Erik erzählte die Geschichte unaufhaltsam weiter und inzwischen schaffte er es sogar, dass Liam ihm nicht mehr ständig reinredete und irgendwelche Kommentare ablieferte oder Fragen stellte. So schritt die Geschichte im zügigen Tempo voran und allmählich erreichte Erik die Stelle, an der alles komplizierter wurde. „Es waren Weihnachtsferien und Silvester stand vor der Tür. Klar, dass einige Schüler aus unserer Schule aus gegebenem Anlass eine Party veranstalteten. Milo war noch bei seiner Großmutter zu Besuch, während Luca und ich durch eine Einkaufspassage schlenderten und uns über die bevorstehende Party unterhielten. Wir unterhielten uns über die aus dem Ruder laufenden Partys, bei denen am Ende die Polizei vor der Tür stand, sowie über weinende Mädchen und sturzbetrunkene Jungs, die über Kloschüsseln hingen. Doch dann nahm unsere Unterhaltung eine unerwartete Wendung, denn Luca erzählte mir auf einmal, dass er sich in Milo verliebt hätte, doch dieser seine Gefühle allem Anschein nach nicht erwiderte. Zumindest dachte Luca das zu diesem Zeitpunkt, da unser lieber Lolo hier, mit Scheuklappen durch die Gegend rannte.“ Der Lolo gibt dir gleich einen saftigen Tritt in den knackigen Hintern, schoss mir durch den Kopf. „Luca wünschte sich schon lange die große Liebe. Er hat eben italienische Wurzeln und die Italiener sind Romantiker.“, fügte Erik zu seiner Geschichte hinzu. „Jedenfalls, stimmte auch mich das daraufhin sehr nachdenklich. Die große Liebe… daran glaubte ich nicht wirklich. Ich war ein echter Weiberheld und Frauenschwarm und zu dieser Zeit genoss ich es sogar, dass mich die Mädels anhimmelten. Doch die Richtige war für mich nie wirklich dabei.“ Erik hielt mit seiner Erzählung kurz inne und schien in sich zu gehen. Ich erwartete bereits, dass Liam ihn ungeduldig dazu aufforderte, weiter zu erzählen, doch wurde ich dieses Mal eines Besseren belehrt. Liam saß seelenruhig, wenn natürlich auch immer noch neugierig, auf seinem Koffer und wartete gespannt Eriks Fortführen der Geschichte ab. Erik warf kurz einen verträumten Blick zum Fenster hinaus, ehe er fortfuhr. „Ich nutzte die Ferien, um mir selbst ein kleines Geschenk zu bereiten. Ich verabredete mich mit allerlei Mädchen, schleppte sie zu mir nach Hause und den Rest kannst du dir vielleicht denken. Du kannst mich gerne ein Scheusal nennen, denn damals war es mir völlig egal, dass ich die Mädchen nur ausnutzte und ihnen ihr kleines verliebtes Herz brach. Erst später wurde mir bewusst, dass ich mich in einem schwarzen Loch befand, aus dem ich so schnell nicht wieder herauskam. Ich wusste nicht mehr wer ich bin, geschweige denn was ich wollte. Als ich dann eines Abends nicht einmal mehr einen hoch bekam, fiel ich komplett in dieses Loch und damit in eine tiefe Depression. Dann stand Silvester vor der Tür und Party war angesagt. Selbstverständlich waren Milo, Luca und ich auch mit von der Partie. Es war ein lustiger und besonnener Abend. Alkohol war zwar für uns damals noch verboten, aber dennoch schafften es einige unserer Mitschüler, Alkohol zu organisieren. Luca ließ die Finger davon, aber Milo und ich tranken ein wenig was davon und schon bald spürte ich ein eigenartiges und neuartiges Kribbeln in meinem Bauch. Der Abend näherte sich immer mehr seinem Höhepunkt und irgendwann merkte ich, dass Milo damit anfing mich anzubaggern.“ „Das war der Alkohol…“, verteidigte ich meine Tat vor Liam, der mich mit großen Augen anstarrte. Als strikter Hetero hätte ich ihn natürlich von mir gewiesen und wäre auf Abstand gegangen“, führte Erik fort, „aber ich war noch immer sehr deprimiert, auch wenn ich mir nichts anmerken ließ, und der Alkohol tat dann sein Übriges. Ich genoss Milos Zuwendung und etwa eine Stunde vor Mitternacht packte ich ihn am Arm und zerrte ihn mit ins Badezimmer. Es war ein sehr warmes Badezimmer und auf dem Boden lag ein Teppich. Ich schloss also hinter uns die Tür ab und wir setzten uns auf den warmen Teppichvorleger. Zuerst blödelten wir noch ein wenig herum und unterhielten uns über den lustigen Abend, doch dann kam es über mich und ich küsste Milo auf den Mund.“ Bevor Erik seinen Satz zu Ende sprach, konnte ich mit ansehen, wie Liam nach und nach die Kinnlade runterfiel. Wenn er jetzt schon so schockiert dreinsah, dann war ich sehr gespannt auf seine Reaktion, auf das was gleich kam. „Als ich merkte, was ich da soeben tat, wich ich erschrocken zurück und eine Träne kullerte mir die Wangen hinunter. Milo versuchte mich daraufhin zu trösten und ich schämte mich nur noch mehr. Ich beichtete ihm schließlich, dass es mir nicht gut ging und in welchem Dilemma ich mich befand. Milo ist ein echt guter Zuhörer, selbst wenn er mal gelangweilt war. Ich war so ein Dummkopf. Ich spielte mit den Gefühlen anderer und so auch mit denen von Milo. Er verstand was in mir vorging und ich hatte das Gefühl, die Kontrolle über mich verloren zu haben. Es kam zu einem zweiten Kuss und zu einen dritten – mit Zunge! Noch während wir uns küssten, fing ich an, die Knöpfe an Milos weißem Hemd zu öffnen. Milo tat dasselbe bei mir und keine fünf Minuten später, lagen wir ohne Hemd und Hose aufeinander… den Rest kannst du dir sicher auch so denken.“ „Ihr habt Bodypainting veranstaltet?!“, meinte Liam mit einem ironischen Unterton. „Ja genau… Bodypainting…“, bestätigte ich im selben Tonfall. „Wir hatten Sex.“, sagte Erik, der Liams ironische Antwort wohl nicht verstand. „Wir hatten Sex, im Badezimmer, an Silvester und zwar um Punkt Mitternacht, während draußen die Raketen abgefeuert worden sind und unsere Mitschüler sich alle ein gutes neues Jahr wünschten. Ich war fix und fertig.“ „Wie? War der Sex mit Milo so gut?“, fragte Liam nun grinsend in die Runde. Nun war ich es, der ihn schockiert anstarrte. „Was denn? Meine Neugier kennt keine Grenzen…“ Erik ignorierte Liams Frage und kam langsam zum Ende seiner Geschichte: „Wir zogen uns wieder an. Mir konnte es gar nicht schnell genug gehen, von dort wegzukommen, während Milo sich nur sehr langsam wieder anzog. Ich war auf dem Weg zur Badezimmertür, als Milo mir seine Gefühle für mich vor den Latz knallte. Ich wusste nicht, was ich daraufhin sagen sollte und ließ seine Worte einfach im Raum stehen. Ich sperrte die Badezimmertür wieder auf, doch hätte ich sie mal lieber verschlossen gehalten. Auf einmal stand Luca vor uns, der uns suchte. Ein Blick auf mich und den noch immer halbnackten Milo und ihm war bewusst, was geschehen war. Luca war in Milo verknallt und Milo in mich. Ich hatte das Gefühl zwei Leben zerstört zu haben.“
14. Aussprache „Ich möchte mal zusammenfassen. Du hast Milo geküsst und ihr hattet Sex, obwohl du Hetero bist und wusstest, dass er in dich verknallt ist. Luca hat euch dann zusammen gesehen und der wiederum war in Milo verknallt.“, fasste Liam korrekt zusammen und Erik nickte ihm zu. „Danach ging alles sehr schnell.“, sagte Erik, der seine Erzählung nun beendete. „Mein Vater hatte ein Jobangebot in Bern bekommen und am 2.Januar zogen wir dann auch schon um. In dem Glauben, dass sowohl Luca als auch Milo mich nun hassen würden, wollte ich ohne ein Wort des Abschieds Berlin verlassen, doch dann kam Milo…“ „Ich wollte Erik nicht einfach so gehen lassen.“, erzählte ich nun. „Ja, er hat damals Mist gebaut, aber ich leider auch. Wir waren so gute Freunde, dass ich es ihm wenigstens schuldig war, dass ich mich von ihm verabschiede und ihm alles Gute wünsche.“ „Tja und das ist auch schon das Ende unserer Geschichte.“, sagte Erik. Im Schlafabteil kehrte eine kurze Stille ein und man hörte lediglich das Voranschreiten des Zuges. „Nach allem was damals passiert ist, wundert es mich aber doch ein klein wenig, dass ihr hier so locker leicht miteinander umgeht.“, meinte Liam, der mich und Erik verwundert anstarrte. „Naja es war ja kein völliger Kontaktabbruch.“, erklärte ich ihm. „Wir hatten noch immer über E-Mails Kontakt. Wir schrieben uns war nur einmal alle paar Monate, aber immerhin. „Ich kann mich nur noch mal für alles entschuldigen. Ich war damals wirklich blöd und steckte in einer Identitätskrise.“, rechtfertigte sich Erik. „Heute bin ich aber ein anderer Mensch, das musst du mir glauben, Milo!“ „Schon gut. Die Zeit heilt alle Wunden. Ja, ich war damals in dich verliebt und du hast mir das Herz gebrochen, aber dort wo einst eine offene Wunde ragte, ist nur noch eine Narbe der Erinnerungen.“ Ich warf Erik ein beiläufiges Lächeln zu und versicherte ihm damit, dass ich darüber hinweg war. „Eine Sache würde mich jetzt aber noch brennend interessieren.“, warf Liam ein und irgendwie überraschte es mich so gar nicht, dass seine Neugierde noch immer nicht gestillt war. „Was bist du denn nun? Hetero? Schwul? Hast du das inzwischen herausgefunden?“ Erik fing zu lächeln an, als Liam ihm diese Frage stellte und ich musste innerlich zugeben, dass auch mir bereits diese Frage auf der Zunge lag. „Weder noch, denn ich bin Bisexuell!“ „Ein bisschen Bi schadet nie!“, lachte Liam nun lauthals. „U-Und bist du mit jemandem zusammen?“, fragte ich vorsichtig weiter nach. Erik schenkte mir sein sanftes Lächeln, ehe er mir antwortete: „Ich hatte eine Beziehung mit einem anderen Jungen, der ein Jahr älter war als ich. Nach vier Monaten Beziehung erfuhr ich aber, dass er mich mit einem anderen Kerl mehrmals betrog. Tja, Karma würde ich sagen…“ „Oh, das tut mir Leid für dich. Das hast du nicht verdient.“, sagte ich ehrlich mitfühlend. Erik winkte locker ab und versicherte mir, dass er darüber hinweg sei und inzwischen nur noch nach vorne blickte. „Zurzeit bin ich eh nicht auf der Suche nach der großen Liebe. Ich glaube, dass mir das Singledasein ganz gut tun würde, aber es freut mich sehr, dass du dich neu verliebt hast Milo.“ „Ja…, also was das anbelangt… Moment mal, woher weißt du das?“, fragte ich nun irritiert. Erik erwiderte meinen verwirrten Blick. „Na das sieht doch ein Blinder, dass du und Liam glückliche Zeiten miteinander erlebt. So schlecht sieht der Knabe ja nicht aus.“ Liam fing wieder lautstark zu lachen an. „Genial! Obwohl ich mich durch deinen letzten Satz ein wenig gemobbt fühle, aber das nehme ich dir keinesfalls übel. Ja, Lolo ist ein Schatz!“ „Spinnt ihr jetzt Beide oder was?“, schrie ich nun fuchsteufelswild durchs Schlafabteil. Ich versuchte meine Stimme zu senken, denn meinen Wutausbruch musste im Zug nicht jeder mitkriegen. „Liam und ich sind doch nicht zusammen und werden es auch niemals sein! Der Junge ist die Pest! Zudem hab ich schon einen Freund, einen viel Hübscheren, Intelligenteren und weniger Nervigeren!“ „Wenn du mich fragst, klingt das nach einem ziemlichen Langweiler und Spießer.“, sagte Liam. „Ach, du und Liam seid gar kein Paar? Aber ich dachte…“ Erik war sichtlich verwirrt. „Hör auf zu denken, das verursacht bei mir das nackte Grauen.“, meinte ich zu ihm. „Ich schmeiß mich weg! Das ist so genial und amüsant!“, rief Liam noch immer lachend. Inzwischen ging es sogar so weit, dass er vor Lachen Tränen in den Augen hatte. „Okay, ihr Beide seid also nicht zusammen…?“, fragte Erik mich nun vorsichtig. „Nein!“, antwortete ich ihm kurz und bündig. „Wenn du es genau wissen willst, ich und Luca sind ein Paar und ich bin gerade auf dem Weg zu ihm nach Italien.“ „D-Du und Luca?“, wiederholte Erik ungläubig. „Dann hat er dir nach der Sache mit mir verziehen? D-Das ist schön. Das freut mich wirklich für euch.“ „Danke…“ „Er muss mich sehr gehasst haben, dafür was ich ihm angetan habe, oder?“, fragte Erik mich. „Nein…, aber er war verletzt und das du dich nicht bei ihm entschuldigt hast, den Schwanz eingezogen hast und einfach abgehauen bist, hat die Lage damals nicht verbessert.“, erklärte ich ihm. „Doch sein Wunsch ging in Erfüllung und ich bin ihm doch noch ins Netz gegangen… und ich bin sehr froh darüber, denn Luca ist ein wundervoller Mensch und ich liebe ihn sehr!“ Liam starrte mich mit großen Augen an. „Oh ist das romantisch… ich glaube ich muss brec…“ „Liam, ich schwöre dir, solltest du es in Erwägung ziehen, diesen einen Satz zu beenden, dann schneide ich dir eigenhändig deine Zunge raus und werfe dich über Bord!“ Ich schaute Liam böse an, setzte gleichzeitig aber ein Lächeln auf und auch Liam grinste mich an – wenn auch ängstlich.
15. Auf dem Weg zum Speisewagen Nachdem Erik Liam über unsere Vergangenheit aufgeklärt hatte und wir uns aussprachen, machten wir uns wieder auf den Weg zurück zu den anderen Fahrgästen ins Abteil. Doch noch ehe ich mich auf meinen Platz setzte, fiel mir etwas ein… „Mein Magen knurrt immer noch.“ „Oh ja, Essen, eine sehr gute Idee!“, pflichtete Liam mir grinsend bei. „Ich hab Hunger, weil du Penner das Essen in meiner Lunch-Box verdrückt hast!“, ärgerte ich mich grün und blau. „Ach was soll´s, hilft ja alles nichts. Gehe ich nun halt doch in den Speisewagen. Kommst du mit Erik?“, fragte ich, während ich meinen Geldbeutel aus dem Rucksack zog. „Ich hab was gegessen, bevor ich meinen Sitzplatz wechselte, aber danke.“, antwortete Erik mir. „Na schön, gehe ich eben alleine.“, sagte ich und ignorierte dabei gekonnt Liam. „Hey, und was ist mit mir?! Ich bin schließlich auch noch da!“, meckerte Liam mich an und ich lächelte, da ich mir einen Spaß daraus machte ihn zu ärgern. „Du hast doch erst was gegessen… MEIN Essen!“, erwiderte ich noch einmal stark betont. „Ja, aber eure Geschichte schlug mir auf den Magen und ich hab schon wieder Hunger. Also lass uns gehen.“ Ich zuckte mit den Schultern und schritt gemächlich voran. Liam folgte mir hintendrein. Die automatischen Wagentüren sprangen auf und wir verließen unser Abteil, um in das nächste zu gelangen. Eine leicht kühle Brise wehte mir ins Gesicht. Eine Wohltat für meine Haut, im Anbetracht dessen, das es um die dreißig Grad hatte und ich schon wieder zu schwitzen anfing. Liam und ich kamen an einer Reihe weiteren Schlafabteilen vorbei, ehe wir im nächsten Abteil ankamen. Die automatische Tür öffnete sich und das starke Parfüm einer sehr eleganten Frau zog mir durch die Nase. „Puh, da riechen die Füße meiner verstorbenen Oma ja noch besser.“, sagte Liam, der sich zu diesem Kommentar hinreißen ließ, in dem Wissen, dass die Frau ihn sehr wohl vernahm. „Boah, komm jetzt!“, schimpfte ich, packte ihn an den Ohrwascheln und zog ihn hinter mir her. „Aua, das tut weh!“, beschwerte Liam sich lautstark und schon hatte er wieder die Aufmerksamkeit der Leute aus diesem Abteil auf sich gezogen. Der Junge ist mir ein echtes Rätsel. Egal wo er hinkommt, er kann seine Klappe nicht halten und zieht die Blicke anderer Leute auf sich. Bevor wir das Abteil wieder verließen, erkannte ich denn beleibten Mann, mit dem dunkeltürkisen Shirt und dem Strohhut auf dem Kopf, der mir zu Beginn meiner Reise auf der Suche nach meinem Sitzplatz entgegen kam, wieder. Er saß am Gang und noch immer vergoss er Niagara-Fälle vor Schwitzen. Neben ihm saß ein junges blondes Mädchen, das gerümpft die Nase verzog. Ich drehte mich kurz um, denn ich hegte den starken Verdacht einer neuen Bemerkung von Liam, doch Wunder geschehe, er war ganz still, ja fast schon in sich gekehrt. So kamen wir also unbeschadet weiter und verließen das Abteil wieder, auf dem weiteren Weg zum Speisewagen. Wir marschierten weiter… und weiter… und weiter… und… „Verdammt, mach den Mund auf und sag wieder irgendwas was mich zur Weißglut treibt, sonst glaub ich noch du bist krank, oder man hat dich durch einen Cyborg ersetzt, der den Auftrag hat, mich zu terminieren!“, rief ich Liam zu. „Bitte was?“, hörte ich ihn von hinten fragen. Scheinbar hatte er mir soeben gar nicht zugehört. „Ach vergiss es…“, sagte ich daraufhin zu ihm. Ich sollte dankbar für jede ruhige Sekunde mit ihm sein. Trotzdem gab mir sein jetziges Verhalten zu denken. So still war er bis jetzt noch nie! Wir kamen im nächsten Abteil an, das sehr vollgestopft war. Ich musste aufpassen wo ich hin trat, damit ich nicht über das Gepäck eines anderen stolperte – das ich über mein eigenes fiel genügte mir. „Na sieh mal einer an, wen haben wir denn da…“, hörte ich auf einmal Liam sagen. Ich war froh darüber, dass er seine Stimme wiederfand, doch auch nur bis ich sah, wen er eigentlich meinte. Mitten im Abteil, an einem Fensterplatz, saß der schnieke Mann mit seinem Laptop und als dieser Liam und mich kommen sah, verfinsterte sich seine Miene automatisch. Einfach nicht beachten und schnell weiter gehen, dachte ich mir, doch Liam musste natürlich wieder seinen Mund aufreißen. „Na, schon wieder jemanden wegen seiner sexuellen Orientierung als krankhaft eingestuft?“, fragte er den schnieken Mann provozierend. Ich rollte mit den Augen und roch neuen Ärger im Anflug. Liam legte sogar noch einen oben drauf, indem er sich an alle Fahrgäste im Abteil wandte: „Meine sehr geehrten Damen und Herren… alle Kinder weghören, in unserer heutigen Gesellschaft ist es völlig normal, dass Frauen und Männer gleichgeschlechtliche Beziehungen führen. Ich zum Beispiel steh auf Jungs, vor allem auf solche Jungs, die ihren Blick von meinem Astralkörper nicht abwenden können, meinen Humor und mein Charisma lieben und dabei so genervt von mir sind, dass sie schon wieder süß sind und dabei gelegentlich tollpatschig werden!“ Eine Gruppe von vier Mädchen fing zu kichern an, ein Mann um die Vierzig runzelte mit der Stirn und ein Ehepaar nickte verständnisvoll. Doch für mich war das zu viel. Sofort wurde es heiß in meinem Kopf und ich spürte, wie dieser rot anschwoll. Ich konnte das Abteil gar nicht mehr schnell genug verlassen, doch da passierte es auch schon und ich stürzte über eine am Boden liegende Sporttasche. „Sehen sie was ich meine. Genau diese Art von Jungs liebe ich!“, rief Liam lachend. Ich schrie innerlich! Plötzlich schlangen sich zwei starke Arme um meine Taille und hoben mich wieder auf die Beine. Als ich mich umdrehte, stand zwischen mir und dem überraschten Liam ein großer muskulöser junger Mann. Sein Bizeps dürfte dem von Hercules oder Arnold Schwarzenegger Konkurrenz machen. „Alles in Ordnung bei dir? Hast du dich verletzt?“, fragte er mich, während meine Gesichtsfarbe ein dezentes rosa annahm. „Tut mir Leid. Die Tasche über die du gestolpert bist, gehört mir.“ „Scho-Schon okay. Nichts passiert.“, antwortete ich ihm etwas schüchtern. „Räum dein Gepäck in die dafür vorgesehene Ablagefläche, dann stolpert auch keiner drüber.“, beschwerte sich Liam bei dem muskulösen jungen Mann. Liams Reaktion gerade eben… und auch vorhin bei Erik… ist er etwa eifersüchtig?! „Lass gut sein Liam. Komm wir gehen, sonst krieg ich heute nichts mehr in den Bauch.“, sagte ich und ging auf der Stelle weiter. Liam schritt mit einem „Finger-weg-von-meinem-Lolo“-Blick an dem muskulösen jungen Mann vorbei und folgte mir aus dem Abteil.
16. Im Speisewagen Liam und ich erreichten schließlich den Speisewagen, in dem uns das Zugpersonal eine Auswahl an Speisen und Getränken anbot. Inzwischen tat mir sogar der Magen vor lauter Hunger weh, da ich seit meinem Frühstück bei mir Zuhause nichts mehr zwischen die Zähne bekam. „Lädst du mich auf einen Kaffee ein?“, fragte ich Liam, was alles andere als unverschämt von mir war, im Anbetracht dessen, dass er das Essen in meiner Lunch-Box verzehrte. Doch seine Antwort sah ich irgendwie kommen. „Was krieg ich dafür von dir?!“, fragte Liam mich mit einem träumerischen Blick. „Ein fettes Dankeschön!“, antwortete ich ihm, was mit einer eiskalten Abfuhr gleichkam. Die Tatsache, dass ich genau Liams Beuteschema war, verunsicherte mich keineswegs, denn zu einer Liebelei gehörten immer noch zwei Personen und ich war glücklich an Luca vergeben. Lediglich sein plötzliches Geständnis vorhin im anderen Zugabschnitt hat mich für einen kurzen Moment aus der Fassung gebracht, was mir meine Aufmerksamkeit raubte, sodass ich über die Sporttasche dieses einen muskelbepackten jungen Mannes fiel. Man hatte dieser einen Bizeps… „Ich weiß genau was du denkst.“, sagte Liam plötzlich und riss mich damit aus meinen Gedanken. „Ich und mein attraktives Charisma gehen dir nämlich nicht mehr aus dem Kopf. Habe ich Recht?“ „Sowas von Unrecht hast du.“, entgegnete ich lächelnd. „Ich hätte gerne das Sandwich mit Schinken, Käse und Ei, sowie ein Mineralwasser, bitte.“, bestellte ich im Bordbistro. „Schon klar. Du willst es nicht zugeben.“, sagte Liam, der mich von der Seite her instinktiv anstarrte. „Du hast schließlich deinen Freund und willst ihm treu bleiben, aber so schnell gebe ich nicht auf.“ Ich stieß einen dezenten Seufzer aus. So langsam ging mir Liams Verhalten auf die Nerven, aber ich bewahrte nach wie vor Ruhe und nahm mein Sandwich und mein Mineralwasser entgegen, dass mir die Frau hinter der Theke überreichte. „Was darf es für dich sein?“, fragte sie nun Liam. „Für mich bitte eine Currywurst mit Brötchen und eine Coca Cola.“, antwortete Liam ihr freudig. Kurz darauf bekam auch er seine Bestellung überreicht und wir setzten uns auf einen der freien Plätze im Speisesaal, auf dessen Tische jeweils ein kleines Blumensträußchen stand. Ich biss gleich in mein Sandwich und kaute genüsslich darauf rum. Endlich was zu essen! Eine wahre Wohltat! Liam störte natürlich wieder: „Du machst ein Gesicht beim Essen, wie bei einem Orgas…“ „Halt – doch – einfach – mal – die – Klappe.“, sagte ich nun ganz langsam, aber wirklich gereizt. „Ich mein ja nur…, denn wenn du dich auf mich einlassen würdest, dann wüsstest du ganz schnell, dass du bei mir einen noch viel besseren…“ „LIAM!“, schrie ich nun quer durch den Speisesaal, kochend vor Wut. Die anwesenden Fahrgäste richteten ihre Augen und Ohren auf uns, doch war mir dies im Moment völlig egal. Am Tisch neben uns saß eine junge Frau mit Pferdeschwanz. Sie trank eine Tasse Pfefferminztee, während sie in einem ihrer Bücher las. Betonung auf „las“, denn auch sie beobachtete uns nun natürlich. „Tu-Tut mir außerordentlich leid.“, entschuldigte ich mich bei der jungen Frau für mein Verhalten und warf auch der Frau hinter der Theke einen entschuldigen Blick zu. Ich schämte mich für meinen kleinen Ausraster, doch Liam trieb es gerade wirklich auf die Spitze. Liam jedoch ließ sich davon nicht einschüchtern, wenn er auch endlich mit diesem Thema Ruhe gab und sich stattdessen über sein Essen hermachte. „Currywurst und Cola… das hatte ich schon so lange nicht mehr. Weißt du auch warum?“, fragte er mich, denn offenbar wollte er mir etwas erzählen. „Nein, aber mich interessiert es auch nicht.“, antwortete ich ihm beleidigt und bockig. Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben. „Behalt es für dich, denn ich hör dir nicht mehr zu.“ Meine Antwort stimmte Liam nachdenklich und endlich hielt er auch wirklich mal für wenige Minuten seinen Mund. Mir war es egal, ob ich Liam mit meinem Verhalten gekränkt hatte, denn er war einfach einen Schritt zu weit gegangen. Mich interessierte seine Geschichte mit der Currywurst und der Cola somit auch überhaupt nicht. Stattdessen ließ ich meinen Blick im Speisewagen umherschweifen und blieb am Buch der jungen Damen hängen. Die Vorderseite des Buches zeigte in meine Richtung, wodurch der Titel für mich gut lesbar war: „Zehn zahme Ziegen zickten zurzeit“. Ganz klare Sache. Der Autor dieses Buches hatte einen an der Klatsche. Wem sonst fällt so ein bescheuerter Titel nur ein. „Gefällt dir das Buch?“, fragte die junge Frau mich plötzlich, die bemerkte, dass mein Blick auf ihr Buch gerichtet war. „Wenn du magst, lass ich dich mal darin blättern.“ „Nein danke, lieber nicht.“, sagte ich im höflichen Ton. Wohingegen Liam mal wieder seine Unsensibilität unter Beweis stellte: „Der Autor muss völlig gaga sein, oder wie kommt man sonst auf so einen bescheuerten Buchtitel?“ „Das Buch hab ich geschrieben.“, entgegnete die junge Frau ihm wortkarg. Liam schaute betröppelt drein, während ich mir das Schmunzeln nicht verkneifen konnte. „Verzeihen sie, aber Liams Mundwerk ist schneller als sein Hirn denken kann.“, erklärte ich ihr, damit sie etwas weniger verstimmt war und uns nicht mehr arg so böse musterte. „Schon in Ordnung. Ich weiß, dass dies ein ungewöhnlicher Titel für ein Buch ist, aber wenn dein Freund den Inhalt lesen würde, wüsste er, dass es alles andere als „gaga“ ist.“, sagte die junge Frau, während ich zähneknirschend „Das ist nicht mein Freund“ zurück hielt. „Luisa Mayrock mein Name.“ Die junge Frau streckte mir freundlich ihre Hand entgegen. „So sieht man sich wieder.“ „Kennen wir uns?“, fragte ich verwirrt, noch während ich ihre Hand schüttelte. „Nicht direkt nein, aber wir sind uns bereits begegnet.“, antwortete Luisa mir schmunzelnd.
17. Klare Worte Ich war verwirrt, denn Luisa kannte mich offensichtlich, ich jedoch sie nicht. Ich versuchte scharf nachzudenken, aber Liams Verhalten machte mich immer noch so wütend, dass ich keine klaren Gedanken fassen konnte. „Ich kann mich nicht mehr erinnern.“, gab ich schließlich verlegen zu. Luisa lachte kurz auf. „Das macht überhaupt nichts. Es war ja auch nur ein kurzer Blickaustausch und es war auch nicht abzusehen, dass wir uns noch einmal über den Weg laufen.“ In meinem Kopf machte es noch immer nicht Klick. „Erinnerst du dich wirklich nicht mehr an mich?“ „Wie viele Leute in diesem Zug kennst du eigentlich noch?“, fragte Liam mich von der Seite. „Erst dieser Erik und nun diese Frau, die ein Buch mit einem seltsamen Titel geschrieben hat.“ Ich beachtete Liam gar nicht so wirklich. Meine Aufmerksamkeit galt Luisa, die meine Neugier weckte. „Es tut mir wirklich leid, aber mein Erinnerungsvermögen lässt zu wünschen übrig.“ „Also schön, dann sage ich es dir eben.“, meinte Luisa. „Wir sind uns gleich zu Beginn dieser Zugfahrt in einem der hinteren Zugabteile begegnet. Alle Fahrgäste waren gerade dabei ihre Plätze zu suchen und zu finden und so kreuzten sich auch unsere Wege. Na erinnerst du dich jetzt?“ „Ich glaube schon… ja, jetzt wo du es sagst.“ So langsam lichtete sich der Nebel in meinem Kopf und eine junge Frau mit Zopf erschien darin. „Wir sind uns tatsächlich kurz begegnet.“ „Siehst du. Jetzt erinnerst du dich doch noch an mich.“, lächelte Luisa mir entgegen. Verrückt. Wir waren mit dem Zug gerade erst ein paar Stunden unterwegs und trotzdem bekam ich das Gefühl, hier bereits mehr erlebt zu haben, als eine ganze Woche bei mir zu Hause. Zuerst das peinliche Kennenlernen mit Liam, dann der Junge der bei der Fahrkartenkontrolle aus dem Zug gestürmt ist, die Konfrontation mit dem schnieken Mann, Herr Wimmers traurige Geschichte über und mit seiner Tochter, mein völlig abgedrehter Traum mit Liam und der Lunch-Box, das unerwartete Treffen mit Erik und nun das hier. Normalerweise laufen Zugfahrten bei mir völlig unspektakulär ab. „Dann haben wir inzwischen ja beide unseren Sitzplatz gefunden.“, sagte ich zu Luisa. „Oh ja und das war kein leichtes Unterfangen. Ich trottete nämlich einem Mann mit einem Strohhut auf dem Kopf hinterher. Der war arg verschwitzt und roch nach faulen Eiern.“, erzählte Luisa mir und mir war sofort klar, dass sie und ich dem ein und denselben Mann begegnet sind. „Darf ich fragen, wovon ihr Buch handelt?“, fragte ich sie, um auf ein anderes Thema zu kommen. „Was glaubst du denn?“, erwiderte Luisa mit einer Gegenfrage. „Bei dem Titel ist es bestimmt im Bereich Horrorkomödie angesiedelt.“, meldete Liam sich zu Wort. „Nein, ganz und gar nicht.“, entgegnete Luisa ihm etwas kühl. „Ich weiß nicht…, vielleicht ein Krimi?“, riet ich, da ich wirklich nicht den blassesten Schimmer hatte. Nach einer romantischen Geschichte klang der Titel ja nicht gerade. „Auch daneben. Es ist eine Art Satire. Was eine Satire ist weißt du oder?“, fragte sie mich und ich schüttelte mit dem Kopf. „Als eine Satire bezeichnet man etwas, wenn Zustände oder Missstände in sprachlich überspitzter und verspottender Form thematisiert werden. Heutzutage versteht man darunter aber meist einen künstlerisch gestalteten Prosatext, in dem Personen, Ereignisse oder Zustände verspottet oder angeprangert werden.“ „Das klingt interessant.“, meinte ich mit ehrlichen Worten. „Wenn du wirklich Lust und Interesse daran hast, dann schau mal rein. In meiner Geschichte geht es um einen ärmlichen Bauern, der seine zehn Ziegen verkauft und durch einen Glücksfall an viel Geld gelangt. Doch das Glück ist ihm nur von kurzer Dauer…“, fasste Luisa ihre Geschichte kurz zusammen. „Ich muss jetzt zu meinem Platz zurück. Wir erreichen bald Frankfurt am Main und dort muss ich umsteigen, aber vielleicht sieht oder hört man ja noch einmal voneinander.“ „Ja, wenn es das Schicksal so will, dann schon.“, erwiderte ich und schüttelte ihr zum Abschied noch einmal die Hand. „Hat mich wirklich außerordentlich gefreut, dich kennen zu lernen. Luisa schenkte mir ein liebevolles Lächeln und stand von ihrem Platz auf. Sie wollte gerade gehen, als sie noch einmal kurz inne hielt, als ob ihr eine Idee gekommen wäre. „Ach weißt du was. Ich schenk dir das Buch. Ich kann mir jederzeit ein neues Buch besorgen, schließlich bin ich die Herausgeberin.“ „Wow, Danke!“ Ich nahm Luisas Buch dankbar entgegen und hielt es eng umschlungen an meine Brust. Danach verabschiedete ich mich noch einmal von ihr und sie ging in Fahrtrichtung davon. „Na endlich ist dieser Bücherwurm verschwunden.“, hörte ich Liam sagen. Ich beachtete ihn kaum. Stattdessen stand ich auf und begab mich auf den Rückweg zu meinem Platz, nachdem ich mein Sandwich zu Ende gegessen hatte. Liam folgte mir hinten drein. Wir befanden und gerade in einem Raum, zwischen Speisewagen und Schlafabteile, als er erneut etwas von sich gab, was das Fass zum Überlaufen brachte. „Immer diese Leute, die sich zwischen uns drängeln. Als ob sie einen Keil zwischen uns treiben wollten, aber nicht mit mir. Ich bin dein Freund und wir sind unzertrennlich.“ Ich war eigentlich ein sehr ruhiger und friedvoller Mensch, aber auch ich hatte Grenzen und diese waren nun überschritten. Es geschah alles so furchtbar schnell. Ich ließ das Buch von Luisa zu Boden fallen, drehte mich zu Liam um und drückte ihn mit meinem rechten Arm gegen die Wand. Zum ersten Mal sah ich Liam schockiert und ängstlich zugleich, denn nun ging ich alles andere als zimperlich mit ihm um. Meine Augen funkelten teuflisch und meine Stimme klang tief und bedrohlich. „Jetzt wollen wir doch mal eine Sache klar stellen. Ich bin nicht und werde niemals dein Freund sein! Ich bin nicht dein Eigentum, also hör auf dich wie ein Vollidiot zu verhalten und werde erwachsen. Ich meine es verdammt ernst. Solltest du dich weiterhin so verhalten, dann werde ich noch ganz anders mit dir umgehen und du lernst mich so richtig kennen. Das willst du doch die ganze Zeit, oder?!“ Ich drückte meinen Arm fest an seine Kehle. Ich wollte ihm nicht wehtun, aber ich wollte dass meine Botschaft bei ihm ankam. Ich ließ ihn schließlich wieder los und Liam starrte mich wortlos an. Die Zeit der Nettigkeiten war vorbei!
18. Schlichtungsversuche Als wir wieder in unserem Abteil ankamen und uns auf unsere Plätze niederließen, sah ich, wie Erik seine Augen geschlossen hatte und offenbar zu schlafen versuchte. Ich wollte ihn nicht dabei stören, da mir ohnehin nicht nach reden zumute war. Liam saß ebenfalls wortkarg neben mir und so lag eine äußerst ruhige, wenn auch angespannte Atmosphäre in der Luft. Die alte Dame, die Liam gegenüber saß, spürte wohl dass etwas nicht stimmte, da es wirklich gespenstig ruhig war. Kein Wunder. Seit der Abfahrt dieses Zuges bekam Liam seinen Mund nicht mehr zu und jetzt… Totenstille! Schließlich öffnete Erik seine Augen doch wieder. Offenbar hat er nur ein wenig vor sich hingedöst. Er gähnte kurz auf und sagte dann: „Ihr seid ja wieder da. Hab euch gar nicht gehört.“ Das war der endgültige Beweis dafür, dass die Stimmung im Moment alles andere als rosig war. Erik schien das auch zu merken und fragte: „Was ist los? Ist was passiert? Ihr seid beide so ruhig.“ „Alles bestens.“, antwortete ich Erik lediglich, hörte daraufhin aber ein Schnaufen neben mir. „Ah ja…“ Erik glaubte mir natürlich kein Wort. Wie auch? Ich zog ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter und Liams Gesicht war bestimmt nicht groß anders, wenn nicht sogar miesepetriger. „Woher hast du denn das Buch auf einmal?“, fragte Erik mich und deutete auf die gebundene Ausgabe von Luisa Mayrock. „Lese ich richtig? „Zehn zahme Ziegen zickten zurzeit“? Das ist ein sehr interessanter Titel für ein Buch.“ „Ach wirklich? Da bist du wohl der Erste der das so empfindet.“, meinte ich und erklärte ihm kurz darauf auch, woher ich das Buch so plötzlich hab. „… und dann hat sie mir das Buch überreicht, ehe sie sich von mir verabschiedete und in die entgegengesetzte Richtung davon ging.“ „Das war ja nett von ihr und hast du schon mal reingeguckt?“, fragte Erik weiter. „Nein…, ich hatte noch nicht die Zeit dazu.“, antwortete ich ihm und rollte mit meinen Augen zu Liam, ohne dabei aber meinen Kopf zu drehen. Erik entging meine Haltung nicht und so stellte er die unvermeidbare Frage: „Hattet ihr Streit?“ „Nein – Ja!“, antworteten Liam und ich zeitgleich. Von mir ging das Nein aus und von Liam kam das Ja. Das war das erste Mal das er wieder etwas sagte und das erste Mal das wir uns wieder in die Augen sahen. Erik hingegen war nur noch verwirrter. Ich wollte meine Antwort revidieren, doch wieder sprachen Liam und ich zeitgleich und wieder unterschiedlich: „Ja – Nein!“ „Was denn nun?“, fragte Erik uns völlig verwirrt. Ich versuchte Ruhe zu bewahren und erklärte Erik die Situation: „Es war kein richtiger Streit. Ich habe nur etwas klar gestellt, was schon lange überfällig war. Alles gut!“ „Alles gut?!“, wiederholte Liam empört. „Wenn alles gut ist, dann möchte ich nicht wissen, was du alles als nicht gut bezeichnest!“ „Also doch ein richtiger Streit…“, meinte Erik. „Nein – Ja!“, stießen Liam und ich erneut gleichzeitig aus, wobei das Nein von mir stammte. „Was auch immer zwischen euch beiden vorgefallen ist, streiten tut ihr wie ein altes Ehepaar, das steht schon einmal fest.“, sagte Erik, der uns mit seinen Augen genauestens beobachtete. „Aaaaaaah!“, stieß ich laut aus und stand kurz auf. Ich könnte schon wieder toben vor Wut, doch ich versuchte mich schnell wieder zu beruhigen und setzte mich hin, da mich die übrigen Passagiere bereits wieder beobachteten. „Wir streiten uns nicht wie ein altes Ehepaar und mein Freund ist er auch nicht. Im Moment wünschte ich mir sogar, ich hätte ihn nie kennen gelernt!“ Nun hatte ich zu viel gesagt. Liam stand von seinem Platz auf und starte mich von oben herab an. Seine Augen funkelten böse, doch konnte ich darin auch eine Spur von Traurigkeit ablesen, was mich leicht verwirrte. „Du kennst mich doch gar nicht.“, sagte Liam zu mir. „Du weißt nichts über mich, weil du viel zu sehr mit dir selber beschäftigt bist und dich einen Scheißdreck um andere Leute scherst. Ja, manchmal tust du so, als würdest du dich für sie und ihr Leben interessieren, aber das ist alles nur Fassade. Du bist ein mieser, kleiner Heuchler.“ Nach diesen Worten zog Liam in Richtung der Schlafabteile ab. Ich saß mit offenem Mund da, denn ich konnte nicht glauben, was ich da soeben gehört hatte. Wieso fühlte ich mich nun wie der Böse und wieso fühlte ich mich schuldig? Ich blickte zu Erik, in der Hoffnung er könne mir Antworten darauf geben, doch sein Blick sagte etwas anderes. „Was?!“ „Willst du ihm nicht lieber hinterher?“, fragte Erik mich. „Warum sollte ich?“, erwiderte ich bockig. „Er ist zu weit gegangen und nicht ich!“ „Ja… er ist ein kleiner Hitzkopf…“, pflichtete Erik mir bei und mir fiel ein Stein vom Herzen, dass er mir Recht gab, doch vermutete ich ein Aber…, „aber…“ Ich wusste es! „… so ganz Unrecht mit dem was er sagt hat er auch nicht.“ Nun starrte ich Erik mit meinem offenen Mund an. „Geh mir jetzt bitte nicht auch noch an die Gurgel, aber ich kenne dich lange genug um zu wissen, dass du ihn vermutlich nie persönliche Fragen über sein Leben gestellt hast. So wie der gerade abgezischt ist, hab ich ehrlich gesagt Angst, dass er sich aus dem Zug stürzt.“ Unfassbar! Liam hatte es doch tatsächlich geschafft, Erik auf seine Seite zu ziehen. Ich fühlte mich von allen Seiten betrogen. „Ich hoffe du hast Recht… und er stürzt sich wirklich aus dem Zug!“
Ein letzter Ratschlag „Liebe Fahrgäste, in Kürze erreichen wir Frankfurt am Main Hauptbahnhof, bei dem wir einen kurzen Zwischenstopp einlegen, um weitere Fahrgäste aufzunehmen. Wir bedanken uns bei allen aussteigenden Fahrgästen. Bitte beehren sie uns bald wieder. Ausstieg in Fahrtrichtung links.“, hörte man die Stimme des Zugschaffners aus dem Lautsprecher. „Jetzt geh ihm schon hinterher.“, sagte Erik erneut zu mir und mit „ihm“ meinte er natürlich keinen geringeren als Liam, der in Richtung Schlafabteile davon gezischt ist. „Steigt er hier aus?“ „Nein, ich habe ihn zwar nicht gefragt, aber ich nehme an, dass er auch bis nach Rom fährt, da er wie ich ein Schlafabteil gebucht hat.“, antwortete ich Erik, noch immer mies gelaunt. „Aha… du hast ihn nicht gefragt.“, hörte ich es aus Eriks Mund sagen und ich rollte mit den Augen. „Ja du hast Recht. Ich hab ihm fast keine einzige persönliche Frage gestellt.“, erwiderte ich gereizt, doch Erik war nicht stolz darauf, dass er mit seiner Vermutung über mich richtig lag. Stattdessen guckte er mich wehleidig an, was mich kirre machte. „Aber soll ich dir mal was sagen?“, setzte ich nun zum Gegenangriff an. „Ich konnte ihm doch auch nie auch nur eine einzige persönliche Frage stellen, weil diese nervige Labertasche ständig seine Goschen offen hatte!“ Bei dem Wort „Goschen“ schaute mich die alte Dame mit großen Augen an. „Entschuldigung, aber ist doch wahr.“, richtete ich meine Worte nun an sie. „Sie saßen doch andauernd hier und haben ihn auch ständig reden gehört.“ „Er ist in der Tat ein sehr gesprächiger junger Mann.“, pflichtete die alte Dame mir bei. Ich nickte ihr dankbar zu, während dieses Mal Erik an der Reihe war mit Augenverdrehen. „Doch wenn ich ihnen einen Tipp geben darf, junger Mann.“, sagte die alte Dame und ich war gespannt darauf, was sie nun zu mir sagte, da sie die ganze Fahrt über nicht auch nur ein Wort mit mir sprach. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!“ „Das ist doch schön.“, sagte ich hocherfreut. „Bestätigt nur noch mehr meine Meinung, dass ich Recht habe. „Ist dir das so wichtig Recht zu behalten?“ fragte Erik mich und in seiner Stimme lag ein Gefühl der Enttäuschung. Plötzlich spürte ich ein ganz eigenartiges Gefühl in der Magengrube. Eigentlich war ich nie der Typ für Rechthaberei… Gehe ich vielleicht gerade zu weit? Aber Liam hat doch… Liam ist doch... Ich wollte doch einfach nur eine ruhige und entspannte Zugfahrt genießen. „Entschuldigt ihr Lieben.“, sagte die alte Dame an mich und Erik gewandt. „Ich war noch nicht fertig. Ich sagte zwar, Reden ist Silber und Schweigen ist Gold, aber man sagt auch, es ist nicht alles Gold was glänzt. Um es mit verständlicheren Worten auszudrücken: Nicht alles was auf dem ersten Blick wertvoll aussieht, ist auch wirklich wertvoll. Schweigen schön und gut, aber du musst zugeben, dass der junge Mann, der dich offenbar sehr erzürnt hat, mit seiner Art deine Reise auch unterhaltsamer gestaltete. Mir ist dieser gesprächige Junge immer noch lieber, als dieser ignorante Heini, der ständig an seinem Laptop saß und wie wild Zahlen in eine Tabelle eingab.“ Da hat sie Recht… verdammt, hab ich das gerade wirklich laut gedacht? Die alte Dame packte ihr Strickzeug zurück in ihre Handtasche und stand von ihrem Platz auf. Der Zug wurde allmählich langsamer, denn wir näherten uns dem Frankfurter Hauptbahnhof. „Was ich noch sagen wollte…“ Die gute alte Dame kam ja jetzt richtig in Fahrt. Also tot sieht definitiv anders aus. „…es gibt Menschen, die reden um des Redens Willen, es gibt aber auch Menschen die reden, damit man nicht hinter ihre Fassade blickt. Meistens verbergen sich dahinter nämlich ganz furchtbare Dinge, die sie mit allen Mitteln zu verbergen versuchen. Ich kenne solche Menschen glaubt mir…, mein Nichtsnutz von Ehemann war genauso einer. Hat geredet wie ein Wasserfall, nur um zu vertuschen, dass er meine wertvolle Ming-Vase zertrümmert hat. Und was ist aus ihm geworden? Asche – in einer Urne – vergraben unter der Erde!“ Ich wusste nicht, ob ich lachen oder verängstigt sein sollte. Hat die alte Dame ihren Ehemann aus Rache umgebracht? Wie eine Mörderin sah sie ja gerade nicht aus, aber eben solche sind es meistens in diesen schlecht gemachten Krimi-Serien. Ich und Erik tauschten kurze Blicke miteinander aus und ich wusste, dass ihm ähnliche Gedanken durch den Kopf sprangen. „Ähm… mein Beileid.“, sagte ich schließlich zu der alten Dame, dabei versuchte ich glaubhaft rüber zu kommen. „Ich denke sie haben Recht…“ Mit Liam stimmt etwas nicht, fügte ich gedanklich hinzu. „Der Junge wird sich schon wieder einkriegen.“, mischte sich nun Herr Wimmer in das Gespräch ein, während er aufstand und seinen runden Bauch am Tisch vorbei schob. „Freunde streiten sich schon mal und unter Jungs erst recht. Du scheinst mir in Ordnung zu sein Milo, also spring über deinen Schatten und geh einen Schritt auf Liam zu. Madam, darf ich sie zur Tür begleiten?“ Herr Wimmer reichte der alten Dame seinen Arm und diese harkte sich dankbar bei ihm ein. „Ich muss hier auch raus, denn ich werde erwartet.“, sagte Herr Wimmer nervös zu mir. „Ich wünsch euch noch eine gute Reise und vertragt euch bitte wieder. Auf der Welt gibt es bereits genug Hass und Zwietracht.“ Herr Wimmer und die alte Dame schritten davon und ich blickte ihnen wehmütig hinterher. Herr Wimmer war ein wirklich sehr netter Mann und ich wünschte ihm nur alles erdenklich Gute. Auch er hatte einst einen Fehler begangen, diesen aber eingesehen und sich bei seiner Tochter entschuldigt. Die alte Dame hatte sich zuletzt auch als sehr nett, wenn auch etwas schräg, herausgestellt. Wohin sie auch gehen mag, ich hoffte dass sie noch viele dieser Reisen bestreiten konnte. Der Zug kam zum Stillstand und ich konnte einen Blick auf den Bahnsteig werfen. Am Gleis gegenüber stand ein ICE der deutschen Bahn. Auf der Anzeigetafel konnte ich ablesen, dass dieser Zug nach München fuhr. Auch einen Blick auf die Uhr am Bahnsteig konnte ich erhaschen: Es war viertel vor Drei. Inzwischen war ich bereits über vier Stunden unterwegs. Die Fahrgäste unseres Zuges stiegen nacheinander aus. Einige waren vollgepackt mit Koffern, andere wiederum trugen nur eine Handtasche oder einen Rucksack bei sich. Herr Wimmer half der alten Dame galant die Stufen aus dem Zug hinunter und sie kam wohlbehalten am Boden an. Danach warf er mir noch einen letzten Blick zu und winkte mir zum Abschied, ehe er den Bahnsteig entlangging, an dessen Ende bereits seine Tochter auf ihn wartete, die er seit acht Jahren nicht mehr gesehen hatte. Viele Jahre waren vergangen, bis Herr Wimmer begriff, was er seiner Tochter angetan hatte und trotzdem hat sie ihm verziehen. Überglücklich konnten sie sich in die Arme nehmen und aussprechen. Nun konnte er auch auf die Hochzeit seiner Tochter und deren Verlobten gehen.
20. Neue Fahrgäste Neben Herrn Wimmer und der alten Dame stiegen noch zwei weitere Personen dieses Abteils aus dem Zug aus. Allerdings kannte ich diese Leute nicht, da sich zwischen uns immer die Vierer-Sitzreihe befand, in der auch der Polizist saß. Doch die freien Plätze blieben nicht lange leer, denn es dauerte keine drei Minuten, da saßen darauf schon neue Fahrgäste. Lediglich der Platz der alten Dame blieb vorerst leer. Auf den ehemaligen Platz von Herr Wimmer setzte sich nun eine Frau Anfang Dreißig. Sie trug dunkelbraunes langes Haar und hatte volle Lippen. Sie war eine echte Schönheit und zu dieser Erkenntnis schien auch der frischverheiratete junge Mann ihr gegenüber zu kommen, da er ihr unentwegt ins Dekolleté starrte. Ihre Haut war von reiner Natur und sah besonders zart aus. Ich musste mir selber eingestehen, dass wenn ich jetzt nicht schwul wäre, diese Frau mich enorm antörnen würde. „Hast du was verloren Malte?“, fragte die junge Ehefrau ihren Mann provokant, der der unbekannten Schönheit noch immer ins freizügige Dekolleté starrte. „W-Wie? Was? N-Nein, gar nicht Julchen.“, antwortete ihr Mann. Julchen… musste wohl so eine Art Kosename sein. In Wirklichkeit hieß sie dann vermutlich Julia. „Dann richte deine Augen doch bitte auf die wirklich wichtigen und schönen Dinge im Leben.“, meinte seine Frau zu ihm. „Sieh doch, wir fahren wieder und wenn du aus dem Fenster blickst, dann siehst du eine wunderschöne Landschaft.“ „Also… Schönes findet man auch hier drinnen vor.“, sagte Malte, der nur widerwillig sein Blick von der schönen Unbekannten lassen konnte. Doch seine Worte sollte er schnell bereuen, denn seine Frau zwickte ihn nun in die Schulter und er verspürte einen beißenden Schmerz. „Ich hoffe, dass du mich damit meinst!“, rief Julia ihm leicht erzürnt ins Ohr. Ich war beglückt. Es gab in diesem Zug auch noch andere Menschen die sich stritten. Doch über die schöne Unbekannte war ich dann doch ein wenig verwundert, denn sie ließ sich so gar nichts anmerken. War es ihr egal, dass man sie wie ein Zootier begaffte? Der verheiratete Mann war schließlich nicht der Einzige, der ständig Blicke zu ihr rüber warf. Der Polizist ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, alle zehn Sekunden zu ihr rüber zu starren, auch wenn er nicht besonders viel sah, da neben der schönen Frau noch ein Junge mit rotem stoppeligem Haar saß. Er nahm den freien Platz des Jungen ohne Fahrkarte ein, der in Leipzig aus dem Zug sprang. Neben der schönen Unbekannten sah er wie das hässliche Entlein aus, während sie wiederum die Rolle des schönen Schwan einnahm. Der Junge trug zudem eine Brille auf der Nase, die seine unzähligen Sommersprossen ein wenig verdeckte, und las gerade in einem Comic, dessen Titel ich gerade nicht erkennen konnte. Der unbekannten Schönheit neben ihr, schenkte er aber keinerlei Beachtung. War sie nicht sein Typ? „Erde an Milo. Hallo, bist du noch da?“, fragte mich eine Stimme, die sich anhörte, als würde sie von sehr weit wegkommen. Ich drehte meinen Kopf wieder gerade und blickte zu Erik. „Wenn ich jetzt nicht wüsste, dass du schwul bist, dann würde ich sagen, du hast der Frau gerade auf die Möp…“ „Psssscht.“, zischte ich ihn schnell an, da Erik mir das ein wenig zu laut sagte… und es auch nicht stimmte. Ich schaute zu der schönen Frau, doch schien sie Erik nicht gehört zu haben. „Sprich noch ein wenig lauter und vulgärer und du bist der Nächste, mit dem ich zu streiten anfange.“ „Apropos, hast du deine Meinung inzwischen geändert?“, fragte Erik mich. „Zu was?“, erwiderte ich mit einer selten dummen Gegenfrage. Erik wollte mir gerade antworten, da kamen ein kleiner Junge und eine hochschwangere Frau auf uns zu. Der kleine Junge setzte sich wortlos auf den leeren Platz von Liam. Erik und ich tauschten kurz Blicke miteinander aus, als die schwangere Frau und fragte: „Entschuldigt, ist dieser Platz noch frei?“, Sie schob ihre rutschende Handtasche wieder ein wenig nach oben und deutete auf den leeren Platz der alten Dame. Sie sah ein klein wenig erschöpft aus. „Ich glaube zwar, dass dies mein reservierter Platz nach Bern ist, aber ich habe mich gerade eben schon mal geirrt, als ich in den verkehrten Waggon eingestiegen bin. Jetzt musste ich drei Abteile zurücklaufen, was mich ziemlich angestrengt hat und ich wäre wirklich froh und erleichtert, mich endlich hinsetzen zu können.“ „Der Platz ist frei. Setzen sie sich doch bitte.“, antwortete Erik ihr besonders vornehmlich. „Oh, vielen Dank!“, stieß die schwangere Frau aus und ließ sich neben Erik auf den Sitz fallen. „Ich heiße übrigens Katharina. Dies wird euch vermutlich egal sein, da ihr mich nicht kennt, aber ich wurde von meinem Vater dazu erzogen, mich anderen Menschen vorzustellen, wenn ich mich mit ihnen unterhalte. Bis nach Bern sind es schließlich auch ein paar Stunden.“ „Das ist gar kein Thema. Ich heiße Erik.“, stellte sich Erik bei ihr vor und schüttelte ihr zur Begrüßung die Hand. Katharina lächelte ihm freundlich zu, während sie seine Hand schüttelte. „Milo.“, stellte ich mich nun ebenfalls bei ihr vor und beugte mich dabei über den Tisch, um ihre Hand zu schütteln, damit sie mit ihrer „schweren Last“ sich nicht so viel zu bewegen brauchte. Danach widmete ich mich ihrem Sohn, der nicht älter als zehn sein dürfte. Der Junge hatte braunes kurzes Haar, trug neongelbe Turnschuhe, eine hellblaue kurze Hose und ein grünes Shirt mit einer gespickten Kuh drauf. „Und wie heißt du?“, fragte ich den kleinen Jungen freundlich. Der kleine Junge blickte mich verwundert an. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet, dass ich ihn von der Seite her ansprach. „Mein Name ist Liam und wie ist dein Name?!“, erwiderte der kleine Junge mit einem frechen Grinsen. Ich wollte ihm antworten, doch sein Name brachte mich für einen kurzen Augenblick aus dem Konzept. Haben die Eltern heutzutage alle einen Knall? So ein schöner Name ist „Liam“ nun auch wieder nicht. Gibt viel schönere Jungennamen: Balthazar, Gotthard, Hamed, Arnulf, Ulf und so weiter. „Hallo Liam, ich heiße Milo!“, stellte ich mich dem kleinen Jungen schließlich doch noch vor. Ich und Erik tauschten erneut kurz gegenseitige Blicke aus. Liams Platz war mit dem kleinen Liam nun besetzt, aber das konnte doch nur bedeuten… Liam ist aus dem Zug ausgestiegen?!
21. Für immer fort? Das Liam in Frankfurt am Main aus dem Zug ausgestiegen ist, konnte ich mir einfach nicht vorstellen. So sehr konnte ich ihn gar nicht verärgert haben, dass er sich nicht einmal mehr von mir verabschiedet. Hätte ich ihn doch nur gefragt wo seine Reise eigentlich hingeht, aber Erik hatte Recht mit dem was er zu mir sagte. Ich hab Liam keine einzige persönliche Frage gestellt, aber daran war er ja auch nicht unschuldig… dieses Plappermaul. Jedenfalls saß nun eine Miniaturausgabe von Liam auf seinem Platz, aber das konnte doch nur bedeuten, dass dieser Platz in Frankfurt frei wurde und das Liam dort aus dem Zug ausgestiegen ist. Ich musste mir Gewissheit verschaffen… Ich stand von meinem Platz kurz auf, doch überlegte ich es mir anders und setzte mich wieder hin. „Was ist los?“, fragte Erik mich. „Willst du nicht nachsehen, ob Liam wirklich aus dem Zug gestiegen ist? Wenn sein Gepäck fort ist, wissen wir Bescheid.“ „Wieso sollte ich ihm hinterherrennen?“, fragte ich bockig und verschränkte die Arme. „Och Milo, ich dachte das hätten wir bereits geklärt.“, sagte Erik erneut enttäuscht von mir. „Die Labertasche hatte ständig seine Waffel offen, da wäre es doch wirklich nicht zu viel verlangt gewesen, wenn er sich von uns verabschiedet.“, verteidigte ich meine Haltung. Plötzlich wich Eriks Enttäuschung einem breiten Grinsen. „Haha, jetzt verstehe ich.“ Ich starrte meinen damaligen besten Freund verwirrt an. „Falls Liam wirklich aus dem Zug ausgestiegen ist, dann bist du sauer, dass er sich nicht von DIR verabschiedet hat. Und warum? Ganz einfach, weil er dir gefällt! Versuch es gar nicht erst zu leugnen Lolo, denn ich hab dich durchschaut!“ „Das ist überhaupt nicht wahr und nenn mich nicht Lolo, verstanden?!“, schrie ich Erik aufgebracht an. Der kleine Junge neben mir erschrak ein klein wenig und rutschte von mir weg und auch Katharina war über meinen plötzlichen Ausbruch etwas verwirrt und verängstigt. „Entschuldigung!“ „Nehmen sie es ihm nicht übel, er ist nur gerade ein wenig konfus, was bei ihm völlig normal ist, aber meistens ist er ein ganz friedliebender und fröhlicher Mensch.“, erklärte Erik Katharina. „Boah, rutsch mir doch den Buckel runter! Ich geh jetzt Liam suchen, aber nur damit du endlich Ruhe gibst und um dir zu beweisen, dass deine Behauptungen nicht stimmen.“, sagte ich und stand erneut von meinem Platz auf, während Klein-Liam mich in den Gang raus ließ. „Es gibt noch einen zweiten Liam?“, hörte ich Katharina Erik fragen. „Ja…“, antwortete Erik ihr schmunzelnd, aber ansonsten etwas wortkarg. Ich wollte gerade zu den Schlafabteilen aufbrechen, als die automatische Wagentür sich vor meinen Augen öffnete und ein Zugbegleiter das Abteil betrat. „Personalwechsel. Fahrkartenkontrolle!“ „Entschuldigen Sie, dürfte ich noch kurz ins Schlafabteil gehen?“, fragte ich den Mann freundlich. „Befindet sich dein Fahrschein dort?“, erwiderte der Zugbegleiter mit einer Gegenfrage. „Ähm nein, aber ich müsste da kurz etwas überprüfen…“, antworte ich verlegen, doch war mir die Antwort des Zugbegleiters hierauf natürlich sofort klar. „Zuerst dein Fahrschein und wenn alles passt, kannst du gehen wohin du willst.“, antworte der Zugbegleiter mir, der keinerlei Anstalten machte, mir aus dem Weg zu gehen. Ich wollte mich auch nicht zur Wehr setzen, da es ein Hüne von einem Mann war, mit breitgebauten Schultern. Also zog ich schnell mein Ticket aus meinem Rucksack, der sich oben in der Ablage befand, und überreichte dem Zugbegleiter mein Ticket. Dieser brauchte doppelt so lange wie der erste Mitarbeiter der Bahn, um mein Fahrschein zu kontrollieren. Schließlich bestätigte er mein Ticket und ich stopfte es mir zufrieden in die linke Hosentasche, damit ich nicht noch einmal meinen Rucksack von der Ablage herunter holen musste. Inzwischen kontrollierte der Zugbegleiter das Ticket des kleinen Liam, was ebenfalls einwandfrei zu sein schien. Danach waren die Tickets von Katharina und Erik an der Reihe. Für mich wurde derweil der Weg zu den Schlafabteilen freigegeben. Ich rannte sofort los, doch wusste ich eigentlich selber nicht einmal, warum ich es plötzlich überhaupt so eilig hatte. Wenn Liam ausgestiegen ist, dann konnte mir dies doch nur Recht sein. Ich stand vor der Tür zu unserem Schlafabteil, doch traute ich mich nicht hinein zu gehen. Wenn er nun aber doch noch hier war? Dann saßen Katharina und ihr Sohn vielleicht doch im falschen Waggon. Sie sagte ja bereits, dass sie sich diesbezüglich nicht sicher war. Sollte Liam da drinnen sein, dann würde ich ihm den Kopf abreißen, weil er mich inzwischen so verrückt machte. Ach halt…, Erik wollte ja, dass ich mich wieder mit ihm vertrage und Herr Wimmer bat mich auch darum. Diesen Wunsch konnte ich ihm eigentlich nicht abschlagen, doch es war immer noch meine Entscheidung, mit wem ich befreundet sein möchte und mit wem nicht. Liam ist ein lustiger Kerl, aber er hat es zu weit getrieben, das ist nun einmal Fakt! Trau dich Milo und öffne die Tür, sprach ich zu mir selbst. Liam erlebt jetzt sein blaues Wunder! Ich schöpfte neuen Mut und schob die Tür mit einem Ruck ganz auf. „Ha, hab ich dich erwischt!“, rief ich ins Abteil… doch das war leer. Also das Abteil war nicht gänzlich leer. Mein Gepäck lag noch immer am Boden und meine leer gefutterte Lunch-Box lag auf dem unteren Bett. Auch Liams Gepäck befand sich noch immer im Raum. Er war also tatsächlich noch an Bord dieses Zuges, aber er selber war nicht aufzufinden. Komisch. Wo könnte er nur abgeblieben sein? Vielleicht saß er wieder einmal auf dem Klo…, aber dort fange ich jetzt ganz sicher nicht an nach ihm zu suchen. Das kann er vergessen und Erik konnte dies ebenfalls nicht von mir erwarten. Ich schloss die Tür zu unserem Schlafabteil wieder und machte mich auf den Rückweg zu Erik und den anderen Passagieren. Ich hatte Liam zwar nicht gefunden, aber dafür den Beweis, dass er sich noch immer hier irgendwo an Bord dieses Zuges befand.
22. Die schwangere Katharina Ich wusste nicht was ich fühlen sollte. Erleichterung, dass Liam sich noch immer an Bord dieses Zuges befand, oder doch lieber Enttäuschung, da er mir vermutlich auch weiterhin gehörig auf den Keks gehen wird. Nun ja… momentan war er ja nicht aufzufinden, was bedeutete, dass ich die Ruhe noch etwas genießen sollte, ehe der ganze Ärger mit ihm wieder von vorne losging. Andererseits gab es da nun noch etwas zu klären. Katharina und ihr Sohn saßen wohl doch auch den falschen Plätzen. Vermutlich mussten sie in den hintersten Zugwaggon. Ich sollte die schwangere Frau schonend darauf vorbereiten, denn sie ruhte sich nach wie vor auf dem Platz aus, auf dem sie gerade saß. Als ich wieder in den Zugabteil zurückkehrte, unterhielt sie sich gerade mit Erik. Ich wollte die Beiden nicht stören, also schwieg ich erst einmal. Stattdessen kümmerte ich mich um den kleinen Liam, der nach wie vor still auf seinem Platz saß. Er schaute nach unten zu seinen Füßen, die in der Luft baumelten und sie bewegte, als würde er gerade einen Tanz aufführen. Ich beugte mich lächelnd zu dem kleinen Jungen runter. Er dachte, ich wolle wieder hinten rein auf meinen Platz, doch dem war nicht so. „Hey Liam, willst du dich vielleicht ans Fenster setzen?“, fragte ich ihn. „Dann kannst du ein wenig beim Fenster hinaus blicken. Da gibt es viele tolle Sachen zu sehen.“ Und wie der kleine Liam wollte. Mit einem Ruck rutschte er an den Fensterplatz, während ich mich neben ihn setzte und ihn noch etwas beobachtete. Dies war natürlich nur vorübergehend. Liam – also ich meine den Großen – war schließlich noch immer nicht zurückgekehrt. Solange konnten Katharina und ihr Sohn natürlich noch sitzen bleiben. Erik unterhielt sich mit Katharina. Offenbar waren sie auf einer Wellenlänge. Für mich kam das nicht sonderlich überraschend, denn Katharina schien genau der Typ Frau zu sein, für die Erik früher immer schwärmte, bevor er sich auch Jungs hingezogen fühlte – und zwar sowohl optisch, als auch von der Persönlichkeit her. Sie war eine junge Frau mit langem braunem Haar. Wenn sie zu lachen anfing, dann sah es so aus, als hätte sie zwei Hamsterbäckchen. Sie hatte eine sehr schöne Haut und gut gepflegte Fingernägel, kam aber weder eitel noch arrogant rüber. Ich versuchte ihrer Unterhaltung zu folgen, um mitreden zu können. Erik fragte sie, in welchem Monat der Schwangerschaft sie sich gerade befand. „Ich bin nun im achten Monat.“, antwortete sie Erik. „Ich weiß, zu diesem Zeitpunkt noch mit dem Zug umher zufahren ist waghalsig und gedankenlos, aber ich wollte mir den sechsten Geburtstag meiner Nichte nicht entgehen lassen, die zugleich auch mein Patenkind ist.“ „Deine Nichte lebt in Bern?“, fragte Erik sie weiter. „Dies ist nämlich auch mein Reiseziel.“ „Ja, meine Schwester und ihr Mann leben dort zusammen mit ihr. Ihr Mann ist dort aufgewachsen und sie konnte ihm den Wunsch nicht abschlagen, von Deutschland in die Schweiz zu ziehen. Naja, sie leben dort aber glücklich und zufrieden und das ist doch die Hauptsache.“, sagte Katharina. „Mein Mann und ich hingegen sind in einem Dorf in der Nähe von Frankfurt am Main sesshaft. Meinen Mann kriegen keine zehn Pferde aus Deutschland heraus – schon gar nicht in die Schweiz. Er wäre wohl heute trotzdem mit mir mitgekommen, aus Sorge um mich, aber seine Arbeit verlangt seine Anwesenheit. Er ist Sanitäter müsst ihr wissen.“ „Oh, ich stell mir das praktisch vor, so jemanden im eigenen Haus zu wissen.“, warf ich ein. „Und wie!“, stieß Katharina laut lachend aus. „Er hat mich auch nicht gehen lassen, ohne mich vorher noch einmal gründlich abzuchecken. Doch in vier Stunden kommt der Zug ja in Bern an und meine Schwester holt mich dort vom Bahnhof ab – inzwischen sogar nur noch dreieinhalb Stunden.“ „Und wisst ihr auch schon, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?“, fragte Erik Katharina. „Nein. Mein Mann und ich wollen uns in dieser Hinsicht überraschen lassen.“, antwortete Katharina ihm freudestrahlend. „Wenn es ein Junge werden sollte, nennen wir ihn womöglich Richard und sollte es ein Mädchen werden, werden wir sie auf den Namen Sophie taufen.“ „Beides sehr schöne Namen.“, sagte ich lächelnd, während Katharina mit ihrer Hand liebevoll über ihren Bauch streichelte, der natürlich enorm groß war. Liam würde sicherlich wieder einen dummen Spruch von sich geben, wie „Sind sie so gefräßig, oder einfach nur fett?!“. „Apropos Namen. Liam ist auch ein sehr schöner Name…“, sagte Erik zu Katharina, die ihn etwas verwirrt anstarrte, dann jedoch zustimmte indem sie mit dem Kopf nickte. „Milo wolltest du unseren großen Liam nicht suchen gehen? Hast du ihn gefunden? Habt ihr euch ausgesprochen?“ „Nein, ich hab ihn nicht gefunden, aber sein Gepäck liegt noch immer im Schlafabteil, was bedeuten muss, dass er hier irgendwo rumgeistert.“, antwortete ich Erik. „Deshalb gehe ich auch davon aus, dass sie doch auf dem falschen Platz sitzen, Katharina. Katharina starrte mich überrascht und verwirrt an. „Wirklich? Komisch…, als der Zugbegleiter vorhin mein Ticket kontrolliert hat, hab ich noch einmal nachgesehen und ich war der Meinung, dass dies zu neunundneunzig Prozent mein Platz ist.“ „Das kann aber leider nicht sein.“, erklärte ich ihr, mit der Betonung auf das Wort „leider“, da sie echt nett zu sein schien und der kleine Liam mir tausendmal lieber als der große Liam war. „Wenn sie hier sitzen würden, dann würde ihr Sohn ja auf demselben Platz wie unser großer Liam sitzen.“ „M-Mein Sohn?!“, stieß Katharina nun erschrocken aus. „Entschuldigung, aber ich bin das erste Mal schwanger. Ich dachte der kleine Junge gehört zu euch…“ Nun war die Überraschung für uns alle gleichermaßen groß. Erik, Katharina und ich tauschten Blicke miteinander aus, ehe sich unsere Augen auf den kleinen Liam richteten, der mit einem Mal noch kleiner wurde, als man ihn ertappte.
23. Kleiner Junge, große Probleme! Kleiner, kleiner Liam… und nicht der Sohn von Katharina! Okay, jetzt war ich mehr als verwirrt, doch schien ich damit nicht der Einzige zu sein. Katharina blickte mich fragend an und Erik verstand die Welt nicht mehr. „Nochmal zum Mitschreiben für alle.“, sagte ich schließlich, nachdem ich versuchte meine Gedanken zu ordnen. „Dieser Junge“, ich zeigte mit dem linken Zeigefinger auf den kleinen Liam und stupste ihn dabei sachte an, „ist gar nicht dein Sohn?“ „Ich bin zum ersten Mal schwanger!“, entgegnete Katharina erneut. „Ich hab den Jungen in meinem ganzen Leben noch nie zuvor gesehen.“ „Wir dachten das aber, weil er zusammen mit dir hier ankam und sich mit dir auf die freien Plätze hier setze.“, erklärte Erik ihr und sagte ihr damit das, was auch ich mir vorhin dachte. „Das war nur Zufall. Er ging auf einmal vor mir, aber ich weiß wirklich nicht wer der Junge ist.“, sagte Katharina und Erik und ich glaubten ihr selbstverständlich. „Hey Junge, wer bist du und wo kommst du her?“, fragte ich den Jungen schließlich. „Ich heiße Liam, das hab ich dir doch bereits gesagt und ich komme aus einer deutschen Stadt.“, antwortete der Junge mir schlagfertig. Mit solchen Antworten wusste ich nur wenig anzufangen. „Hey Liam, reist du etwa alleine?“, fragte Erik ihn nun, während ich mich schweigsam zurücklehnte. Doch Liam antwortete Erik auf diese Frage hin nicht, noch machte er irgendeine Gestik, die uns weiter half. Stattdessen wandte er seinen Kopf wieder zum Fenster und blickte hinaus. „Was sollen wir denn jetzt machen?“, wandte sich Erik fragend an mich. „Woher soll ich das denn wissen?!“, erwiderte ich überfordert. „Offenbar scheint der Junge alleine unterwegs zu sein und das in so jungen Jahren…“, meinte Katharina. „Liam, magst du uns verraten wie alt du gerade bist.“ Liam wandte sich nur widerwillig vom Fenster ab. Er starrte Katharina mit einem bösen, aber süßen Blick an. „Ich bin überhaupt nicht alt! Ich bin gerade mal sieben Jahre jung!“ So ein frecher kleiner Kerl…, an wen mich der wohl erinnert. Erik, Katharina und ich warfen uns weiterhin fragwürdige Blicke zu. „Ganz schön jung, um alleine zu reisen.“, sagte ich schließlich. „Ich meine…, der Junge ist nicht größer als ein Gartenzwerg. Welche Eltern lassen ihr Kinder alleine mit einem Zug reisen?“ Den Satz mit dem Gartenzwerg hätte ich mir mal lieber gespart, denn der kleine Liam fand dies überhaupt nicht lustig und rächte sich dafür an mich, indem er mir mit seiner rechten Faust in die Eier schlug… „Auuuuuuuuuiiiiiiii. Das waren meine Kronjuwelen!“, jaulte ich auf. „Was soll an denen denn schon wertvoll sein?“, fragte Erik mich belustigt, der das Ganze offenbar auch noch witzig fand. „Pass lieber auf was du sagst Milo. Der Junge ist schlagfertig!“ „Was du nicht sagst. Das wäre mir jetzt gar nicht aufgefallen.“, reagierte ich gereizt, während ich mich noch immer vor Schmerzen krümmte und diesen kleinen Bastard innerlich verfluchte. „Liam, bist du alleine unterwegs?“, fragte Katharina den Jungen erneut. Doch wieder erhielt sie keine Antwort „Ich glaube das Beste wird sein, wenn wir den Zugbegleiter aufsuchen und diesen um Hilfe bitten. Würde einer von euch ihn vielleicht holen gehen?“ „Ich mach das schon.“, sagte Erik ganz schnell und Katharina ließ ihn in den Gang hinaus. „So wie ich das sehe, wird Milo in der nächsten Zeit sowieso nirgends mehr hingehen können.“ „Boah Erik, halt deinen Mund und verschwinde!“, rief ich meinem alten Schulfreund wütend zu, der sich einen Spaß daraus machte mich zu ärgern und mit einem Grinsen ins nächste Abteil verschwand. Ich hielt es für das Beste den kleinen Liam so lange in Ruhe zu lassen, bis Erik mit dem Zugbegleiter zurückkehrte, doch Katharina wagte einen weiteren Versuch. „Liam, magst du mir vielleicht mal dein Zugticket zeigen?“, fragte sie ihn, doch Liam schüttelte nur mit dem Kopf. „Schade.“, meinte Katharina zu mir. „Wenn dein Freund immer noch auf diesem Platz sitzt, dann muss der kleine Liam logischerweise auf dem falschen Platz sitzen. Wenn wir wüssten, wo sein richtiger Platz wäre, könnten wir dort mit ihm hingehen und schauen, ob wir jemanden finden, der ihn kennt.“ Mal davon abgesehen, dass der große Liam nicht mein Freund ist…, so wunderte es mich doch noch immer, welcher verantwortungslose Mensch sein Kind alleine lässt. Andererseits schoss mir gerade noch ein ganz anderer Gedanke durch den Kopf. „Liam, bist du vielleicht weggelaufen?“ „Willst du noch einen Schlag in deine Weichteile?“, antwortete mir der kleine Junge mit einer Gegenfrage und mir klappte vor Schreck der Mund auf. So ein frecher kleiner Bastard! „Entschuldigung!“ Eine ältere Frau kam an unserem Platz und stellte sich ganz vornehm vor uns hin. Sie trug eine schlichte Kleidung und eine große Brille lag auf ihrer Nase. Sie hatte kurzes braunes Haar, das sie sich allerdings rot färben ließ und hier und da waren bereits Falten in ihrem Gesicht zu erkennen. Ich betete, dass sie die Mutter des kleinen Jungen war, doch meine Gebete wurden leider nicht erhört. „Ich sitze da vorne am Platz und ihr Problem drang bis zu mir vor. Ich arbeite als Kindergärtnerin und dachte mir, dass ich vielleicht einmal mit dem Jungen reden kann. Ich arbeite zwar vorzugsweise mit sehr kleinen Kindern, aber ich denke, dass ich auch mit diesem Jungen klar komme. Jungs in dem Alter sind verspielt und störrisch. Bitte lassen sie es mich einmal versuchen.“ „Bitte. Tun sie sich keinen Zwang an, aber geben sie Obacht.“, sagte ich zu der netten Dame. Ich räumte meinen Platz und gesellte mich neben Katharina, die auf Eriks Platz am Fenster rutschte. Mir war es sehr recht, dass ich aus der Schlagreichweite des Jungen kam. Die Kindergärtnerin setzte sich neben den kleinen Liam und versuchte sich ihm langsam anzunähern. „Hallo Liam, so heißt du doch nicht wahr?! Ich bin die Frau Wolle, aber du kannst mich auch gerne Astrid nennen. Magst du mir nicht erzählen, wieso du hier ganz alleine sitzt?“ Wow, soweit waren wir auch schon, aber ich war nun sehr gespannt auf die Antworten des kleinen Jungen. „Ich sitz doch gar nicht alleine. Hier sitzen noch die liebe schwangere Frau, der dumme Junge mit den kaputten Weichteilen und nun auch noch sie, sie verschrumpelte alte Tante!“, antwortete Liam ihr ganz frech. Mit so einer schlagfertigen Antwort hatte ich bereits gerechnet. Mir schoss automatisch ein Gedanke in den Kopf: Ob es wohl verboten war, Satansbraten aus dem Zug zu werfen?! Doch Frau Wolle ließ sich nicht so leicht unterkriegen, auch zeigte sie keinerlei Spur von Ärgernis, weil sie als verschrumpelte alte Tante beschimpft wurde. Stattdessen entgegnete sie Liam mit einem smarten Lächeln. Die Frau hat Nerven aus Stahl. Solche sollte ich mir vielleicht auch mal zulegen, oder aber noch besser Eier aus Stahl! „Liam, was soll denn das? Glaubst du, dass du mit deinem Verhalten uns gegenüber irgendetwas erreichst? Wir wollen dir doch nur helfen!“ „Helfen? Helfen?!“, Klein-Liam schien aufgebracht zu sein. Es war eine automatische Bewegung von mir, dass ich meine Hände schützend über meine Kronjuwelen hielt. „Wenn sie mir wirklich helfen wollen, dann lassen sie mich in Ruhe und bringen sie meinen Dad hinter Gittern!“
24. Wer ist der Vater? „Bitte was?“, stieß Frau Wolle irritiert aus und auch ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Hat der kleine Liam gerade tatsächlich darum gebeten, dass wir seinen Vater hinter Gitter bringen sollen? Noch ehe Frau Wolle weitere Fragen in Bezug auf Liams Vater stellen konnte, kehrte Erik zusammen mit dem hünenhaften Zugbegleiter zurück. „Wie mir zu Ohren kam, sitzt hier ein kleiner Junge ohne Begleitung eines Erwachsenen.“, sagte der Zugbegleiter, dessen Stimme sehr tief war. „Ja…“, sagte ich und zeigte auf den kleinen Liam. „Junge, dürfte ich bitte noch einmal deine Fahrkarte sehen.“, forderte der Zugbegleiter den kleinen Liam auf, der ihm nur sehr widerwillig sein Ticket überreichte. „Platz 92 in Wagen Nummer 6. Mit anderen Worten, dass dies hier nicht dein Platz ist. Kommst du bitte mit mir!“ „Äh… einen kurzen Moment bitte!“, bat ich den Zugbegleiter und richtete mich vor ihm auf, doch fühlte ich mich ihm gegenüber wie ein kleiner Zwerg. „Hören sie, es gibt das eventuell ein Problem. Vielleicht sollten wir erst einmal zu dem ihnen genannten Platz gehen und schauen, ob sich dort jemand aufhält, der den Jungen auch kennt. Würden Sie vielleicht solange auf den Jungen aufpassen?“ Ich richtete meine Frage an Frau Wolle, die verständnisvoll nickte. Auch der Zugbegleiter erklärte sich dazu bereit und so ging ich zusammen mit ihm, Erik und einer weiteren Person in Wagen Nummer 6. Auf dem Weg dorthin berichtete ich dem Zugbegleiter von dem, was uns der kleine Liam erzählte. „Kinder können heimtückisch und gemein sein, aber kein Kind würde doch einfach so von sich geben, dass er seinen Vater am liebsten hinter Gittern sehen würde.“ „Wir werden der Sache auf den Grund gehen.“, sagte die vierte Person, die uns auf dem Weg in Wagen Nummer 6 begleitete. Es war der couragierte Polizist aus meinem Abteil und er stellte sich dem Zugbegleiter als Kommissar Petz vor. Wie praktisch, einen Polizisten mit an Bord zu haben. Tut mir wirklich außerordentlich leid Kommissar Petz, dass wir ihre Dienste in Anspruch nehmen, wo sie sich doch womöglich auf dem Weg in den Urlaub befinden.“, sagte der hünenhafte Zugbegleiter. „Schon in Ordnung.“, winkte Kommissar Petz locker ab. „Ich war eh gerade dabei mich zu langweilen, da kommt ein bisschen Arbeit nicht ungelegen.“ „Ich wünschte, mir wäre mal langweilig.“, hörte ich den Zugbegleiter vorne vor sich hin murmeln. Ich und Erik tauschten amüsierte Blicke aus. Ein wirklich sehr abenteuerlustiger Tag ist das heute! Wir Vier durchquerten den Speisewagen und kamen schließlich an der Tür zu Wagen Nummer 6 an. Die automatische Tür öffnete sich und zunächst einmal folgte eine Reihe von Schlafabteilen, ehe wir zu den Sitzplätzen kamen, von denen einer dem kleinen Liam gehörte. Der Zugbegleiter schritt auf Platz Nummer 92 zu und kam dort zum Stillstand. Wie bei mir, bestand auch dieser Platz aus vier Sitzen, wovon einer frei zu sein schien. Vermutlich der Platz des kleinen Jungen Liam. Die übrigen drei Plätze waren mit jeweils einem Mann besetzt. Der erste Mann trug Lederstiefel, eine lange schwarze Hose, sowie ein dunkelblaues Hemd. Sein Outfit wäre mir bei der Hitze entschieden zu heiß, obwohl es irgendwie zu ihm passte, da er sehr finster drein schaute. Ich würde jede Wette eingehen, dass er der Vater des kleines Liam ist, doch war sein Platz schräg gegenüber von dem freien Platz, was nicht wirklich Sinn ergab, wenn er zusammen mit seinem Sohn unterwegs war. Neben dem finster drein schauenden Mann saß ein etwas schwergewichtiger Typ mit Glatze und Schnurrbart. Ich vermutete stark, dass er sich die Haare vom Kopf selbst abrasierte und sie ihm nicht nur einfach ausgefallen sind. Des Weiteren machte er einen sehr netten Eindruck, doch schätze ich ihn ehrlich gesagt zu alt ein, um der Vater des kleines Liam zu sein. Auf dem Fensterplatz, neben dem freien Platz vom kleinen Liam, saß wiederum ein sehr schlanker Mann, mit stoppeligen Bart und sommerlicher Kleidung – allem voran stach mir sein Hawaiihemd ins Auge. Der Typ sah etwas schräg aus und optisch konnte ich keine Ähnlichkeit zwischen ihm und dem kleinen Liam entdecken, aber vielleicht täuschten mich auch meine Augen. „Oh, verzeihen Sie bitte.“, sagte ich zu einem sitzenden Mann hinter mir, dem ich versehentlich auf die Füße trat. Der Mann erwiderte kein Wort, also widmete ich mich wieder dem Geschehen vor mir. Mein siebter Sinn sagte mir nach wie vor, dass der Vater des kleinen Jungen der mit dem düsteren Gesichtsausdruck sein muss, aber ob dieser ihm wirklich schräg gegenüber saß? Normalerweise würde man doch immer zwei Plätze nebeneinander buchen, oder aber genau gegenüber, wenn man zu zweit unterwegs ist, deshalb erschien mir mein Verdacht wieder nichtig, doch ließ ich den Zugbegleiter und den Polizisten nur machen. Kommissar Petz behielt sich bedeckt und sagte kein Wort. Sollte der Vater des kleinen Liam wirklich eine Straftat begangen haben, sollte dieser keinesfalls gewarnt werden. Andererseits war es schon sehr auffällig, dass wir hier nun zu viert im Gang standen. Die Fahrgäste in diesem Abteil warfen uns allmählich neugierige Blicke zu, während der Zugbegleiter mit den drei Männern kommunizierte. „Entschuldigen Sie die Herren, aber reist einer von ihnen zufällig in Begleitung eines kleinen Jungen?“ Als der Zugbegleiter den drei Männern die Frage stellte, setzte jeder von ihnen einen anderen Gesichtsausdruck auf. Der Mann mit dem Hawaiihemd gab Verwirrtheit zum Ausdruck, der düster drein schauende Mann schaute nur noch finsterer aus der Wäsche und der Mann mit der Glatze rümpfte die Nase und fühlte sich nicht einmal angesprochen. Doch alle schüttelten sie hinterher den Kopf! „Keiner?“, harkte der Zugbegleiter nach. „Hier saß vorhin zwar ein kleiner Junge, aber zu mir gehörte der nicht, sofern sie den meinten.“, sagte der Mann, denn ich als Vater eigentlich unter Verdacht hatte. „Von welchem Jungen ist hier denn bitte die Rede?“, fragte der Mann mit dem Hawaiihemd. „Sie müssen wissen, dass ich mich erst gerade wieder hingesetzt habe, da ich mich für ein kleines Mittagsschläfchen in meinem Schlafabteil aufs Ohr gelegt hatte.“ „Und ich bin gerade eben erst vorhin in Frankfurt am Main eingestiegen, aber da saß hier kein kleiner Junge.“, antwortete der Mann mit der Glatze. Dilemma hoch drei! Also damit hatte ich wahrlich nun nicht gerechnet. Keiner der drei Männer wollte der Vater des kleinen Liam sein, aber für mich war klar, dass einer der Drei uns ein Lügenmärchen auftischte. Kommissar Petz kam wohl zu demselben Entschluss, denn er forderte die drei Männer auf, uns zurück in Wagen Nummer 2 zu begleiten. Liam dürfte seinen Vater unter den drei Männern wohl erkennen dürfen und wenn er diesen wirklich hinter Gittern sehen möchte, dann wird er uns die Wahrheit sagen. Also marschierten wir – inzwischen zu Siebt – zurück in Wagen Nummer 2. Die drei Männer begleiteten uns nur widerwillig, aber einem Kommissar wollten sie sich dann doch nicht widersetzen. „Ist das nicht irre aufregend?!“, flüsterte Erik mir vor Begeisterung ins Ohr. Meine Freude hielt sich allerdings in Grenzen, denn eigentlich wünschte ich mir nur endlich etwas Ruhe…! Zurück in unserem Abteil, stellten sich drei Männer vor dem kleinen Liam auf. Frau Wolle saß nach wie vor neben ihm und passte auf ihn auf – mit mehr oder weniger Erfolg – doch dafür schien nun Katharina verschwunden zu sein. „Liam, leider wissen wir nicht wer dein Vater ist und alle drei streiten es ab, dein Vater zu sein.“, erklärte der Zugbegleiter dem kleinen Jungen freundlich. „Würdest du uns bitte den Gefallen tun, und ihn für uns identifizieren? Wer ist dein Vater?“
25. Vater und Sohn Die drei Männer stellten sich vor Liam auf und alle warteten gespannt, wer der Vater des kleinen Jungen war. „Wer dieser drei Männer ist dein Vater, Liam?“, fragte der Zugbegleiter ihn erneut. Die Anspannung stieg inzwischen ins Unermessliche, denn ich wollte unbedingt erfahren, wer der Vater des kleinen Liam ist und wieso dieser seiner Meinung nach ins Gefängnis gehört. Liam schaute die drei Männer ganz genau an. Ich konnte beobachten, wie seine Augen von einem Mann zum Nächsten wanderten und er sie von oben bis unten musterte. Danach schloss er für einen kurzen Augenblick seine Augen, was mich stutzig werden ließ. Schließlich öffnete er seinen Mund und gab uns eine Antwort, mit der so gar keiner gerechnet hatte: „Keiner dieser drei Männer ist mein Vater. Ich kenne sie nicht.“ Mit dieser Antwort hatte ich so gar nicht gerechnet. Ich war mir doch noch so sicher, dass dieser finstere Typ sein Vater war. „W-Was? Wie bitte?“, stieß der Zugbegleiter nun verwirrt aus und der kleine Liam wiederholte seine Aussage von gerade eben noch einmal. „Ja aber dein Platz ist doch die Nummer 92 und die drei Männer saßen auf den Plätze 91, 93 und 95.“, erklärte der Zugbegleiter dem Jungen. „Ja schon, aber mein Vater ist trotzdem nicht unter ihnen.“, erwiderte der kleine Liam. „Okay, dann muss ich dich nun darum bitten, mit mir zu kommen.“, sagte der Zugbegleiter zu Liam. Liam gehorchte nur sehr widerwillig, doch beugte er sich und stand von seinem Platz auf. „Entschuldigen Sie bitte.“, hörte ich inzwischen Erik zu Frau Wolle sagen. „Wo ist denn Katharina abgeblieben? Also die schwangere Frau meine ich.“ „Sie sagte, dass ihr etwas schwindlig sei, da riet ich ihr, sich in einen der Schlafabteile ein wenig hinzulegen.“, antwortete Frau Wolle Erik, während dieser sich wieder auf seinen Platz nieder ließ. „Was ist los? Kommst du nicht mit?“, fragte ich Erik, während der Zugbegleiter, der kleine Liam, Kommissar Petz und die drei Männer zurück in Wagen 6 marschierten. „Ne lass mal. Meine Beine sind müde, aber du kannst gerne mitgehen, wenn du unbedingt willst.“, erklärte Erik mir. Also machte ich mich ohne ihn auf den Weg, denn ich wollte wissen wie die Geschichte nun ausging und wer der Vater des kleinen Jungen war. Zugegeben…, ich machte mir auch ein wenig Sorgen um Klein-Liam, aber wirklich nur ein klein wenig, denn meine Kronjuwelen schmerzten nach wie vor. Wer der Erzeuger dieses frechen Jungen war, wollte ich nun wissen! Die Anderen waren bereits ein paar Schritte voraus, also ging ich etwas zügiger, um sie wieder einzuholen. Auf dem Weg in Wagen Nummer 6 konnte ich die drei Männer miteinander tuscheln hören. „Wissen Sie, was das alles zu bedeuten hat?“, fragte der Mann mit der Glatze den Mann mit dem finsteren Gesichtsausdruck, den ich ursprünglich für Liams Vater hielt. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung, aber es muss mit dem kleinen Jungen da vorne zu tun haben.“ „Schon eigenartig, dass der Junge so weit von seinem Vater entfernt sitzt.“, merkte der Mann im Hawaiihemd an. „Vielleicht ist etwas vorgefallen…“ Zurück in Wagen Nummer 6 stieg die Anspannung erneut an. Hoffentlich konnte Liam seinen Vater nun ausfindig machen. Der Zugbegleiter schritt voran und hielt erst an den vier leeren Plätzen an, auf die sich die drei Männer wieder setzten, ihre Blicke aber nicht von uns abwanden. Zwischen mir und Liam stand Kommissar Petz, wodurch ich den kleinen Jungen nicht richtig sehen konnte, aber was ich klar und deutlich zu erkennen vermochte war, dass sein rechter Zeigefinger auf den Platz zeigte, der links von Liams Sitzplatz lag. Somit saß sein Vater doch neben ihm, lediglich auf der anderen Seite des Flures und zu meinem Erstaunen war der Vater auch noch der Mann, dem ich vorhin erst versehentlich auf den Fuß getreten bin. „Das ist mein Vater.“, hörte ich Liam sagen. „Was hast du nun wieder angestellt du wandelnde Katastrophe?!“, stieß Liams Vater laut aus. „Entschuldigen sie Sir, aber sind sie der Vater dieses kleinen Jungen?“, fragte der Zugbegleiter den Mann, um auf Nummer sicher zu gehen. „Ja der bin ich… zwangsweise.“, antwortete Liams Vater, der mir mit seinem Verhalten äußerst suspekt war. Der finstere Mann von vorhin war da noch der reinste Sonnenschein, aber Liams Vater starrte nicht nur mürrisch drein, sondern war auch noch die Unfreundlichkeit in Person. „Sie lassen ihren Jungen alleine im Zug herum laufen? Machen sie sich denn gar keine Sorgen um ihn, dass ihm etwas zustoßen könnte?“, stellte der Zugbegleiter weitere Fragen. „Was soll in einem Zug denn schon groß passieren. Weglaufen kann er ja schlecht.“, antwortete der Mann mit Gleichgültigkeit in der Stimme und in mir schäumte es allmählich vor Wut. „Würden sie uns bitte ein Stück des Weges begleiten. Vielleicht gibt es einen Ort, an dem wir in Ruhe weiter sprechen können.“, meinte Kommissar Petz, der sich noch immer nicht als Polizist zu erkennen gab. Liams Vater schaute den Kommissar misstrauisch an, doch folgte er seiner Bitte und wir marschierten gemeinsam zurück zu den Schlafabteilen. Der Zugbegleiter schritt erneut voran und öffnete die Tür zu einem leeren Schlafabteil. Liam und sein Vater gingen rein und ich wollte ihnen folgen, doch wurde ich vom Arm des Kommissars zurückgehalten. „Endstation mein Junge. Ich denke ab hier ist es für alle Beteiligten das Beste, wenn wir privat unter uns sind.“ „O-Okay…“, sagte ich, denn traute ich mich nicht ihm zu widersprechen. „Nein bitte!“, hörte ich Liam auf einmal schreien. „Lassen sie ihn auch rein. Ich hätte ihn gerne dabei.“ Liams Reaktion überraschte mich ein weiteres Mal, doch schien er auch nicht mehr derselbe Junge von vorhin zu sein. Aus dem frechen Knirps war inzwischen ein Kind geworden, das völlig verängstigt und traurig zu sein schien. Kommissar Petz ließ mich schließlich gewähren und ich setzte mich zu Liam aufs Bett. Liams Vater lehnte sich ans Waschbecken, während Kommissar Petz und der hünenhafte Zugbegleiter aufrecht standen und Liam und seinen Vater genau beobachteten. „Zunächst einmal würde ich sie gerne nach ihrem Namen fragen.“, sagte Kommissar Petz. „Walter Schmitt.“, antwortete Liams Vater. „Dürfte ich vielleicht auch mal erfahren, wer Sie sind und was hier vorgeht? Der Junge ist mir davon gelaufen, na und?“ „Ich bin Kommissar Petz und nur rein zufällig an Bord dieses Zuges. Ihr Sohn hat eine Aussage gemacht, die den Zugbegleiter und mich sehr bedenklich stimmte. Herr Schmitt… ich will offen mit ihnen reden und ich erwarte von ihnen mindestens dasselbe. Ihr Sohn hat sich gewünscht, dass sie ins Gefängnis wandern. Können sie mir zu dieser Behauptung irgendetwas sagen? Überlegen sie sich genau, was sie nun antworten, denn notfalls werde ich es anordnen, ihr Gepäck untersuchen zu lassen und ihre Personalien zu überprüfen. Die Wahrheit kommt so oder so ans Licht.“ Ob Kommissar Petz gerade flunkerte? Ich war sehr gespannt auf die Antwort von Liams Vater. Dieser schien sich noch nicht sicher zu sein, was er antworten sollte. Schließlich sagte er: „Verdammt nochmal Liam…, drehst du nun völlig durch?!“
26. Familienkrise Es war mehr als offensichtlich, dass Liams Vater nun wütend zu sein schien. Doch worüber genau, wurde mir nicht so ganz klar. War er sauer, weil sein Sohn herum erzählte, dass er ins Gefängnis gehörte? Dann hätte er eben besser auf ihn aufpassen müssen und ihn nicht frei in den Gängen rumstolzieren lassen sollen. Mir kam es so vor, als steckte hinter der ganzen Sache viel mehr… „Ich muss mich für meinen Sohn entschuldigen.“, sagte Herr Schmitt in die Runde. „Ich befürchte, er weiß nicht wovon er spricht. Am besten ignorieren sie das, was er von sich gibt.“ „Ich glaube nicht, dass ich das tun kann.“, erwiderte Kommissar Petz. „Ihr Sohn behauptet schließlich, dass sie ins Gefängnis gehören und bei solchen Behauptungen muss ich der Sache nachgehen.“ „Sieh doch was du angerichtet hast, Liam. Bist du nun zufrieden? Ständig bereitest du mir Ärger. “, sagte Herr Schmitt erzürnt zu seinem Sohn, doch schlug seine Wut schnell in Trauer um. „Das hab ich nicht verdient… das hab ich alles nie gewollt!“ „Was haben sie nie gewollt?“, fragte Kommissar Petz nun etwas genauer, der den kleinen Liam und seinen Vater nicht aus den Augen ließ und ihr Verhalten genauestens studierte. „Es ist so… eigentlich bin ich gar nicht der Vater von Liam – zumindest nicht der leibliche.“, erklärte Herr Schmitt sich und allmählich kam Licht ins Dunkeln. „Liams Eltern haben sich bereits vor vielen Jahren getrennt. Sein Vater hat die Trennung damals nicht verkraftet und hat sich das Leben genommen. Irgendwann lernte ich Erica, also Liams Mutter, kennen und wir verliebten uns ineinander. Wir haben geheiratet, doch stand noch die Adoption von Liam aus. Erica bestand darauf, dass ich Liams neuer Vater werde und ihr zuliebe wollte ich ihr diesen Gefallen erwidern, obwohl ich nie besonders gut mit Kindern umgehen konnte. Doch dann ereignete sich ein schlimmer Autounfall, bei dem Erica leider ums Leben kam… Für mich war das natürlich ein großer Schock und für Liam natürlich genauso…“ Herr Schmitt erzählte die traurige Geschichte und alle Anwesenden hörten gebannt zu. Plötzlich spürte ich einen festen Griff, der meine Hand berührte. Ich blickte runter und sah, wie Liam Halt und Wärme bei mir suchte. Sein Körper zitterte wie Espenlaub und seine Augen waren verquollen. Er war den Tränen nahe. Der Tod seiner Mutter ging ihm sehr nahe und nun wurde mir sein bisheriges Verhalten auch verständlich. Er war nicht der freche und unverschämte Junge, was ein jeder von uns dachte, sondern ein kleiner Junge, der erst vor kurzem seine Mutter verlor. Ich hielt Liams Hand zunächst ganz fest, damit er sich nicht so allein fühlte, doch dann ging ich einen Schritt weiter und legte meinen kompletten Arm um ihn. Kurz darauf lehnte sich Liam an mich. Er weinte nicht und versuchte stark zu bleiben, was bei mir ein beherztes Lächeln erzeugte. „Bitte verstehen sie. Ich war mit der kompletten Situation einfach überfordert.“, erzählte Herr Schmitt weiter. „Liam war außer Rand und Band und ich am Ende meiner Kräfte. Also beschloss ich, ihn zu seinen letzten lebenden Verwandten nach Bern zu bringen – seinen Großeltern. Wir sind in Leipzig eingestiegen und ich irgendwann muss ich eingenickt sein. Liam muss die Gelegenheit genutzt und sich aus dem Staub gemacht haben, aber deswegen bin ich sicherlich kein Schwerverbrecher, der ins Gefängnis gehört. Ich habe nichts verbrochen, das müssen sie mir bitte glauben.“ Kommissar Petz und der hünenhafte Zugbegleiter warfen sich einen kurzen gegenseitigen Blick zu. Der Zugbegleiter nickte und Kommissar Petz richtete sich nun an Liam: „Stimmt das alles, was er uns soeben erzählte? Bitte sag uns die Wahrheit Liam. Ich verspreche dir, dass alles in Ordnung kommt.“ „Es stimmt…“, antwortete Liam nuschelnd und beschämt zugleich. Seine vorherigen Behauptungen schienen ihm inzwischen Leid zu tun und ich drückte ihn nur noch fester an mich. „Gut. Damit wäre der Fall klar.“, sagte Kommissar Petz lächelnd. „Bist du weggelaufen, weil du deinem Adoptivvater Kummer und Ärger bereiten wolltest, oder weil du nicht zu deinen Großeltern nach Bern willst?“ „Weder noch… ich wollte nur einfach nicht herumgereicht werden, das ist alles.“, erklärte Liam dem Polizisten. „Ich mag meinen neuen Papa doch eigentlich, aber er will mich einfach so weggeben…“ Herr Schmitt sah bestürzt drein und beugte sich zu Liam herunter, der inzwischen seine Arme um meine Taille gelegt hatte. „Es tut mir so unendlich leid, Liam. Ich will doch nur das Beste für dich, bitte versteh mich doch. Ich habe deine Mutter geliebt und dich natürlich auch, deshalb will ich doch auch, dass es dir gut geht und es dir an nichts mangelt. Deine Großeltern können dir so viel geben, was ich nicht kann und sie freuen sich auch schon sehr, dich endlich wieder zu sehen. Sieh mich doch an Liam, ich kann nicht mehr. Ich trauere so sehr um deine Mutter, dass ich nachts kein Auge zu bekomme. Ich habe Angst davor, etwas falsch zu machen und dir die Zukunft zu versauen.“ „Mit Verlaub, Herr Schmitt.“, mischte ich mich nun ein. „Der Tod ihrer Frau tut mir wirklich sehr leid, aber wenn sie sie geliebt haben und wenn sie Liam lieben, dann müssen sie stark bleiben und ihrer Angst entgegen treten. Liam braucht sie, auch wenn er sich nach außen hin stark gibt, so ist er innerlich doch noch immer ein kleiner Junge, der seine Mutter vermisst.“ Nach diesen Worten streckte sich Liam ein wenig, um mir etwas ins Ohr zu flüstern: „Treib es nicht zu weit, oder ich boxe dir noch einmal in deine Weichteile.“ Liam grinste mich frech an und ich riss entsetzt meinen Mund auf. „Du kleiner Wicht hast meine Gutmütigkeit schamlos ausgenutzt! Na warte, das gibt Rache!“, schrie ich, lachte jedoch dabei und fing an, Liam am ganzen Körper auszukitzeln. Liam lachte unaufhaltsam und alle Sorgen und Tränen schienen wie weggeblasen. „Für uns gibt es hier anscheinend nichts mehr zu tun.“, sagte Kommissar Petz und er und der Zugbegleiter verließen das Schlafabteil, nachdem sich Herr Schmitt noch bei ihnen bedankte. Schließlich hörte ich auf, Liam weiter auszukitzeln und es wurde wieder still im Abteil. Doch da kam Herr Schmitt eine Idee: „Liam… es tut mir Leid und dein neuer Freund hier hat Recht. Dich einfach abzuschieben ist falsch, das sehe ich nun ein. Dennoch benötigen wir beide Hilfe, weshalb ich deine Großeltern darum bitten werde, auch bei ihnen einziehen zu dürfen. Dann kann ich bei dir bleiben. Was sagst du dazu?“ Liams Antwort darauf fiel mit einer herzlichen Umarmung aus, die an seinen Adoptivvater gerichtet war. Ich beschloss die Zwei nun allein zu lassen und ging zurück in mein Abteil.
27. (K)Eine ruhige Minute Ich kehrte entspannt zu meinem Sitzplatz zurück. Von den vier vorhandenen Plätzen war zurzeit aber nur einer belegt. Erik saß an seinem Fensterplatz und hatte sich das Buch „Zehn zahme Ziegen zickten zurzeit“ stibitzt, das ich von Luisa geschenkt bekommen habe. Er schien sehr vertieft in die Geschichte zu sein und war bereits ein gutes Stückchen vorangekommen, da bereits ein paar der vorderen Seiten umgeblättert waren. „Und wie ist das Buch?“, fragte ich ihn neugierig. „Ich bin gerade mal auf Seite 32, aber bereits jetzt fesselt es mich ungemein.“, antwortete Erik mir lächelnd. „Wie lief es bei dir? Habt ihr den Vater des kleinen Liam ausfindig gemacht?“ Ich nickte zufrieden. „Ja haben wir und es ist alles gut ausgegangen. Er und sein Vater sind nun wieder glücklich vereint. Eine lange Geschichte, aber im Moment bin ich zu erschöpft um dir genauer davon zu berichten. Hättest du uns begleitet, müsstest du nicht fragen.“ „Ist ja gut…“, nuschelte Erik grinsend und fügte leise hinzu: „Schlappschwanz!“ „Ach, lass mich doch in Ruhe.“, sagte ich griesgrämig, da mich dies an meine noch immer schmerzenden Kronjuwelen erinnerte, die Klein-Liam beschädigt hat. Nebenbei schloss ich meine Augen und lehnte mich an den Vorhang, der sich zugleich als Kissen für meinen Kopf anbot. Endlich ein wenig Ruhe und ich genoss es in vollen Zügen. „In vollen Zügen“…, was für ein lustiger Spruch, in Anbetracht meiner derzeitigen Lage. Ich streckte meine Gliedmaßen und versuchte mich zu entspannen, als ich Eriks Stimme aus weiter Ferne entnahm – zumindest erschien es mir so. „Milo? Milo!“, hörte ich ihn nach mir rufen und nur sehr widerwillig öffnete ich wieder meine Augen. „Hm… was ist denn?“, fragte ich etwas träge, denn ich war inzwischen wirklich erschöpft. Erik starrte mich mit großen Augen an. Das Buch lag offen auf dem Tisch vor ihm, wodurch es ihm möglich war, seine Arme zu verschränken. Sein Blick war ernst und ich fragte mich, was er denn nun schon wieder wollte. „Hast du da nicht etwas Wichtiges vergessen?“, fragte er mich. Ich grübelte einen Moment nach, doch bei dem einen Moment blieb es auch, denn ich war aktuell einfach zu faul. Also schüttelte ich mit dem Kopf. „Okay ich gebe zu, dass meine Frage etwas unpräzise war, denn ob es etwas „Wichtiges“ ist, musst du für dich selber entscheiden.“, sagte Erik daraufhin. „Lass es mich also so ausdrücken: Hast du nicht etwas vergessen… Lolo?“ Lolo? Lolo?! Und mit einem Schlag kam es mir wieder. Ich gebe zu, dass der große, weitaus nervigere Liam für einen kurzen Augenblick aus meinem Gedächtnis verbannt war, aber wer konnte mir das verübeln? Mir ging es gerade recht gut und wenn ich an Liam dachte, sagte ich mir „Gott habe ihn selig“. „Ich hab doch bereits vorhin nach ihm gesucht und ihn nicht gefunden, Erik.“ „Dann such ihn eben noch einmal?!“, erwiderte Erik verständnislos. „Boah, bin ich sein Kindermädchen? Bin ich seine Mutter? Bin ich mit ihm verheiratet? Dreimal ein entschiedenes Nein!“, entgegnete ich nun lautstark. Meine Trägheit war somit wie weggeblasen. „Reg dich doch nicht gleich so auf.“, sagte Erik schmunzelnd. „Ob du ihn suchen gehst, oder nicht, bleibt schließlich dir überlassen. Ich wollte dich nur noch einmal darauf hinweisen, mehr nicht.“ Erik wusste haargenau, wie er mich zu bearbeiten hat. Er kannte mich von früher noch sehr gut und schon damals wandte er diesen Trick häufig bei mir an und immer hat es auch funktioniert. Doch nicht heute. Diese Zeiten waren vorbei! Ich lass mir doch nicht vorschreiben, was ich zu tun und lassen habe, ich… „Okay, ich geh ihn suchen.“, sagte ich schließlich und stand von meinem Platz auf. Erik blickte mir breit lächelnd hinterher, während ich zu den Schlafabteilen verschwand. Bestimmt war er nun mächtig stolz auf sich und seinen erneuten Triumph über mich. Ich beschloss Liam erneut in unserem gemeinsamen Schlafabteil zu suchen, doch als ich dieses betrat, erwartete mich dort eine Überraschung. „Katharina? Was tun sie denn hier?“, fragte ich die schwangere Frau, die in meinem Bett lag und bis gerade eben dort offensichtlich ein Nickerchen hielt. „Oh entschuldige Milo, ich hab mich wohl an der Tür geirrt.“, erklärte sie mir, während sie müde ihre Augen rieb. „Die Zugfahrt schlaucht mich mehr als ich zunächst annahm und da wollte ich mich ein wenig ausruhen. Allem Anschein nach bin ich eingenickt.“ „Ist schon in Ordnung, Katharina. Ruhen sie sich solange hier aus, wie sie möchten.“, sagte ich freundlich zu ihr. „Haben sie eventuell einen anderen Jungen hier reinspazieren sehen? Mit dunkelbraunen Haaren und blaugrauen Augen? Er ist auch etwas laut… und nervig…, aber hübsch, sehr hübsch sogar… das weiß ich, weil ich ihn halbnackt gesehen habe… und das kommt jetzt glaube ich etwas falsch rüber… sein Gesicht ist auch sehr hübsch… vor allem seine Lippen… Haben sie ihn gesehen? Nein? Gut, dann suche ich woanders, danke!“ Ich quasselte wie ein Wasserfall und zog die Tür hinter mir schnell zu, als ich spürte, wie mein Kopf schon wieder wie eine Tomate rot anlief. Mein Herz klopfte auch wieder zunehmend schneller. Dieser Liam raubt mir den letzten Nerv! Ich ging ein paar Schritte weiter, als sich eine andere Tür öffnete, die in ein weiteres Schlafabteil führte. „Ich danke dir für diese wunderschöne Zeit, Jonas.“, hörte ich eine vertraute Stimme rufen und da stand er endlich wieder vor mir: Liam! Er schien gerade sehr glücklich zu sein und lächelte. Als er mich entdeckte, wurde sein Lächeln nur noch größer. Ich hingegen warf einen Blick in das fremde Schlafabteil und zu dem Jungen, mit dem Liam bis gerade eben noch gesprochen hat. Der Junge trug strubbeliges blondes Haar und lag mit nichts weiter als seinen Boxershorts bekleidet in seinem Bett. „Oh hi Lolo. Hast du mich vermisst?“, fragte Liam mich grinsend. „Mensch, wieso bist du denn schon wieder so rot? Vielleicht solltest du diesbezüglich mal zu einem Gynäkologen.“
28. Unversöhnlich Die Tatsache, Liam endlich wieder gefunden zu haben, erfreute mich zugegeben, doch die Art und Weise des Wiedersehens sorgte bereits wieder für Unmut in mir. Liams dumme Sprüche war ich inzwischen gewohnt, das störte mich gerade gar nicht weiter. Was mich mehr störte und auch irritierte, war das Liam aus einem Schlafabteil kam, in dem ein halbnackter Junge im Bett lag. Was hat Liam da drinnen bei ihm getrieben? Will ich das überhaupt wissen? Seit seinem Verschwinden war einige Zeit vergangen… wer weiß, was er in der Zwischenzeit alles angestellt hat. „Du machst ein Gesicht wie ein dünnes Nilpferd mit Afromähne beim Kacken.“, sagte Liam zu mir. „Ja ich… was?!“, erwiderte ich perplex. Sein Beispiel ergab so gar keinen Sinn, doch entschied ich mich, dem lieber nicht genauer nach zu gehen. „Wo warst du die ganze Zeit? Ich hab dich gesucht!“ „Du hast mich gesucht? Oh ist das süß von dir!“, entgegnete Liam breit grinsend. Ich spürte, wie meine Wangen leicht zu glühen anfingen. „Hör auf mit diesem rumalbern und gib mir eine Antwort!“, sagte ich nun laut zu ihm. „Ich hab dich gesucht, aber nirgends gefunden. Warst du etwa die ganze Zeit über da drin bei diesem Kerl?!“ Liam atmete einmal tief ein und wieder aus, ehe er mir eine ausführliche Antwort auf meine Fragen gab: „Zur Info: Ich finde deine Eifersucht gerade außerordentlich antörnend und das du nach mir gesucht hast, finde ich wirklich niedlich, weshalb ich mich glaube ich dazu entschließen kann, dir deinen Ausbruch von vorhin zu verzeihen. Und nein, ich war nicht die ganze Zeit bei Jonas – so der Name dieses wirklich heißen jungen Knaben, den ich erst vorhin hier im Zug kennen lernte – davor saß ich noch auf der Toilette, denn mein Magen ärgert mich heute wirklich ungemein, es rumpelt und blubbert, als hätte ich verfaulte Eier mit Knoblauch auf einer Blutwurst gegessen. Eine sehr widerliche Vorstellung wenn du mich fragst. Da stellt sich mir doch gerade die Frage, woran man erkennt ob Eier noch schmackhaft sind. Damit mein ich übrigens nicht die Eier, die ein jeder Mann besitzt und zwischen den Beinen baumeln – Oh, jetzt hab ich Hunger auf ein leckeres Omelett.“ Liam schweifte vom Thema ab und versank in Gedanken. Ich wiederum stand einfach nur still und starr da – Liam war wieder zurück und mit ihm all die Gründe, warum er mir so auf die Nerven ging! Ich war wirklich sprachlos – schon wieder – also drehte ich ihm einfach den Rücken zu und torkelte zurück zu Erik. Liam schien mir gefolgt zu sein, denn als ich mich auf meinen Platz nieder ließ, spürte ich eine weitere Bewegung rechts neben mir, jedoch ohne hinzusehen. „Ah, du hast ihn gefunden.“, hörte ich Erik stolz sagen. „Ja und das ist alles deine schuld!“, rief ich nun Erik zu, denn meine Wut richtete sich nun an ihn, da er mich mehrmals dazu aufforderte, nach Liam zu suchen. „Hey, hey, immer mit der Ruhe. Was ist denn nun schon wieder los?“, fragte Erik mich. Ich antwortete Erik nicht, da ich nichts Falsches sagen wollte, doch dafür war Liam wieder in seinem Element und redete pausenlos. „Ich glaube Lolo ist eifersüchtig, weil er mich bei einem anderen Jungen vorfand – der unter uns gesagt, einen knackigen Hintern hat. Ich dachte, Lolo hat mich gesucht, um sich bei mir zu entschuldigen und jetzt muss ich feststellen, dass du ihn wohl dazu überredet hast, obwohl er dies eigentlich gar nicht wollte. Für einen kurzen Moment dachte ich also, Lolo hätte Eier in der Hose, aber da hab ich mich wohl geirrt. Moment… bedeutet das dann, er ist eine Frau? Och menno, ich hab immer noch Hunger auf ein Omelett.“ „Ich sehe schon, dass ist noch ein steiniger Weg zu eurer Versöhnung.“, hörte ich Erik daraufhin sagen. Ich schwieg weiterhin zu dem Thema. Versöhnung? Darauf kann er lange warten. Liam ist kein Mensch, sondern eine Nervenkrankheit! Am liebsten würde ich ihm das auch ins Gesicht sagen, aber ich riss mich zusammen. Gut, dass er meine Gedanken nicht lesen kann. Liam stupste mich von der Seite her an. „Ich weiß was du gerade denkst, Lolo.“ Schockiert drehte ich ihm mein Gesicht zu, was dazu führte, dass Liam mich wieder angrinste. „Ja, guck nicht so. Ich weiß was du denkst! Du würdest dich nämlich sehr gerne bei mir entschuldigen, aber hast nicht den Mumm dazu, nicht wahr?! Ist es dein Stolz der dir im Weg ist? Jetzt rede schon mit mir, oder hast du deine Zunge verschluckt? Wenn du sie verschluckt hast, kannst du mir dann sagen, ob sie nach Gummi geschmeckt hat? Ach so… ohne Zunge kannst du ja gar nicht mehr reden, ich Dummkopf!“ „Endlich mal ein wahres Wort!“, applaudierte ich und streckte meine Hände in die Höhe, als würde ich den Segen des Herrn empfangen. „Du bist ein Dummkopf! Damit hast du sowas von recht!“ „Hey, kein Grund gleich beleidigend zu werden.“, erwiderte Liam mit einem verletzten Gesichtsausdruck, doch mutmaßte ich, dass er innerlich alles andere als verletzt deswegen war. „Hab ich dich jemals beleidigt? Nein! Also sei mal ein wenig netter zu mir…“ „Ein Punkt für Liam.“, pflichtete Erik dem „Dummkopf“ bei, woraufhin ich ihm einen bedrohlichen Blick zu warf. „Ich mein das doch nicht böse, Milo. Ich will doch nur zwischen euch vermitteln.“ „Indem du dich auf seine Seite stellst? Das ist doch kein vermitteln.“, schimpfte ich mit ihm. „Ich hab das Gefühl, ihr habt euch gegen mich verbündet und wollt mich fertig machen!“ „Du meine Güte Milo, du reagierst total über.“, entgegnete Erik nun etwas lauter. „Ich glaube nicht, dass Liam dir was Böses will und ich erst recht nicht, aber das solltest du eigentlich wissen.“ „Ich mag dich Erik, hab ich das schon mal erwähnt?!“, hörte ich Liam sagen und rollte mit meinen Augen. „Vielleicht sollten wir uns einen ruhigeren Ort suchen und uns dort mal aussprechen. Was meinst du Lolo?“ Erik war von dieser Idee hocherfreut und schließlich gab ich klein bei und gab ihm meine Zustimmung, indem ich mich zu einem leichten Nicken hinreißen ließ.
29. Aussprache unter vier, nein sechs Augen „Ihr Zwei werdet euch nun aussprechen und vertragen, damit das klar ist!“, sagte Erik in einem strengen Befehlston zu Liam und mir, während wir gemeinsam zu unserem Schlafabteil schritten. „Ihr geht jetzt da rein und kehrt nicht eher wieder, bis ihr euch heiß und innig liebt.“ Ich warf Erik nach diesen Worten einen bösen Seitenblick zu, der reagierte sofort. „Das war doch nur so dahin gesagt!“ „Also ich hab nichts dagegen, wenn wir uns heiß und innig lieben.“, gab Liam grinsend zu. „Warum wundert mich das jetzt nicht?!“, erwiderte ich daraufhin mit einem gereizten Unterton. „Jetzt hört schon auf – auch du Liam – vertragt euch.“, sagte Erik und gab uns einen Schubser in unser Schlafabteil. Danach schob er hinter uns die Tür wieder zu und wir waren allein. Allein? Nicht ganz, denn Katharina lag noch immer in meinem Bett und hielt gerade ein kleines Nickerchen. „Vielleicht gehen wir doch besser woanders hin“, sagte ich schnell. „Nein.“, sagte Liam daraufhin bestimmend. „Du willst dich doch nur wieder aus der Affäre ziehen und vor mir flüchten, aber das lasse ich nicht zu. Wir reden jetzt – hier!“ „Wer von uns Beiden ist denn vorhin wie eine beleidigte Leberwurst davon gedüst?“, erwiderte ich aufbrausend und auch etwas herausfordernd. „Ich, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass du mich zu diesem Zeitpunkt auch schwer verletzt hast, aber das hast du wohl schon wieder vergessen.“, entgegnete Liam nun sehr viel ernsthafter. „Ja, weil du mir tierisch auf den Wecker gegangen bist und das schon seit Beginn dieser Zugfahrt! Du gehst hier jedem auf den Wecker!“, versuchte ich ihm zu erklären. „Erstens kann man nicht auf einem Wecker gehen, denn dafür sind die zu klein und sie würde sofort zu Bruch gehen und zweitens wollte ich nur freundlich zu dir sein. Ich bin eben ein sehr redseliger Typ, was passt dir daran nicht?!“ Liam starrte mich mit seinen blaugrauen Augen intensiv an und ich kam nicht umhin, seinen Blick zu erwidern. Für einen kurzen Augenblick versank ich in seinen Augen und driftete in andere Gedanken ab. „Liam an Lolo, hallo?!“ Ich kehrte zurück in die Realität. Liam und ich standen uns genau gegenüber und erst jetzt fiel mir auf, dass er ein wenig größer als ich zu sein schien. Naja Größe ist nicht alles, denn auf den Verstand kommt es auch an. „Wieso ich?“, gab ich schließlich als Gegenfrage zurück. Meine Frage war äußerst unpräzise, denn Liam schenkte mir einen verwirrten Blick. Also stellte ich die Frage etwas genauer: „Wieso musste es ausgerechnet mich treffen, dass ich mir ein Abteil mit dir teilen muss und wieso bist du so davon besessen, mich besser kennen zu lernen und mit mir zu quatschen und herum zu albern. Wieso lässt du mich nicht einfach in Ruhe? Du musst doch gemerkt haben, dass ich keinerlei Interesse daran habe, dich näher kennen zu lernen. Ich war die meiste Zeit unfreundlich zu dir und das obwohl du dich so darum bemüht hast, mich immer wieder zu Lachen zu bringen. Wieso also?!“ Nun kehrte für wenige Sekunden Ruhe im Abteil ein. Liam sagte kein Wort. Legte er sich gerade wieder eine lange und sinnlose Antwort in seinem Oberstübchen zurecht? Ich würde es gleich erfahren. Inzwischen konnte ich seinem Blick nicht mehr standhalten und wendete meinen Blick auf mein Bett, in dem Katharina seelenruhig schlummerte. Liam öffnete seinen Mund und seine Antwort überraschte mich, denn sie war kurz und ehrlich. „Weil du der erste Mensch seit langer Zeit bist, denn ich wirklich mag und bei dem ich es besser machen wollte, als bei den Menschen zuvor.“ „Das hört sich nach einer sehr interessanten Geschichte an.“, sagte ich daraufhin neugierig und das erste Mal auch wirklich interessiert an Liam und seinem Leben. Vielleicht war ich aber auch deshalb das erste Mal wirklich an ihm interessiert, weil er mal nicht herum alberte und mir eine ehrliche Antwort gab. „Jetzt würde ich doch gerne mehr über dich und dein Leben erfahren.“ Liam senkte seinen Kopf leicht, denn ihn schien irgendetwas traurig zu stimmen. „Also schön. Bevor es noch unangenehmer für uns alle Drei wird…“ stieß plötzlich eine weibliche Stimme aus. Katharina richtete sich im Bett auf. Ganz offensichtlich hatte sie die letzten Minuten gar nicht mehr geschlafen und uns heimlich bei unserem Gespräch belauscht. „Tut mir wirklich leid. Ich wollte nicht lauschen, aber ich bin mitten in eurer Unterhaltung wach geworden.“ „Einer schönen Frau wie ihnen, verzeihen wir natürlich sofort.“, meinte Liam galant und verbeugte sich dabei dezent. Macht er jetzt einen auf Kavalier, oder doch wieder auf einen Clown? Der Typ ist mir ein Rätsel, aber nun wo er mich schon einmal neugierig machte, wollte ich auch mehr über ihn erfahren und ich ließ mich nicht mit irgendwelchen Witzen von ihm abspeisen. „Hey Lolo, hast du dir vor Angst in die Hose gemacht?“, fragte er mich wie aus dem Nichts geschossen. Ich war verwirrt und verärgert zugleich. „Warum sollte ich?!“ „Hätte ja sein können, dass du Angst davor hattest, dich mit mir hier allein zu unterhalten. Außerdem würde das die Pfütze zu unseren Füßen erklären…“, antwortete Liam mir und ich war nur noch mehr irritiert. Ich blickte zu Boden und musste feststellen, dass wir tatsächlich in einer Pfütze standen. „Die Tür ist abgesperrt. Wieso ist die Tür abgesperrt?!“, rief Katharina plötzlich ganz panisch. „Das wird Erik gewesen sein…“, meinte ich grimmig und verfluchte Erik innerlich. Er setzte alles daran, mich und Liam zu versöhnen und inzwischen fragte ich mich, wieso ihm das so wichtig war. „Keine Panik auf der Titanic.“, sagte Liam entspannt. „Er wird uns schon wieder rauslassen, wenn Lolo und ich uns in den Armen liegen…, zum Henker, wieso ist hier der Boden so nass?!“ Katharina packte Liam feste an seinem rechten Ohrwaschel. Dieser stieß einen Schmerzensschrei aus. „Keine Panik?! Meine Fruchtblase ist geplatzt du Grünschnabel! Meine Wehen haben eingesetzt. Ich bekomme gerade mein Baby!“ Ich schluckte… das war das letzte Mal, dass ich mit einem Zug reiste.
30. Eine schwierige Geburt Katharina krümmte sich vor Schmerzen, während ihre linke Hand auf ihrem schwangeren Bauch lag und sie versuchte ein- und auszuatmen. „Wie das Baby kommt? Etwa jetzt?“, fragte Liam in einem selten dämlichen Tonfall. Katharina schien zwar unter Schmerzen zu leiden, doch brachte sie ihre Wut über diese dämliche Frage noch ganz gut zum Ausdruck: „Nein nicht jetzt, die Fruchtblase ist nur aus Jux und Tollerei geplatzt und Wehen verspüre ich auch so gar keine.“ Liam lächelte zufrieden und erleichtert. Meinte er das gerade wirklich ernst? „Natürlich jetzt du Dummkopf!“, schrie Katharina ihn kurz darauf an. „Oh… okay. Kannst du es nicht noch ein wenig zurückhalten?“, fragte Liam unbekümmert weiter. „Milo, würdest du deinem Freund bitte eine runterhauen. Ich würde es ja selber tun, aber das Baby… argh!“ Katharina stieß einen lauten Schmerzensschrei aus und ich kam ihr schnell zu Hilfe, indem ich ihr meinen Arm anbot und ihr auf mein Bett half. „Versuch langsam ein und auszuatmen.“, riet ich ihr unnötigerweise. „Was glaubst du eigentlich, was ich hier die ganze Zeit mache?!“, entgegnete sie fuchsteufelswild. Ich war ja für viele Probleme zu haben. Ich kümmere mich gerne um Leute, die meinen Rat brauchen, oder sich wegen Liebeskummer bei mir ausheulen. Ja ich helfe sogar kleinen frechen Kindern sich wieder mit ihrem Vater zu versöhnen, oder lege mich mit intoleranten Menschen wie diesem schnieken Mann an, doch einer schwangeren Frau das Kind zu entbinden, ging eindeutig zu weit! „Handy!“, stieß ich mit einem Mal laut aus. „Gute Idee. Dann kannst du Erik anrufen, er lässt uns hier raus und ich trete ihm in den Hintern.“, schlug Liam vor. Doch da gab es ein winziges Problem. „Mein Handy ist in meinem Rucksack und der befindet sich im Sitzabteil.“, erklärte ich schockiert. „Ich besitze kein Handy, aber vielleicht ist in der Handtasche der Frau ein Handy.“, meinte Liam. Ich sah schließlich nach und zu unserem Glück wurde ich fündig. Doch… „Akku leer.“, stellte ich bedrückt fest. „War ja sowas von klar. Wir müssen hier raus und zwar schnell.“ „Ja, aber die Tür ist abgesperrt. Dein toller Freund Erik hat uns eingesperrt.“, erwiderte Liam. „Das weiß ich auch, aber dann müssen wir eben um Hilfe schreien, oder die Tür aufbrechen.“, schlug ich schnell vor und versuchte dabei Ruhe zu bewahren. In Wirklichkeit bekam ich aber Schiss ohne Ende und wer Liam kennt, weiß, dass er keine allzu große Hilfe darstellte. „Um Hilfe schreien. Tolle Idee.“, sagte er, während Katharina vor Schmerzen schrie. „Die Frau brüllt wie ein Löwe und trotzdem hört uns keiner. Tür aufbrechen ist auch nicht, viel zu stabil, da würde ich mir ja jeden Knochen brechen!“ „Ha! Jetzt zeigst du dein wahres Gesicht!“, stieß ich triumphal aus. „Du bist ein Weichei. Du hast es ja noch nicht einmal versucht. Komm lass mich mal ran.“ Ich schubste Liam etwas ruppig zur Seite und setzte all meine Kraft dafür ein, diese dämliche Tür aufzubrechen. Doch all meine Mühe war vergeben, denn so oft ich auch meinen Körper gegen die Tür rammte, sie blieb verschlossen. „Erik dieser Idiot. Das verzeihe ich ihm nie!“, fluchte ich laut, während ich unbeirrt weiter machte. „Bist du bald fertig?“, fragte Liam deutlich genervt. „Du führst dich wie ein Rhinozeros auf.“ „Halt die Klappe!“, schrie ich ihn daraufhin an. „Ich tu wenigstens was. Du stehst hier nur rum und bist nutzlos. Das Einzige was du tust, ist wie üblich dämliche Aussagen von dir zu geben.“ Liam ignorierte meine Worte gekonnt, auch wenn es an ihm nicht ganz vorüber ging, dass ich ihn als nutzlos erachtete. „Wenn du mal aufhören würdest, deinen zuckersüßen Körper gegen die Tür zu rammen, dann wäre ich gewillt dir einen Vorschlag zu unterbreiten.“ Ich gab auf. Die Tür war undurchdringbar. Nun war ich aber sehr auf Liams Vorschlag gespannt, rechnete aber bereits wieder mit einer neuen dummen Idee. Inzwischen schrie Katharina unentwegt weiter. Die Wehen kamen immer schneller und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis das Baby kam. „Also.“, sagte Liam ruhig und ich fragte mich schon, wo er diese Gelassenheit her nahm. „Die Frau liegt in den Wehen und wir sind hier drinnen eingesperrt. Sehe ich das richtig?!“ „Scharf kombiniert Sherlock Holmes.“, entgegnete ich sarkastisch und sah mich aktuell in der Hölle. „Gut, dann gibt es nur eine Möglichkeit.“, sagte Liam. „Hört mal Jungs, egal was ihr vorhabt, ich bin für jede Idee zu haben nur beeilt euch bitte!“, rief Katharina uns zu, während ihre Wangen rot und feucht waren und regelrecht glühten. „Gut, denn wir werden nun dein Kind zur Welt bringen.“, erklärte Liam selbstbewusst. „WIR/IHR WERDEN/T WAS?!“, schrien Katharina und ich gleichzeitig wie aus der Pistole geschossen. „Das Kind entbinden… wir.“, wiederholte Liam, als wäre es das Natürlichste auf dieser Welt, dass zwei Jugendliche einer werdenden Mutter bei der Entbindung ihres Kindes helfen. „WIE BITTE?!“, stießen Katharina und ich wieder gleichzeitig aus. „Ihr solltet euch mal die Ohren putzen, dann muss ich nicht alles dreimal sagen…“, sagte Liam weiterhin gelassen, während ich nun völlig in Panik geriet. „Lolo und ich werden dein Kind zur Welt bringen, gnädige Frau. Du kannst dich mit Händen und Füßen dagegen wehren, aber am Ende verlängerst du damit nur deine Schmerzen und schadest dabei deinem Kind.“ „A-Aber das geht nicht.“, sagte ich nun stotternd, während Katharina die Stimme versagte. „W-Wir können das K-K-Kind nicht zur Welt bringen. D-Dafür benötigt man eine He-He-Hebamme.“ „Du meine Güte Lolo, lös den Knoten in deiner Zunge und hör auf dir in die Hose zu machen.“, sagte Liam im Befehlston zu mir. „Du musst das Kind nun zur Welt bringen, oder es wird sterben!“ „Wieso ich denn? Wieso machst du das nicht?!“, schrie ich Liam fragend an. „Weil ich die Frau erst seit etwa zwanzig Minuten kenne und du bereits seit fast drei Stunden. Ihr seid schon vertrauter miteinander.“, erklärte Liam mir, doch seine Logik leuchtete mir nicht ein. „Das war deine Idee, also bringst auch du das Kind zur Welt!“, entgegnete ich fest entschlossen und Liam widersprach mir ausnahmsweise mal nicht. „Warte, ich habe eine noch bessere Idee.“, sagte Liam und ich erwartete bereits die nächste irrsinnige Idee, denn schließlich hieß der Ideenträger Liam… Liam ging ein paar Schritte im Abteil und schien nach etwas zu suchen. Ich wartete gespannt ab, Katharina hingegen war alles andere als entspannt. Die Wehen machten ihr verständlicherweise schwer zu schaffen. „Wonach suchst du?“, fragte ich Liam schließlich ungeduldig, da meine Nerven mit mir durch gingen. „Nach dem hier.“, antwortete Liam mir, während er einen roten Hebel umlegte, unter dem ganz fett „Notbremse“ geschrieben stand.
31. Ein neues Leben Liam betätigte die Notbremse und ich rechnete bereits mit einem unsanften Stillstand des Zuges, doch zu meiner und auch Liams Überraschung, setzte der Zug seinen Weg unbeirrt fort. „W-Was ist los? Wieso bleibt der Zug nicht stehen?“, hörte ich Liam fragen – erstmals mit stotternder Stimme. Ich wusste darauf auch keine Antwort, erst als ich einen Blick aus dem Fenster warf, wurde es mir klar. „Wir fahren gerade durch einen Tunnel. Deshalb ist der Zug nicht stehen geblieben! Alle Züge haben Anweisungen nicht in Tunneln stehen zu bleiben, da dies zu gefährlich wäre.“ „Na toll und wie lange ist dieser ungelegene Tunnel?“, fragte Liam mich aufbrausend. „Aaaaaargh!“, schrie Katharina, während sie sich krampfhaft mit beiden Händen am Bettlaken fest hielt. „Ich halt das nicht mehr aus! Mein Baby kommt, mein Baby kommt!“ „Verdammt nochmal. Liam, wir müssen ihr helfen!“, schrie ich Liam zu, dem das Lachen nun auch endlich vergangen war. Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben, was mir einen kurzen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ. Ein ungewohnter Anblick für mich. Liam schritt Katharina zur Seite und kniete vor dem Bett nieder, während er ihre rechte Hand hielt. „Sie müssen jetzt ganz stark sein. Ihr Baby kommt und sie müssen anfangen gleichmäßig zu pressen.“ „Nein, das kann ich nicht und schon gar nicht hier!“, rief Katharina schweißgebadet, verängstigt und unter tränenden Schmerzen. „Ein Krankenhaus, ich muss in ein Krankenhaus!“ „Dafür ist jetzt keine Zeit mehr. Sie müssen pressen!“, rief Liam ihr laut zu, während ich der Meinung war, im falschen Film zu sein. Katharina fing schließlich an zu pressen und schrie dabei aus voller Kehle. Gerade im Moment war ich heilfroh, als Mann auf die Welt gekommen zu sein. Solche Qualen wollte ich nie erleben und würde ich zum Glück auch nie erleben. „Hey, wir sind aus dem Tunnel heraus!“, rief ich ein wenig erleichtert, als das Tageslicht im Abteil wieder Einzug hielt. Doch was würde nun geschehen? Katharina brachte gerade ihr Kind zur Welt und Liam half ihr dabei! Ich wiederhole: Liam half ihr dabei! Ich starrte zu den Beiden herüber und sah auf einmal ganz viel Blut. Mit einmal Mal wurde mir ganz schummrig um die Augen und dann… „Hey, Hey Milo!“, schrie Liam mich an. „Dass du mir hier jetzt nicht umkippst, hörst du! Milo? Milo!“ Doch es war bereits zu spät. Ich kippte bewusstlos nach vorne und blieb auf dem Boden liegen. Ich spürte noch wie der Zug eine Notbremsung ausführte, ehe ich mein Bewusstsein verlor. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einer grünen Wiese, über mir der blaue Himmel und weiße Wolken zogen an mir vorbei. Eine Wolke sah aus wie ein lachendes Baby. Ein lachendes Baby? Mit einem Mal saß ich aufrecht und versuchte mich an der Umgebung zu orientieren. Nicht weit von mir stand eine Kuh-Herde, die auf derselben Wiese weidete. Es stank furchtbar nach Bauernhof. „Besser ist es und du ruhst dich noch ein wenig aus.“, sagte eine vertraute Stimme zu mir. Es war Erik, der neben mir im Gras saß. Er reichte mir eine Wasserflasche, aus der ich nachfolgend ein paar Schlucke zu mir nahm, um Körper und Geist wieder in Schwung zu bringen. „Was ist geschehen? Wo sind wir? Was ist mit Katharina? Geht es ihr und dem Baby gut?“, fragte ich kurz darauf ganz schnell, nachdem ich mir die aktuellen Ereignisse wieder ins Gedächtnis rief. „Jetzt beruhig dich erst einmal. Allen geht es gut und niemand hat größeren Schaden erlitten.“, erklärte Erik mir im ruhigen Ton. „Nachdem Liam die Notbremse betätigt hatte und der Zug kurze Zeit später zum Stillstand kam, rannte ein Zugbegleiter herbei und stellte fest, dass euer Abteil zugesperrt ist. Das ging auf mein Konto. Ich hab dir in einem unbemerkten Augenblick deinen Schlüssel entwendet und euch beide dort eingesperrt, damit ihr euch wieder vertragt. Tut mir wirklich leid, da hab ich wohl Mist gebaut, aber ich hab es nur gut gemeint. Das musst du mir bitte glauben. Jedenfalls war der Zugbegleiter ganz schön stinkig auf mich, doch das war nur noch Nebensache, als er sah, was im Inneren des Schlafabteils vor sich gegangen war. Katharina hat ihr Baby zur Welt gebracht. Es ist ein Junge und beide sind wohlauf. Liam hielt den Jungen gerade in seinen Armen, als ich und der Zugbegleiter das Abteil stürmten. Er wird nun von allen als Held gefeiert!“ Erik grinste mich an. „Ich entdeckte dich auf dem Boden und dachte schon, dass du dir bei der Notbremsung den Kopf irgendwo angestoßen hast. Liam klärte mich schließlich auf, dass du nur in Ohnmacht gefallen bist, als du das viele Blut gesehen hast. Naja… jetzt steht der Zug seit fast einer halben Stunde schon hier und die Fahrgäste werden langsam ungeduldig, trotz ihres Verständnis für Katharina. Die wird übrigens gerade dort drüben in den Krankenwagen getragen, zusammen mit ihrem Baby. Wenn du dich also noch von ihr verabschieden willst, solltest du dich beeilen.“ Ich ließ meinen Blick umher schweifen und entdeckte eine Landstraße, auf der ein Krankenwagen stand. Ein paar Leute stande n dort rum, darunter der hünenhafte Zugbegleiter und Liam. Ich stand von der Wiese auf und marschierte an der Seite von Erik zu ihnen rüber. „Bitte warten Sie!“, rief ich den Sanitätern gerade noch rechtzeitig zu, als Katharina gerade auf einer Liege in den Krankenwagen gehievt werden sollte. „Geht es ihnen gut, Katharina?“, fragte ich die frischgebackene Mutter. „Mir geht es gut, ja. Ich bin so glücklich. Endlich hat mein kleiner Richard das Licht der Welt erblickt.“, antwortete Katharina mir freudestrahlend. Ihr Sohn heißt also Richard. Ein sehr schöner Name. „Wo werden sie sie hinbringen?“, fragte ich den Zugbegleiter, der neben mir stand. „In ein Krankenhaus, nur eine Ortschaft weiter. Ihr Reiseziel war zwar Bern, aber das hätten wir erst in einer dreiviertel Stunde erreicht. Das wäre also zu weit weg.“, erklärte der Zugbegleiter mir. „Was ist mit ihrer Schwester?“, fragte ich nun wieder an Katharina gewandt. „Ich hab darum gebeten, dass sie kontaktiert wird. Sie weiß schon bescheid und wird mich und Richard noch heute Abend im Krankenhaus besuchen kommen.“, antwortete sie mir. „Ich danke euch Jungs so sehr. Ihr habt mir und dem Baby das Leben gerettet. Vielen Dank, euch Beiden!“ „Ach, das war doch nicht der Rede wert.“, meinte Liam ritterlich. „Es tut mir wirklich leid, aber wir müssen nun langsam weiter.“, meinte der hünenhafte Zugbegleiter. „Der Zug hat einen Zeitplan einzuhalten und wir haben nun große Verspätung.“ „Dann heißt es wohl jetzt Abschied nehmen.“, sagte ich lächelnd zu Katharina. Katharina reichte mir zum Abschied die Hand, ehe sie in den Krankenwagen gehievt wurde. „Passt gut auf euch auf Jungs. Mein kleiner Richard und ich sind euch zu ewigen Dank verpflichtet. Es ist schön, dass ihr euch wieder vertragen hat. Freunde halten eben zusammen.“ Ich wandte meinen Kopf zu Liam, der mich nur breit angrinste, während Erik stolz auf sich war, da sein Plan vollends aufging, wenn auch anders als erwartet. „Dies ist ein glücklicher Tag für alle, denn ein neues Leben hat das Licht der Welt erblickt. Dafür können wir dankbar sein.“, meinte Liam. Sein Grinsen wich einer für mich sehr rätselhaften Miene. Da war er wieder… der traurige Blick.
32. Liam + Liam = psychisch und physisch nicht ertragbar! Der Krankenwagen, mit Katharina und ihrem kleinen Richard an Bord, fuhr davon und auch der Zug konnte seine Reise nun endlich wieder fortsetzen. Als er langsam wieder los fuhr, blickte ich durch die Glasscheibe der Waggontür. Was für ein Tag…, dass ich live bei einer Geburt dabei sein würde, hätte ich mir heute Morgen in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt. Nach einer Minute wandte ich mich von der Tür ab und schritt zusammen mit Liam und Erik in unser Abteil zurück. Viele Gedanken schossen mir auf dem Weg dorthin durch den Kopf und ein Anliegen lag mir ganz besonders auf dem Herzen. „Du Liam…“, sagte ich mit etwas schüchterner Stimme. Liam drehte sich unterm Gehen zu mir um und wartete gespannt darauf, was ich ihm zu sagen hatte. „Du hast dich wirklich sehr gut geschlagen im Schlafabteil. Das es Katharina und ihrem Baby so gut geht, haben sie nur dir zu verdanken. Wirklich großartig. Das hätte ich dir im Leben nicht zugetraut.“ Da war es wieder. Liams smartes Lächeln, das jedes Eis zum Schmelzen brachte. „Ich hab mir das ehrlich gesagt selber nicht zugetraut, aber ich hatte schließlich keine andere Wahl oder? Menschenleben standen auf dem Spiel. Wärst du nicht in Ohnmacht gefallen, dann hättest du an meiner Stelle doch ganz sicher genauso gehandelt, oder?“ Ich schämte mich dafür, mein Bewusstsein verloren zu haben, aber beim Anblick vom vielen Blut ist mir zuerst schlecht und dann einfach schwindelig geworden. Ich fühlte mich mies deswegen, als hätte ich Katharina und Liam in unserer gemeinsamen misslichen Lage in Stich gelassen. Liam schien meine Gedanken zu lesen, denn er legte mir tröstend seine Hand auf die Schulter. „Ist schon gut Lolo. Allen geht es gut und es gibt keinerlei Gründe dir irgendwelche Vorwürfe zu machen. Lass uns die weitere Zugfahrt einfach nur genießen. Vergessen wir auch unseren Streit, okay? Freunde?“ Liam streckte mir zum Zeichen seiner Freundschaft die Hand entgegen. Er konnte ja richtig nett sein. Was ist mit dem nervigen Liam geschehen? Ich erwiderte seine Geste, nickte und schenkte ihm ein Lächeln, während sich unsere Hände berührten. Liam hatte sehr zarte Hände… ach was rede ich da?! „Hey, ihr Beiden! Jetzt kommt endlich!“, rief Erik uns zu, der schon weiter voran gegangen war. Liam und ich warfen uns einen kurzen Blick zu und erstmals hatte ich das Gefühl, dass wir soeben das Gleiche dachten. Wir Beide hatten noch ein Hühnchen mit Erik zu rupfen… uns einfach einzusperren. Andererseits... ist sein Plan aufgegangen. Liam und ich haben uns wieder vertragen. Kein Grund also unnötigen Ärger herauf zu beschwören. Kaum zu glauben, dass ich das nun denke, aber Liam hat Recht. Niemand wurde verletzt und allen geht es gut. Plötzlich spürte ich einen gewaltigen Schmerz zwischen meinen Beinen, als ob mir jemand mit einem Stock in meine Kronjuwelen schlug – und genau so war es auch! Mit Tränen in den Augen und vor schäumender Wut im Bauch, drehte ich mich zu meinem Attentäter herum, der so groß war, dass er mir gerade einmal zum Bauchnabel reichte. „Liam, du kleiner Wicht!“, stieß ich laut aus, als ich Klein-Liam vor mir stehen sah. Dieser grinste mich frech an, auch wenn ihn etwas zu stören schien. „W-Was? Ich hab doch gar nichts getan!“, rief der große Liam mir von hinten zu. Ach stimmt. Er kennt seine Miniaturausgabe ja noch gar nicht. Na das dürfte jetzt lustig und interessant werden. „Ist es richtig, was man sich im Zug erzählt?“, fragte mich der kleine Liam. „Ein dummer Jugendlicher hat die Notbremse gezogen, weil er in seinem Schlafabteil eingesperrt war, in dem sich auch eine schwangere Frau befand, die gerade ihr Kind zur Welt brachte?!“ „Ähm ja…?!“, entgegnete ich verwirrt und noch immer unter Schmerzen. „Ja danke dafür.“, sagte Klein-Liam wütend. „Ich hab zu diesem Zeitpunkt gerade ein leckeres Eis gegessen, was ich mir bei der Notbremsung über die Hose gekippt habe. Ich fühlte mich wie ein Eiszapfen und das habe ich nur dir zu verdanken. Nur du kannst auf diese glorreiche dumme Idee kommen, die Notbremse zu ziehen. Haben alle großen Jungs nur Pudding im Hirn?!“ „Bist du dann langsam fertig?“, fragte ich ihn mürrisch. „1. Eis auf der Hose – sieht zwar peinlich aus, ist aber halb so wild. 2. Nicht ich war es der die Notbremse gezogen hat, sondern er hier!“ Ich packte den großen Liam an der Schulter und stellte die Beiden miteinander vor. „3. Darf ich vorstellen: Liam das ist Liam, Liam das ist Liam. 4. Meine Kronjuwelen tun höllisch weh!“ Die beiden Liams starrten sich an und waren ganz geschockt beim Anblick des jeweils anderen. Klein-Liam war der Erste, der seinen Ich-Zustand wieder fand. „Ach hab dich nicht so, Milo.“, sagte er frech grinsend zu mir, ehe er sich wieder an seine größere Namensausgabe wandte. „Du warst es also der die Notbremse gezogen hat…“ Liam wich verängstigt einen Schritt zurück. Ich kicherte innerlich, denn nun würde er auch einen Tritt oder Schlag abbekommen. „Dann warst du es auch, der das Kind der Schwangeren zur Welt brachte. Das war gute Arbeit. Du bist jetzt ein Held!“ Der große Liam strahlte nun über beide Ohren, während mir schockiert die Kinnlade runter fiel. „W-Was?!“, stieß ich entsetzt aus. „Du lobst ihn? Wieso schlägst du mich, aber ihn verschonst du?“ „Vielleicht weil meine Kronjuwelen wertvoller sind als deine.“, meine der große Liam breit grinsend dazu. Da war er wieder – der alte Liam – er war leider nicht allzu lange fort. „Nein das ist es nicht. Ich ärgere dich einfach nur gerne, Milo.“, erklärte Klein-Liam. „Haha, ich finde den Kleinen niedlich. Können wir den adoptieren?“, fragte Liam mich lachend. Ich grummelte vor mich hin. „Übrigens Kleiner, unser lieber Lolo hier, ist vorhin in Ohnmacht gefallen.“ „Waaaaas wirklich? Das ist ja mal peinlich.“, sagte Klein-Liam und fing laut an zu lachen. Sein größeres Exemplar stimmte in dem Gelächter mit ein. Ein kleiner Liam und ein großer Liam. Welcher der Beiden ist nun schlimmer und wen werfe ich als erstes über Bord?
33. Das durchgeknallte Quartett Ich weiß bei bestem Willen nicht, wieso mich der liebe Herr im Himmel so bestraft. Was habe ich ihm getan, dass er mir heute zwei Liams auf den Hals hetzt? Einer schlimmer als der andere! „Trägst du mich Huckepack, Milo?“, fragte der kleine Liam mich und machte dabei eine Schnute um mich zu verführen, doch nicht mit mir! Klein-Liam blickte mich von unten traurig an, doch ich blieb standhaft! Diese Schnute… „Also schööööön, aber nur bis zu unseren Plätzen.“ Ach verdammt… „Yippie!“, jubelte Liam mit ausgestreckten Händen und kurz darauf sprang er auf meinen Rucken. „Uff… bist du schwer.“, stöhnte ich. Ich starrte zum großen Liam, der ganz plötzlich ebenfalls so eine traurige Schnute zog. „Oh nein, vergiss es! Du läufst auf deinen eigenen zwei Beinen, oder ich hacke sie dir eigenhändig ab, samt deinen unnützen Gliedmaßen, die eh nur herum baumeln.“ Liam wollte Einspruch dagegen erheben und bei seinem Charakter ahnte ich die kommenden Sätze schon voraus. Ausnahmsweise kam ich ihm mal zuvor. „Wage es nicht jetzt etwas zu sagen, was unsere neu angefachte Freundschaft auf einen Schlag wieder zerstören könnte!“ Liams Mund klappte wieder zu. So machten wir uns schließlich auf den Rückweg zu unseren Plätzen. Dort angekommen wurden wir erst einmal Zeugen eines Telefongesprächs. „Ich vermisse dich jetzt schon.“, sagte ein junges Mädchen mit blonden lockigen Haar in ihr Handy. Am anderen Ende der Leitung hatte sie vermutlich gerade ihren Freund. „Ich liebe dich so sehr, bis dann!“ Sie legte den Hörer auf und lächelte sanft. „So wir sind da. Bitte alles aussteigen, oder in deinem Fall runter steigen.“, sagte ich zu Klein-Liam, während sich der große Liam und auch Erik bereits wieder auf ihre Plätze setzten. „Och menno. Ich will aber noch nicht.“, jammerte Klein-Liam, doch ließ ich ihm keine andere Wahl. „Apropos besteigen. Ich…“, setzte Liam zu einem neuen Satz an, doch mein bedrohlicher Blick brachte ihn jäh wieder zum Schweigen. „Ach… war nicht so wichtig.“, sagte er hinterher. „Liam, wo ist eigentlich dein Vater?“, fragte ich den kleinen Liam, doch fühlten sich beide Liams gleichermaßen angesprochen. „Nicht du. Der kleine Liam.“, klärte ich schnell auf. „Keine Sorge. Ich bin ihm nicht schon wieder weggelaufen. Ich habe ihn gefragt, ob ich mich noch von euch verabschieden darf, ehe wir in Bern aus dem Zug steigen.“, antwortete Klein-Liam mir. „Er holt mich hier in Kürze ab. Ich wollte mich noch bei dir bedanken, dass du für mich da warst…“ Der kleine Liam wurde auf einmal ganz schüchtern und verlegen, was mir ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Er kann wirklich süß sein… wenn er will! „Das hab ich doch gerne gemacht.“, meinte ich. Plötzlich beugte sich der große Liam nach vorne. Irgendetwas oder irgendjemand schien seine Aufmerksamkeit zu erregen. „Boah, die Göttin der Schönheit!“, stieß er aus und so langsam konnte ich ihm folgen. Er meinte sicherlich die brünette Schönheit am Fenster gegenüber, die neben dem Jungen mit dem roten stoppeligen Haar saß. Der Junge hatte sein Comicheft inzwischen zur Seite gelegt und daddelte eifrig mit seinem Handheld. Von dem frisch verheirateten Ehepaar fehlte jedoch jede Spur. Entweder waren sie im Speisewagen, oder in ihrem Schlafabteil, wo sie… „Ach, das habe ich euch ja noch gar nicht erzählt.“, sagte Erik, der sich ein Lachen nur schwerlich verkneifen konnte. Wir lauschten alle aufmerksam seinen Worten. „Bei der Notbremsung vorhin kam es zu einem kleinen Eklat. Die unbekannte Schönheit verlor dabei jeglichen Halt, ebenso der junge Mann der ihr gegenüber saß. Auf einmal hatte er seine Hände auf ihrem Dekolleté. Seine Frau wurde fuchsteufelswild und scheuerte ihm hinterher eine. Danach ist sie zu ihrem Schlafabteil abgezischt. Ihr Mann ist ihr hinterher, aber ob die Beiden sich inzwischen wieder vertragen haben, kann ich euch leider nicht sagen. Der hübschen Frau schien das allerdings gar nichts auszumachen…“ „Cool.“, gab Klein-Liam begeistert von sich. Ob er von solchen Dingen überhaupt schon eine Ahnung hatte. Ich bezweifelte es und gönnte mir ein paar Schlucke aus meiner mitgebrachten Flasche, die mir meine Mutter in den Rucksack gepackt hatte. „Ob ich ihre Möpse auch mal hupen darf?!“ Ein Wasserstrahl schoss aus meinem Mund, quer über die Sitzreihe, so schockiert und überrascht war ich über diese Worte. Ich traf Erik im Gesicht, der nicht viel anders schaute als ich. Liam hingegen lachte sich kaputt und lag schon halb unterm Tisch, weil er kaum noch Luft zum Atmen bekam. „Hab ich was falsches gesagt?“, fragte Klein-Liam uns hinterher ganz unschuldig und mit einem Engelsblick. „Themawechsel bitte.“, sagte ich nach einer Minute, nachdem sich alle wieder ein wenig beruhigt hatten. Ich blickte zu Erik, der sich gerade mit einem Tuch sein Gesicht abwischte. „Wie bist du eigentlich auf die dämliche Idee gekommen, uns im Schlafabteil einzusperren?“, fragte ich ihn. Die Stimmung wurde mit einem Mal etwas unangenehmer, aber Klein-Liam ließ sich davon nicht beirren. Da er am Gang saß, konnte er hin und wieder einen Blick rüber zu dem rothaarigen Jungen werfen und ihn dabei beobachten, wie er sein Videospiel spielte. Erik und ich tauschten Blickte miteinander aus. Bevor er in Bern aus dem Zug aussteigt, hatte ich noch ein paar Fragen an ihn, die ich ihm jedoch gerne unter vier Augen stellen würde. „War klar, dass die große Vorwurfs-Arie noch auf mich wartet.“, sagte Erik trocken. „Es mag dumm gewesen sein ja, aber meine Absichten dahinter waren wirklich ehrenhaft. Das musst du mir glauben.“ „Ehre, was ist das? Kann man das essen?“, fragte Liam desinteressiert. „Halt die Klappe, Liam!“, sagte ich kurz und bündig zu ihm. Inzwischen wusste ich gut, wie ich mit ihm umzugehen hatte, also wandte ich mich schnell wieder Erik zu. „Warum war es dir eigentlich so wichtig, dass Liam und ich uns wieder vertragen? Du kennst ihn auch nicht viel länger als ich.“ „Ist doch jetzt egal.“, sagte Erik und versuchte das Thema zu wechseln. „Wir halten in Kürze in Bern und dann werden wir uns wieder für eine längere Zeit nicht sehen, noch voneinander hören. Sollten wir da nicht über wichtigere Dinge reden?“ „Das hier ist wichtig, Erik!“, erwiderte ich hartnäckig. „Die ganze Zugfahrt über predigst du mir, ich soll Liam doch eine Chance geben bla bla, wir sollen uns wieder vertragen bla bla, wir sollen uns besser kennen lernen bla bla. Warum ist dir das überhaupt so wichtig?“ Erik starrte mich wortlos an. Schließlich senkte er geheimnisvoll seinen Blick. „Liam, jetzt sag doch auch mal was dazu!“ „Ich? Du hast doch gesagt ich soll die Klappe halten…!“, entgegnete Liam geistig verwirrt. Ich verdrehte meine Augen. Erstmalig hörte Liam auf mich, dann wenn er nicht horchen sollte.
34. Wiedergutmachung Ich und Erik hatten noch ein paar Dinge zu klären, auch wenn Erik das vielleicht anders sah. Doch viel Zeit blieb mir nicht mehr, denn der Zug steuerte unaufhaltsam den nächsten Bahnhof an. „Meine sehr geehrten Fahrgäste, in Kürze erreichen wir Bern Hauptbahnhof. Aktuell haben wir eine Verspätung von genau achtunddreißig Minuten. Wir bitten dies vielmals zu entschuldigen und hoffen dennoch, dass sie uns mit ihrer Anwesenheit bald wieder beehren. Danke an alle aussteigenden Fahrgästen. Der Ausstieg ist in Fahrtrichtung rechts.“, hörte ich die Stimme des Zugschaffners aus dem Lautsprecher. „Komm mit!“, befahl ich Erik und stand von meinem Platz auf, indem ich mich an Liam vorbei mogelte. Dieser war kurz davor auch aufzustehen, doch hielt ich ihn zurück. „Bitte bleib hier bei Liam, Liam…“, bat ich ihn freundlich drum. „Warte hier mit ihm auf seinen Vater.“ Liam war alles andere als begeistert, doch erhob er zu meiner Erleichterung keinen Einspruch und zog ein Kartenspiel aus seiner Hosentasche. Na hoffentlich veranstaltet er kein Strippoker, dachte ich mir. „Was ist jetzt?“, fragte Erik mich, als wir das Schlafabteil von mir und Liam betraten und ich hinter mir die Tür schloss. „Geht es etwa immer noch darum, weil ich darauf bestand, dass du dich mit Liam wieder verträgst? Was willst du denn noch von mir hören?!“ Ich brauchte ein paar Sekunden um auf die Unterhaltung einzugehen, da mich die Umgebung an die schicksalshaften Minuten mit der schwangeren Katharina erinnerte. Die Bettdecke lag total zerknittert da und auch sonst sah es im Abteil sehr chaotisch aus. Schließlich riss ich mich zusammen und widmete Erik meine vollste Aufmerksamkeit. „Ich will von dir hören, warum es dir so wichtig war, mich und Liam wieder miteinander zu versöhnen. Komm mir nicht mit Ehre, denn das glaub ich dir nicht!“ Ich blickte Erik in die Augen und er starrte zurück. Ich blieb standhaft. „Du nervst, Milo.“, antwortete Erik mir. „Freundschaften sollte man nicht so einfach wegwerfen, deshalb wollte ich, dass du dich mit Liam wieder verträgst. Ist das so schwer zu verstehen?“ „Ja, für mich ist das schwer zu verstehen…“, entgegnete ich, denn hatte sich ein Gedanke schon die ganze Zeit in meinem Kopf fest gebrannt. Bisher traute ich mich nicht, die Frage laut auszusprechen, doch nun wo wir unter vier Augen waren, nahm ich all meinen Mut zusammen und stellte ihm diese Frage: „Bist du etwa in Luca verliebt? Hast du Kontakt zu ihm? Wolltest du mich mit Liam verkuppeln, damit du freie Bahn bei Luca hast? Sag bitte die Wahrheit!“ Erik starrte mich ganz entgeistert an. Sein entsetzter Blick wandelte sich aber schnell in Enttäuschung und dann Wut um. „Wenn du das von mir denkst, dann kann ich jetzt genauso gut gehen.“, sagte er, schubste mich mit der Hand sachte zur Seite und war gewillt, das Abteil wieder zu verlassen. Schnell sah ich meinen Fehler ein und hielt ihn am Arm fest. „Tut mir Leid Erik, ich denke einfach nicht groß nach bevor ich rede.“, entschuldigte ich mich schnell bei ihm, nachdem es mir gelang, dass er stehen blieb und sich wieder zu mir umdrehte. „Das du in Luca verliebt sein könntest, ist ein so absurder Gedanke…, dabei hat er mir selber mal erzählt, dass er keinen Kontakt zu dir hätte.“ „Du redest wirklich schneller als du denkst und damit bist du Liam gar nicht so unähnlich, weißt du das?!“, meinte Erik, der mir mit dieser Aussage eins auswischen wollte – mit Erfolg. „Autsch. Damit sind wir Quitt.“, erwiderte ich mürrisch. „Oh man Milo…, wir sind noch lange nicht quitt.“, sagte Erik daraufhin. Er ließ sich auf das untere Bett fallen und wirkte auf einmal etwas niedergeschlagen. Ich setzte mich zu ihm und hielt seine Hand, die größer und rauer war, als die meine. „Das du dich mit Liam wieder verträgst, war mir deshalb so wichtig, weil ich das Verlangen danach hatte, bei dir wieder etwas gut zu machen.“ „E-Etwas gut machen, aber was denn?“, fragte ich begriffsstutzig nach. „Oh man Milo…“ Erik stand vom Bett wieder auf und ich tat es ihm gleich. Er lief im Abteil umher, sofern es ihm der Platz erlaubte, traute sich aber nicht mehr, mir in die Augen zu sehen. Ich wollte ihn zu keiner Antwort drängen, aber so langsam dämmerte es mir auch so. Schließlich erzählte Erik: „Nachdem wir beide Sex hatten und Luca uns dabei erwischte, hatte ich unglaubliche Schuldgefühle, euch beiden gegenüber, die durch meinen Umzug in die Schweiz nur noch verstärkt worden sind. Ich schämte mich dafür, dich damals so schamlos ausgenutzt zu haben und Luca gegenüber hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich ja von seinen Gefühlen zu dir wusste… Als ich dich dann heute wieder getroffen habe und du mir verziehen hast, da wollte ich dir eben was Gutes tun. Ich wollte meinen Fehler von damals wieder gut machen und dafür sorgen, dass du eine eventuelle Freundschaft nicht so einfach weg wirfst. Liam ist ein Chaot, aber ich glaube er hat das Herz am rechten Fleck. Das du mit Luca zusammen bist und ihn liebst, ist mir natürlich bewusst. Ich will dir keine Angst einjagen, oder dir deine Beziehung schlecht reden, aber Fernbeziehungen halten in der Regel nie sehr lange und zwischen dir und Liam da ist irgendwas. Streite es ab, schlag mich wenn du willst, aber du weißt das ich Recht habe!“ Der Zug wurde allmählich langsamer… Wir hielten gleich in Bern an. Ich wusste nicht mehr was ich sagen sollte und selbst wenn, blieb mir nicht mehr genügend Zeit dazu, denn der Zug kam zum Stillstand und die Türen des Zuges öffneten sich. Also griff ich zu einer einfachen, aber sehr effektiven Methode. Ich legte meine Arme um Erik und drückte ihn ganz fest und lieb zum Abschied. „Ich danke dir für deine ehrlichen Worte.“, nuschelte ich auf seinem Rücken. Mein Blick fiel zum Fenster raus, wo ich Klein-Liam und seinen Vater entdeckte, die sich gerade winkend von dem großen Liam verabschiedeten. Erik löste sich aus meiner Umarmung und lächelte mich an. „Mach´s gut Milo. Ich hoffe sehr, dass wir uns bald wiedersehen.“ Danach verließ er das Abteil und ich blickte ihm wehmütig hinterher. Als der Zug seine Fahrt langsam wieder aufnahm, konnte ich einen letzten Blick auf Erik am Bahnsteig erhaschen. Klein-Liam entdeckte mich und winkte mir ein letztes Mal zu, ehe er mir zum Abschied noch frech die Zunge rausstreckte.
35. Alles ist anders… Der Zug rollte davon und ließ Bern, die Hauptstadt der Schweiz, hinter sich. Wenn ich aus dem Fenster blickte, konnte ich die Schönheit der pompösen Berge bestaunen. Eine wirklich sehr beeindruckende Gewalt der Natur, erhob sich über Millionen von Jahren aus der Erde. Aber wieso kommen mir gerade jetzt solche Gedanken in den Sinn? Lag es vielleicht daran, dass Erik nun fort war und ich ihn womöglich für eine längere Zeit nicht mehr zu Gesicht bekäme, oder lag es einfach daran, dass ich sehr poetisch veranlagt war? Ich erinnerte mich nur zu gut daran, wie ich einst an einem späten Winterabend an meinem Schreibtisch saß. Die Nachttischlampe brannte auf meinem Schreibtisch, auf der ein Notizblock lag, während mein Teppichboden mit zerknüllten Papier zugemüllt war. Stundenlang saß ich da und versuchte mich an einem Gedicht, doch die passenden Verse und Reime zu finden, war leichter gesagt als getan. Das Wort „Liebe“ bereitete mir so allerhand Probleme, denn die einzigen Reime die mir dazu einfielen waren „Hiebe“, „Diebe“, „Getriebe“, oder auch „Ziege“. Klang alles nicht sehr poetisch und mein Papiereimer war hinterher randvoll. Doch ich übte mich in Geduld und da Übung bekanntlich einen Meister hervorbrachte, gab ich nicht auf. Eine Woche später hatte ich das Gedicht endlich fertiggestellt und konnte es der Person überreichen, der ich so viel Schmerzen verursacht habe. Es war der Beginn eines neuen Lebensabschnitts von mir… „Boah hab ich einen Kohldampf!“, hörte ich Liam auf einmal laut sagen, der das Schlafabteil betrat und mich auf diese Weise aus meinen Gedanken riss. „Hey, was machst du denn noch hier? Wieso bist du nicht wieder ins große Abteil zurückgekehrt? Klein-Liam wollte sich von dir verabschieden.“ „Dein Timing ist mal wieder erste Sahne.“, erwiderte ich kopfschüttelnd, da ich die Ruhe um mich herum gerade sehr genossen habe. „Und deine Miniaturausgabe hat sich noch von mir verabschiedet… auf seine ganz spezielle Art und Weise, mit rausgestreckter Zunge und so…“ „Tse, ganz schön frech der Kleine und das in seinem Alter. Ich war früher nie so, war immer brav und artig. Hab immer das gemacht, was Andere mir gesagt haben.“, sagte Liam ohne auch nur im geringsten zu zucken. Ich starrte ihn an und glaubte ihm nicht ein Wort. „Tja wie dem auch sei, es wird langsam spät und ich geh in den Speisewagen. Kommst du mit?“ Ich musste kurz überlegen, ehe ich Liam eine Antwort gab. Eigentlich wäre es die perfekte Chance, endlich zu ein wenig Ruhe zu kommen, doch dann wurde mir bewusst, dass auch ich schon seit längerer Zeit nichts mehr gegessen hatte. Zudem hatte ich es mir noch in den Kopf gesetzt, mit Liam ein paar wichtige Worte zu wechseln. „Ja, ich komme mit, aber du lädst mich ein!“ „Waaaaas?!“ Liam stieß einen entsetzten Schrei aus, beruhigte sich jedoch schnell wieder. „Na gut, ich lade dich auf ein Stück Brot und ein Glas Wasser ein. Leitungswasser wohlgemerkt!“ Liam schritt aus dem Schlafabteil und ich folgte ihm. Als wir durch unser Sitzabteil marschierten, warf ich einen kurzen Blick auf die anderen Fahrgäste. Das frisch verheiratete junge Ehepaar saß wieder auf ihren Plätzen, allerdings hatten sie ihre Plätze getauscht, so dass die Frau nun der hübschen Schönheit gegenüber saß. Die wiederum hatte ihre Augen zugemacht und hörte Musik über ihren IPod. Ihr Top war sehr eng an ihrem Körper angelegt, so dass ihr Vorderbau stark erkennbar war, doch der rothaarige Junge, der neben ihr saß, schien sich auch weiterhin nicht daran zu stören. Erstmals kam mir der Gedanke, dass sie vielleicht einfach nicht sein Typ war, ja womöglich stand er sogar auf Jungs, so wie ich. Ich ging weiter und kam an Frau Wolle vorbei, die sich vorhin ein wenig um den kleinen Liam kümmerte. Sie schenkte mir ein Lächeln, als ich an ihr vorbei schritt, doch wechselten wir keine Worte miteinander. Der nette Polizist war ebenfalls noch an Bord. Kurz bevor wir das Abteil verließen, kamen wir noch an dem Mädchen mit dem blonden, lockigen Haar vorbei, die erst kürzlich mit ihrem Freund telefonierte. Auch jetzt schien sie wieder mit ihm zu telefonieren, doch hörte es sich dieses Mal weitaus weniger liebevoll an. „Jetzt sag mir doch endlich was mit dir los ist. Du stotterst schon die ganze Zeit herum, als ob du mir etwas Wichtiges erzählen willst.“, hörte ich sie aufgeregt und ungeduldig sagen. Doch mehr bekam ich von ihrem Telefonat nicht mehr mit, da Liam und ich das Abteil dann verließen und die Tür sich automatisch schloss. Im Zwischengang war es sehr eng und als uns vereinzelt ein paar Fahrgäste entgegen kamen, mussten wir uns seitlich am Fenster entlang schlängeln, damit alle genügend Platz hatten. Auch den hünenhaften Zugbegleiter trafen wir wieder und er überbrachte uns gute Nachrichten. „Ah, zu euch wollte ich gerade. Mir wurde soeben mitgeteilt, dass eure Freundin und ihr Baby wohlbehalten im Krankenhaus angekommen sind. Ihr müsst euch also keine Sorgen machen.“ „Danke, dass sie uns die Botschaft überbringen. Das ist sehr nett von ihnen.“, bedankte ich mich. „Keine Ursache, hab ich doch gerne gemacht.“, erwiderte der Zugbegleiter freundlich. Er wollte weiter gehen, doch wandte sich uns noch einmal zu. „Eure Fahrkarten hab ich schon kontrolliert?“ „Ja, das haben sie.“, antwortete ich schnell und der Zugbegleiter nickte, als würde er sich ebenfalls daran erinnern. Liam blieb etwas verdeckt im Hintergrund. Wurde er auch schon kontrolliert? „Na dann wünsch ich euch noch eine schöne Weiterreise.“, sagte der Zugbegleiter und schritt davon. Auch wir setzten unseren Weg fort und irgendwann kamen wir in das Abteil, in dem Erik ursprünglich saß. Doch seinen Platz tauschte er bekanntlich mit dem schnieken Mann. Dieser schien nun aber ebenfalls nicht mehr an Bord zu sein. Sowohl er, als auch sein Aktenkoffer und sein Laptop waren verschwunden. Vermutlich war er zusammen mit Erik und Klein-Liam in Bern ausgestiegen. Dafür begegnete ich dem netten muskulösen Jungen wieder, der mir vor einigen Stunden wieder auf die Beine half, als ich tollpatschig stolperte. Unsere Blicke trafen sich, als ich an ihm vorbei marschierte, weshalb ich mich zu einem herzlichen Winken hinreißen ließ. Liam entging das nicht und warf dem Jungen auf der Stelle einen eifersüchtigen Blick zu. Seltsamerweise war mir dies nun gar nicht mehr unangenehm, mich freute es sogar auf eine ziemlich abstruse Art und Weise. Die Situation blieb kommentarlos bestehen und nach weiteren Gehminuten kamen wir schließlich im Speisewagen an.
36. Gesucht werden: Tischmanieren! „Was darf es denn sein?“, fragte mich eine ältere Dame, die im Speisewagen das Essen verteilte. Ich studierte noch aufmerksam die Karte, also erlaubte sich Liam, sich vorzudrängeln. „Also ich bekomme bitte einmal die grünen Bandnudeln mit Tomatensauce, einmal die Nürnberger Rostbratwürstchen und eine Currywurst mit Brötchen. Dazu hätte ich gerne eine große fette Cola – ach sagen wir besser gleich zwei große fette Cola!“ Liam grinste über beide Ohren, während die alte Dame ihn nur verdattert anstarrte und ich das Gleiche von der Seite aus tat. „Für mich bitte auch die grünen Bandnudeln mit Tomatensauce und eine Apfelschorle.“, bestellte ich höflich, nachdem bereits fünf Minuten vergangen waren, bis Liam seine Bestellung entgegen nahm. Als wir uns zusammen in den Speisesaal setzten, war dieser bis auf wenige freie Plätze sehr gefüllt. Kein Wunder, war es doch die beste Zeit zu Abend zu essen. Liam fiel ohne groß Worte zu verlieren über sein Essen her, während ich nun doch leicht angewidert anstarrte. Tischmanieren hat der Kerl… so gar keine! Ich warf einen vorsichtigen Blick zum Nachbarstisch rüber und musste mit Entsetzen feststellen, dass das Ehepaar das dort saß, Liam bereits von oben bis unten musterte. Ich wollte im Erdboden versinken, so unangenehm war mir die ganze Situation gerade eben. Sollte Erik Recht behalten haben und ich hab für Liam irgendwann einmal sowas wie Sympathie und Zuneigung empfunden, so hat jener sie mit einem Schlag zunichte gemacht. Wenn ich da an Luca dachte, wurde mir ganz warm ums Herz. Er schlang sein Essen nicht einfach so herunter, sondern aß es mit Wonne und einer Prise Eleganz. Vermutlich lag es aber auch daran, dass mein Freund etwas eitel war. Ich wollte mich vorsichtig an Liam heran tasten… „Dir isst keiner das Essen weg…“, sagte ich und Liam hielt augenblicklich inne. Eine grüne Nudel hing ihm zur Hälfte aus dem Mund und an seiner Wange hatte er Tomatensauce kleben. Okay, vergessen wir das mit dem vorsichtig herantasten und fallen mit der Tür ins Haus. „Deine Tischmanieren sind unterirdisch, um nicht zu sagen unter aller Sau!“ „Of ghanckeee!“, erwiderte Liam mit vollem Mund, so dass ich seine Worte fast schon entziffern durfte. Inzwischen kam mir sogar der Gedanke, dass er absichtlich diese Manieren an den Tag legte, um wieder ein paar Minuspunkte bei mir zu sammeln. Vielleicht steht er darauf, gehasst zu werden… Ehrlich, so benimmt sich doch kein vernünftig denkender Mensch! Vielleicht war Liam ja ein Alien…! Liam versuchte was zu sagen, doch bemerkte nun selber, dass er sich den Mund zu voll gestopft hat, weshalb er erst einmal keuchend runter schlucken musste. „Was ist los, Lolo? Du isst ja kaum was.“ Mein Kopfkino spielte mir einen Streich. Es zeigte mir ein fettes saftiges Schwein, das mir gegenüber saß und soeben mit mir gesprochen hat. Ich versuchte mich zusammen zu reißen und fegte dieses Bild wieder weg. „Kannst du nicht endlich damit aufhören, mich immer Lolo zu nennen?“ Liam schob sich ein Nürnberger Rostbratwürstchen mit einem Happs in den Mund, ehe er mir unter Kauen und Mampfen antwortete: „Neim, gann ich nick!“ Glasklar! Erik hatte sowas von Unrecht! Ich und Gefühle für diesen Kerl? Niemals! Never ever! Eher würde ich mir eigenhändig das Herz herausreißen und es an Schweine verfüttern. Apropos Schweine… „Vorhin im Schlafabteil…, da hast du mich heute aber zum ersten Mal Milo genannt.“ „Whaaas hob ich?!“, fragte Liam schockiert und mit der halben Currywurst im Mund. Ich übte mich in Ruhe und Geduld, doch wie viel kann ein Mensch davon überhaupt in sich tragen. „Als wir im Schlafabteil eingesperrt waren und Katharina in den Wehen lag, da hast du mich erstmals bei meinem richtigen Namen gerufen: Milo. Das war kurz bevor ich in Ohnmacht gefallen bin und du hast mich nicht nur einmal, sondern gleich drei- oder viermal so gerufen.“ Liam nahm einen großen Schluck Cola zu sich und schluckte das zerkaute Essen in seinem Mund hastig runter, ehe er wieder mit mir auf menschliche Art und Weise redete: „Dein richtiger Name ist nicht Lolo, sondern Milo?!“ Das mit der menschlichen Art nehme ich hiermit wieder zurück! „Du machst mich fertig!“, stieß ich erschöpft aus und fuhr mir mit den Händen durchs Gesicht. „Ich weiß!“, erwiderte Liam wieder breit grinsend. „Auf diese Seite von mir stehst du ganz besonders, deshalb mach ich das auch nur um dich zu ärgern.“ „Ha! Dann gibst du also zu, dass du das mit Absicht machst, um mich in den Wahnsinn zu treiben?!“, entgegnete ich triumphierend. Dieser Bastard. Ich wusste es! In der letzten Sekunde fand Liam seine Tischmanieren, nahm sich eine der greifbaren Servietten und befreite seinen Mund – eigentlich sein halbes Gesicht – von der Tomatensauce. Sein Ton schlug ebenfalls wieder schlagartig um, als wäre der lustige und auch verrückte Liam nun wieder fort gegangen und der ruhige und ernsthafte Liam wieder gekommen. „Nein, ich will dich nicht in den Wahnsinn treiben. Bestimmt nicht. Und natürlich weiß ich, dass dein Name Milo ist. Ich bin vielleicht ein Chaot und vergesse hin und wieder mein Hirn einzuschalten, aber deinen Namen würde ich in zehntausend Jahren nicht vergessen.“ Meinte er das ernst? So langsam stieg in mir Verdacht, dass Liam schizophren sein könnte. Na hoffentlich nicht. Die Bekanntschaft mit einem Psychopathen war das Letzte, was ich gebrauchen konnte. „Ich will dich besser kennen lernen, Liam.“, sagte ich, wobei ich mir darin inzwischen gar nicht mehr so sicher war. „Unsere Unterhaltung im Schlafabteil wurde ja leider jäh unterbrochen.“ „Du willst mich also besser kennen lernen und damit meinst du vermutlich weder meine schöne Schokoladenseite, noch meine unschöne Schweineseite. Also schön… dann frag mich!“ Liam saß mir mit verschränkten Armen gegenüber und grinste ausnahmsweise mal nicht. Er saß einfach nur da und schaute mich mit großen Augen an, während er auf meine erste Frage wartete.
37. Das Frage-Antwort-Spiel Seit unserem ersten Aufeinandertreffen im Schlafabteil waren bereits Stunden vergangen und seitdem sammelten sich in meinem Kopf auch so allerhand Fragen über meinen ominösen „Zimmergenossen“. Immerhin wusste ich schon ein paar Dinge über Liam, wenn auch nur recht wenig. Erstens: Er konnte sehr lustig, aber auch schnell nervig sein. Zweitens: Er hat einen ungeheuren Appetit und seine Tischmanieren sind unter aller Sau. Drittens: In Stresssituationen behält er die Nerven, bestes Beispiel lieferte er bei Katharina ab, deren Baby er zur Welt brachte. Viertens: Er ist unglaublich neugierig! Fünftens: Er sieht einfach unverschämt gut aus. Seine Augen, seine zarte Haut, seine wuscheligen Haare, sein verschmitzter Gesichtsausdruck und sein heißer Body, der mir gleich zu Beginn meiner Reise – natürlich unabsichtlich – ins Auge stach. „Was ist jetzt? Ich warte. Hast du keine Fragen mehr?“, hörte ich Liam sagen, der mich aus meinen Gedanken riss, in die ich kurzzeitig abdriftete. Es war so weit. Das war meine Chance! „Also gut, meine erste Frage lautet…“, fing ich an, doch schon unterbrach Liam mich auch wieder. Ich hätte es mir ja gleich denken können, dass ich nicht sehr weit komme… „Moment. Ich hab da eine Idee. Ich fände es nur fair, wenn diese Fragestunde auf Gegenseitigkeit beruht.“, sagte er und erhielt dafür einen verwirrten Blick von mir. „Ich erklär es dir. Du stellst mir eine Frage, ich antworte. Dann komme ich an der Reihe und wir wechseln uns immer ab. Das wär doch nur fair, oder? Derjenige der auf eine Frage nicht antworten will, muss stattdessen etwas tun. Ist wie bei einem Trinkspiel. Der Verlierer darf saufen bis zum Umfallen.“ „Ähm… okay. Ich bin einverstanden.“, sagte ich, denn was blieb mir auch anderes übrig. Welche Fragen konnte Liam schon noch groß an mich haben. Er wusste bereits mehr über mich, als ich über mich selbst. Außerdem hatte ich nichts zu verbergen. „Aber ich werde mir hier nicht die Birne volllaufen lassen… zumal es hier an Bord vermutlich an Alkohol mangelt.“ „Es gibt ja auch Alternativen.“, erwiderte Liam nun wieder breit grinsend. „Zum Beispiel muss derjenige der nicht antworten will, dem anderen einen Kuss auf den Mund geben.“ Meine Augen weiteten sich und meine Antwort stand außer Frage: „VERGISS ES!“ „War ja nur Spaß.“, lachte Liam. „Dann würden wir ja mit dem Knutschen nicht mehr hinterher kommen, zumal ich dann absichtlich nicht mehr antworten würde.“ „Wenn du das nicht ernst nimmst Liam, dann können wir es auch gleich bleiben lassen.“, meinte ich. „Schon gut.“, sagte Liam schnell, um mich zu beruhigen. „Besserer Vorschlag: Wenn der Befragte auf eine Frage nicht antworten möchte, dann darf ihm einfach eine weitere Frage gestellt werden.“ „Okay, aber ich fange an.“, sagte ich und rieb mir schon innerlich die Hände vor Freude. Ich musste auch gar nicht erst überlegen, um mir eine Frage auszudenken, denn auf dem Weg hierher in den Speisewagen, ergab sich automatisch eine. „Besitzt du überhaupt eine Fahrkarte?“ Jetzt war es sehr interessant Liams Mimik und Gestik zu beobachten. Zuerst schien er sehr verblüfft über diese Frage zu sein, dann grinste er wieder heimtückisch und zwinkerte mit einem Auge. Seine Antwort fiel zu meinem Missfallen allerdings sehr kurz aus: „Ja, habe ich! Gut, ich bin dran.“ „Mo-Moment!“ Ich erhob starken Einspruch. „Dass das weil von vornherein klar ist: Keine Lügen, Märchen, oder andere unsinnigen Schauergeschichten! Ich bin aufmerksamer als du denkst. Immer wenn der Kontrolleur kam, warst du irgendwo verschwunden. Kannst du mir dein Ticket zeigen?“ „Nein, nein Lolo.“, sagte Liam kichernd. „Das wäre bereits deine zweite Frage und wir haben eine ausgemacht. Du musst dich genauso an die Spielregeln halten wie ich.“ Ich grummelte vor mich hin, während Liam nun mit Fragestellen dran war. „Meine erste Frage: Bist du sexual aktiv oder passiv?“ Dieses Mal weiteten sich meine Augen nicht, sie fielen mir regelrecht aus dem Kopf. Ich sollte mir mal wieder meine Ohren putzen. Das hat er mich nicht gerade wirklich gefragt, oder…. Oder?! „Die Frage meinst du hoffentlich nicht ernst.“ Liam starrte mich an und ersparte mir die Antwort, denn natürlich war es sein Ernst. Sollte ich ihm nun die Wahrheit sagen? Ich habe mich auf dieses Frage-Antwort-Spiel eingelassen, also wollte ich auch kein Spielverderber sein. „Ich bin sowohl als auch. Bei Erik zum Beispiel war ich passiv und bei Luca bin ich immer aktiv.“ „Haha, nett von dir, dass du das so schön detailliert für mich beschreibst.“, lachte Liam und ich grummelte wieder vor mich hin. Ich bin so ein Idiot! „Stell mir eine Frage Milo.“ „Selbe Frage wie vorhin: Kannst du mir bitte dein Ticket zeigen?“ Liams Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Nein, kann ich nicht. Ich bin wieder dran.“ „Moooooooment!“, erhob ich erneut Einspruch. „Ein Nein steht in diesem Falle nicht zur Option. Du hast ein Ticket und ich möchte es sehen. Keine Widerrede, oder ich gehe zu dem netten hünenhaften Zugbegleiter und der wird dich dann schon dazu bringen, dein Ticket vorzuzeigen.“ „Wow Lolo, ich bin stolz auf dich. Du erpresst mich!“, entgegnete Liam grinsend, aber ich konnte in seinem Gesicht ablesen, dass er sich in die Enge gedrängt fühlte. „Ich zeige dir mein Ticket, aber du musst mir versprechen, dass all das hier unter uns bleibt. Sonst rede ich kein Wort mehr mit dir!“ Seine Drohung wirkte nicht, denn wenn er sich nicht mehr mit mir unterhielt, hätte ich wenigstens meine Ruhe. Doch meine Neugier siegte, also versprach ich es ihm. Geheimnisse ausplaudern, oder petzen war noch nie mein Ding. Liam zog ein Ticket aus seiner Hosentasche und drückte es mir in die Hände. Das Ticket war sehr zerknittert, doch die Druckschrift darauf war dennoch gut lesbar: Reisedatum: 18.Juli.2014, von Berlin Hauptbahnhof nach Roma (Italien), Platz Nummer 43 in Wagen 2, Name: Henriette von Bergen. „Hm… Zumindest Datum, Zug und Sitzplatz stimmen, liebste Henriette.“ Liam grinste und tat so, als würde er sich elegant vor mir verbeugen, während ich nun etwas misstrauisch wurde. „Wer bist du, Liam? Wo kommst du her und was führst du im Schilde?“ „Ah ah.“ Liam wedelte mit dem rechten Zeigefinger. „Immer nur eine Frage und ich glaube mich zu erinnern, dass ich nun wieder an der Reihe bin, liebster Milo!“
38. Diebstahl und Poesie „Nun bin ich wieder an der Reihe und meine Frage lautet: Mit was kann dein Partner dir am meisten eine Freude machen?“ Liam liebäugelte mich und wartete gespannt meine Antwort ab. „Eine Freude, hm…“, ich musste kurz nachdenken, doch dann fiel mir die passende Antwort dazu ein. „Ich denke, die größte Freude kann mein Partner mir damit bereiten, indem er einfach immer für mich da ist und ein offenes Ohr für mich hat.“ „Aber ist das nicht im genauen Kontrast zu deiner Beziehung mit Luca?“, fragte Liam mich weiter. Unsicher wandte ich meinen Blick von Liam ab. Ich wollte es natürlich nicht zugeben, aber dieses eine Mal hatte Liam sogar Recht. Doch seine Frage war umsonst, denn ich war mit Frage stellen wieder an der Reihe: „Wer ist Henriette von Bergen und warum bist du im Besitz ihres Tickets?“ „Das sind eigentlich gleich zwei Fragen, da sie aber miteinander verbunden sind, möchte ich mal nicht so kleinlich sein.“, zwinkerte Liam mir zu. „Henriette von Bergen ist eine pummelige Frau mit großer Brille und einer Hundehandtasche in Chihuahua-Format, der ich rein zuuufällig am Berliner Hauptbahnhof begegnet bin. Ich hab sie angerempelt – rein versehentlich natürlich. Dabei ist ihr wohl das Ticket runtergefallen und ich war so nett es aufzuheben und an mich zu nehmen, ohne dass sie Wind davon bekam.“ Ich musterte Liam leicht schockiert. Von wegen zufällig und versehentlich. Liam schien mein Blick gar nicht zu gefallen. „Sieh mich nicht so an. Ich bin kein Dieb. Die pummelige Frau hatte reichlich Perlenketten um ihren Hals und allerhand Ringe an ihren Fingern. Die konnte sich bestimmt ein neues Ticket leisten…, oder sie sucht auch jetzt noch danach, haha.“ „Das Bild was ich seit längerer Zeit von dir habe, bestätigt sich immer mehr.“, sagte ich lediglich dazu. „Hey, verurteil mich nicht, bevor du überhaupt meine Hintergrundgeschichte kennst.“, meinte Liam zu mir und stellte hinterher die nächste Frage: „Wann hast du Geburtstag?“ „Am 22.Juli!“, antwortete ich und wusste was nun kommen würde. „Oooh, das ist ja bereits in vier Tagen.“, stellte Liam erfreut fest. „Vielleicht sollte ich dann in Rom an deinen Versen bleiben, damit wir gemeinsam feiern können, da ich am selben Tag Geburtstag hab.“ „Ist nicht wahr? Wir sind gleichalt? Unfassbar!“, entgegnete ich aufgeregt. „Ich muss dich aber leider enttäuschen, denn meinen Geburtstag werde ich einzig und alleine mit Luca feiern. War schon schwer genug meine Mama davon zu überzeugen, dass ich allein zu Luca nach Rom darf und somit an meinem Geburtstag nicht zu Hause sein werde. Wie auch immer. Meine nächste Frage lautet: Wieso reist du nach Rom? Muss ja unglaublich wichtig sein, wenn du dafür ein Ticket klaust.“ „Naja… das ist eine Antwort die ich dir nur schwer beantworten kann. Einen triftigen Grund gibt es eigentlich nicht. Ich reise deshalb nach Rom, um einer ganz bestimmten Person nahe zu sein…“, versuchte Liam mir zu erklären und ich bemühte mich, seine Aussage zu entschlüsseln. Er möchte einer bestimmten Person nahe sein? Wer kann damit gemeint sein? Vielleicht sollte ich ihn einfach in meiner nächsten Frage danach fragen, aber irgendwie schien ihm dieses Thema unangenehm zu sein. „Ich darf wieder fragen!“, stieß Liam plötzlich wieder begeistert aus. „Nachdem Luca dich und Erik beim Sex auf frischer Tat ertappt hat, war er stinksauer und Erik ist ausgewandert. Dennoch bist du hinterher mit Luca zusammen gekommen. Wie ist dir das gelungen? Wieso hat er dir verziehen?“ „Ui, eine Mammut-Frage, aber du sollst deine Antwort bekommen.“, sagte ich, während ich einmal kurz tief ein- und wieder ausatmete. „Du hast Recht. Luca war stinksauer, als das an Silvester geschehen ist, doch mehr als das war er einfach nur enttäuscht und tief verletzt. Es war für mich auch kein leichtes Unterfangen, das er mir verzieh. Ich benötigte dafür sehr viele Anläufe, bis er mir überhaupt zuhörte. Ich konnte ihn davon überzeugen, dass ich ein Dummkopf war, denn ich wollte nicht die ganze Schuld auf Erik oder den Alkohol abwälzen. Er verzieh mir schließlich und wir wurden langsam wieder Freunde. Sein Herz war dennoch gebrochen. Das Sprichwort heißt nicht umsonst: „Wunden heilen, doch Narben bleiben für immer!“ Eines schönen Samstagabends veranstalteten Luca und ich dann einen DVD-Abend mit Horror-Filmen. Ein Fehler und Glücksfall zugleich für mich, denn ich hatte eine Mordsangst und ertappte mich irgendwann dabei, wie ich mich ängstlich an Lucas Arm fest klammerte. Zuerst war mir dies ja peinlich, doch dann spürte ich, dass mein Herzklopfen nicht von den abgetrennten Gliedmaßen im Film kam, sondern davon in Lucas Nähe sein zu dürfen. Luca blieb ganz gelassen und ließ sich nichts anmerken. Vielleicht wollte er sich auch nur nicht wieder Hoffnungen machen… Jedenfalls wurden meine Gefühle für ihn immer stärker, je mehr Zeit wir miteinander verbrachten. Ich hatte allerdings die Befürchtung, dass wenn ich ihm meine Gefühle stand, er mir entweder nicht glauben würde, mich auslacht, oder mir sogar seine Faust ins Gesicht schlägt. Ich wollte also auf Nummer sicher gehen, setzte mich eines späten Winterabends an meinen Schreibtisch und fing an, meine Gefühle für ihn in Form eines Gedichtes aufzuschreiben. Es dauerte eine ganze Woche, bis ich das Gedicht zu Ende schrieb und als ich es ihm schließlich überreichte, zitterten meine Hände vor Angst. Meine Füße fühlten sich wie Wackelpudding an und in meinem Bauch schwirrten lauter bunte Schmetterlinge herum. Ein irres Gefühl! Ich war gespannt darauf, wie Luca auf das Gedicht reagieren würde. Wenn er mir eine verpasst hätte, wäre es für mich in Ordnung gewesen, da ich selber ja auch Schuld trug. Nur auslachen durfte er mich nicht! Doch es kam anders als erwartet. Noch während er sich das Gedicht durch las, fing er plötzlich an zu weinen. Ich wusste nun nicht mehr, ob seine Narbe sich wieder geöffnet hat und er Schmerz verspürte, oder ob er von meinen Worten wirklich gerührt war. Als er zu Ende gelesen hatte, fiel er mir um den Hals und umarmte mich von Herzen, was tausend Glücksgefühle in mir hervorrief. Ich gestand ihm meine Liebe und dann küssten wir uns zärtlich auf den Mund. So wurden Luca und ich doch noch ein Paar.“
39. Die Fragestunde geht in die heiße Phase Noch während ich Liam die Geschichte über das Zusammenkommen von Luca und mir erzählte, kamen mir all die Erinnerungen von damals wieder hoch. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, dass das alles geschehen war. Inzwischen lebte Luca gemeinsam mit seiner Familie wieder in Italien und wir mussten zwangsweise eine Fernbeziehung führen. Ich liebe Luca und er liebt mich. Da stand es für uns außer Frage, dass wir es zumindest versuchten, auch auf größeren Distanzen vereint zu sein. In einer Zeit der hochmodernen Kultur, in der es Internet, Handys und anderen technischen Kram gab, war eine Fernbeziehung weitaus öfters vertreten, als noch zu damaliger Zeit. Luca und ich chatteten miteinander so oft wie es uns möglich war. Durch Skype konnten wir uns sogar sehen und uns in die Augen blicken. Nichtsdestotrotz fehlte es mir natürlich schon sehr, ihn auch mal in den Arm zu nehmen und selber in den Arm genommen zu werden. Seine temperamentvollen Küsse gingen mir ebenfalls ab, ganz zu schweigen von dem kribbeligen Bauchgefühl, dass ich in seiner Nähe empfand. Doch uns konnten noch so viele Kilometer voneinander trennen… im Herzen waren wir vereint! „Hey Lolo, schläfst du? Du bist wieder dran mit Frage stellen.“, sagte Liam, der mich erneut aus meiner Gedankenwelt riss. In den letzten Stunden geschah dies relativ häufig. „Achso ja. Meine nächste Frage lautet… hm lass mich kurz überlegen.“ Sollte ich ihn nun nach der geheimnisvollen Person fragen, weswegen er nach Rom reist? Einerseits interessierte es mich natürlich, andererseits hatte ich das Gefühl, dass ihn dieses Thema traurig stimmte. „Ich warte…“, meldete sich Liam ungeduldig zu Wort. „Äh ja… hast du Geschwister?“, fragte ich ihn schließlich, da mir nichts Besseres einfiel. „Das ist deine Frage?“, erwiderte Liam ungläubig. „Offenbar war ich dir bisher nicht rätselhaft und interessant genug, wenn du mir solch eine Frage stellst. Aber um sie zu beantworten: Nein, ich habe keine Geschwister. Ich bin ein Einzelkind und meine Eltern leben in Berlinortsteil Charlottenburg.“ Eigentlich hatte ich unzählige Fragen an Liam, aber nach der Geschichte mit Luca hatte ich einen kleinen Blackout im Hirn. „Ich bin wieder an der Reihe!“, rief Liam erfreut, während ich Bammel vor seiner nächsten Frage hatte. „Wir wissen Beide, dass du mich attraktiv, intelligent, unterhaltsam und großartig findest…“ Ähm wie bitte? „Nehmen wir mal an du wärst nicht mit Luca zusammen. Würdest du es dann in Betracht ziehen, eine Beziehung mit mir einzugehen?“ Nochmal: Ähm wie bitte? Auf diese Frage musste ich erst einmal kräftig schlucken. Liam fackelt wirklich nicht lange und fällt mit der Tür direkt ins Haus. Sein starkes Selbstbewusstsein in allen Ehren, aber das ging mir nun doch ein wenig zu weit. „Liam… all die Eigenschaften, die du von dir aufgezählt hast – ob sie nun stimmen oder nicht, sei mal dahin gestellt – können dennoch nicht darüber hinweg täuschen, dass etwas Grundsätzliches für eine Beziehung fehlen würde.“ „Und das wäre?“, fragte Liam, dem das Grinsen nun langsam verging. „Liebe.“, antwortete ich ihm klar und deutlich. „Du hast ein starkes Selbstwertgefühl, weshalb ich es in den Kauf nehme, dir das ins Gesicht zu sagen. In einen Menschen wie dich, könnte ich mich niemals verlieben. Du wirkst in vielen Dingen auf mich zu unreif und oftmals leider auch nervig.“ „Autsch…“, reagierte Liam daraufhin lediglich, der nun wie drei Tage Regenwetter drein blickte. „Und ich dachte immer meine Offenheit kennt keine Grenzen, aber jetzt kommst du und haust mir sowas um die Ohren, mit dem ich niemals gerechnet hätte.“ „Tut mir Leid.“, sagte ich nun etwas einfühlsamer. Jetzt tat er mir fast schon leid, aber was musste er mir auch diese bescheuerte Frage stellen. Ich gebe ja gerne zu, dass Liam mir in den letzten Stunden immer sympathischer wurde und er mir auch optisch gefällt, aber an Luca reicht er für mich bei Weitem nicht ran. Da fehlt es bei ihm schon mehr als nur an Tischmanieren. „Wenn du willst können wir die Fragerei an dieser Stelle auch beenden.“, schlug ich ihm gütig vor. „Ach was, schon in Ordnung. Ist alles gut!“, meinte Liam, der nun versuchte ganz lässig rüber zu kommen. „Los, stell deine Frage! Wehe du frägst mich jetzt noch nach meiner Schwanzgröße!“ Liam wie er leibt und lebt. Den Kerl bringt so schnell nichts aus der Fassung. Immer ein flotter Spruch auf Lager. Die nächste Frage an ihn wusste ich auch schon. Es interessierte mich nun brennend, wie er zu dem wurde der er heute ist. Manchmal hatte ich das dumpfe Gefühl, dass seine stets gute Laune nur Fassade war. Ich wollte mehr über ihn und seine Vergangenheit erfahren, was er erlebt hat, auf welche Schule er ging, ob er Freunde hat und vor allem ob er selber schon einmal verliebt und mit jemanden zusammen war. „Gut, meine nächste Frage lautet: …“ Nun war ich kurz davor, die interessantesten aller Fragen zu stellen, doch wie so oft im Leben, sollte es am Ende anders kommen. Ich konnte ja auch nicht ahnen, dass just in diesem Augenblick ein Junge in den Speisewagen stolziert kam, den ich vor ein paar Stunden unfreiwillig kennen lernte. „Wer ist Jonas?“ „Jonas? Jonas? Achsooo du meinst den Jungen aus den Schlafabteil, am Ende des Ganges, wo sich auch unser Schlafabteil befindet.“, schlussfolgerte Liam, dem zunächst nicht ganz klar war, von wem ich sprach. Doch auf einmal stand er vor uns und Liam war sehr erfreut ihn wieder zu sehen. „Hey, na du!“, stieß Liam begeistert aus, stand von seinem Platz auf und fiel ihm vor Freude in die Arme. Jonas schien sich ebenfalls über das Wiedersehen zu freuen, denn er konnte kaum die Finger von Liam lassen. Da hatte ich doch glatt vergessen, dass Liam heute Nachmittag aus dem Schlafabteil dieses Jungen kam, der auch noch halbnackt in seinen Bett lag. Zuvor war Liam für längere Zeit verschwunden und nun stellte sich mir wieder die Frage, was die Beiden die ganze Zeit miteinander getrieben haben. Liam bot Jonas den Platz neben ihm an und stellte uns einander vor. Wir schüttelten uns die Hände und ich nickte ihm mit einem zwanghaften Lächeln zu. Wenigstens hatte Jonas jetzt was an… und nein ich bin nicht eifersüchtig!
40. Wer ist Jonas? Jonas – Wer war dieser Junge? Liam unterhielt sich mit ihm und berichtete, wie er Katharinas Baby zur Welt brachte, während Jonas über beide Ohren strahlte. Dem ersten Eindruck nach zu urteilen, würde ich Jonas als einen richtigen Sonnyboy bezeichnen. Seine Augen leuchteten hell und sein smartes Lächeln war ansteckend. Er legte eine äußerst charmante Art an den Tag und im Gegensatz zu manch anderen Leuten im Speisewagen hatte er auch Tischmanieren… Für mich war er ein Gemisch aus Liam und Luca. Er sah mindestens genauso gut wie Liam aus, besaß zum Glück aber einen weitaus freundlicheren Charakter, der mich ein wenig an Luca erinnerte. Interessiert beobachtete ich die Zwei, wie sie sich miteinander unterhielten. Die Beiden verstanden sich prima, als ob sie auf einer Wellenlänge lägen. Die Chemie stimmte einfach. Für mich unbegreiflich, eben wegen den unterschiedlichen Charaktereigenschaften. Haben sie sich wirklich erst heute hier im Zug kennen gelernt? Fast unvorstellbar! Also noch einmal meine Frage: Wer ist Jonas?! „Reist ihr eigentlich zusammen?“, hörte ich Jonas plötzlich fragen, wobei er die Frage speziell an mich richtete. Offenbar wollte er mich in die Unterhaltung miteinbeziehen, damit ich mich nicht wie das fünfte Rad am Wagen fühlte. Ein weiterer Beweis für seinen freundlichen Charakter. „Äh nein, aber unser Reiseziel ist dasselbe. Rom.“, antwortete ich ihm und stellte ihm bei dieser Gelegenheit die Frage nach seinem Reiseziel. „Für mich ist in Milano Endstation.“, antwortete Jonas mir mit seinem zarten Lächeln, dass irgendwie zum dahin schmelzen war. Oh Gott, was rede ich denn da… „Milano?“, wiederholte ich fragwürdig. „Die Ortschaft sagt mir rein gar nichts. Liam lachte lauthals drauf los. „Oh man Lolo du Schussel! Milano ist doch das italienische Wort für Mailand, eine der größten Städte in Italien. Mailand wirst du ja wohl kennen, oder?!“ Mit einem Mal wurde ich beschämend rot im Gesicht. Vor den Beiden war mir das peinlich. Woher soll ich denn wissen, was Mailand auf Italienisch bedeutet. Dies war natürlich wieder ein gefundenes Fressen für Liam, der mich nun auslachte. Jonas hingegen blieb ganz gelassen, was mich etwas beruhigte. „Ist doch nicht schlimm, wenn er das nicht weiß.“, meinte er zu Liam. „Italienisch ist ja nun wirklich keine Weltsprache, die ein jeder Mensch beherrschen sollte. Ist schon in Ordnung, Milo.“ Diese leuchtenden Augen… dieses sanfte Lächeln… dieser süße Charakter… um Himmels Willen was denke ich da. Jetzt nur nichts anmerken lassen. „U-Und reist du ganz alleine?“, fragte ich Jonas. „Ja, ich wohne ursprünglich in einer Wohngemeinschaft in Berlin, mit zwei anderen Jungs, doch da gerade Ferien sind, wollte ich meine Freundin in Mailand besuchen, die ein Auslandsjahr absolviert.“, antwortete Jonas mir und mein erster Gedanke danach war: Er ist Hetero! Jonas schien meine Gedanken lesen zu können, denn gleich darauf sagte er: „Ich bin übrigens homosexuell. Das sag ich dir, damit kein falscher Eindruck entsteht und weil ich offen damit umgehe, egal was andere sagen.“ „Dass du nicht Hetero sein kannst, haben wir ja bereits heute Nachmittag festgestellt.“, sagte Liam daraufhin, der wieder einmal über beide Ohren hinaus grinste. Was war heute Nachmittag, beziehungsweise will ich das denn überhaupt wissen? Eigentlich geht es mich ja auch nichts an… „Jedenfalls ist die Freundin in Mailand nicht meine Freundin, sondern nur eine sehr gute Freundin, wenn du verstehst.“, klärte Jonas mich sicherheitshalber noch etwas genauer auf. „Wenn sie ein Auslandsjahr absolviert, müsste sie ja bereits etwas älter sein als du, oder?“, fragte ich, da meine Neugier geweckt war und ich nun natürlich mehr erfahren wollte. „Nein gar nicht. Wir sind gleich alt. Wir sind beide zwanzig.“, antwortete Jonas mir. „Oh…“, gab ich überrascht von mir. „Du siehst locker drei Jahre jünger aus.“ Jonas kicherte beschämend und dankbar zugleich. „Das ist sehr reizend von dir das zu sagen.“ „Wie habt ihr Beide euch eigentlich kennengelernt?“, fragte ich anschließend und ließ es dabei so klingen, als würde ich ganz nebenbei mal danach fragen, obwohl es mich eigentlich gar nicht so wirklich interessierte. In Wirklichkeit brannte ich darauf, die Antwort aus ihm heraus zu pressen. „Ui ui ui, da ist aber einer neugierig geworden.“, grinste Liam breit. Währenddessen sah es so aus, als würde Jonas meine Gedanken lesen können. Er musterte mich zunächst eindringlich, bevor er wieder einen Ton von sich gab. „Du Liam, wärst du so gütig und würdest mir noch bitte ein stilles Wasser bringen?“ Jonas schob Liam ein paar Euromünzen zu und lächelte ihn bettelnd an. Liam war seinem Charme inzwischen so erlegen, dass er gar nicht mehr nein sagen konnte. Er stand auf und verschwand für eine kurze Zeit. „So, jetzt können wir frei miteinander reden ohne irgendwelche nervigen Unterbrechungen.“ „Nervig? Hier ist doch keiner nervig…“, erwiderte ich grinsend und mit einer Brise Ironie. „Wundert mich eigentlich, dass du ihn danach noch nicht gefragt hast, nachdem du uns Beide in meinem Schlafabteil gesehen hast – mich wohlgemerkt oben ohne. Das Ganze ist schließlich bereits heute Nachmittag gewesen.“, meinte Jonas zu mir. „Andererseits hätte Liam dir vermutlich gar nicht die Wahrheit erzählt, da unser erstes Aufeinandertreffen mehr ein Versehen als Absicht war. Er schien ein wenig verwirrt zu sein, als er in mein Schlafabteil trat und war auch sichtlich überrascht, als er mich dort im Bett liegen sah. Nun gut, ich war wie gesagt halbnackt, aber das war glaube ich nicht der Grund warum er so überrascht schien. Ich hatte beinahe das Gefühl, er sah einen Geist.“ „Also warst du bereits halbnackt, als Liam dein Abteil betreten hat?!“, schlussfolgerte ich. „Hm ja, mir war so heiß, also hab ich mein Oberteil ausgezogen.“, erklärte Jonas mir. „Aber wieso interessiert dich das überhaupt? Sag bloß du dachtest, das da zwischen uns Beiden etwas lief…!“ „Äh nein… natürlich nicht.“, log ich, denn auf diesen Gedanken bin ich sehr wohl gekommen. „Und wieso ist er dann bei dir geblieben?“, fragte ich behutsam, da ich in Jonas nicht den Verdacht erwecken wollte, ich sei eifersüchtig. Ich kann es nur noch einmal betonen: Ich will nichts von Liam! „Tja… gute Frage. Sein plötzliches Auftauchen überraschte mich ebenso sehr wie ihn und zunächst war mir dies ein wenig peinlich, aber dann fingen wir schnell an uns darüber lustig zu machen. Wir kamen ins Gespräch und spürten wohl beide, das wir auf einer Wellenlänge lagen.“, erklärte Jonas mir und ich fand ihn von Minute zu Minute sympathischer. Jonas war wirklich ein offenherziger Mensch. Auch er stellte mir eine Frage und wäre ich vorher eine Wette eingegangen, hätte ich sie zu hundert Prozent gewonnen. „Kann es sein, dass dir Liam gefällt?“
41. Sonnenuntergang Natürlich musste diese Frage kommen, wie könnte es auch anders sein. Ich blickte aus dem Fenster des Zuges und konnte runter in ein Tal blicken. Weit hinten im Westen strahlte die Abendsonne in einem schönen Orange und verzauberte den Himmel in ein orange-rot-lila-blaues Feuerwerk. Es war eine Farbepracht wie aus dem Märchen Tausendundeiner Nacht. Schließlich wandte ich mich wieder Jonas zu, der mich interessiert beobachtete. Ich war ihm noch immer eine Antwort schuldig. „So, hier ist dein stilles Wasser!“, rief Liam, der mit Jonas Bestellung zum Tisch zurückkehrte. Er wollte sich gerade setzen, als Jonas ihn um einen weiteren Gefallen bat. „Oh verzeih mir Liam, aber kannst du mir vielleicht noch ein Glas besorgen? Ich trink so ungern aus der Flasche.“ „Ein Glas? Null problemo. Kommt pronto!“, erwiderte Liam leicht und glückselig, was auch auf seinem deutsch-italienisch zurückzuführen war. Er machte sich erneut auf den Weg. „Du wolltest mir noch etwas sagen…“, meinte Jonas anschließend zu mir. Ich kam nicht um die Antwort herum. „Ja, Liam gefällt mir, aber ich will nichts von ihm! Nicht im Geringsten!“, betonte ich extra stark. „Außerdem habe ich einen Freund und wir sind glücklich!“ „Wow, wow, wow, mach mal halblang. Ich hab dich doch nur gefragt, ob dir Liam gefällt, nicht ob du ihn gleich heiraten willst.“, meinte Jonas verteidigend. „Im Grunde genommen hab ich auch weniger an innere Gefühle gedacht, sondern nur an sein starkes Selbstbewusstsein.“ „Aha… du hast mich quasi in eine Falle gelockt und ich – dumm wie ich bin – bin darauf reingefallen.“, gab ich verbittert zu. Jonas konnte sich das Lachen nur schwer verkneifen, doch riss er sich im Zaum. „Liam hat ein sehr starkes Selbstbewusstsein, da hast du Recht.“, pflichtete ich Jonas schließlich bei. „Von ihm könnte ich mir eventuell wirklich eine Scheibe abschneiden. Nur hin und wieder ist sein Ego größer als alles andere… und mit „andere“ mein ich nicht sein unteres Genital!“ Jonas fing schließlich doch noch das Lachen an und ich musste in das Gelächter miteinsteigen. Währenddessen kam Liam mit dem Glas zurück und schien über die ausgelassene Stimmung mehr als verwundert zu sein. „Ihr lacht und das ohne mich?“, sagte er und klang dabei leicht verärgert. „Vielleicht lachen wir ja über dich, nicht wahr Milo!“, sagte Jonas kichernd. „Ich bitte dich Jonas, so etwas würden wir doch niemals tun.“, erwiderte ich daraufhin ebenfalls kichernd. Ich konnte so richtig mit ansehen, wie wir Liam langsam zur Weißglut trieben. „Ach Liam, kannst du mir vielleicht noch ein paar Eiswürfel zu meinem Wasser bringen?“, fragte Jonas, der damit noch eins drauf zu setzen versuchte. „Eiskalt schmeckt es mir nämlich noch besser.“ „Aha…, ich glaube ihr macht euch über mich lustig.“, sagte Liam mürrisch. Offenbar war es ihm gar nicht recht, dass wir uns auf seine Kosten amüsierten. Das ausgerechnet er nun auf beleidigte Leberwurst machte, war der Höhepunkt dieser lustigen Runde. „Oh seht mal, die Sonne geht unter! Sieht das nicht traumhaft schön aus?“, fragte Jonas uns, der mit beiden Händen am Fenster klebte und dem Sonnenuntergang voller Enthusiasmus entgegen blickte. „Ja, ich hab den Sonnenuntergang auch schon bewundert.“, pflichtete ich ihm bei. „Du meine Güte. Ihr klingt wie zwei kleine Mädchen, die auf romantischen Kitsch stehen.“, meinte Liam, der nach wie vor mürrisch gestimmt war. „Ihr solltet heiraten. Ihr habt euch verdient.“ „Du bist süß, wenn du mürrisch bist. Hat dir das schon mal jemand gesagt?“, äußerte sich Jonas dazu. „Und du bist mir auf einmal gar nicht mehr so sympathisch, wie ich zu Anfang dachte.“, erwiderte Liam, der mit seiner beleidigten Sturheit nun etwas zu weit ging. Doch dem Sonnyboy Jonas konnten seine Worte nicht die gute Laune verderben und mich rissen Liams Sprüche inzwischen auch nicht mehr groß vom Hocker. „Jetzt setz dich wieder hin Liam.“, bat ich ihn freundlich darum. „Es ist ein wunderschöner Abend und du willst ihn doch nicht mit deinem gekränkten Stolz zunichtemachen, oder?! Ich verspreche dir auch nicht mehr weiter zu lachen.“ „Ja, das verspreche ich auch.“, pflichtete Jonas mir bei und schließlich setzte sich Liam wieder zu uns. Zu dritt schauten wir nun dabei zu, wie die rote Sonne hinter dem Tal verschwand, dass von Bergen umgeben war. Es war ein malerischer Anblick, der mein Herz mit Wärme erfüllte. Dieser sagenhafte Augenblick fand allerdings jäh sein Ende… und dreimal dürft ihr raten durch wen! „Und worüber habt ihr Beiden euch nun unterhalten, während ihr mich absichtlich zum Laufburschen degradiert habt?“, fragte Liam in die Stille hinein. „Hast du ihm erzählt, wie wir uns kennen lernten?“, richtete er seine Frage an Jonas. „Hast du ihm erzählt, dass zwischen uns sofort die Funken sprühten und wir übereinander hergefallen sind und wir heißen hemmungslosen Sex hatten?“ „Falls du versuchst mich eifersüchtig zu machen, kannst du dir das gleich sparen.“, meinte ich mit den Augen rollend zu ihm. „Jonas hat mir erzählt, dass du nur versehentlich in seinem Abteil gelandet bist und er zu jenem Zeitpunkt bereits halbnackt war.“ „Spaßbremse.“, zischte Liam Jonas sofort an, während dieser nur gleichgültig mit seinen Schultern zuckte. Jonas war viel cooler als Liam. Wenn ich mich in beide verlieben würde und mich zwischen ihnen entscheiden müsste, würde ich ganz klar zu Jonas tendieren. Was denke ich da schon wieder?! „Vermutlich bist du nur in sein Abteil, weil du dich vor gewissen Leuten versteckt hast.“, mutmaßte ich und dachte dabei an den hünenhaften Zugbegleiter, der die Fahrkarten kontrollierte. „Ja, vor dir hab ich mich versteckt.“, erwiderte Liam und brachte mich dabei wieder zur Weißglut. „Frieden Jungs!“, rief Jonas, der den Ärger roch und schnell dazwischen ging. Lasst uns doch alle die nächsten fünf Minuten stillschweigen und weiter den Sonnenuntergang beobachten.“ Jonas hatte Recht. Wieso diskutiere ich überhaupt noch mit Liam? Bei dem ist Hopfen und Malz verloren. Da denkt man, er ist auf dem Weg der Besserung und dann haut er den nächsten dummen Spruch raus. Er ist nun mal so und das kann ich leider nicht ändern… Mich würde es allerdings schon interessieren, ob er schon immer so war, oder ob er durch gewisse Ereignisse so geworden ist. Ich grüble viel zu viel über den Spinner nach. Ich blickte wieder hinaus in die weite Ferne. Die Abendsonne war inzwischen fast gänzlich verschwunden und die Nacht brach herein.
42. Mutitas Nachdem die Sonne hinterm Horizont verschwand, machten wir Drei uns auf den Rückweg in unsere jeweiligen Abteile. Als wir jedoch in unserem Abteil ankamen, erwartete mich und Liam eine kleine Überraschung, denn wir hatten neue Sitznachbarn! Eine junge Mutter mit ihrer geschätzt acht Jahren alten Tochter saß auf den Plätzen, die zuvor Katharina und Erik noch belegten. Die Beiden blätterten gerade in einem Bilderbuch und schienen sehr glücklich zu sein. „So, ab hier muss ich euch verlassen.“, sagte Jonas. „Mein Sitzplatz ist im hintersten Waggon, aber wir sehen uns sicher noch einmal, ehe ich in Milano aussteige.“ „Ist das eine Drohung?“, erwiderte Liam frech grinsend. „Worauf du dich verlassen kannst!“, meinte Jonas ernst, obwohl er lächelte. „ Ärger den lieben Milo nicht zu sehr, oder du bekommt es mit mir zu tun. Haben wir uns verstanden?!“ „Uuuh, da hab ich aber Angst. Meine Knie zittern jetzt schon.“, erwiderte Liam, der nicht den Hauch von Furcht verspürte. „Vor der Kraft, die in deinen Wackelpuddingarmen schlummert, muss ich mich natürlich in Acht nehmen. Ach was rede ich da…, lass dich in den Arm nehmen!“ Auf einmal viel Liam Jonas um den Hals und vor Schreck riss ich die Augen weit auf. Das kleine Mädchen, das bis gerade eben noch in das Bilderbuch starrte, beobachtete das Geschehen und fing zu Kichern an. Allerdings klang ihr Kichern ein wenig ungewöhnlich, da es mehr einem kehligen Geschrei glich. Anschließend verabschiedete sich Jonas auch noch von mir mit einer Umarmung und als er unser Abteil verließ, kam es mir mehr denn je vor, dass die Sonne untergegangen war. Diese Assoziation kam daher, dass Jonas für mich die Sonne in Person war, da er so fröhlich und aufgeweckt erschien. „Guten Abend!“, begrüßte ich die Mutter und ihre Tochter, als Liam und ich wieder unsere Plätze einnahmen. Die Mutter grüßte zurück, während das Mädchen Liam angeregt musterte. „Ach dann sind das also eure Plätze.“, stellte die Frau fest. „Wir haben uns schon gewundert, weil die Plätze ewig leer waren, aber das Gepäck hier noch herumlag.“ „Wir waren nur im Speisewagen und haben eine Kleinigkeit zu uns genommen.“, erklärte ich ihr. „Was hat denn die Kleine?“, fragte Liam, der sich über das Verhalten des Mädchens wunderte. Sie kicherte ununterbrochen, versteckte sich dabei aber hinter ihrem Bilderbuch, so dass nur ihre Augen darüber hinweg sahen und Liam genauestens beobachteten. Nebenbei schien sie mit ihren Fingern Zeichen in die Luft zu machen, die auch ich nicht wirklich zu deuten wusste. „Oh, ich glaube sie findet dich süß.“, klärte ihre Mutter uns mit einem breiten Lächeln auf. „Wie kommen Sie denn darauf?“, fragte Liam perplex und ich war ebenso verwundert. „Melody ist seit ihrer Kindheit leider stumm und wir können uns nur mithilfe von Gebärdensprache mit ihr verständigen.“, antwortete die Mutter uns und mir fiel vor Schreck die Kinnlade runter. Liam erschien es ähnlich wie mir zu gehen. „Stumm? Sie kann nicht sprechen? Du meine Güte, das wäre die Hölle auf Erden für mich…“ Mein rechter Ellenbogen rammte sich in Liams Rippe. „Äh, also ich meine, das ist wirklich schrecklich und traurig.“, verbesserte sich Liam daraufhin ganz schnell. „Das ist es, aber mein Mann und ich haben gelernt damit umzugehen und ich glaube, dass Melody damit inzwischen auch ganz gut zurechtkommt. Nicht wahr Schätzchen?“ Die Frau bewegte ihre Finger und stellte in Windeseile Wörter damit fest, die nur ihre Tochter verstand. Melody erwiderte ihrer Mutter ebenfalls mit Fingerzeichen und ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Darf ich fragen, wie so etwas zustande kommt?“, richtete ich meine Frage an die Mutter. „Ich kann mir das gar nicht vorstellen, stumm auf die Welt zu kommen und nie sprechen zu können.“ „Das können sich nur die Wenigsten vorstellen.“, meinte die Frau, während sie ihrer kleinen Tochter sanft übers lange dunkelblonde Haar streichelte. „Melody leidet aber leider wirklich an der angeborenen Stummheit. Die Ursache dafür ist ein genetischer Defekt, doch auch wenn unsere Tochter nicht sprechen kann, so lieben mein Mann und ich sie dennoch über alles. Melody wächst in einem harmonischen Umfeld auf, sie ist intelligent, besitzt ein intaktes Gehör und hat auch Freunde. Natürlich wird sie wegen ihrer Krankheit auch von anderen Kindern ihres Alters gehänselt, doch da steht sie drüber. Sie ist sehr tapfer und hat Träume vor Augen. Sie ist einfach bezaubernd.“ Die kleine Melody unterbrach ihre Mutter und machte ein paar Fingerzeichen. Liam und ich warteten gespannt ab, was sie uns zu sagen hatte. Ihre Mutter übersetzte anschließend: „Melody möchte wissen, ob du bereits eine Freundin hast und wenn nicht, ob du sie dann mal auf ein Date einladen würdest.“ „I-Ich?“, blubberte Liam aufgeregt. „Also eigentlich… ähm… nein ich habe keine Freundin. Bin einsamer Single.“ Liam versuchte auf seine eigene Weise Melody zu antworten. Dabei machte er komische Bewegungen, die für mich nicht wirklich Sinn ergaben. Doch Melody verstand ihn offenbar, denn als er fertig war, schien sie überglücklich zu sein. „Manchmal glaube ich, dass sie einfach alles versteht.“, meinte ihre Mutter unter Lachen. „Mein Respekt an die Kleine. Um Liam zu verstehen, muss man ein Genie sein.“, äußerte ich mich dazu und fing mir daraufhin einen grimmigen Blick von Liam ein. „Tja mein Lieber, sieht so aus, als hättest du eine neue Angebetete. Enttäusch sie nicht. Kleine Mädchen haben oftmals die größten Herzen und davon auch nur eines zu brechen, wäre eine Gräueltat fürs ganze Leben.“ „Hey, was redest du denn da?“, flüsterte Liam mir daraufhin ins Ohr. „Du weißt doch ganz genau, dass ich schwul bin, also quatsch hier nicht so einen Unsinn und hilf mir lieber.“ „Keine Sorge. Meine Tochter bricht so schnell keiner das Herz. Ehrlich gesagt ist es genau anders herum. Die Männerherzen fliegen ihr nur so zu und sie bricht sie reihenweise.“, lachte ihre Mutter, die unsere Unterhaltung wohl mitanhörte, wodurch die Wahrheit schnell ans Licht kam. Liam strahlte stolz vor sich hin. „Sie ist wie ich… nur in weiblicher Miniaturausgabe und weniger gesprächig.“ „Na toll, das wäre dann die Dritte an einem Tag.“, murmelte ich vor mich hin und dachte dabei auch zurück an den kleinen Liam, der zweimal meine Kronjuwelen misshandelte. „Wohin geht denn ihre Reise?“, fragte Liam die Mutter. „Nach Rom, wir besuchen dort ihre Großeltern. Die sind nämlich Italiener.“, antwortete die Frau ihm. „Das ist gut. Dann steht einem lustigen Abend ja nichts mehr im Wege.“, erwiderte Liam hocherfreut, während sich meine gute Laune gerade verabschiedete. Mir bleibt auch nichts erspart…