Kapitel 15: Weihnachtsfeier Der Weihnachtsstress hatte mich dieses Jahr ganz besonders fest im Griff. Nicht nur, dass heute die Weihnachtsfeier in unserer Universität stattfand und ich mir nebenbei eine Arbeit für Mr. Gabriel ausdenken musste, nein, ich wurde quasi auch noch von meinen Eltern gezwungen, an deren Nikolaus-Familienfeier Zuhause teilzunehmen. Ich wollte zwar entschieden absagen, aber meine Mutter ließ nicht mit sich reden: „Seitdem meine großen Kinder aus dem Haus sind, ist unsere ganze Familie kaum noch zusammen. Wenigstens an Nikolaus und Heiligabend könnt ihr mir doch da den Gefallen tun und wenigstens kurz vorbeischneien. Die Zwillinge würden sich darüber sicherlich auch freuen.“ Meine Aussage, dass Sebastian und Sarah keine Kleinkinder mehr waren, zog leider nicht, also musste ich wohl oder übel in Schnee beißen und an der Nikolaus-Familienfeier teilnehmen. So bestand mein Tagesablauf nun darin, dass ich mittags ganz normal zu den Lesungen in die Uni ging, am Nachmittag zu Kaffee und Plätzchen bei meiner Familie eingeladen war und abends erneut zur Uni durfte, um an der Weihnachtsfeier teilzunehmen. Als hätte ich nicht genug anderen Stress… Ich war jedoch noch gar nicht bei mir Zuhause zur Tür rein, da kam mir in der Hofeinfahrt mein WG-Mitbewohner Alec entgegen. Verwirrt starrte ich ihn an und Alec schien meine Frage bereits zu riechen: „Hey Lukas! Du wunderst dich sicherlich, was ich hier bei dir Zuhause mache, aber das darf ich dir leider nicht verraten. Es handelt sich hierbei um ein Versprechen unter Männern!“ Ein Bitte was? Mit wem hat Alec denn bitte ein Abkommen? Mit meinem Dad, oder vielleicht mit Christoph? Ohne ein weiteres Wort stapfte Alec im Schnee Richtung U-Bahn davon und ließ mich ahnungslos zurück. Na warte Bürschchen, ich werde das Geheimnis schon noch aus dir herauskitzeln. Als ich die Tür mit meinem Haustürschlüssel öffnete, erhielt ich zugleich eine feuchte Begrüßung. Unser Hund Niko freute sich tierisch mich zu sehen und sprang mich sofort an, ehe ich die Tür hinter mir schließen konnte. Er wedelte erfreut mit seinem Schwanz und schleckte mir das Gesicht ab. Mein Dad kam mich ebenfalls begrüßen: „Na Sohnemann, hast du dir wieder einmal nicht dein Gesicht gewaschen, dass Niko dass für dich übernehmen muss? Äh… du hast da noch ein bisschen Sabber…“ Ich schubste Niko vorsichtig von mir runter. „Sehr witzig, Dad! Das geht doch sicher auf dein Konto.“ „Nö. Niko hat dich jetzt so lange nicht mehr gesehen, dass er sich einfach nur freut, dich zu sehen.“, erklärte mein Dad mir und anschließend gingen wir in die Küche, wo sich bereits meine ganze Familie eingefunden hatte. Naja… beinahe die ganze Familie, denn es war das erste Weihnachten ohne meine Oma und auch Christoph schien nicht da zu sein. „Christoph kann nicht. Die Arbeit stapelt sich auf seinem Schreibtisch und er kann unmöglich weg.“, erklärte meine Schwester Lena der versammelten Runde, doch zwinkerte sie mir dabei zu. „Und wo hast du Marcel gelassen, Lukas?“, fragte meine Mutter mich. „Der hatte auch keine Zeit, aber ich soll euch alle ganz lieb von ihm grüßen.“, antwortete ich mit einem Lächeln, obwohl mir eigentlich nicht danach zumute war. „Na immerhin sind all meine Kinder heute hier versammelt.“, sagte meine Mutter zufrieden. „Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie glücklich mich das macht.“ Meine Mutter schenkte uns allen Kaffee, Tee oder im Falle der Kleinen Saft ein und das Plätzchenfressen konnte beginnen. Es war ein geselliger Nachmittag im Kerzenschein, bis es irgendwann heftig an der Haustür klopfte. „Sebastian und Sarah, wärt ihr so gut und würdet die Tür aufmachen.“, forderte mein Vater die Zwillinge auf und ich konnte mir schon denken, wer da draußen in der Eiseskälte wartete. Ich behielt mit meiner Vermutung Recht, denn von den Zwillingen war kurz darauf ein langes „Oooh“ zu hören. Es war der Nikolaus! „Hohoho, durch Eis und Schnee bin ich hierher gewandert, um zu sehen, ob ihr auch alle schön artig dieses Jahr wart. Denn nur die artigen Kinder, kriegen von dem Nikolaus auch Geschenke!“ „Ach komm hör auf.“, sagte Sebastian plötzlich, aber mit einem Lächeln im Gesicht. „Wir wissen, dass du es bist, Christoph!“, fügte Sarah hinzu und ich musste unweigerlich schmunzeln. Der Weihnachtszauber war wohl leider verflogen, aber das tat dem schönen Nachmittag keinen Abbruch und hey…, das war der erste Nikolaus der von meiner Schwester Lena geküsst wurde.
„Klingt doch nach einem schönen Nachmittag, den du hattest.“, sagte Marcel am Abend in der Uni zu mir, als wir uns gemeinsam auf der dortigen Weihnachtsfeier einfanden. „Er wäre noch schöner gewesen, wärest du auch dabei gewesen. Sie haben alle nach dir gefragt.“, erklärte ich meinem Freund und wurde leicht traurig dabei. Klar war für mich der Nikolaus-Tag nicht groß von Bedeutung, aber trotzdem wäre es schöner gewesen, meinen Freund bei Familienfeiern dabei zu haben. „Willst du mir nicht endlich sagen was los ist?“, fragte ich schließlich leicht verbittert. „Nein.“, antwortete Marcel mir lediglich und mir kippte die Kinnlade runter. „Nein? Das ist alles?“, fragte ich erschrocken. „Du willst mir wirklich nicht erzählen, warum du mir seit Tagen aus dem Weg gehst, immerzu verschwindest und du so launisch bist?“ „Es hat nichts mit dir zu tun, wirklich nicht.“, meinte Marcel, doch war mir das egal. „Wir sind zusammen, Marcel! In einer Beziehung redet man miteinander und spricht über die Themen, die einen beschäftigen. Du kannst nicht so tun, als würde ich nicht existieren.“ Nun kochte ich innerlich vor Wut. Marcels Einstellung mir gegenüber ging einfach gar nicht mehr und das wollte ich ihn auch spüren lassen. „Aber schön…, dann lass es eben sein.“, sagte ich missmutig, drückte ihm meine Tasse Glühwein in die Hand und stapfte wütend davon. „Jetzt sei doch bitte nicht sauer!“, rief er mir noch hinterher, doch verschwand ich in der Menge aus Studenten und Professoren, die sich auf der Weihnachtsfeier ausgelassen unterhielten. Ich war so wütend, dass es mir so egal war, wenn ich eine Person anrempelte. So kam es leider auch dazu, dass ich ausgerechnet mit Mr. Gabriel zusammenstieß, der mich ernst anstarrte und einfach nur den Kopf schüttelte. Zurzeit hinterließ ich bei ihm keinen besonders guten Eindruck von mir. Für mich war die Party gelaufen. Ich hatte keine Lust mehr und wollte einfach nur nach Hause. Da spielte es auch keine Rolle für mich, dass Alec gerade mit seiner Musikgruppe auf einer errichteten Bühne auftrat und schöne Weihnachtslieder trällerte. Jedoch wurde ich kurz hellhörig, als ich eine bekannte Stimme vernahm, die eindeutig betrunken klang. „Fröhliche Weihnacht überall, für die meisten von uns aber jedoch eine große Qual!“, hörte ich Julius betrunken trällern, der eindeutig zu tief ins Glas geschaut hatte und sich eine weitere Tasse Glühwein am Stand genehmigen wollte, hätte ich ihn nicht davon weggezerrt. „Luki, mein bester Freund, da bist du ja!“ „Komm Julius. Für dich und mich ist die Party heute gelaufen.“, sagte ich, legte einen Arm um meinen Freund, um ihm als Gehstütze zu dienen und gemeinsam verließen wir das Unigelände.
Als wir in der WG ankamen, war Julius immerhin schon wieder etwas gehtüchtiger und er lallte mir nicht mehr zu sehr ins Ohr, wie lustig es wäre, wenn der Osterhase statt dem Weihnachtsmann die Geschenke verteilen würde und er am Ende als Hasenbraten im Rohr landet. Ich hievte meinen Freund bis zur Couch, wo er erst einmal still liegen blieb, während ich die Heizung einschaltete, da es eiskalt in der WG war. Zwischenzeitlich bediente sich Julius aber an der Bar und ich musste ihm eine Flasche Whiskey und eine Flasche Tequila aus den Händen ziehen. „Ich denke du hast für heute genug.“, sagte ich leicht lachend, denn Julius versuchte die Flaschen wie Babys zu hüten. „Vielleicht hast du Recht.“, sagte Julius leicht erschöpft und fiel auf die Couch zurück. „Aber du solltest was trinken…, ehrlich man, du siehst nämlich ziemlich scheiße aus!“ Ich atmete einmal schwerfällig ein und aus. „Du musst gerade reden.“, erwiderte ich schließlich und begutachtete die Flaschen auf dem Tisch. „Aber wo du Recht hast…“ Ich öffnete die Whiskey-Flasche und nahm drei oder vier kräftige Schlücke. Julius schaute mir mit offenem Mund dabei zu. Er war so besoffen, dass er alles irgendwie lustig fand und sich wie ein Kleinkind freute. „Und was hat dir heute den Abend so versaut?“, fragte Julius mich trotzdem. „Mein Freund von einem Arsch.“, antwortete ich und nahm zugleich noch einen Schluck. „Als hätte ich nicht schon genug Stress mit dieser beschissenen Arbeit, die ich für Mr. Gabriel erledigen muss, darf ich mich jetzt auch noch mit Beziehungsproblemen herumschlagen.“ „Ja, die Liebe ist nicht immer leicht.“, meinte Julius betrübt. „Aber vielleicht kann ich dir wenigstens bei deinem anderen Problem helfen. Ich hab nämlich die beste Idee seit langem, ach was rede ich, seitdem ich lebe!“ Ich blickte Julius fragwürdig an, während der Whiskey in mir, meinen Körper von innen heraus wärmte. Ich gönnte mir einen weiteren Schluck und ahnte bereits, dass mir am nächsten Tag kotzübel sein würde und ich einen mordsmäßigen Kater verspüren würde. Julius stand von der Couch auf und ging etwas wankend in mein Zimmer. Ich war nach wie vor verwirrt, was für einen Geistesblitz er plötzlich hatte. Er kam mit meinem Zeichenbrett und einem Bleistift, sowie Radiergummi zurück, die er mir auf den Tisch legte. „Und was soll ich jetzt damit?“ „Zeichne mich!“, antwortete Julius mir und ich blickte ihn verdutzt an. „Sorry wenn ich das sage Jules, aber das ist weder besonders originell, noch die beste Idee seit langem. Ich bin wie du siehst, selber schon leicht angetrunken.“, versuchte ich ihm zu erklären. „Du Dummerchen.“, lachte Julius und kam mit seinem Kopf ganz nah an mich heran, sodass sich unsere Nasenspitzen beinahe berührten. „Das bisschen Alohol was du intus hast, beintrachtet… beintrichtet… ach egal, du sollst mich ja auch nicht so zeichnen, wie ich jetzt bin.“ „Und wie soll ich dich dann zeichnen?“, fragte ich und starrte ihn weiterhin verwirrt an. Julius grinste und fing plötzlich damit an, sich langsam auszuziehen. Zuerst streifte er sich seinen Pulli und sein Shirt über den Kopf und dann öffnete er seine Hose und zog sie sich runter, bis er nur noch in Boxershorts bekleidet vor mir stand. Ob es der Alkohol war, der meinen Körper zum Glühen brachte, konnte ich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Ich saß einfach nur sprachlos auf der Couch, während Julius halbnackt vor mir stand und mich weiterhin anlächelte, als wäre das alles hier okay. Nachdem ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, nahm ich noch zwei weitere Schlücke aus der Whiskey-Flasche und sagte anschließend: „Na wenigstens trägst du nicht die rosaroten Boxershorts mit Herzchen bespickt, die ich dir letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte.“ Julius grinste über beide Ohren, während ich meine Augen von seinem doch recht gutgebauten Körper nicht mehr abwenden konnte. Die Krönung kam aber zum Schluss: Julius zog sich auch noch die Boxershorts aus und stand nun in all seiner Pracht vor mir. Ich schluckte einmal kräftig. „Worauf wartest du noch?“, fragte er mich. „Fang an zu zeichnen. Ich kann mich auch auf dich setzen, wenn das deine Kreativität noch besser fördert.“ „Untersteh dich.“, sagte ich nun ebenfalls lachend, schnappte mir mein Zeichenbrett und fing das Zeichnen an. Danach kam es zu einem totalen Blackout. Ich kam erst am nächsten Morgen wieder in meinem Bett zu mir. Die Sonne war bereits aufgegangen, doch fror es mich leicht. Ich wollte mich besser zudecken, als ich spürte, dass ich nicht alleine im Bett lag. Mit einem Mal waren meine Augen ganz weit offen. Neben mir lag Julius, nackt und ich war es ebenfalls. „Scheiße!“
Kapitel 16: Lebkuchenherz Ganz klar: Ich stand knietief in der Scheiße! Nach meiner durchzechten Nacht mit Julius hatte ich einen totalen Filmriss. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern was war, geschweige denn was ich getan oder nicht getan habe. Ich betete, dass das alles nur ein schlimmer Albtraum war, aus dem ich noch erwachen würde, aber momentan sah es leider nicht danach aus. Auch Julius schien sich an nichts mehr zu erinnern und er stand mindestens genauso sehr unter Schock, als er neben mir aufgewacht ist, wie ich, wenn nicht sogar noch ein Stückchen mehr. Für mich war es ja normal, mit Jungs zu schlafen…, aber für Julius war das neues Terrain, sofern wir wirklich… oh mein Gott… Julius und ich haben doch nicht wirklich?! Er ist mein bester Freund! Das darf einfach nicht passiert sein. Zum Glück bekam es außer uns beiden keiner mit. Marcel schien gar nicht erst nach Hause gekommen zu sein. Die Frage, wo er übernachtet hat, beschäftigte mich mindestens genauso sehr, wie die Frage, was ich und Julius getan haben. Alec hingegen war zwar von der Weihnachtsfeier nach Hause gekommen, aber zugleich todmüde ins Bett gefallen. Er fand zwar Julius Kleidung im Wohnbereich vor, aber kam im Traum nie darauf, dass er nicht in seinem eigenen Bett geschlafen hat. „Na ihr müsst es hier ja noch ordentlich krachen lassen haben.“, meinte er, nachdem er die halbleere Whiskey-Flasche auf dem Tisch entdeckte und wir uns vom anfänglichen Schock erholt hatten. Julius und ich schwiegen uns zu dem Thema aus. Auch Tage später wussten wir noch immer nicht was in jener Nacht vorgefallen war. Eines wusste ich aber noch ganz genau: Ich hab Julius tatsächlich nackt gezeichnet! Der Beweis lag auf der Hand, beziehungsweise in meinem Zimmer auf meinem Zeichenbrett, denn dort befand sich die fertige Zeichnung von Julius. „Das bleibt unter uns.“, sagte ich irgendwann zu Julius. „Ja, ich bin nicht scharf darauf, dass jeder erfährt, was wir getrieben haben.“, erwiderte Julius. „Jetzt halt mal den Ball flach. Vielleicht haben wir es nicht „getrieben“…“, entgegnete ich. „Oh bitte Lukas…“ Julius fasste sich an den Kopf, als würde ihm noch immer der Schädel brummen. „Ich will glaube ich auch gar nicht wissen, was da zwischen uns war…“ „Da war nichts zwischen uns!“, entgegnete ich zähneknirschend. „Das wissen wir nicht…“, sagte Julius. „Zumindest lag nirgends ein Kondom.“, meinte ich, auch wenn das kein eindeutiges Indiz für unsere Unschuld war. Wenn ich Marcel jetzt auch noch mit Julius betrogen habe, dann konnte ich unsere Beziehung endgültig in die Tonne kloppen. Unsere Beziehung stand eh schon hart auf der Kippe.
Ich wusste zurzeit echt nicht mehr, wo mir der Kopf stand und als Herr West mich Samstagabend anschrieb, ob wir uns morgen auf dem Christkindlmarkt am Rathausplatz treffen wollen, war ich sofort Feuer und Flamme. Ich wollte einfach nur noch raus, raus an die frische Luft und weg von Marcel und Julius und all meinen Problemen, die ich derzeit mit mir herumschleppte. So zog ich mich am Sonntagnachmittag warm an und ging zu dem vereinbarten Treffpunkt, um mich dort mit dem Leiter der CODA und seinem Ex-Freund zu treffen. Auf dem Weg dorthin, bekam ich dann aber doch ein komisches Gefühl dabei, mich mit einem älteren Mann und seinem Ex-Freund zu treffen. Naja, vielleicht war sein Ex-Freund ja ganz nett. Als ich aus der U-Bahn ausstieg und die Treppe zum Rathausplatz emporstieg, zog mir bereits ein eisiger Wind entgegen. Dieses Jahr war es wirklich besonders kalt. Ich ging etwas schneller, um mich zwischen den einzelnen Buden vor dem Wind in Sicherheit zu bringen. Am Rathausbrunnen traf ich dann auch Herrn West und seinen besagten Ex-Freund, der deutlich jünger zu sein schien, als ich erwartet hatte. Er konnte nicht sehr viel älter als ich gewesen sein. Von der Optik her ähnelte er Alec ein wenig, denn auch er hatte schwarzes, schulterlanges Haar, aber seine Gesichtszüge waren sehr viel feiner und jugendlicher und seine Augen strahlender, wohingegen die von Alec schwarz waren. „Leon, das ist der Junge von dem ich dir in meiner E-Mail erzählt habe.“ Der Junge gab ein leises „Ah“ von sich, während ich mich noch immer leicht unwohl in meiner Haut fühlte. „Sag bloß du erkennst ihn nicht Lukas? Das ist Leon Schopp, einer der Ursprungsmitglieder der CODA. Hinzu kommt, dass er einer meiner ehemaligen Kunststudenten war. Er gehörte zu den Talentiertesten – Er ist einer der Talentiertesten!“, korrigierte sich Herr West schnell. „Naja, aber davor musste ich auch so allerhand über mich ergehen lassen. Shane hat sogar mal eines meiner Zeichnungen zerstört. Das war nicht so lustig.“, sagte Leon mit einem Lächeln im Gesicht zu mir und schüttelte mir zur Begrüßung noch die Hand. „Lass doch die alten Kamellen, Leon.“, sagte Herr West und grinste dabei. „Und wo wollt ihr als Erstes hin? Wie schaut es mit einer Tasse Glühwein aus? Das wärmt den Körper von innen heraus.“ „Eine gute Idee.“, sagte ich und Leon pflichtete ebenfalls bei. Wir bestellten uns alle jeweils eine Tasse Glühwein und währenddessen lernte ich Leon ein wenig besser kennen. So erfuhr ich von seinem Leben in Hamburg, dass er dort eine Firma gegründet hat und sich sogar in einer sehr glücklichen Beziehung befand. Von all diesen Dingen konnte ich derzeit nur träumen. Natürlich hatte Leon auch die ein oder andere Frage an mich. Was ich nach meinem Studium genau machen will, wohin es mich treibt und auch ob ich mich derzeit in einer Beziehung befand. „Da gibt es doch bestimmt einen Jungen, für den dein kleines süßes Herz schlägt.“, meinte Leon schmunzelnd. Benahm ich mich tuntig, oder irgendwie anders auffällig, dass er sofort wusste, dass ich schwul bin? Vermutlich hat Herr West ihm das aber auch in einer E-Mail verklickert. „Ich hab in der Tat einen Freund… noch zumindest.“, antwortete ich Leon und auch Herr West hörte aufmerksam zu. „Wir haben zurzeit ein paar Beziehungsprobleme… nun ja und dann kommen da auch noch andere Schwierigkeiten hinzu, die sich in der letzten Zeit ergeben haben.“ „Ich will nicht neugierig wirken, aber hat das was mit einem anderen Jungen zu tun?“, fragte Leon, der einen guten Riecher bewies. Es zu verleugnen, wäre unsinnig gewesen, also nickte ich. „Das Gefühl kenne ich.“, erwiderte Leon, der mich verträumt ansah. „Ich finde mich gerade in dir wieder. Vor ein paar Jahren war ich genauso wie du: Ein junger Student und verliebt in zwei Jungen, die man einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommt, geschweige denn aus dem Herzen.“ „Mo-oment!“, brach es schnell aus mir heraus. „Ich bin nur in meinen Freund verliebt, der andere Junge ist nur ein Freund… nur ein sehr guter Freund!“ „Schon klar.“, entgegnete Leon und zwinkerte mir grinsend zu, während Herr West sprachlos, aber lächelnd daneben stand und sich nur ungern in unsere Unterhaltung einmischen zu wollen schien. Zum Glück hatten wir alsbald unseren Glühwein ausgetrunken und zogen weiter, um auch die anderen Buden auf dem Christkindlmarkt zu besichtigen. Herr West kaufte sich ein Paar Ohrwärmer, die er sich auch zugleich aufsetzte, nachdem seine Ohren bereits ganz rot waren und auch Leon und ich wurden nach kurzer Zeit fündig. „Hier gibt es Lebkuchenherzen! Davon kauf ich mir gleich zwei.“, rief Leon begeistert und zog seinen Geldbeutel aus seiner Umhängetasche. Er kaufte sich zwei große Lebkuchenherzen, auf denen einmal „Ich liebe dich“ und einmal „Bitte verlass mich nicht“ stand. Auf meine Verwunderung hin, wieso er sich gleich zwei kaufte, antwortete er: „Hab ich das nicht gesagt? Ich war als Student in zwei Jungen verliebt und mit beiden bin ich nun auch zusammen.“ Die Verwunderung stand mir ins Gesicht geschrieben: „Und das funktioniert?!“ „Ja.“, antwortete Leon mir lächelnd. „Anfangs hätte ich es auch nicht für möglich gehalten, aber wir lieben uns alle drei gleichermaßen. Bevor ich mich versah, war ich auch schon zwischen den Beiden…, wenn du verstehst was ich meine.“ Leon lachte, während ich ihn mit offenem Mund anstarrte. So verlief das Treffen mit Herr West und seinem Ex-Freund überraschend angenehmer und lustiger als erwartet und ich konnte meine Sorgen und Probleme für ein paar Stunden fast vollständig ausblenden. Doch die Realität holte mich schneller ein, als mir lieb war…
Ich war gerade auf dem Nachhauseweg und setzte mich auf einen freien Platz in der U-Bahn, die zu später Stunde etwas leer schien. In einer Ecke saß ein alter Penner, von dem eine unangenehme Alkoholfahne ausging. Ein Pärchen, das ebenfalls auf dem Christkindlmarkt gewesen zu sein schien, saß etwas weiter weg und warf sich verliebte Blicke zu. Auf der gegenüberliegenden Seite von mir, saß eine junge Mutter mit ihrem Kinderwagen, in dem friedlich ein Baby schlief. Zuerst bemerkte ich es gar nicht, aber die junge Frau blickte immer wieder zu mir rüber, bis ihre Augen schließlich vollständig an mir haften blieben. Irgendwann fühlte ich mich unwohl dabei und sprach sie darauf an: „Könnten Sie bitte damit aufhören, mich so anzustarren?!“ „Nein kann ich nicht.“, entgegnete die junge Frau ernst. „Sie hören ja auch nicht auf, mit meinem Freund zu schlafen!“ Erschrocken klappte mir der Mund auf. Wer war die junge Frau?!
Kapitel 17: Weihnachtstrubel Ich saß auf meinem Bett, die Decke über dem Kopf, und blickte aus dem Fenster. Draußen fiel Schnee vom Himmel und das schon seit fast drei Tagen ununterbrochen. Eigentlich hatte ich mich daran satt gesehen, aber es war besser hier zu sitzen, als nach draußen zu gehen und mich mit dem Menschen zu unterhalten, der mich seit über einem Jahr angelogen hat. Es klopfte an meiner Tür. „Geh weg!“, rief ich mürrisch, doch wurde meine Aufforderung gekonnt ignoriert. Es war jedoch nicht der, den ich erwartet habe. Julius Kopf lugte vorsichtig in mein Zimmer, ehe er es betrat und sich wortlos zu mir aufs Bett setzte. Ich ließ ihn gewähren, auch wenn ich stark damit zu kämpfen hatte, meine Emotionen im Zaum zu halten. Julius legte von hinten seine Arme um mich und sah mit mir zusammen dem Schneetreiben draußen zu. Ein schönes Gefühl, dass trotz meiner Abwehrhaltung, mein bester Freund nicht locker ließ und mir zur Seite stand. Doch irgendwann durchbrach Julius doch die Stille: „Du weißt, dass du dich nicht für den Rest deines Lebens hier drin verstecken kannst, oder?, fragte er, doch antwortete ich ihm nicht. Julius sprach einfach weiter: „Du musst nicht mit mir reden Lukas, aber du musst mit ihm reden!“ „Kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?!“, raunzte ich meinen besten Freund an und schubste ihn leicht von mir weg, was ich aber kurze Zeit später bereute. Julius schien mir zwar nicht böse zu sein, aber er stand wieder auf und verließ ohne ein weiteres Wort mein Zimmer. Fast im selben Augenblick, als die Tür zufiel, schossen mir Tränen ins Gesicht und es verging mindestens eine Stunde, bis ich mit dem Weinen wieder aufhören konnte. Ich bekam nicht viel vom Leben der anderen mit, aber als ich hörte, wie sie die Wohnung verließen, um in die Kirche zu gehen, traute ich mich doch aus meinem Zimmer. Ich hatte großen Hunger und wollte mir ein paar Brötchen mit Wurst und Käse machen, als plötzlich Marcel hinter mir stand. Vor Schreck ließ ich die Packung Käse zu Boden fallen. Marcel wollte sie für mich aufheben, doch wurde ich kratzbürstig und scheuchte ihn weg. Er blieb jedoch in der Küche und leistete mir Gesellschaft, auch wenn ich gut darauf verzichten hätte können. Eine unangenehme Stille breitete sich in der Küche aus, bis ich mir irgendwann doch einen Ruck gab. „Ich dachte du bist mit den anderen in die Kirche? Ich mag es ganz und gar nicht, wenn sich einer von hinten an mich heranschleicht.“ „Es spricht!“, kam von Marcel als Gegenantwort, woraufhin ich ihm einen bösen Blick zuwarf. „Okay, tut mir Leid…, wie oft soll ich mich noch bei dir entschuldigen, wie Leid es mir tut?!“ „Es ist mir scheißegal wie oft du dich entschuldigst.“, sagte ich und versuchte dabei gleichgültig rüber zu kommen, wirkte aber wohl eher sauer. „Du hättest es mir sagen müssen!“ „Ich hab einfach nicht den geeigneten Augenblick dafür gefunden.“, versuchte Marcel sich zu erklären, doch sorgte seine Aussage bei mir für ein Kopfschütteln. „Bitte Lukas. Was kann ich tun, damit du mir verzeihst? Ich würde alles tun… ich liebe dich!“ „Ach auf einmal?!“, sagte ich nun etwas lauter und fluchte innerlich, denn erneut schossen mir Tränen ins Gesicht, die sich unaufhaltsam ihren Weg an die Oberfläche bahnten. „Du bist mir Tage, ach was sage ich, Wochen aus dem Weg gegangen, hast mich abgewiesen, ja sogar angepampt, wegen Nichtigkeiten und dann erfahre ich durch Zufall, dass du ein Kind hast!“ „Ich weiß es doch selber erst seit nicht allzu langer Zeit.“, erklärte Marcel mir, was es für mich aber auch nicht besser machte. „Sandra war ein Party-Flirt, ein One-Night-Stand und wir beide waren damals unachtsam. Wir hatten hinterher keinen Kontakt mehr miteinander. Dass das Kondom reißt und sie die Pille danach nicht genommen hat, dafür kann ich doch auch nichts. Sie hat ihre Schwangerschaft vor mir geheim gehalten und kam erst letzten Monat zu mir. Meine Welt stand Kopf, als ich erfuhr, dass ich Vater von einem kleinen Jungen bin. Wäre Noah nicht krank geworden, dann wüsste ich bis heute noch nichts von seiner Existenz. Sandra kam zu mir, weil sie meine Hilfe benötigte und um eventuelle Erbkrankheiten ausschließen zu können. Natürlich hätte ich es dir sagen müssen, aber ich wusste einfach nicht wie. Bitte Lukas, ich wollte dich wirklich nicht verletzen!“ Meine Wut ebbte langsam wieder ab und ich wurde von Traurigkeit überflutet. Es machte mich einfach so unsagbar traurig, dass mein Freund so ein großes Geheimnis vor mir verbarg. Doch das war ja auch noch längst nicht alles: „Und dann erzählst du ihr auch noch von mir und während du mal schnell auf die Toilette gehst, schnappt sie sich dein Handy und klaut meine Handynummer, damit sie mir Drohnachrichten schickt. Was stimmt mit der nicht?“ „Ich denke sie hatte einfach nur Angst. Sie ist ganz allein mit Noah. Ihre Mum ist verstorben, ihr Vater Alkoholiker und sie lebt bei ihren Großeltern.“, versuchte Marcel mir zu erklären. „Klar ist das keine Entschuldigung dafür was sie getan hat, aber sie meinte es sicherlich nicht böswillig. Nachdem sie mir von Noah erzählt hat, ist in ihr wohl die Hoffnung aufgekeimt, dass sie und ich zusammen kommen könnten, um gemeinsam für Noah da zu sein.“ „Mir ist das im Moment einfach alles zu viel…“, erwiderte ich lediglich und versuchte meine Gefühle im Zaum zu halten. „Ich geh wieder auf mein Zimmer. Bitte lass mich allein, damit ich über alles in Ruhe nachdenken kann.“ Ich verließ langsam die Küche und ließ Marcel mit gesenktem Kopf allein am Küchentisch sitzen. Als ich einen letzten Blick zu ihm warf, tat er mir wirklich leid, aber erst einmal musste ich mir darüber im Klaren werden, was das für unsere Beziehung bedeutete.
Nach einer Weile kamen Julius und Alec wieder aus der Kirche zurück. Doch waren sie nicht allein, sondern in Begleitung meiner Mum und meinen zwei kleinen Geschwistern Sarah und Sebastian. „Was macht ihr denn alle hier?“, fragte ich verblüfft, als es in der Wohnung auf einmal lauter wurde. „Oh, du hast dein Zimmer verlassen!“, rief Julius überrascht. „Sehr schön, Alec und ich dachten schon, wir würden jetzt mit einem Zombie zusammen leben.“ Ich verzog leicht die Miene, bevor meine Mutter mich liebevoll in den Arm nahm. Julius ließ sich zu einem weiteren Kommentar hinreißen: „Hach, es geht doch nichts über ein wenig Mutterliebe.“ „Erfahre ich jetzt mal, was ihr alle hier zu suchen habt?“, fragte ich. „Sebastian bekommt von Alec ein bisschen Gesangstraining und Sarah und ich wollten sehen, ob wir eure Jungs-Bude mal bisschen auf Vordermann bringen können.“, erklärte meine Mutter mir, doch nahm ich stark an, dass sie sich einfach nur Sorgen um mich machte und nach mir sehen wollte. „Also packen wir´s an!“ Meine Mutter krempelte sich die Ärmel hoch. Das Putzfieber hatte sie gepackt! „Wo stehen Putzeimer und Putzwedel?“ „Ich hoffe ihr wisst, was ihr damit angerichtet habt.“, sagte ich zu Julius und Alec, denn wenn meine Mutter erst einmal zum Putzen angefangen hatte, dann war sie nicht mehr zu stoppen. „Moment… wieso Nachhilfe in Gesangsunterricht? Hab ich da was nicht mitbekommen?“ „Du bekommst so einiges nicht mehr mit, wenn du dich Tag und Nacht in deinem Zimmer verkriechst.“, meinte Alec schmunzelnd. „Dein Bruder hat mich darum gebeten, aber warum, das soll er dir schon selber sagen.“ Ich blickte zu Sebastian, der leicht rot im Gesicht wurde und Augenkontakt vermied. Danach blickte ich erneut zu Alec, der keck grinste und ich bekam einen schrecklichen Verdacht. „Alec du Sohn eines Satans, vergreifst du dich etwa an meinem kleinen Bruder?!“ „Jetzt spinn dich aber aus!“, rief Alec mir lachend entgegen. „Ich steh auf Frauen und selbst wenn ich auf Jungs stehen würde, dann wäre mir dein Bruder viel zu jung. Ich bin nicht pädophil! Wenn schon mit Jungs, dann wäre unser lieber Julius hier genau mein Typ.“ Alec lachte und Julius zog erschrocken die Augenbrauen hoch. Unsere Blicke trafen sich und wir mussten beide gleichzeitig an unsere gemeinsame Nacht denken, über die wir noch immer im Dunkeln tappten. „Gut zu wissen, dass du Julius attraktiver als mich findest.“, schlussfolgerte ich grummelnd. Alec lächelte. „Da ist ja wieder unser kleiner Brummbär, der meine Witze nicht lustig findet.“ Mit dieser Aussage, ließ ich mich zu einem Lächeln hinreißen, was sowohl meine Mutter, als auch Julius mit Freude zur Kenntnis nahmen. „Los kleiner Mann, fangen wir an!“ Alec zog sich mit Sebastian in sein Zimmer zurück und der Großputz in unserer Wohnung begann.
In weniger als einer Woche war Heiligabend. In all dem Trubel um mich herum, kam bei mir aber keinerlei Weihnachtsstimmung auf. Zwar verkroch ich mich nicht mehr länger in meinem Zimmer und auch mit Marcel hatte ich mich ausgesprochen, aber die Probleme blieben vorerst bestehen. Das Marcel einen Sohn hatte, damit hatte ich gar kein Problem, aber die Heimlichtuerei und der Überfall seiner Ex-Freundin auf mich in der U-Bahn machten es mir nicht leicht, Verständnis zu zeigen. Zu allem Überfluss hatte ich meine Arbeit für Mr. Gabriel völlig außer Acht gelassen. Zwar hatte ich eine Zeichnung von Julius… nackt…, aber die konnte und wollte ich keinesfalls meinem Dozenten überreichen, obwohl Julius sogar damit einverstanden gewesen wäre. „Naja… eigentlich sehe ich doch sehr gut darauf aus. Du hast mich wirklich eins zu eins abgezeichnet!“ So stand ich also mit leeren Händen vor Mr. Gabriel, der natürlich alles andere als begeistert darüber war. „Ich will Klartext mit Ihnen sprechen Herr Hader. Das sieht nicht gut für Sie aus!“ „Ich weiß, aber ich…“ „Nanu, was ist das denn?“, fragte Mr. Gabriel, als er die Zeichnung von Julius auf seinem Schreibtisch unter ein paar anderen Werken entdeckte. Ich war völlig perplex. Ich dachte die Zeichnung läge bei mir Zuhause sicher verwahrt in meinem Zimmer. Wie war sie hierhergekommen? „Ist das von Ihnen?“, fragte Mr. Gabriel mich und hielt mir die Zeichnung vors Gesicht. „Ihr Name steht drauf.“ „Ähm… na dann ist sie wohl von mir.“, gab ich etwas unsicher zu. Mr. Gabriel begutachtete die Zeichnung und fällte sein Urteil. „Wieso sagen Sie das denn nicht gleich? Die ist wirklich gut. Ist das Herr Bruck, der für sie Modell stand? Wahrlich eine Augenweide…“ Ich blickte meinen Dozenten verdutzt an. „…äh also sie wissen schon was ich meine…! Auf jeden Fall ist ihr Semester damit gerettet. Ein besseres Weihnachtsgeschenk für Sie selber, hätten Sie sich gar nicht machen können Herr Hader. Das ist wirklich eine hervorragende Arbeit!“ Ich lächelte noch etwas unsicher, aber insgeheim freute ich mich natürlich. Wie auch immer die Zeichnung den Weg auf Mr. Gabriels Tisch fand, ich war fürs Erste aus dem Schneider.
Kapitel 18: Engelsgesang „Leise rieselt der Schnee, still und starr ruht der See. Weihnachtlich glänzet der Wald, freue dich, Christkind kommt bald!“ Es war Heiligabend und ich saß bei meinen Eltern Zuhause auf der Couch und sang mit meiner ganzen Familie zusammen Weihnachtslieder. Dabei hielt ich mich jedoch ein wenig zurück, denn meine Gesangsstimme, war im Vergleich zu der meines Bruders nur schwer erträglich. Es war ein ruhiges, aber schönes Beisammensein der ganzen Familie. Auch Lena und Christoph waren zu den Feierlichkeiten erschienen. Unsere Mutter hoffte ja noch immer auf ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk, indem Lena uns allen mitteilte, dass sie schwanger sei und unsere Eltern somit Großeltern wurden, aber diese Hoffnung wurde jäh zerstört, als ich ein Gespräch zwischen meinem Vater und Christoph belauschte. Sie standen in der Küche und ich wollte eigentlich nur die Gebäckschale mit frischen Plätzchen auffüllen, da die Kleinen bereits alle aufgefuttert hatten, als ich Christophs Stimme aus der Küche vernahm: „Möglicherweise kann Lena keine Kinder bekommen.“ Dieser Satz kam so unerwartet, dass ich erschrocken stehen blieb. „Wir waren vorige Woche beim Gynäkologen und er hat ein paar Tests durchgeführt. Wir müssen noch die Ergebnisse abwarten, aber es besteht die Möglichkeit, dass Lena nie Kinder bekommen wird. Ich weiß, du und Sabine hattet euch bereits darauf gefreut Großeltern zu werden…“ „Vergiss uns. Ihr seid jetzt viel wichtiger.“, hörte ich meinen Vater daraufhin sagen. „Vor allem aber braucht Lena dich jetzt an ihrer Seite, sollten die Testergebnisse wirklich nicht positiv ausfallen.“ Ich hatte genug gehört und wollte ins Wohnzimmer zurückkehren, als ich bemerkte, dass Lena hinter mir stand und die Unterhaltung unseres Vaters und ihres Gatten ebenfalls mitangehört hatte. Traurig blickte sie zu Boden und dann zu mir. Ohne ein Wort zu sagen, schritt ich auf sie zu und legte meine Arme um sie und tröstete sie. Es bedurfte keine weiteren Worte. So wie meine große Schwester immer für mich da war, wollte ich nun auch für sie da sein. Die Weihnachtsstimmung ging dadurch natürlich ein wenig flöten, aber als später die Geschenke ausgepackt wurden, kehrte sie wieder zurück. Kaum zu glauben, dass ich bei all dem Stress noch die Zeit gefunden hatte, für alle ein passendes Geschenk zu finden. Das Geschenk der Zwillinge für Lena sorgte für diesen Abend aber für die größten Emotionen. In einer kleinen Schachtel befanden sich nämlich zwei kleine Babymützen, eine in Blau und eine in Rosa. „Sollten wir eines Tages Onkel und Tante werden, wollen wir nicht, dass dein Kind im Winter friert.“, erklärte Sarah ihr. „Es sind zweierlei Farben, weil wir ja nicht wissen, ob Junge oder Mädchen.“, fügte Sebastian hinzu. Lena blickte mit einem Lächeln und Tränen in den Augen auf die zwei Mützen in ihren Händen. Christoph legte seinen Arm um ihre Schulter, um sie zu trösten. „Was ist denn Lenchen? Gefällt dir unser Geschenk etwa nicht?“, fragte Sarah, als sie die Tränen in den Augen ihrer Schwester sah. Lenas Gefühle überrannten sie, weshalb sie nur den Kopf schüttelte. Unsere Mutter ergriff schließlich das Wort: „Ich bin mir sicher, dass sich Lena über euer Geschenk sehr freut. Die Mützen sind wirklich bezaubernd.“ Offenbar war auch unsere Mutter über Lenas Probleme bereits in Kenntnis gesetzt. Natürlich war sie das. Wenn Lena Kummer hatte, dann rannte sie meistens zuerst zu unserer Mutter. Das Auspacken der Geschenke ging weiter, zum Glück mit weit weniger Tränen in den Augen als bisher. Sogar Niko bekam ein Geschenk: Einen schönen großen Knochen mit Schleife versehen. „Nehmt lieber die Schleife ab, bevor er die noch mitisst.“, meinte mein Dad vorsorglich.
Anschließend zogen wir uns alle sehr warm an, um mit zwei Autos in die Kirche zu fahren. Die Zwillinge stiegen bei Christoph und Lena mit ins Auto, während ich bei meinen Eltern mitfuhr. Auf dem Weg zur Kirche, legte ich meinen Kopf auf die kalte Fensterscheibe, um besser in die Nacht rauszublicken. Die Straßen waren fast menschenleer und wie in dem Lied vorhin, fiel leise der Schnee vom Himmel herab und bedeckte die ganze Stadt mit weißem Zauber. Bei der Kirche angekommen, besuchten wir als Erstes das Grab unserer Oma. Wir nahmen uns einen Moment Zeit, um an sie zu denken und an die schöne Zeit mit ihr zurückzudenken. Sarah kamen die Tränen und da ich hinter ihr stand, ging ich in die Knie und legte sanft meine Arme um sie. Das war nun heute schon die zweite Schwester, die ich in die Arme nahm, aber das machte mir nichts aus, denn mir war meine Familie sehr wichtig und ich wollte für sie da sein. Jeder einzelne Moment mit ihnen war kostbar, denn das Leben zog so schnell an einem vorbei, dass ich es später nicht bereuen wollte, für sie, oder aber auch meine Freunde nicht da gewesen zu sein. Nachdem unsere Füße auf dem eisigen Boden fast festgefroren waren, verabschiedeten wir uns von unserer Oma und schlenderten leise in die Kirche, in der bereits zahlreiche Menschen strömten. Am Eingang traf ich auf Julius, dem ich zunächst einmal nur Frohe Weihnachten wünschte. „Hast du später noch Zeit, oder wartet deine Mutter auf dich?“, fragte ich ihn. „Meine Mutter ist mit meinem Onkel und meiner Tante in die evangelische Kirche. Ich wollte aber lieber bei dir sein, um dir Frohe Weihnachten zu wünschen, also ja, ich habe Zeit.“, antwortete Julius mir mit einem Lächeln und ich war über seine Antwort sehr froh. „Sehr gut, denn ich würde gerne…“ Ich unterbrach meinen Satz, denn ich erblickte Marcel, der im Schnee auf mich zugestapft kam. Er war jedoch nicht alleine, sondern in Begleitung von Sandra. Ich wusste, dass er sie heute mitbringen würde, dennoch war es ein ungewohnter Anblick für mich zu sehen, wie Marcel einen Kinderwagen vor sich herschob, in dem sein Sohn lag. „Frohe Weihnachten.“, sagte er und küsste mich auf die Wange. Ich erwiderte den Wangenkuss mit einem richtigen Kuss auf den Mund. Es war unser erster Kuss seit keine Ahnung wie vielen Tagen, aber ich hatte mich dazu durchgerungen uns Beiden noch eine Chance zu geben. Ich wollte seinen Sohn und auch seine Ex-Freundin kennenlernen. Mir war natürlich klar, dass das alles nicht absolut reibungslos verlaufen würde, aber ich liebte Marcel und ich wollte nach wie vor mit ihm zusammen sein. Ich reichte Sandra friedvoll die Hand und nach kurzem Zögern, nahm sie sie entgegen. „Lasst uns besser gleich reingehen, ehe Noah hier draußen noch erfriert.“, meinte Marcel und er ging mit dem Kinderwagen voran, während Julius uns allen die Tür aufhielt. Der Weihnachtsgottesdienst war sehr schön gestaltet, ganz besonders die musikalische Begleitung. Alec drückte mit viel Gefühl auf die Tasten seines Klaviers, während die Violinistin Yuki Tenshi sich voller Leidenschaft der Musik hingab. Sebastian bereitete sich unterdessen auf seinen Auftritt im Chor vor. Zuvor ließ er seine Blicke in der Kirche umherschweifen, als ob er nach jemanden suchte. Nach etwa zehn Minuten kam dann sein großer Auftritt, auf den er sich die letzten Wochen mit Hilfe von Alec vorbereitet hatte. Die Musik fing zu spielen an und begleitet von Alec, Yuki, dem Chor und himmlischen Glöckchen, fing mein kleiner Bruder zu Singen an. „The First Noel, the Angels did say. Was to certain poor shepherds in fields as they lay. In fields where they lay keeping their sheep. On a cold winter's night that was so deep. Noel, Noel, Noel, Noel. Born is the King of Israel!“ Es war ein zauberhafter Moment in der Kirche und alle lauschten dem schönen Gesang meines Bruders. Ich empfand so viel Stolz für meinen Bruder und ich konnte in den Augen meiner Eltern sehen, dass es ihnen nicht anders erging. So hatten wir unbeschreiblich schöne und unvergessliche Minuten, die uns allen mit Sicherheit noch lange in Erinnerung bleiben werden.
Als die Kirche zu Ende war und die Menschen allesamt langsam wieder nach Hause gingen, konnte ich dabei zusehen, wie Sebastians Mitschüler Noel auf meinen kleinen Bruder zurannte und etwas nervös vor ihm stehen blieb. Zuerst schienen beide nicht zu wissen, was sie sagen sollten, aber dann bedankte sich Noel bei Sebastian für das wunderschöne Lied, das zweifelsohne ihm gewidmet war. Für mich stand inzwischen außer Frage, dass Sebastian ganz nach mir kam… Plötzlich beugte sich Noel vor und drückte meinen kleinen Bruder zum Dank einen Kuss auf die Wange. Sebastian wirkte wie versteinert, lächelte aber, wohingegen ich rot im Gesicht wurde. Mein kleiner Bruder wurde langsam erwachsen und zu einem Mann… „Hach ist das nicht süß.“, sagte Alec, der zusammen mit der Violinistin dazu stieß und wie ich die Jungs beobachtete. Auch Julius und Marcel standen bei mir und wünschten Alec noch Frohe Weihnachten. „Ihr kennt doch sicher alle inzwischen Yuki oder?“, fragte Alec, der völlig unerwartet seinen linken Arm um die Taille der Violinisten legte. „Yuki und ich sind nämlich schon seit geraumer Zeit ein Paar, aber hatten es bisher geheim gehalten.“ „Oho, das ist wahrlich das Fest der Liebe.“, sagte Julius überrascht, gratulierte Alec aber, während ich Yuki lächelnd die Hand schüttelte. Auf einmal stand Sandra hinter mir und tippte mir auf die Schulter. „Ich weiß ich bin etwas spät dran, aber ich möchte mich bei dir noch für mein Verhalten entschuldigen. Dir diese Nachrichten zu schicken war unangebracht und Marcel hat mich deswegen auch schon gerügt. Als er erfahren hat, was ich getan habe, war er stinksauer. Ich war der Meinung, Marcel und mir noch einmal eine Chance zu geben und hatte deshalb gehofft, er würde zu mir zurückkehren, aber er ist so unsagbar in dich verliebt, das glaubst du gar nicht. Wenn ich Probleme oder Kummer verursacht habe, dann tut es mir Leid, aber in erster Linie ging es mir einzig und allein um Noah, dem es nicht gut ging und der seinen Vater an seiner Seite braucht. Ich will nicht, dass mein Sohn ohne seinen Vater aufwächst. Ich hoffe du verstehst das und verzeihst mir.“ Ich ließ Sandra ohne sie zu unterbrechen ausreden und nachdem ich erkannte, dass es ihr wirklich Leid zu tun schien, verzieh ich ihr und nickte. Marcel, der die ganze Zeit über neben mir stand, bedankte sich bei Sandra und blickte mir anschließend in die Augen. „Ich liebe dich, Lukas!“ „Ich liebe dich auch, du Dummkopf!“, erwiderte ich und daraufhin folgte ein noch intensiverer und längerer Kuss, als vor dem Gottesdienst. Auch Alec und Yuki küssten sich, was für Julius nur schwer zu ertragen war. „Ist ja gut jetzt. Bin ich hier eigentlich der einzige einsame Single weit und breit?“ Alec und Marcel lachten, während Yuki zu Kichern anfing. Ich hingegen sagte: „Ich weiß gar nicht was du hast, wo wir Zwei doch schon augenscheinlich miteinander geschlafen haben.“ Mit dieser Aussage sorgte ich für allgemeine Überraschung, um nicht zu sagen für offene Münder. Selbst Julius blickte mich mit großen Augen an, weil ich es vor Alec und Marcel groß rausposaunte. Ich grinste über beide Ohren, denn inzwischen konnte ich mich wieder an alles erinnern, was in jener Nacht vorgefallen war. „Keine Sorge Jules, wir hatten keinen Sex miteinander. Es stimmt zwar, dass wir beide viel getrunken hatten, aber im Gegensatz zu dir, konnte ich noch selbstständig denken. Du hingegen hast es nicht einmal mehr in dein Zimmer geschafft, weshalb ich dich in mein Bett geschleift habe, wo ich dann todmüde und erschöpft neben dir eingeschlafen bin. Es war alles ganz harmlos.“ „Ich bin verwirrt. Hab ich was verpasst?“, fragte Marcel etwas eifersüchtig. „Äh…, aber wir waren beide nackt.“, sagte Julius noch nicht ganz überzeugt. „Ja, weil du dich als Nacktmodell angeboten hast, aber so nervös warst, dass du mir ebenfalls die Hosen runtergezogen hast, um gleiches Recht für alle zu bekommen.“, erklärte ich nun selber etwas peinlichst berührt. „Betrunken wie ich war, ließ ich das zu, aber gelaufen ist trotzdem nichts.“ Julius atmete erleichtert aus, doch einen Spruch hatte ich noch: „Naja, aber ich erinnere mich auch daran, wie du zu mir sagtest, dass ich einen knackigen Hintern habe und du ihn gerne streicheln würdest.“ Alec brach in Gelächter aus und auch Marcel fing zu Lachen an, nachdem er sich sicher war, dass zwischen mir und Julius nichts Ernstes gelaufen war. Julius blickte mich etwas böse an, aber auch er grinste später unweigerlich in sich hinein. Nachdem Alec und Yuki gegangen waren und Marcel sich von Sandra und seinem Sohn verabschieden ging, waren Julius und ich noch einmal einen kurzen Moment für uns allein, wo ich ihm eine Frage stellte, auf die ich die Antwort bereits vermutete: „Weshalb hast du auf der Weihnachtsfeier eigentlich so viel getrunken? Du bist doch sonst nicht so der Typ für Alkohol.“ „Ich…, also ich… wieso frägst du mich das plötzlich?“, erwiderte Julius und wich meiner Frage aus. „Weil ich glaube, dass es dafür einen bestimmten Grund gab und den hätte ich gerne von dir gehört.“, antwortete ich und allmählich zogen Schatten über meine Glücksgefühle. Julius blickte sich unruhig um, ob auch kein anderer in unserer Nähe war. Ohne mir in die Augen zu sehen sagte er dann: „An jenem Tag hatte ich doch einen Vorsorgetermin bei meinem Arzt… und der hat mir gesagt, dass die Möglichkeit bestünde, dass meine Krankheit zurückgekehrt sei.“ „Und ist sie es?“, fragte ich besorgt nach, auch wenn ich die Antwort fürchtete. Julius nickte. „Er hat es mir diese Woche bestätigt. Ich werde sterben, Lukas.“ Plötzlich brachen alle Dämme und Julius fing zum Weinen an. Sofort nahm ich ihn in die Arme und weinte ebenfalls. Wir standen eine ganze Weile so da und gaben uns gegenseitigen Halt, während Schneeflocken um uns herum vom Himmel herunterfielen und auf dem Boden liegen blieben. Nach einer Weile, nachdem Julius und ich unsere Tränen getrocknet hatten, kehrte Marcel zurück. Ich lächelte ihn traurig an, ließ ihn aber über Julius Schicksal vorübergehend im Unklaren. Julius wollte sicherlich nicht allen das Weihnachtsfest vermiesen. So schlenderten wir Arm in Arm in Richtung Parkplatz, wo meine Familie bereits auf uns wartete.
Epilog: Was die Zukunft bringen mag Am ersten Weihnachtstag wachte ich bereits sehr früh morgens auf. In dieser Nacht hatte ich leider besonders schlecht geschlafen, da ich immerzu an das denken musste, was Julius mir gestern mitgeteilt hatte. Diese Nachricht hat am Anfang noch nicht viel in mir ausgelöst, erst in der Nacht wurde mir bewusst, was dies zu bedeuten hatte. Julius wird sterben! Ich wälzte mich hin und her, aber ich konnte einfach nicht einschlafen und selbst als ich dann vor lauter Müdigkeit endlich zum Schlafen kam, wurde ich in einen fürchterlichen Albtraum gerissen. Glückliche Weihnachten sahen anders aus, aber einen Trost gab es immerhin: Neben mir im Bett lag Marcel. Nach dem Stress der letzten Wochen hatten wir uns endlich wieder vertragen. Ich war so froh, ihn an meiner Seite zu wissen, denn mir stand eine schwierige Zeit bevor. Am Härtesten traf es natürlich Julius, der noch heute zu seiner Mutter aufbrechen wollte, die von seinem Schicksal noch gar keine Ahnung hatte. Ich stieg leise aus dem Bett, um den noch schlafenden Marcel nicht zu wecken, zog mir meine Pantoffeln an und tapste leise in die Küche, um mir einen warmen Tee zuzubereiten. Als das Wasser kochte, blickte ich aus dem Fenster, von wo aus man einen herrlichen Blick in den Park hatte. Weil es noch so früh am Morgen war, waren auch noch keine Passanten unterwegs. Es wäre mir auch unbegreiflich gewesen, wer am Weihnachtsmorgen in aller Herrgottsfrüh in der eisigen Kälte rummarschieren würde. Das Wasser war nun heiß genug und ich legte mir einen Teebeutel von der Sorte Bratapfel-Zimt in die Tasse. Während ich wartete, bis mein Tee gezogen war, blickte ich erneut in den Park und entdeckte plötzlich einen Jungen mit schneeweißem Haar. Vor Schreck hätte ich die Tasse beinahe fallen lassen. Das war nicht möglich! War er es wirklich? Aus der Entfernung konnte ich es nur schwer erkennen, aber um mir Gewissheit zu verschaffen, zog ich mir schnell einen Mantel um meinen Pyjama an, dazu Stiefel, und rannte in den Park hinunter. Dort angekommen blickte ich mich aufgeregt um, während ich mit jedem Atemzug eine weiße Wolke ausatmete. Von dem Jungen mit schneeweißem Haar fehlte jede Spur, bis… „Hallo Lukas…“ Diese Stimme. Wie aus dem Nichts sprach jemand zu mir. Ich kannte diese Stimme, doch konnte ich nicht glauben, sie nach so langer Zeit wieder zu hören. Langsam drehte ich mich um und meine Augen entdeckten den Jungen mit schneeweißem Haar. Um uns herum war alles zugeschneit und es fiel auch weiterhin Schnee vom Himmel herab. Doch meine Augen richteten sich nur auf diesen Jungen. „J-Jack?!“ Er war es tatsächlich. Nach fast zwei Jahren traf ich endlich den Jungen wieder, der mir damals Herzklopfen bereitete. „D-Du bist zurückgekehrt.“ Jack trat näher an mich heran und ich konnte ihm wieder in seine eisblauen Augen blicken, die trotzdem eine angenehme Wärme ausstrahlten. „Ich hab dich beobachtet, immer, seitdem wir uns das erste Mal kennengelernt haben.“, sagte Jack, als er direkt vor mir stand und ich eine Gänsehaut bekam. „Ich darf eigentlich nicht hier sein, aber ich musste einfach zurückkehren, denn du wirst schon sehr bald meine Hilfe benötigen.“ Jack sprach in Rätseln und es war ihm verboten, mir nähere Details zu verraten, aber die Zukunft lag vor mir. Eine Zukunft der Angst und der Ungewissheit.
ENDE!
Und am kommenden Sonntag ist es endlich soweit: Das 1.Kapitel der vierten und letzten Weihnachtsgeschichte geht an den Start! Bereits pünktlich um Mitternacht, von Samstag auf Sonntag, könnt ihr euch in die neue Geschichte vertiefen. Bis dann!
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Herzlich Willkommen zu meiner neuen Weihnachtsgeschichte. Was 2014 begann, endet dieses Jahr! In den letzten drei Wochen hattet ihr noch einmal die Gelegenheit, die ersten drei Weihnachtsgeschichten nachzulesen, sofern ihr sie noch nicht kanntet, oder eventuell bereits vergessen habt. Heute geht es endlich weiter! Eine Rollen-Liste aller bisheriger Charaktere findet ihr auf Seite 1 in Beitrag 2. Das 2.Kapitel der diesjährigen Weihnachtsgeschichte erscheint dann wie gewohnt bereits am 6.Dezember - an Nikolaus. Nun will ich euch aber nicht länger aufhalten. Viel Spaß beim Lesen und eine schöne Adventszeit!
Eine letzte Weihnachtsgeschichte
Prolog: Vor Weihnachten Es war erst fünf Uhr nachmittags und dennoch war es bereits dunkel. Bislang hatte es noch nicht geschneit, dafür war es seit Tagen grau in grau. Düstere Wolken bedeckten den Himmel und ließen keine Sonnenstrahlen durch. Es schien beinahe so, als passte sich das Wetter meiner Stimmungslage an. Ich war gerade mit Julius unterwegs, um ein wenig Frischluft zu tanken. In letzter Zeit kam Julius nicht allzu oft aus seinem Zimmer heraus. Seine Krankheit war zurückgekehrt und es hatte leider stark den Anschein, als wäre sie dieses Mal nicht mehr aufzuhalten. Julius saß in einem Rollstuhl, den ich vor mir herschob, während ich mit ihm durch die Straßen seiner Nachbarschaft fuhr. Er konnte immer noch laufen, aber jede noch so kleine Anstrengung war bereits zu viel für ihn. Man sah ihm an, wie erschöpft und kraftlos er war. Er hatte abgenommen, war blass im Gesicht und sein Lebenswille war fast erloschen. Doch seine Mutter und ich ließen ihn nicht im Stich. Frau Bruck konnte die Ärzte dazu überreden, Julius Zuhause behandeln zu lassen. Klar vom Vorteil war es, dass sie inzwischen mit Dr. Niko-Klaus Lazarus zusammen war, der einst Julius behandelnder Arzt war. So verbrachte Julius zwar die meiste Zeit auf seinem Zimmer, aber er war Zuhause, umgeben von seiner Mutter und ihrer Liebe. Und dann war ja da auch noch ich, der ihn so oft besuchen kam, wie es mir möglich war. „Hast du eigentlich mal wieder was von Lexi gehört?“, fragte Julius mich nach einer Weile der Stille. „Nein…, aber ich glaube keine Nachrichten sind gute Nachrichten, oder was denkst du?“, antwortete ich ihm, während ich mit ihm eine Straße überquerte, die zurzeit unbefahren war. „Ich würde sie gerne noch einmal wiedersehen, bevor ich…“ „Das wirst du.“, sagte ich schnell, noch bevor Julius seinen Satz beenden konnte. „Du bist ein Kämpfer und ich bin zuversichtlich, dass du auch diesen Kampf gewinnen wirst. Erinnere dich doch nur mal daran, wie schlecht es dir schon vor drei Jahren ging. Doch du hast deine Krankheit besiegt und wurdest wieder gesund. So gesund, dass du und ich noch eine Menge erlebt haben.“ „Oje, ich hoffe du spielst jetzt nicht auf unsere gemeinsame Nacht an, in der wir betrunken waren und zusammen in einem Bett schliefen.“, sagte Julius, der leicht rot wurde, auch wenn ich es von hinten nicht sehen konnte. „Wie auch immer. Die Schlacht mag ich damals vielleicht gewonnen haben, aber den Krieg noch lange nicht. Ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal völlig gesund war. Es vergeht kein Tag ohne diese beschissene Krankheit.“ „Hey, jetzt blas nicht so viel Trübsal. Kopf hoch!“, versuchte ich Julius aufzumuntern, was mir enorm schwer fiel, weil ich selbst eine unglaubliche Angst verspürte. Plötzlich hielt Julius die Räder seines Rollstuhls fest und ich hielt inne. Julius drehte sich zu mir um und schaute mir in die Augen. Ich kam um den Rollstuhl herum und ging in die Hocke, um mich besser mit ihm unterhalten zu können. „Wenn ich sterbe Lukas…“ „Du wirst nicht sterben – jetzt noch nicht!“, entgegnete ich störrisch. „Wenn ich sterbe Lukas…“, wiederholte Julius unbeirrt. „Versprich mir bitte, dass du um mich weinen wirst.“ Ich blickte Julius verwirrt an, doch erklärte er seine Aussage: „Ich kenne dich Lukas. Du frisst immer alles in dich hinein, wenn du unglücklich bist und am Ende entsteht eine Katastrophe. Erinnere dich an den Autounfall vor zwei Jahren, oder daran als deine Beziehung mit Marcel dieses Jahr in die Brüche ging und du deinen Kummer runtergeschluckt hast, bis du auf der Toilette in einer Disco zusammengebrochen bist. Wenn ich also sterben sollte, dann will ich, dass du um mich trauerst und weinst, denn danach wird es dir besser gehen – irgendwann wirst du dich besser fühlen.“ Ich nickte, denn ich verstand, was mein bester Freund mir damit sagen wollte. Dennoch glaubte ich ganz fest daran, dass Julius nicht sterben würde. Er hatte es mir schließlich versprochen - Jack hatte es mir versprochen!
Kapitel 19: Hoffnung an Weihnachten Mit verträumten Augen stand ich am ersten Adventsonntag müde aus meinem Bett auf und schlurfte zunächst einmal ins Bad. Inzwischen war es bei mir Gebrauch, dass ich jeden Morgen kalt duschte, um richtig wach zu werden. Danach putze ich mir die Zähne und der Tag konnte beginnen. „Kommst du heute wieder mit in die Kirche?“, fragte mein WG-Mitbewohner Alec mich, als ich fertig angezogen aus meinem Zimmer kam. „Heute nicht. Herr West hat ein Club-Meeting der CODA einberufen, bei der ich nicht schon wieder fehlen sollte.“, antwortete ich Alec. „In letzter Zeit hab ich mich dort kaum noch blicken lassen.“ „Naja verständlich, bei allem was du um die Ohren hast.“, sagte Alec verständnisvoll. „Wann kommen eigentlich deine Eltern von ihrer Amerika-Rundreise zurück?“ „Erst in zwei Wochen.“, antwortete ich, während Alec sich bereits seinen Anorak anzog. „Ich hab gestern noch mit meinem Dad geschrieben. Sie sind jetzt gerade in L.A. angekommen. Am Mittwoch geht es dann nach Las Vegas weiter.“ „Klingt cool. Lena bringt deinen Bruder zur Kirche? Soll ich ihn dann später wieder heimfahren?“, fragte Alec, startbereit, mit Autoschlüssel in der Hand. „Nicht nötig.“, antwortete ich und schmunzelte. „Noels Mutter fährt ihn später zu Lena.“ „Ah verstehe!“, rief Alec, der sich anschließend von mir verabschiedete. Auch ich beeilte mich nun, dass ich schnell weiterkam. Schnell noch gefrühstückt und dann ging es ab zur CODA!
„Heute hab ich eine besonders erfreuliche Ankündigung an euch alle!“, rief das amtierende CODA-Oberhaupt Shane West, uns Mitgliedern zu, als wir uns alle im CODA-Clubraum versammelten. Im Vergleich zu den letzten Jahren waren wir zwar wieder deutlich weniger geworden, aber das tat unserer guten Laune keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil, das schweißte uns alle nur noch enger zusammen. Zugegeben Lexi und Julius fehlten mir hier schon sehr und seit meiner Trennung von Marcel, ließ auch dieser sich hier nicht mehr blicken, aber es gab schließlich noch andere Menschen, mit denen ich mich recht gut verstand. Insbesondere in Herrn West hab ich einen guten Zuhörer und Gesprächspartner gefunden. „In den letzten Jahren ist viel in und um der CODA passiert, was zur Folge hatte, dass in den letzten beiden Jahren keine Weihnachtsfeiern stattfanden, aber dieses Jahr wird es sie wiedergeben: Das CODA-Weihnachtsfest!“ Die Mitglieder der CODA freuten sich und auch ich freute mich natürlich, auch wenn ich mir sicher war, dieses Jahr nicht daran teilzunehmen. Ich wollte Weihnachten mit Julius verbringen, der quasi ans Bett gefesselt war. „Das verstehe ich natürlich.“, sagte Herr West, als ich ihn von meinen Plänen in Kenntnis setzte. „Solltest du aber die Gelegenheit bekommen, doch noch hier vorbeizuschauen, sei es auch nur für wenige Minuten, dann mach dich auf eine Riesenüberraschung gefasst!“
Nach dem Club-Meeting wollte ich Julius wieder einen Besuch abstatten. Ich wartete also in der eisigen Kälte an einer Bushaltestellte, als mein Handy klingelte. Meine große Schwester Lena rief mich an. „Hey Schwesterherz. Was gibt´s?“, fragte ich sie und konnte dabei den eisigen Atem sehen, der sich bei jedem meiner Wörter bildete. „Hey, wieso warst du heute nicht in der Kirche?“, fragte sie mich. „Club-Meeting.“, antwortete ich ihr knapp, da mir kalt war und ich den Bus heranfahren sah. „Warum? Gibt´s was Wichtiges?“ „Ich wollte dich fragen, ob du mir am Mittwoch bei der Nikolausfeier helfen könntest. Du weißt doch, dass Mum und Dad den Zwillingen diese Feier zugesagt haben, bevor sie die Rundreise bei einem Preisausschreiben gewonnen haben. Die Einladungen waren bereits alle verschickt und sie konnten den Kindern schlecht wieder absagen, wo sich Sebastian und Sarah doch schon so darauf gefreut haben. Jetzt findet die Feier bei mir Zuhause statt. Christoph muss vermutlich arbeiten und dann bin ich ganz allein mit zehn Kindern! Also bitte hilf mir!“ Ich stöhnte. Ich wusste bald nicht mehr, wo mir der Kopf stand, bei all dem Stress, aber ich wollte Lena nicht im Stich lassen, weshalb ich ihr schließlich meine Hilfe zusagte. „Danke kleiner Bruder, du bist ein Engel!“ „Haha.“, lachte ich leicht spöttisch, während ich in den Bus einstieg. „Ich bin kein Engel, aber wäre ich einer, dann würde ich jemanden einen Besuch abstatten, der mir eine Erklärung schuldig ist!“
Um halb drei kam ich schließlich bei Julius Haus an. Seine Mutter öffnete mir die Tür. „Hallo Lukas. Es ist so schön, dass du Julius so oft besuchen kommst. Das heitert ihn immer ein wenig auf und mir geht es dann auch gleich ein wenig besser, wenn ich weiß, dass er nicht alleine ist.“ „Das ist doch selbstverständlich. Er ist mein bester Freund!“, erläuterte ich. „Ist er oben in seinem Zimmer?“ „Ja, aber klopf lieber vorher an. Er mag es gar nicht, wenn man einfach so hereinplatzt.“ Ich lachte. „Das mag kein Kind gern, Frau Bruck!“ Ich rannte die Treppe rauf und klopfte wie befohlen vorher an seiner Tür an. Julius gestattete mir Zutritt und ich trat ein. „Hey Jules, wie geht´s?“ „Ich fühle mich, als könnte ich Bäume ausreisen. Also, kleine Bäume. Vielleicht Bambus, oder Blumen. Na gut. Gras. Gras geht.“, antwortete Julius mir und fing sofort zu lachen an. Seinen Sinn für Humor hatte er nicht verloren. „Was treibst du da?“, fragte ich ihn. Julius saß in seinem Bett, seinen Laptop auf seinem Schoß und kommunizierte mit einem Händler über Ebay. „Der Kerl hat genau dieselbe Spieluhr, von der meine Mutter früher immer so geschwärmt hat. Die möchte ich ihr zu Weihnachten schenken. Da sie aber beschädigt ist und vorher noch zur Reparatur muss, hab ich ihm die Adresse von unserer Uhrmacherei geschickt, damit er die Spieluhr direkt dorthin liefern lässt. Ich komm ja hier kaum aus dem Bett raus. Deshalb wollte ich dich auch noch fragen, ob du die Spieluhr dann dort abholen kannst, wenn sie repariert worden ist.“ „Aber sicher doch. Mach ich doch gerne.“, sagte ich bereitwillig. „Dafür musst du mir aber bei meinem Familien-Fotoalbum helfen, welches ich dieses Jahr meinen Eltern zu Weihnachten schenken möchte.“ Ich präsentierte Julius die Tasche, die ich die ganze Zeit mit mir herumschleppte, in dem sich ein bislang noch leeres Fotoalbum und tausende von Bildern fanden. „Sieht nach reichlich Arbeit aus.“, meinte Julius stutzig. „Los, breite dich auf dem Boden aus. Ich komm zu dir runter, wenn ich mein Klappergestell in Bewegung gebracht habe.“ Ich schüttelte die Fotos aus der Tasche auf Julius Teppich und zusammen suchten wir uns die schönsten Familienbilder heraus. Einige Bilder hab ich von Lena erhalten, andere hab ich selbst geschossen und ein paar wiederum stammen noch von Marcel… - von dem auch ein Bild in den Haufen gelangt war. Es zeigte mich und ihn zusammen eng umschlugen vor dem Riesenrad, in dem wir uns kennenlernten und später auch das erste Mal küssten. Traurig betrachtete ich das Bild, bis Julius es mir aus der Hand riss. „Ach, vergiss den Kerl. Der hat dir dein Herz gebrochen und verdient es nicht, dass du ihm hinterher trauerst. Er wollte lieber bei dieser Tussi und seinem Sohn sein? Bitte, soll er doch. Du hast was Besseres verdient als diesen Herzensbrecher.“ Ich erwiderte darauf nichts und widmete mich den anderen Fotos, doch meine Gedanken kreisten noch ein Weilchen um Marcel und ob es ihm gut gehen mag. Julius und ich waren den ganzen Nachmittag damit zugange, Fotos auszusuchen. Frau Bruck bereitete indessen das Abendessen vor, bei dem auch Dr. Lazarus zugegen war. Nebenbei bemerkt ein sehr lustiger Name, aber immer noch besser als Dr. Fred Schweinebacke vom Ärztehaus. Nachdem der Doktor Julius durchsucht hatte, ob bei ihm auch alles in Ordnung sei, machten Julius und ich uns wieder über die Fotos her. Es wurde spät und so übernachtete ich abermals bei Julius. Dies kam in letzter Zeit wieder häufiger vor. In unserer Kindheit war dies fast täglich der Fall. Entweder übernachtete ich bei Julius, oder er bei mir. Wir waren wirklich die allerbesten Freunde. Umso schlimmer war für mich die Vorstellung, dass Julius irgendwann einmal nicht mehr da sein könnte. Diese trüben Gedanken raubten mir mehr als einmal den Schlaf, so auch heute Nacht. „Julius?“ Ein leichtes „Hm“ von ihm, gab mir die Gewissheit, dass auch er noch nicht eingeschlafen war. „Ich kann nicht einschlafen.“ „Dann komm zu mir ins Bett.“, sagte Julius ohne zu zögern, was mich doch ein wenig erstaunte. „Na los. Ist schließlich nicht das erste Mal, dass wir miteinander in einem Bett schlafen.“ Ich stand von meinem Schlafplatz am Boden auf und kroch zu Julius unter die Bettdecke. Ich konnte es kaum glauben, aber er trug tatsächlich die rosa Boxershorts mit den Herzchen, die ich ihn vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte. „Danke Jules. Ich hab dich lieb.“ Ich konnte es nicht sehen, aber Julius lächelte und legte seinen Arm um mich. „Lukas.“ Julius wartete kurz, bevor er weiter sprach. Ich horchte aufmerksam hin. „Ich bin vielleicht hetero, aber du bist mir der liebste Mensch auf Erden. Danke, dass du mein Freund bist.“ Mit diesen schönen Worten gelang es uns schließlich beiden, doch noch einzuschlafen. Und als wäre dies nicht schon schön genug, träumte ich in jener Nacht auch noch von meiner ersten Begegnung mit Jules.
Ich klammerte mich an das Bein meiner Mutter. Ich hatte ein wenig Angst und hinzukam, dass ich ausgesprochen schüchtern war. „Lass mich bitte los, Lukas.“, sagte meine Mutter zu mir. „Du musst wirklich keine Angst haben. Sieh doch, wie viele Kinder hier sind, mit denen du spielen kannst.“ „Ich will nicht. Ich bei dir bleiben will!“, meinte ich trotz alledem. „Lukas, ich kenne da einen Jungen, der war genauso wie du jetzt.“, sagte die Kindergärtnerin zu mir, die von meiner Mutter, den anderen Erwachsenen und allen Kindern immerzu „Fee“ genannt wurde. „Siehst du den dunkelhaarigen Jungen da hinten in der Ecke am Fenster?“ Ich blickte zu dem Jungen, der wie ich gerade einmal drei Jahre alt war. „Das ist Julius und auch erst seit kurzem hier. Er hat noch keine Freunde, aber vielleicht willst du ja sein erster Freund sein. Was sagst du dazu, hm?“ „Das klingt doch nach einer prima Idee.“, meinte meine Mutter. „Hast du von deiner Schwester nicht ein Jo-Jo geschenkt bekommen, Lukas? Wie wäre es, wenn du das Julius zeigst und mit ihm spielst?“ Ich guckte etwas unsicher zu dem mir fremden Jungen, doch dann löste ich mich von meiner Mutter und ging kurzerhand zu dem Jungen und setzte mich zu ihm. Der Junge blickte mich an und lächelte kurz, sagte aber kein Wort. Als Kind verstand man sich auch ohne viele Worte sehr gut. Meine Mutter ging anschließend zur Arbeit, in dem Wissen, dass ich einen Freund gefunden habe.
Hohoho, da bin ich wieder. Heute ist Nikolaus und natürlich hab ich ein kleines Präsent für euch im Gepäck. Ein neues Kapitel! Übrigens freue ich mich immer sehr über Feedback in Form von Kommentaren oder sonstigem :-)
Kapitel 20: Frohsinn zu Weihnachten Es war der 6.Dezember, Nikolaus. Ich hatte Lena versprochen, ihr bei der Nikolausfeier für unsere beiden kleinen Geschwister und ihre Freunde unter die Arme zu greifen. Natürlich tat ich das, denn Lena wäre mit zehn Kindern allein einfach überfordert gewesen. Da unsere Eltern in einem Preisausschreiben eine vierwöchige Rundreise durch die USA gewonnen haben, hatten sich Lena und Christoph dazu bereit erklärt, die Zwillinge derweil bei sich aufzunehmen. Eine Mammutaufgabe, denn Sebastian und Sarah, die inzwischen zwölf Jahre alt waren, steckten mitten in der Pubertät. Sebastian war ein kleiner Wildfang, der viel Unsinn im Kopf hatte und diesen auch meist in die Tat umsetzte. Auch seine rebellische Art kam zum Vorschein, aber immerhin hatte er mit Noel einen Freund an seiner Seite, mit dem er sich gut verstand und der ihn sogar hin und wieder ausbremste. Sebastian und Noel waren wie Pech und Schwefel – einfach unzertrennlich. Ob dahinter mehr als nur freundschaftliche Gefühle steckten, konnte ich nicht sagen, aber in dem Alter war es im Grunde genommen auch noch unerheblich. Sie waren glücklich miteinander und das war alles was zählt! Bei Sarah sah die Sachlage schon deutlich anders aus. Meine kleine Schwester hat sich binnen eines Jahres in eine kleine Diva mit Allüren verwandelt. Sie schwärmte von Lenas gutem Aussehen und wollte genauso sein wie sie, doch unsere Mutter hat ihr jegliche Kosmetikartikel verboten. Schließlich war sie erst zwölf und mit Schminke im Gesicht, sehe sie dann vermutlich wie sechzehn aus. Dieses Verbot gefiel Sarah so gar nicht, denn sie behauptete, dass all ihre Freundinnen sich bereits schminken dürften und sie von ihnen somit als eine Außenstehende betrachtet wurde. Doch der Entschluss unserer Mutter stand fest, was zur Folge hatte, dass Sarahs Zickigkeit überhandnahm. Lena und ich stellten uns nicht selten die Frage, ob wir in dem Alter genauso waren… „Lukas, holst du bitte die Apfel-Zimt-Muffins aus dem Backofen!“, rief Lena mir in der Küche zu, während sie einen Bananen-Walnuss-Kuchen vorbereitete. „Hm, die duften herrlich!“, rief ich, als ich das Backrohr öffnete und mir der Duft von Apfel-Zimt durch die Nase zog. Ich zog das Blech mit den Muffins heraus und legte es auf der Herdplatte ab. „Wann kommen denn die ganzen Rabauken?“ „In etwa drei Stunden.“, antwortete Lena mir. „Sehr gut. Wenn du nichts dagegen hast, dann gehe ich jetzt noch kurz zu Julius.“, meinte ich. „Das Wohnzimmer wurde festlich dekoriert, die Muffins sind fertig und für eine kleine Überraschung hab ich ebenfalls gesorgt.“ „In Ordnung. Geh nur und richte Julius liebe Grüße von mir aus, aber komm nicht zu spät zurück.“, bat Lena mich. „Ich will zwar ein Kind, aber zehn sind mir dann doch zu viel…“ Ich lächelte dezent und versprach Lena, pünktlich wieder hier zu sein. Der Kinderwunsch meiner großen Schwester war nach wie vor ungebrochen. Leider konnte sie keine Kinder bekommen, was sie noch immer sehr traurig stimmte. Doch haben sie und Christoph bereits über andere Möglichkeiten gesprochen, wie sie zu Kindern kommen könnten. Heutzutage gab es da ja allerlei Möglichkeiten.
„Heiliger Bimbam! Sieh dir mal an, was für kleine Steppke wir damals waren.“, sagte Julius zu mir, als er mir ein Foto vors Gesicht hielt, auf dem wir gerade einmal sechs Jahre alt waren und beide auf dem Schoß meines längst verstorbenen Großvaters saßen, der sich damals als Nikolaus verkleidet hatte. „Haha, ich grinse wie ein Honigkuchenpferd.“ Als ich das Bild betrachtete, wurde ich sentimental. Ich vermisste meinen Großvater und natürlich auch meine Großmutter, die letztes Jahr verstorben ist. Als ich das Bild längere Zeit ansah, da wurde mir bewusst, dass ich Julius schon lange nicht mehr so lächeln hab sehen, wie auf diesem Foto. „Hier, noch ein gutes Foto. Unser gemeinsamer Sommerurlaub an der Ostsee.“, sagte Julius, der mir nun ein Bild zeigte, an dem wir beide am Strand lagen. „Wie alt waren wir da? Zwölf?“ „Ja, glaub schon. So alt wie die Zwillinge nun sind.“, sagte ich und dachte an die schöne Zeit zurück. „Weißt du woran mich das Foto erinnert?“ Julius blickte mich ahnungslos an. „Als wir vier Jahre alt waren, gab es einen Tag im Kindergarten, welches mein Leben geprägt hat.“
Es war ein schöner Tag im Juni. Ich spielte gerade im Sandkasten im Kindergarten. Mit Töpfen aus Plastik und einer kleinen Schaufel, buddelte ich im Sand herum. Mein ganzer Stolz war meine erste eigens erschaffene Sandburg – die aber jäh zerstört wurde, als ein rüpelhafter Artgenosse, sie einfach zertrampelte. Dies war so tragisch für mich, dass ich zum Weinen anfing, während der andere Junge mich nur frech ansah und dabei lächelte. Mein Geheul konnte man über den gesamten Spielplatz des Kindergartens hören. Statt unserer Kindergärtnerin, der guten Fee, kam Julius angerannt, der sich bislang auf der Rutsche vergnügt hatte. Als er sah, was geschehen war und meine Tränen erblickte, da wurde er wütend und stupste den anderen Jungen in die Sandgrube. Der andere Junge fiel etwas unsanft und fing nun selber zum Weinen an. Inzwischen kam Fee angerannt und fragte was hier los sei. Sie schimpfte mit Julius und nahm sich dem anderen Jungen an. Dies war zwar alles andere als gerecht, aber ich war Julius so dankbar, dass er meine Ehre verteidigt hatte, dass ich nicht mehr länger traurig war. „Danke Jules.“, sagte ich wieder lächelnd. „Dafür backe ich dir einen Sandkuchen.“ Ich zog meinen Plastiktopf und meine Schaufel wieder heran und machte mich an die Arbeit. Julius setze sich zu mir in den Sandkasten und wartete gespannt ab. Meinen Sandkuchen probiert, hat er aber dennoch nicht.
„Da hätte ich mir mit Sicherheit den Magen verdorben.“, merkte Julius an, als ich ihn an den besagten Tag erinnert. „Das du das aber noch weißt…“ „Den Tag werde ich in meinem Leben nie vergessen!“, entgegnete ich, was ich Julius aber nun genauer erklären musste. „Zu der Zeit damals, waren wir etwa eineinhalb Jahre befreundet, aber erst an diesem besagten Tag wurde mir klar, dass du mein bester Freund bist und ich dich niemals verlieren will. Das war der Grundstein für unsere Freundschaft!“ Julius nickte, als ob er nur zur Hälfte verstand, was ich damit meinte. Doch dann sagte er: „Grundstein? Unsere Freundschaft beruht wohl eher auf Sand… also ein Grundsand.“ Ich fing zu lachen an und Julius stimmte schon bald mit ein. Da war es endlich wieder: Sein herzhaftes Lachen, dass mich selber so fröhlich stimmte und das egal welches Wetter draußen war, für mich jeder Tag Sonnenschein war. In diesem kurzen Moment gelang es mir sogar, seine Krankheit völlig auszublenden und vielleicht gelang Julius dies ebenfalls. Ein schöner Augenblick – wenn auch nur von kurzer Dauer – den ich mit einem Kuss besiegelte. Es kam einfach über mich, dass ich mich zu Julius vorbeugte und ihm einen zärtlichen Kuss auf seine Lippen drückte. Erst nach ein paar Sekunden wurde ich meiner Tat bewusst und war über mich selbst schockiert. „Tu-Tut mir Leid, Jules.“ Julius wirkte nicht minder schockiert oder irritiert, doch seine Reaktion fiel anders aus, als erwartet. Er schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: „Du bist wirklich der dümmste, süßeste Junge auf der ganzen Welt und wenn du mich noch einmal küsst, dann falle ich dir um den Hals!“ Wie war das zu verstehen? Ich hab es nicht drauf ankommen lassen, denn ich schämte mich sehr für diese unbedachte Aktion. Außerdem musste ich wieder zu der Nikolausfeier zurück. „Ja, geh nur…“ „Soll ich heute Abend noch einmal bei dir vorbeischauen?“, fragte ich Julius nun ein wenig unsicher. Julius schüttelte erneut den Kopf. „Wenn du magst, aber du musst nicht. Fühl dich bitte nicht dazu gezwungen, mich besuchen zu müssen, nur damit es mir besser geht.“ „Irrtum. Ich besuche dich so oft, damit es uns beiden besser geht!“, korrigierte ich Julius, woraufhin dieser erneut lächelte. Auch ich lächelte nun wieder, ehe wir uns voneinander verabschiedeten und uns für das kommende Wochenende wieder verabredeten. „Halt die Ohren steif, Jules!“ „Jaja, du auch… und das was bei dir unten hängt ebenfalls!“
„Und dann bin ich mit knallrotem Kopf aus seinem Zimmer stolziert. Ein Glück, dass mich seine Mutter so nicht gesehen hat.“, sagte ich, als ich Lena berichtete, was bei Julius vorgefallen war. „Und? Ist Julius jetzt vielleicht doch schwul?“, fragte Lena, als sie den fertiggebackenen Bananen-Walnuss-Kuchen zur Hand nahm. „Abgeneigt scheint er jedenfalls nicht mehr zu sein…“ Ich zuckte ahnungslos die Schultern. „Keine Ahnung, aber es war dumm von mir. Ich will unsere Freundschaft nicht kaputt machen, verstehst du?“ „Ach Lukas. Julius ist dein bester Freund und so wie du mir das beschrieben hast, klang das ganz so, als wäre er dir deswegen nicht böse gewesen. Er weiß doch, wie gern du ihn hast und er hat dich genauso gern.“ Lena lächelte mich an und gab mir neue Hoffnung und so gern ich weiter darüber nachdachte, was zwischen mir und Julius war, so kam ich einfach nicht mehr dazu. „Wer will einen Apfel-Zimt-Muffin und wer möchte ein Stück vom Bananen-Walnuss-Kuchen?!“, rief Lena, als wir mit vollbepackten Händen ins Wohnzimmer zurückkehrten, wo zehn Kinder herumtobten. „Ich hätte gerne einen Apfel-Zimt-Muffin.“, bat Noel freundlich darum. „Dann will ich auch einen davon.“, sagte Sebastian augenblicklich. „Oder doch lieber ein Stück von dem Bananen-Walnuss-Kuchen?“, grübelte Noel nach. „Was auch immer Noel isst, esse ich auch.“, sagte Sebastian daraufhin breit lächelnd. „Gibt es keine Plätzchen?“, fragte Sarah leicht genervt, als sie die Muffins und den Kuchen mit einer gewissen Abneigung betrachtete. „Doch, aber erst später…“, antwortete Lena ihr etwas pampig zurück. Die Kinder machten sich über die leckeren Gebäcke her, während ich ein paar Spiele vorbereitete. „Wer hat alles Lust auf Schokoladenessen?!“ Viele Kinder schrien sofort „Hier ich!“, nur Sarah hatte mal wieder etwas zu stänkern. „Wegen euch, werden wir noch alle fett. Schokolade ist doch voll ungesund!“ „Ach und Plätzchen nicht, Madame „Ich-hab-ständig-was-auszusetzen“?“, fragte Lena provokant. Sarah schwieg daraufhin, schaute aber den restlichen Tag über nur noch finster drein, während alle anderen Kinder irrsinnig viel Spaß hatten. Am frühen Abend tauchte dann der Nikolaus auf, was natürlich vöööööllig unerwartet war. „Hohoho, ihr Kleinen!“, rief der Nikolaus, als er das Wohnzimmer betrat, mit einem Sack voll Geschenken. „Der Nikolaus!“, rief Noel begeistert und stürmte sofort auf ihn zu. „Nein, das ist Christoph.“, meinte Sebastian sofort. „Hat er letztes Jahr auch schon gemacht.“ „Was habe ich gemacht?“, fragte Christoph, der plötzlich ebenfalls im Raum stand – und NICHT der Nikolaus war! Lena fiel ihm freudig in die Arme und schenkte ihm einen Willkommenskuss. „Mein Chef hat mir früher frei gegeben. Nur deswegen bin ich schon hier.“ Die Nikolausfeier wurde ein voller Erfolg. Der Nikolaus las ein paar schöne Gedichte vor und überreichte jedem Kind ein kleines Präsent. Danach verabschiedete er sich wieder, aber ich nutzte noch die Gunst der Stunde, um mich bei ihm zu bedanken. „Danke, dass du eingesprungen bist Arti.“ Ich lernte Arti vor exakt drei Jahren kennen. Damals lebte er noch unter einer Brücke, bis ich ihn zusammen mit Lexi auflas und ihn mit zur CODA nahm. „Lukas, Telefon für dich.“, sagte Lena und hielt mir den Hörer entgegen. „Es ist Frau Bruck.“ Lena drückte mir den Hörer in die Hand, wich aber nicht von meiner Seite, als ich Frau Brucks Anruf entgegen nahm. „Lukas…“ Ich konnte Frau Bruck schluchzen hören und ohne auch nur ein Wort ihrerseits, stürzte mein ganzes Leben in sich zusammen. „Julius… er ist…“
Kapitel 21: Gedenken zu Weihnachten „Und du bist dir ganz sicher, dass ich nicht doch mitkommen soll? Ich könnte…“ Lena stand hinter mir und strich meinen schwarzen Anzug glatt, während sie mich mit besorgten Augen im Spiegel beobachtete. Ich sah mich selber im Spiegel… und könnte schreien! „Nein.“, antwortete ich ihr. „Pass lieber auf Sebastian und Sarah auf. Die Zwei wollten zwar auch mitkommen, aber ich will nicht, dass sie so etwas nach Grandma´s Tod schon wieder miterleben müssen. Eine Beerdigung ist nichts für Kinder, die in Weihnachtsstimmung sind…“ „Ich glaube nicht, dass hier noch irgendjemand in Weihnachtsstimmung ist.“, meinte meine große Schwester. „Aber ich werde deinen Wunsch akzeptieren. Nur versprich mir bitte, dass wenigstens Alec bei dir bleiben darf, um ein Auge auf dich zu haben.“ Ich atmete schwer aus. „Mir geht´s gut, Lena. Ich erleide schon keinen Nervenzusammenbruch. Ich hatte schließlich genügend Zeit, mich auf den heutigen Tag vorzubereiten.“ Lena blickte mich mitfühlend an. „Auf so etwas kann man sich nie vorbereiten!“ Kurz darauf verließen wir mein Zimmer und traten in den Flur, wo Alec mit seiner Freundin Yuki bereits auf mich wartete. „Können wir?“, fragte er mich bedrückt und ich nickte.
Die Fahrt über zur Kirche sprach keiner ein Wort. Die Stille war bedrückend und ich hing meinen Gedanken nach. Als wir schließlich unser Ziel erreichten, konnte ich mehrere Personen, ganz in Schwarz gekleidet, entdecken, die mit langsamen Schritten in die Kirche gingen. Ich traute meinen Augen kaum, als ich unter ihnen auch meinen Ex-Freund Marcel erspähte. Er war allein. „Was ist? Kommst du?“, fragte Alec mich. Er und Yuki waren bereits aus dem Auto ausgestiegen, während ich wie erstarrt auf dem Rücksitz saß. „Geh doch bitte schon einmal vor.“, sagte Alec zu seiner Freundin und setzte sich anschießend zu mir auf die Rückbank. „Ich weiß wie du dich fühlst. Julius war auch mein Freund, nur mit dem Unterschied, dass er dein bester Freund war. Wenn ich mich also schon so elendig fühle, dann wird es bei dir vermutlich tausendmal schlimmer sein.“ „Ich weiß nicht, ob ich da reingehen kann.“, sagte ich. „Julius Mutter wird dort sein…, sie wird mich ansehen, ich werde sie ansehen und ich weiß genau, dass ich das nicht verkraften werde.“ „Deswegen bist du nicht alleine Lukas.“, sagte Alec, der mir aufmunternd auf die Schulter klopfte und wieder aus dem Auto stieg. Ich folgte ihm schließlich. Yuki wartete am Eingang zum Friedhof. Es war ein eisigkalter Dezembertag und es lag Frost auf den Gräbern. Jeder Atemzug war ein Hauch von weißem Nebel. Alec und Yuki gingen Hand in Hand vorne weg und ich folgte ihnen ganz langsam. Jeder einzelne Schritt fühlte sich schwer und endlos an. Ich wollte nicht in diese Kirche gehen, wo alles in Schwarz und Trauer gehüllt war. Als ich jedoch am Eingang zur Kirche ein Mädchen mit ihrem arabischen Freund sah, keimte Hoffnung in meinem Herzen auf. Das Mädchen sah mich und rannte augenblicklich auf mich zu. Sie schlang ihre Arme um mich und ich hörte sie ganz leise schluchzen. „Lexi…, wie kommst du denn hierher?!“ „Tut mir wirklich leid. Unser Wiedersehen hab ich mir auch anders vorgestellt, aber ich bin erst seit gestern wieder im Land und ich wollte dich überraschen. Nachdem Yasin und ich ein Baby erwarten und er mir daraufhin einen Heiratsantrag gemacht hat, gab es eine neue Chance, dass Yasin eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland erhält und was soll ich sagen…, er hat sie bekommen!“ „D-Du bist schwanger?“, fragte ich erstaunt und blickte auf Lexis Bauch, der jedoch von einem schwarzen Mantel umgeben war, so dass ich nichts erkennen konnte. „Ich bin im vierten Monat.“, sagte Lexi glücklich, während sie sich zeitgleich eine Träne aus dem Auge wischte. „Oh Lukas, dass mit Julius ist so schrecklich und ich wünschte wirklich, ich wäre bei euch gewesen!“ „Jetzt bist du hier und nur das zählt.“, sagte ich glücklich und traurig zugleich. „Hallo Yasin!“ „Hallo Lukas, es ist schön, dich wiederzusehen.“, begrüßte mich nun auch Yasin. „Hey, dein Deutsch ist ja inzwischen perfekt.“, sagte ich überrascht. „Lexi hat viel mit mir geübt, während wir in meinem Heimatland gelebt haben.“, erzählte Yasin mir. „Aber nun sind wir wieder hier und wir bleiben auch für immer!“ Das waren wirklich sehr schöne Neuigkeiten an diesen kalten, grauen und trübseligen Tagen. „Wir sollten jetzt reingehen.“, meinte Alec und er und Yuki schritten voran. Wir anderen folgten ihnen. Zuerst Yasin und dann Lexi mit mir. Lexi hielt meine linke Hand fest und dank ihr, wagte ich die nächsten Schritte. In der Kirche war es fast genauso kalt wie draußen, aber vor allem war es genauso, wie ich erwartet habe. Viele Menschen waren gekommen und alle waren sie in Schwarz gekleidet. Keiner sagte ein Wort. Nur hin und wieder konnte man jemanden Husten hören. Wir nahmen in der linken Reihe in der dritten Sitzbank Platz. Ich musste mich gar nicht groß umsehen, als ich auch schon Marcel erblickte, der nur zwei Reihen hinter mir saß und mir einen niedergeschlagenen Blick zuwarf. Verständlich, dass auch er heute hier war. Schließlich waren er, Julius, Alec und ich für längere Zeit Mitbewohner. Inzwischen war Yuki in Marcels ehemaliges Zimmer gezogen, während Julius Zimmer nach wie vor leer stand. Es hätte ja sein können, dass er doch wieder gesund wurde… Ich wich Marcels Blick schnell aus und setzte mich zwischen Alec und Lexi. Es genügte ein Blick nach vorne, um zu erkennen, dass Frau Bruck rechts in der ersten Sitzbank saß. Neben ihr saß Dr. Lazarus, mit dem sie inzwischen liiert war. Es schien fast so, als würde sie meine Anwesenheit spüren, denn sie drehte ihren Kopf zu mir um und unsere Augen trafen sich. Es war das erste Mal, seitdem Julius von uns gegangen war. Ich hatte einfach keine Kraft aufwenden können, sie in den letzten paar Tagen zu besuchen. Sie hatte vermutlich ohnehin viel mit dem Organisation der Beerdigung zu tun. Allerdings hatte ich mit ihr telefoniert und mich dazu bereiterklärt, ein paar Worte über Julius zu sagen. Natürlich tat ich das. Es war mir eine Ehre. „Julius war mein allerbester Freund.“, sagte ich und meine Stimme hallte in der ganzen Kirche wieder, als es später soweit war und ich meine Gedenkrede hielt. Ich glaubte einen Kloß im Hals zu spüren, brachte aber dennoch jedes einzelne Wort heraus. „Er wird auch immer mein allerbester Freund bleiben.“, sagte ich weiter. „Denn auch wenn er jetzt leider nicht mehr hier sein kann…, so wird er immer in meinen Erinnerungen verankert sein. Er wird in jedem von uns sein, in unseren Erinnerungen, denn das ist sein Vermächtnis. Julius war der liebenswürdigste und gütigste Mensch, den ich kenne. Wir hatten viel Spaß zusammen und er hat mich mehr als einmal zum Lachen gebracht… und wenn es mir mal nicht so gut ging, dann war er für mich da. Nun habe ich in den letzten Monaten versucht, für ihn da zu sein, aber ich glaube, dass das nicht gereicht hat, denn er war so viel mehr wert und er hinterlässt ein riesiges Loch in uns allen. Ich vermisse ihn jetzt schon, meinen allerbesten Freund, meinen Jules.“ Meine Gedenkrede war zu Ende und ich schritt langsam vom Altar herunter. Eigentlich wollte ich nur ganz schnell zu meinem Platz zurückkehren, bevor bei mir alle Dämme brachen, aber Frau Bruck stand unerwartet auf und legte ihre Arme um mich. „Ich danke dir!“, flüsterte sie mir ins Ohr, während ich sie klar und deutlich weinen hören konnte. Das war selbst für mich zu viel und nun flossen auch bei mir die Tränen. Ich wollte es auch gar nicht mehr länger unterdrücken, denn schließlich hatte ich es Julius versprochen, dass ich um ihn weinen werde.
Die Beerdigung wurde auf dem Friedhof fortgesetzt, wo Julius Sarg in ein tiefes Loch hinabgelassen wurde. Es wurden weiße Rosen verteilt, die eine nach dem anderen auf den Sarg hinabgelassen wurden. Danach sollte die Trauerfeier im Pfarrhaus fortgesetzt werden, aber dort wollte ich nicht hingehen. Allein schon aus dem Grund, weil mir das Wort „Trauerfeier“ falsch vorkam, aber auch, weil ich nun doch ein wenig allein sein wollte. „Bist du dir da auch ganz sicher?“, fragte Alec mich und auch Lexi blickte mich unsicher an. „Bin ich. Geht ruhig. Ich komm klar, versprochen.“, antwortete ich, während ich alleine vor Julius Grab stehen blieb. Doch nachdem meine Freunde weg waren, näherte sich mir noch eine andere Person. „Ich will jetzt wirklich nicht mit dir reden, Marcel.“, sagte ich zu meinem Ex-Freund. „Ich weiß.“, sagte dieser hinter mir, doch ich drehte mich nicht zu ihm um. „Ich wollte dir aber mein Beileid aussprechen. Julius war ein guter Mensch und er ist viel zu früh von uns gegangen…“ „Geh doch bitte einfach!“, zischte ich ihn nun an. Ich wollte jetzt wirklich allein sein. „Es tut mir Leid Lukas, alles!“ Ich schloss meine Augen und hörte, wie Marcel traurig davon ging. Ich wollte nicht so gemein zu ihm sein, aber das war weder der richtige Ort, noch der geeignete Zeitpunkt, um mich mit ihm auszusprechen und auszusöhnen. Zumal ich nebst meiner Trauer um Julius inzwischen eine ungeheuerliche Wut verspürte. Warum wurde Julius mir weggenommen? Ich musste an unser letztes Gespräch denken und daran, wie ich ihn geküsst habe. Die Vorstellung, dass ich der letzte Mensch gewesen war, der ihm einen Kuss gab, riss mir mein Herz heraus. Erneut hörte ich Schritte hinter mir. War Marcel etwa wieder zurückgekehrt? „Ich habe dir doch gesagt, dass du verschwinden sollst!“ Dieses Mal drehte ich mich um, doch war es nicht Marcel der vor mir stand, sondern Jack! „Du bist zurückgekehrt.“ „Ja bin ich und es tut mir Leid, dass dein Freund verstorben ist.“, sagte Jack, der wie üblich seinen blauen Pullover trug. Sein weißes Haar hingegen schimmerte heute nicht so schön. Vermutlich aufgrund des leichten Nebels, der heute in der Luft lag. „Bist du etwa nur zurückgekehrt, um mir das zu sagen?“, fragte ich Jack aufgebracht und ich stellte mich Jack genau gegenüber. „Findest du das etwa lustig? Einmal im Jahr bei mir aufzukreuzen, mir irgendwelche Hiobsbotschaften zu senden und mir dann zu sagen, wie leid es dir tut?!“ Die Wut, die ich verspürte, entlud sich nun. Mit Jack traf es meines Erachtens aber genau den Richtigen, denn ich war bereits zuvor wütend auf ihn, dass er mich ständig hängen ließ, wenn ich ihn am meisten brauchte. „Letztes Jahr hast du mir gesagt, dass eine schwere Zeit auf mich zukommen würde. Danach ging alles den Bach runter. Meine Beziehung ging zu Bruch und Julius wurde sterbenskrank. Jetzt ist Marcel fort und Julius ist tot! Ich habe niemanden mehr, außer einen Weihnachtsengel, der immer dann auftaucht, wenn es ihm gerade in den Kram passt!“ „Lukas…“ Jack kam auf mich zu und wollte offensichtlich seine Arme um mich legen, wie er es schon einmal vor drei Jahren getan hatte, aber ich ließ ihn nicht gewähren. Ich schlug seine Arme von mir weg und stürzte mich wütend auf ihn. Eine Prügelei mit einem Engel war das Letzte, was ich auf einem Friedhof am Tag der Beerdigung meines besten Freundes anzetteln wollte, aber all meine angestauten Emotionen, Trauer, Wut, das Gefühl der völligen Leere und des Alleinseins, entluden sich nun. „Ich hasse dich, Jack! Ich hasse dich!“, schrie ich den Geist von Weihnachten an, während ich auf ihm drauf lag, meine Hände gegen seinen Körper hämmerte und bitterlich weinte. Jack ließ das über sich hergehen, bis es ihm offensichtlich zu viel des Guten war und er meine Fäuste abfing. „Jetzt ist aber gut Lukas.“, sagte er. „Du bist nicht allein. Du hast deine Familie und auch noch andere Freunde, die für dich da sein werden. Auch ich will für dich da sein, das will ich wirklich! Julius mag tot sein…, aber er lebt weiter, in dir…, in deinem Herzen!“ Jack legte seine rechte Hand auf die Stelle meiner Brust, wo mein Herz schlug. Daraufhin leistete ich ihm keinen Widerstand mehr und er konnte doch noch tröstend seine Arme um mich legen, während wir am Fuße zu Julius Grab lagen.
Sorry Leute, für die leichte Verspätung heute Abend. War im Kino (Star Wars VIII) und konnte nicht eher..., aber jetzt bin ich ja da und das neuste Kapitel auch. Ich hoffe ihr nehmt es mir nicht übel, dass ich in einer Weihnachtsgeschichte einen Charakter hab sterben lassen, aber es hat sich richtig angefühlt. Es war nur konsequent, denn das Julius sterben würde, hat sich schon seit der ersten Weihnachtsgeschichte abgezeichnet. Ich hab mir aber viel Mühe gegeben, die letzten Szenen zwischen Julius und Lukas besonders schön zu gestalten. Als ich die Idee dazu hatte... kamen mir die Tränen! Allein nur, weil ich daran gedacht habe, dass Julius sterben würde... Mich würde es sehr interessieren, wie ihr Julius Tod aufgenommen hat! Und obwohl er jetzt nicht mehr unter uns weilt, ist er doch ein wichtiger Bestandteil der Geschichte, denn Lukas erinnert sich auch weiterhin an ihn und seine Erlebnisse mit ihm.
Kapitel 22: Erinnerungen an Weihnachten Ich saß in meinem Zimmer auf der Fensterbank und blickte hinaus auf die Straße und in den Park. Es war ein Tag wie jeder andere – kalt, nass und ätzend! Ich lungerte seit Tagen nur noch in meinem Zimmer herum. Ich hatte keine Lust zur Uni zu gehen, meine Geschwister zu besuchen, oder mich überhaupt mit irgendjemand zu unterhalten. Dennoch sollte sich dies heute ändern… „Hi Alec, ist Lukas da?“, hörte ich meine Freundin Lexi im Flur draußen fragen, nachdem sie an unserer Wohnungstür geklingelt hatte und Alec ihr aufmachte. „Also da ist er auf jeden Fall.“, hörte ich Alec ihr antworten. „Aber es kann gut sein, dass du auf ihm eine dicke fette Staubschicht vorfinden wirst. Er kommt so gut wie nie aus seinem Zimmer heraus. Vielleicht nachts, wenn Yuki und ich bereits schlafen und er Hunger hat…“ „Ich seh gleich mal nach ihm.“, sagte Lexi und kurz darauf klopfte sie auch schon an meiner Tür. Ich antwortete ihr nicht. Mir war es lieber, wenn sie wieder ging, aber wer Lexi kannte, der wusste genau, dass sie nicht so leicht das Handtuch warf. Lexi klopfte erneut, öffnete aber dieses Mal ohne Erlaubnis die Tür und streckte ihren Kopf in mein Zimmer. „Ist die Luft rein?“ Ich drehte meinen Kopf zu ihr und starrte sie ausdruckslos an. „Ah, doch keine Staubschicht auf dir. Sag mal, wie lange willst du hier eigentlich noch rumgammeln? Los zieh dich an und folge mir!“ „Lass mich in Ruhe und verschwinde!“, entgegnete ich mürrisch. „Oh nein Freundchen. So haben wir nicht gewettet!“, rief Lexi mir entgegen, packte mich am Arm und zog mich vom Fenstersims runter. „Ich bin nicht nach Deutschland zurückgekehrt, um mit einem Zombie befreundet zu sein, der überhaupt nicht mehr unter Menschen kommt.“ „Was soll ich denn deiner Meinung nach tun, hm?“, fragte ich Lexi genervt. Lexi blickte mich mit ihren großen Augen traurig an. Sie wusste nur zu gut, wie ich mich fühlte und ließ mich gerade deshalb nicht im Stich. „CODA? Die Weihnachtsfeier? Es gibt haufenweise vorzubereiten und wenn schon nicht für uns, dann tu es wenigstens für Julius! Ich stöhnte, akzeptierte aber Lexis Vorschlag. „Ich hoffe sehr, du spielst die „Für-Julius-Karte“ jetzt nicht jedes Mals aus, wenn ich mich dir widersetze…“
„Lukas…“ Herr West kam auf mich zu und drückte mich fest an sich. „Das mit Julius tut mir schrecklich Leid. Wie geht es dir denn inzwischen?“ „Scheiße?!“, antwortete ich lediglich murrend, während wir uns auf die Couch setzten und Lexi uns einen heißen Kakao zubereitete. Im Hintergrund arbeiteten ein paar CODA-Mitglieder am Aufbau der Weihnachtsfeier. Die Deko und der Christbaum standen aber schon seit Beginn der Adventszeit. „Ich weiß wie du dich fühlst.“, sagte Herr West schließlich. „Es gibt keinen größeren Schmerz, als einen Menschen zu verlieren, den man liebt.“ Herrn West Aussage ließ mich aufhorchen. „Haben Sie denn auch jemanden verloren, der ihnen sehr wichtig im Leben war?“, fragte ich schließlich neugierig und hoffte, in kein Fettnäpfchen zu treten. „Meinen Bruder, Oscar.“, antwortete Herr West mir, während Lexi mit drei Tassen heißem Kakao zu uns zurückkehrte. „Er kam vor acht Jahren bei einem Autounfall ums Leben.“ „Das tut mir sehr leid.“, sagte ich und blickte Herrn West traurig an, der nun in Erinnerungen an seinen Bruder schwelgte. Auch Lexi ließ diese Information traurig stimmen, doch der heiße Kakao, den sie für uns zubereitete, wärmte uns von innen und wir sprachen über die Weihnachtsfeier. Lexi und ich halfen schließlich bei den Vorbereitungen für die Weihnachtsfeier und auch Yasin gesellte sich schon bald zu uns und packte ordentlich mit an. „Du sollst doch nicht so schwer heben.“, meinte er zu Lexi, womit er Recht hatte. „Mach dir um mich keine Sorgen.“, sagte Lexi. „Mach dir eher Sorgen darüber, wo wir in Zukunft wohnen werden. Das Angebot meiner Eltern, bei ihnen zu bleiben, ist zwar großzügig, aber mit einem Baby könnte das alles etwas viel werden. Wir bräuchten was Eigenes…“ „Ich bin auf Wohnungssuche, aber der Markt hat aktuell nicht so viel zu bieten, was wir uns leisten können.“, erklärte Yasin ihr. Ich horchte interessiert zu, doch als ich Frau Bruck den Clubraum betreten sah, galt mein Interesse nur noch ihr. Ihr Besuch kam unerwartet. In ihren Händen trug sie einen Karton. „Hallo Lukas.“, begrüßte sie mich mit sanfter Stimme. „Verzeih bitte, dass ich störe.“ „Sie stören keineswegs Frau Bruck.“, entgegnete ich schnell. Frau Bruck nickte und lächelte dabei etwas traurig. „Ich glaube, dass hier gehört dir.“, sagte sie und überreichte mir den Karton mit all den Fotos, den ich bei Julius stehen gelassen habe. „Danke, den hab ich irgendwie total vergessen.“, sagte ich betrübt. „Gern doch. Also dann… auf Wiedersehen.“ Frau Brucks Besuch war kurz und vermutlich wäre es nett von mir gewesen, sie auf einen heißen Kakao oder Kaffee einzuladen, aber mein Mund schien mit einem Siegel versehen worden zu sein, denn ich brachte einfach kein Wort heraus. Ich setzte mich auf die Couch, den Karton mit den Fotos in meinen Armen und betrachtete ein paar davon. Dann sah ich mich in der CODA um und erinnerte mich zurück an den Tag, als Julius und ich der CODA beigetreten waren:
„Na was sagst du? Ist es nicht spitze hier?!“ Julius drehte sich mit ausgestreckten Armen im Kreis und freute sich hier an diesem Ort zu sein – Der „Community of Dreaming Artist“. Er hatte mich hierher gelockt, indem er mir erklärte, wieviel Spaß man hier hätte und das wir hier neue Leute kennenlernen könnten, die genauso verkorkst sind, wie wir selber. „Schönen guten Tag ihr beiden. Die CODA freut sich über jeden Besucher und noch mehr über jedes neue Mitglied, welches wir in unserer Runde willkommen heißen können.“, sagte Herr West, der auch damals schon den Club leitete. „Seht euch in aller Ruhe um und wenn ihr Fragen habt, dann kommt ihr einfach zu mir.“ Herr West ging wieder und ich wandte mich sofort an Julius und flüsterte ihm ins Ohr: „Du hast mit keinem Sterbenswort erzählt, dass ein Uni-Professor diesen Club leitet. Wie sieht das denn aus, wenn wir hier beitreten? Also ob wir ihm in den Arsch kriechen wollen?“ „Ach was. Der Mann ist ganz locker drauf.“, sagte Julius überzeugt. „Glaub mir, es ist toll hier und was kann schon schief gehen? Wir sind zusammen und nur das ist was zählt, oder?“ Julius leistete sehr gute Überzeugungskraft, also beugte ich mich seinem Wunsch und wir traten der CODA bei. „Also schön, jetzt gibt es nur noch ein Problem.“, sagte ich skeptisch. „Lexi. Sie hasst Club-Mitgliedschaften und es wird nicht einfach sein, sie ebenfalls zu überzeugen, hier beizutreten! Aber das mein lieber Freund, darfst du übernehmen.“ Ich klopfte Julius auf die Brust, der von seiner guten Überzeugungsarbeit nun nicht mehr ganz so überzeugt zu sein schien.
Julius hatte ich es zu verdanken, dass ich der CODA beigetreten war und ich bereute es keine einzige Sekunde. Selbst Lexi hatte sich hier gut eingelebt und es war echt nicht einfach, sie von dem Club zu überzeugen, dass in ihren Augen ein Heimatort für Nerds uns Freaks war. Nachdem ich nun schon einmal außer Haus war, konnte ich genauso gut meiner Familie einen Besuch abstatten, denn heute sollten eigentlich auch meine Eltern von ihrer vierwöchigen Rundreise aus Amerika zurückkehren. Bereits vor der Haustür konnte ich die aufgeregten Stimmen der beiden Zwillinge und das Gebell unseres Hundes Niko hören. Irgendwas schien wieder los zu sein und als ich klingelte, öffnete Lena mir zugleich die Tür. „Gott sei Dank, dich schickt der Himmel!“ „Ich hab ein Déjà-Vu, so als hätte das vor kurzem erst jemand zu mir gesagt.“, erwiderte ich daraufhin. „Was ist los Lena. Was bedeutet der ganze Aufruhr hier?“ „Mum hat gerade eben angerufen. Ihr Heimflug wurde aufgrund eines heftigen Schneesturms gecancelt und sie sitzen nun am Flughafen fest. Sie wissen nicht, wann sie nach Hause kommen können. Die Zwillinge sind deshalb außer Rand und Band.“, erzählte Lena mir ausgepowert. „Fällt Weihnachten dieses Jahr etwa aus?“, hörte ich Sarah fragen, die sich für meine Ankunft gar nicht zu interessieren schien. „Wann kommen Mum und Dad nach Hause?“, fragte Sebastian etwas mehr besorgt. „Ich weiß es nicht. Jetzt stellt mir doch nicht all diese Fragen, auf die ich keine Antwort weiß.“, entgegnete Lena gestresst. „Oh Lukas, bitte tu mir den Gefallen und geh mit Niko Gassi ja?! Du siehst ja selber, wie er bereits quengelt, aber ich muss noch die Wäsche waschen, das Abendessen vorbereiten und…“ „Kein Problem Lena. Mach ich gerne.“, sagte ich sofort, als ich verstand, in welcher Notlage sich Lena gerade befand. Vermutlich überlegte sie es sich gerade zweimal, ob sie wirklich eine Familie gründen möchte. Auf die Zwillinge vier Wochen aufzupassen, war ja schon stressig genug, aber sie befanden sich mitten in der Pubertät und dann war da ja auch noch unser Hund Niko. „Ich danke dir! Du bist ein Engel!“, rief Lena mir dankbar entgegen. „Hm…, auch das hab ich schon einmal gehört.“, entgegnete ich leicht schmunzelnd.
Ich zog mit Niko durch die Straßen, die von den Laternen hell beleuchtete waren. Es war ein nasser Tag wie jeder andere, aber wenigstens hatte es bereits heute Mittag aufgehört zu Regnen. Ich ging mit Niko in einen kleinen Park ganz in der Nähe, als ich glaubte das Klingeln eines Glöckchens zu vernehmen. Ich blieb stehen und horchte. Stille. Hatte ich mich etwa getäuscht? Nein, denn es klingelte ein zweites Mal und Niko fing zu Bellen an. „Pssst Niko. Hör auf zu Bellen.“, zischte ich, als es ein weiteres Mal klingelte und Niko losrannte. Er war so schnell, dass mir die Leine aus der Hand fiel und Niko im Dickicht der Bäume und Büsche verschwand. „Niko, komm zurück!“, rief ich böse, doch unser Hund gehorchte natürlich nicht, weshalb ich ihm hinterher rannte. Das Klingeln des Glöckchens war erneut zu hören und es schien sogar lauter zu werden. Nachdem ich mich durch ein paar Büsche durchgezwängt hatte, stand ich vor einem großen, hellbeleuchteten Gebäude. Es war von einer hohen Mauer umgeben, vor der Niko nun kauerte. „Na du Ausreißer. Was sollte das denn?“, fragte ich meinen Hund, als ich plötzlich Kinderstimmen aus dem Gebäude vor mir vernahm. Das Klingeln des Glöckchens war erneut zu hören, doch dieses Mal wollte ich es genauer wissen und kletterte kurzerhand auf den Ast eines Baumes. Nur gut, dass ich Handschuhe angezogen hatte, denn der Baum war nass und dreckig. Vom Ast aus, konnte ich über die Mauer hinweg sehen und durch die Fenster des Gebäudes. Viele Kinder rannten dort umher, spielten miteinander und hatten Spaß. Ein Kinderheim, schoss es mir durch den Kopf. „Traurig, nicht wahr?“ Mein Herz machte einen Hüpfer, als wie aus heiterem Himmel Jack neben mir stand und ebenfalls zu den Fenstern des Kinderheims empor blickte. Ich wollte mich beschweren, dass er mich nicht so erschrecken sollte, aber Jack sagte etwas, was mich nachdenklich werden ließ. „All diese Kinder…, haben ihre Eltern verloren. Entweder bei der Geburt, weil sie von ihnen verstoßen worden sind, oder auch durch einen tragischen Umstand. All diese Kinder feiern Weihnachten ohne ihre Eltern. Sie haben zwar einander, aber das ist nicht dasselbe, wie wenn sie eine Familie hätten.“ Jacks eisblauen Augen schimmerten im Mondlicht, während den Kindern beim bunten Treiben zusah. Weihnachten – das Fest der Liebe und Wunder und auf einmal kam mir eine Idee.
Heute ist Weihnachten! Und jetzt noch eine freudige Nachricht an alle Leser: Da Heiligabend und der 4.Advent dieses Jahr auf den ein und denselben Tag fallen und es eigentlich immer sechs Kapitel pro Weihnachtsgeschichte waren, erscheint das sechste und letzte Kapitel dieses Jahr am 1.Weihnachtsfeiertag! Ihr müsst also keine Sorge haben, dass die letzte Weihnachtsgeschichte kürzer ausfällt. Und als kleine Zugabe gibt es wie immer einen Epilog, der dieses Jahr am 2.Weihnachtsfeiertag erscheint. Also los geht´s, stürzt euch in das neuste Kapitel, in dem Lukas, seine Freunde und seine Geschwister Weihnachten feiern - und als wäre das alles nicht schon schön genug, gibt es auch noch eine ganz besondere Überraschung für langjährige Fans meiner Geschichten. Viel Spaß!
Kapitel 23: Wunder von Weihnachten „Soll das etwa den Stern von Bethlehem darstellen?“, fragte mich Jack unverfroren, während er mir über die Schulter beim Basteln zuguckte und im Hintergrund Weihnachtsmusik im Radio lief. „Das ist mein erster Strohstern, also sei still, oder ich stopf ihn dir in den Mund.“, erklärte ich und drohte ihm dabei zugleich. „Heyhey, ich hab nur gefragt.“, meinte Jack lächelnd und setzte sich auf einen freien Stuhl neben mich. Er legte seine eisigen Füße auf den Tisch und kippte mit dem Stuhl nach hinten und wieder vor, als wäre es ein Schaukelstuhl. „Du bist irgendwie gereizt, kann das sein?“ „Und du unverschämt – kann das sein?!“, konterte ich, während ich weiter bastelte. „Der Stern ist für die Weihnachtsfeier heute Abend im Clubhaus. Ich gebe mir die größte Mühe, also wäre es schön, wenn du deine abfälligen Bemerkungen für dich behältst.“ „Schon gut, schon gut. Ich sehe durchaus, wie viel Mühe du dir wegen heute Abend gibst.“, sagte Jack, der meine Mühe auf einmal zu schätzen wusste. „Das ist ein großes Unterfangen, für alle, aber du hast dir in der letzten Woche wirklich die allermeiste Mühe gegeben. Ich bin stolz auf dich!“ „Danke…, aber könntest du bitte deine Eisklumpen vom Tisch runternehmen?“, fragte ich. „Wieso? Riechen sie nach Pinguinen?“, fragte Jack verdutzt. „Nach was anderem können die gar nicht riechen, denn schließlich bin ich kein Mensch und heute Morgen hab ich am Südpol noch ein Rennen mit Pinguinen veranstaltet, bevor ein Schneesturm mich zu dir hierher geweht hat.“ „Interessant.“, sagte ich und wusste nicht, ob ich das lustig finden und lachen sollte. „Apropos Schneesturm. Könntest du dem in Michigan nicht endlich mal ein Ende machen, damit meine Eltern wieder nach Hause zurückkehren können?“ „So einfach ist das nicht.“, sagte Jack nun etwas ernster. „Ich bin zwar durchaus in der Lage den Schnee nach meinem Willen zu manipulieren, aber es zerrt an meinen Kräften. Außerdem würde ich mir Frau Holle damit zum Feind machen.“ Mit einem Mal sah ich auf. „Frau Holle gibt es wirklich?“, fragte ich mit großen Augen. Jack fing an zu grinsen, woraufhin ich ihn beleidigt ansah. „Ach du bist doch doof.“ „Du glaubst auch an den Weihnachtsmann oder? Frau Holle ist eine Märchenfigur, mehr nicht!“, sagte Jack ganz laut und lachte mich dabei aus. Dabei verlor er jedoch das Gleichgewicht und kippte mit dem Stuhl nach hinten. Er lag am Boden und sah nur noch Sterne, während ich lauthals lachte. „Gelächter, hier? Bin ich in der falschen WG gelandet?“, fragte Alec, der plötzlich in der Küche stand und sich den Schal auszog. „Wie? Was?“ Ich hatte mit Alec erst in einer Stunde gerechnet. Ich wusste, dass außer mir niemand in der Lage war, aber ganz sicher war ich mir nicht. „Siehst du außer mir hier noch jemanden?“ Alec sah mich mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht an. „Das ist eine eigenartige Frage, sogar für deine Verhältnisse.“, sagte er und ging ganz knapp an dem Stuhl vorbei, auf dem Jack nach wie vor hin und her wippte und amüsiert drein guckte. „Fahren wir heute gemeinsam?“, fragte Alec und öffnete den Kühlschrank, um sich einen kleinen Snack für zwischendurch zu gönnen. „Nein, ich muss vorher noch was erledigen.“, antwortete ich gedankenverloren. „Und danach komme ich gleich mit meinen Geschwistern gemeinsam zur CODA: „Gut, dann bis später.“, sagte Alec und verschwand mit einem Joghurt in seinem Zimmer. „Du weißt doch, dass außer dir mich niemand sehen kann.“, sagte Jack schließlich. „Ich bin der Geist von Weihnachten. Geister sieht man nicht, aber man hört sie herumspuken.“, erklärte Jack mir. „Öffne mal dein Herz.“, sagte ich, nachdem ich aus meiner Cola-Flasche einen Schluck nahm. „Wieso?“, fragte Jack mich verwirrt. „Ich will meine Cola kalt stellen. Lauwarm schmeckt sie nicht.“, antwortete ich und nun war ich es, der ein Witz auf die Kosten von Jack machte. Doch leider ging das in die Hose, denn Jack fand das offensichtlich gar nicht komisch. Er stand auf und verschwand ohne ein Wort.
Es war Heiligabend und ich konnte an nichts anderes als an Julius denken. Wir hatten geplant, dieses Weihnachten noch einmal zusammen zu verbringen, aber dazu kam es nun leider nicht mehr. Jedoch gab es da etwas, was ich noch zu erledigen hatte. Ein Versprechen, welches ich einlösen musste. „Lukas?!“, gab sich Frau Bruck erstaunt, als ich vor ihrer Tür stand. „Guten Abend.“, sagte ich leicht lächelnd, als auch noch Dr. Lazarus erschien. „Bitte, komm rein.“, bat Frau Bruck mich. „Es ist kalt draußen. Kann ich dir einen Tee anbieten, oder vielleicht etwas anderes zu trinken? Wir haben auch Glühwein im Keller.“ „Nein danke. Ich wollte auch gar nicht lange stören…“, antwortete ich leicht zurückhaltend. „Ich bin eigentlich nur hier, weil ich Julius versprochen habe, Ihnen das zu geben, sollte er… sollte er…“ Ich zog ein kleines verpacktes Geschenk aus einer Beuteltasche, den ich die ganze Zeit mit mir herum schleppte und überreichte es Frau Bruck. Verwundert sah sie erst mich und dann das Geschenk an. Sie schien sich unsicher zu sein, ob sie es öffnen sollte, doch als Dr. Lazarus ihr eine Hand auf die Schulter legte, da begann sie die Schleife zu öffnen. Heraus kam die Spieluhr, die Julius über Ebay bestellt hatte und die ich beim Uhrmacher für ihn abholen sollte. Ich hatte es beinahe vergessen und mich erst gestern wieder daran erinnert. Also bin ich wie ein Besessener zum Uhrmacher gehechtet, um die Spieluhr abzuholen. Zu meinem Leidwesen hatte der Uhrmacher schon zugemacht, weshalb ich an seine Tür hämmerte, bis er mir schließlich notgedrungen die Tür öffnete. Ich erzählte ihm von Julius und seiner Mutter und weil Weihnachten ist, machte er eine Ausnahme. Frau Bruck betrachtete die Spieluhr und ich konnte ein Leuchten in ihren Augen sehen. Sie öffnete die Spieluhr schließlich und eine sanfte Weihnachtsmelodie erklang. Frau Bruck hielt die Spieluhr mit ihrer linken Hand fest, während sie ihre rechte Hand berührt auf ihre Brust legte, wo ihr Herz schlug. Tränen zeichneten sich in ihrem Gesicht ab. Auch Dr. Lazarus und ich lauschten der himmlischen Melodie, bis sie nach etwa einer Minute wieder verstummte. Frau Bruck sah mich mit Tränen in den Augen an und sagte ganz leise Danke. Ich lächelte und verabschiedete mich anschließend, aber nicht ohne den Beiden noch schöne Weihnachten zu wünschen. Als ich das Grundstück verließ, blickte ich noch ein letztes Mal hoch zu den Fenstern. In Julius Zimmer ging das Licht an und ich konnte die schattenhaften Umrisse von Frau Bruck erkennen, die noch immer die Spieluhr in ihrer Hand hielt. Wahrscheinlich spielte sie die Melodie noch einmal ab und egal wo sich Julius gerade befand, er würde zuhören und glücklich lächeln.
Als ich später am Abend zusammen mit meinen Geschwistern die CODA betrat, da wehte uns der warme Duft von frischgebackenen Plätzchen, Kinderpunsch und Glühwein entgegen. Familien und Freunde füllten den Clubraum, in dem selige Weihnachtslieder ertönten. „Lukas, schön dass du deine Familie mitgebracht hast.“, begrüßte Herr West uns freudig. „Eure Mäntel und Mützen werdet ihr jetzt nicht mehr brauchen, denn wir haben es hier kuschelig und warm.“ „Ehrlich gesagt bin ich froh, dass wir kommen durften.“, meinte Lena. „Das Weihnachtsessen zuzubereiten, war sonst immer Mamas Ding, aber dieses Jahr…“ „Naja, aber die verkohlte Gans von vor drei Jahren war ihr auch nicht geglückt.“, erwiderte ich. „Boah, der Weihnachtsbaum ist ja riesig!“, rief Sebastian begeistert. „Ich stell mich gleich mal davor und mach ein Selfie. Dann kann ich das Foto Noel schicken.“ Ehe wir uns versahen, war Sebastian zum Christbaum geeilt. Sarah schlurfte ihm leicht träge hinterher. „Ist sie immer noch so muffelig?“, fragte ich Lena. „Ich glaube sie ist enttäuscht, weil unsere Eltern dieses Jahr zu Weihnachten nicht mit uns feiern können.“, erklärte Lena mir. „Dürfte ich bitte alle kurz um ihre Aufmerksamkeit bitten!“, rief Herr West von einem Podest, während er ein Mikrofon in seiner Hand hielt. „Erst einmal möchte ich mich dafür bedanken, dass sie alle so zahlreich hier erschienen sin.“ Es folgte ein kleiner Applaus aller Anwesenden. „Und natürlich möchte ich mich auch bei all jenen bedanken, die dazu beigetragen haben, dass wir es heute Abend so gemütlich in unserem Clubhaus haben. Ich glaube, das ist der bislang schönste Weihnachtsbaum, den wir jemals hatten.“ Es gab erneuten Beifall. „So und zu guter Letzt möchte ich noch ein paar ganz besondere Gäste hier willkommen heißen. Ihnen haben wir es zu verdanken, dass wir heute alle hier sind – hier in der „Community of Dreaming Artist“ – die Gründungsmitglieder der CODA: Roy Kirchner und sein Ehemann Derek Brunn, Roys Schwester Annabelle Kirchner, Modedesignerin Katharina Fuchs und die kreativsten Köpfe Hamburgs Zacharias Tanner, Maximilian Schilling und Leon Schopp!“ Das war also die große Überraschung, von der Herr West sprach. Als die sieben genannten Personen aufgerufen wurden, war der Applaus riesig. Mir war gar nicht bewusst, welchen Kultstatus die Gründungsmitglieder der CODA inzwischen erreicht haben, aber es war überwältigend. Meine Augen blieben bei Leon haften, denn ich hatte bereits die Ehre und das Vergnügen ihn letztes Jahr kennenzulernen, als ich mit Herrn West und ihm auf dem Weihnachtsmarkt war. Auch er sah mich und winkte mir kurz zu. „Na der Applaus bei Justin Bieber ist ein Witz dagegen.“, meinte Herr West scherzhaft. „Ich hoffe ihr seid auch noch alle so gut drauf, wenn ich unsere letzten Gäste willkommen heiße: Meine Damen und Herren, die Kinder vom „Bambi Kinderheim“!“ Die Tür zum Clubraum sprang auf und unzählige Kinder strömten in den Clubraum. Zugegeben, es wurde leicht eng, aber die Stimmung war fröhlich, denn es gab nichts Schöneres als lachende Kinder an Weihnachten.“ Jetzt konnte die Weihnachtsfeier richtig losgehen. Jeder hatte Spaß und war fröhlich. Ich befand mich gerade in der Nähe des Weihnachtsbuffet, an der auch ein paar der CODA-Gründungsmitglieder anstanden. „Hey, hat eigentlich jemand was von Wallace gehört?“, fragte Derek Brunn. „Ja ich.“, antwortete Katharina Fuchs, die von ihren Freunden aber nur Kat genannt wurde. „Er ist gerade in England unterwegs und stellt dort sein neustes Buch vor.“ „Wow, der Knabe startet ja richtig durch.“, sagte Annabelle Kirchner. „Na und wie läuft´s so in der Liebe?“, hörte ich eine Stimmer hinter mir fragen und als ich mich umdrehte, grinste Leon mich an. „Nicht so gut. Ich und mein Freund haben uns getrennt…“, antwortete ich gerade heraus. „Das tut mir Leid und dein anderer Freund?“, fragte Leon weiter nach. Ich lächelte, auch wenn mir innerlich traurig zumute war. „Er ist vor zwei Wochen verstorben.“ Diese Nachricht schockierte nun auch Leon. „Oh… das ist…“ „Schon gut.“, sagte ich schnell. „Du musst nichts sagen. Mir geht es gut…“ „Hey Kumpel, baggerst du meinen Freund an?“, fragte ein sehr athletisch gebauter Junge mich. Es war Zacharias Tanner, der aber eher unter dem Spitznamen Zack bekannt war. Zack schaute mich grimmig an, aber als er mein verwirrtes Gesicht sah, lächelte er. „Schon okay. Du kannst jederzeit etwas von meinem Kuchen abhaben, wenn du möchtest.“ „Sag mal! Bin ich jetzt ein Kuchen oder was, welches in sechszehn Stücke geteilt wird?“, protestierte Leon, während Zack ihn angrinste. „Wenn du der Kuchen bist und Zack die Sahne oben drauf, was bin dann ich?“, fragte Max, ein weiteres Gründungsmitglied der CODA. „Du bist die Kirsche.“, antwortete Zack ohne lange zu überlegen. „Aber wieso muss ausgerechnet ich die Sahne sein? Nur weil ich immerzu am meisten Sperma produziere?“ „ZACK!“, Leon schaute seinen Freund mit großen Augen an, konnte sich ein Grinsen allerdings nicht verkneifen. Zack und Max – das waren also Leons Freunde. Eins musste man Leon lassen: Er hat Geschmack und Glück obendrein, aber schließlich sah Leon jetzt auch nicht unattraktiv aus. Ich ließ die Drei weiter über Kuchen, Sahne und die Kirsche weiter quatschen und hielt Ausschau nach Arti, der sich auch für den heutigen Abend dazu bereit erklärt hatte, den Weihnachtsmann zu spielen. „Lukas?“ Eine Frau kam auf mich zu und blickte mich überrascht, aber auch erfreut an. „Du erkennst mich nicht oder? Ich bin die „Fee“ – aus dem Kindergarten?!“ Ich öffnete leicht meinen Mund vor Überraschung. „Natürlich erkenne ich Sie.“ Meine alte Kindergärtnerin lächelte. „Das du mich nicht gleich wieder erkannt hast, kann ich dir nicht übel nehmen. Die ersten Alterserscheinungen sind auch an mir nicht ganz vorübergegangen, da hat auch der Feenstaub nichts geholfen.“ „Ja, Julius und ich haben Sie sehr oft damit bestreut.“, sagte ich und fing zu lachen an. Meine alte Kindergärtnerin lächelte ebenfalls, aber traurig. „Ich hab von Julius Tod in der Zeitung gelesen. Das muss wirklich schrecklich für dich sein und das auch noch an Weihnachten…“ „Es geht… danke.“, entgegnete ich lediglich. Ich unterhielt mich noch ein wenig mit ihr über alte Zeiten und erzählte ihr, was ich heute so trieb. Von ihr erfuhr ich hingegen, dass sie längst keine Kindergärtnerin mehr war, sondern nun als Betreuerin im Waisenhaus arbeitete. Nach einer viertel Stunde verabschiedete ich mich wieder von ihr und suchte weiter nach Arti. Dabei stieß ich auf Lena und Christoph: „Hey, habt ihr Arti schon irgendwo gesehen?“ Christoph schüttelte den Kopf, als ein Mädchen dicht an Lena vorbei rannte. Ich hörte das Klingeln eines Glöckchens. „Hey, war das nicht gerade…?“ Lena blickte dem Mädchen unsicher nach. Auch ich glaubte das Mädchen schon irgendwo einmal gesehen zu haben. „Hohoho, Fröhliche Weihnachten!“, rief auf einmal eine tiefe Stimme vom Podest. Arti der Weihnachtsmann war gekommen und er hatte einen riesigen Sack voller Geschenke im Schlepptau. Die Kinder rannten sofort zum Podest, darunter auch meine beiden nicht mehr allzu kleinen Geschwister Sebastian und Sarah. „Ist das jetzt Arti oder Christoph?“, fragte Sarah ihren Bruder. „Na meine Lieben, wart ihr dieses Jahr auch alle ganz artig?“, fragte der Weihnachtsmann und lächelte die Kinder an. „Ich hab hier für jeden von euch etwas, das dürfte euch gefallen!“ Der Weihnachtsmann zog ein Geschenk aus seinem Sack und überreichte es einem kleinen Jungen, der einen regelrechten Freudentanz aufführte. Danach beschenkte der Weihnachtsmann auch alle anderen Kinder, einschließlich meiner beiden Geschwister Sebastian und Sarah. Die Kinder packten ihre Geschenke natürlich auf der Stelle aus. Es waren viele tolle Spielsachen und ich wunderte mich, woher Arti all diese teuren Geschenke hatte. Lexi, ich und die anderen haben viele Tage daran gearbeitet, ein paar schöne Geschenke zu basteln, um die Waisenkinder glücklich zu machen. „So meine Lieben, ich muss jetzt weiter, denn es gibt noch ganz viele andere Kinder, die ich heute Abend beschenken muss. Aber vergisst bitte eines nicht: An Weihnachten geht es nicht ums Nehmen, sondern auch ums Geben. Weihnachten ist das Fest der Liebe, der Hoffnung und vieler guter Taten.“ Mit diesen letzten weisen Worten verschwand der Weihnachtsmann und Herr West rief Roy und Annabelle aufs Podest, die nun für etwas weihnachtliche Live-Musik sorgten. Doch es waren keine zehn Minuten vergangen da… „Hoho, Fröhliche Weihnachten!“, tauchte der Weihnachtsmann erneut auf. „Hey Arti, das hatten wir doch schon, aber sag mal, wo hast du all die Spielsachen her?“, fragte ich nun neugierig. „Spielsachen? Wovon redest du? Ich bin doch gerade erst gekommen.“, antwortete Arti mir. Ich war sprachlos. Konnte das wirklich sein? War der Weihnachtsmann von gerade eben etwa der richtige, der einzig wahre Weihnachtsmann?!
Hohoho, Frohe Weihnachten! Na, bin ich der echte Weihnachtsmann oder nicht? Wohl kaum, aber ein Geschenk hab ich dennoch für euch dabei: Das letzte Kapitel zu meiner letzten Weihnachtsgeschichte. Die Geschichte von Lukas neigt sich dem Ende, aber nicht vergessen: Morgen gibt es noch einen Epilog!
Kapitel 24: Der Geist von Weihnachten Ich rannte aus dem Clubhaus hinaus ins Freie. Vielleicht musste ich einfach nur mal frische Luft schnappen, schließlich glaubte ich dem echten Weihnachtsmann begegnet zu sein. Zufälligerweise standen auch gerade meine Freunde Lexi, Yasin, Alec und Yuki draußen, um den Trubel ein wenig zu entfliehen. „Hey Leute, habt ihr zufällig den Weihnachtsmann vorbei fliegen sehen?“ „In seinem Rentierschlitten? Ja klaaar!“, antwortete Alec mir mit einem sehr breiten Grinsen. „Lukas, wie viel Glühwein hast du schon getrunken?“, fragte Lexi mich argwöhnisch. „Sehr witzig. Ich bin noch vollkommen nüchtern.“, sagte ich launisch. „Noch…“, wiederholte Alec und lachte. Yasin stimmte in dem Lachen mit ein. „Ach ihr seid doch doof.“, sagte ich genervt, aber auch ich musste ein wenig lachen. „Hey Lexi, wie läuft es mit der Wohnungssuche?“ „Nicht so gut. Ich glaube, wir werden erst einmal bei meinen Eltern wohnen bleiben müssen.“, antwortete Lexi mir betrübt, woraufhin ich Alec ein Zeichen gab. „Aaaaalso das glaube ich eher nicht.“, sagte dieser und holte dabei weit aus. „In unserer WG ist nämlich schon bald sehr viel Platz frei. Yuki und ich werden nämlich ausziehen, um einfach in unseren eigenen vier Wänden leben zu können. Wir haben sogar schon was gefunden und werden im Januar umziehen. Es ist zwar recht klein, aber dafür sehr gemütlich.“ „Was Alec damit sagen möchte: Ich falle ihnen auf den Wecker und er möchte, dass ich ab sofort euch auf den Wecker falle.“, führte ich weiter aus und lächelte Yasin und Lexi dabei an. „Natürlich nur wenn ihr nichts dagegen habt…“ Die Freude darüber stand Lexi ins Gesicht geschrieben. Sie und Yasin blickten sich an und fielen sich glücklich in die Arme. „Es hat ganz den Anschein, als hätten sie keine Einwände.“, merkte Yuki an. „Gut, sonst hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt.“, sagte Alec. „Wer sonst sollte auf unseren Lukiboy hier die nächste Zeit aufpassen.“ „Das ist so toll. Wir danken euch!“, rief Yasin glücklich. „Ist doch Ehrensache. Nur gut, dass es einen Fahrstuhl bei uns gibt, denn schon bald werdet ihr einen Kinderwagen benötigen.“, meinte ich. „Aber um eines mal gleich klar zu stellen: Sobald der kleine Racker hier auf der Welt ist, werde ich mir Ohrenstöpsel zulegen, denn Onkel Lukas kann sehr muffig werden, wenn er seinen Schönheitsschlaf nicht bekommt. Ach und mein Zimmer, das könnt ihr als Kinderzimmer haben. Ich werde in Julius ehemaliges Zimmer ziehen…“ Lexi war erfüllt von Dankbarkeit mir gegenüber und nahm mich so fest in die Arme wie schon lange nicht mehr. Es fühlte sich unbeschreiblich gut an. „Julius hatte Recht. Du bist wirklich der beste Freund den man sich nur wünschen kann.“, sagte sie und rührte mich damit zu Tränen. „Oh Gott hör auf, ich wollte heute Abend nicht weinen.“, sagte ich schnell und lächelte sie an.
Am nächsten Tag – ich hatte bei meinen Geschwistern übernachtet und musste mir zusammen mit meinem kleinen Bruder ein Bett teilen – gab es ein herrliches Weihnachtsfrühstück. Lena, Christoph, Sebastian, Sarah und ich saßen gemeinsam am Frühstückstisch und waren guter Stimmung, als es um elf Uhr an der Tür klingelte. „Schon wieder Arti im Weihnachtsmannkostüm?“, fragte Sebastian hoffnungsvoll. Seine Gier nach Geschenken nahm dieses Jahr offensichtlich gar kein Ende. „Ich geh schon.“, sagte Christoph zu Lena, nachdem diese bereit aufstehen wollte, von ihrem Ehemann aber daran gehindert wurde. So saßen wir Geschwister das erste Mal seit langer Zeit wieder alleine, aber gemeinsam an einem Tisch. Sebastian und Sarah zankten sich wegen Nichtigkeiten und Lena rollte mit ihren Augen, während sie mich lächelnd ansah. Doch dann richtete sich meine Aufmerksamkeit auf eine Gestalt, welches ich durchs Küchenfenster erspähen konnte. Eine Gestalt im blauen Pulli und mit weißem Haar. Kurz darauf kam Christoph zurück in die Küche. Er hatte zwar nicht den Weihnachtsmann im Schlepptau, aber Geschenke gab es dennoch und zwar die Schönsten, die man sich nur vorstellen konnte. „Mum, Dad!“, schrie Sarah über alle Maßen erfreut, da unsere Eltern plötzlich in der Küche standen und uns ebenfalls freudig begrüßten, als hätte ein Schneesturm sie hereingeweht. Sarah stürmte auf sie zu und nahm unseren Vater sofort in die Arme. Sebastian stand ebenfalls auf und umarmte unsere Mutter. „Fröhliche Weihnachten alle zusammen!“, rief mein Vater glücklich. „Ihr hier? Aber was ist mit dem Schneesturm?“, fragte Lena ganz überrascht, aber ebenso erfreut. „Der hat gestern wie durch ein Weihnachtswunder aufgehört.“, antwortete unsere Mutter ihr. „Und da wir schon sehr lange auf der Warteliste standen, durften wir den erstbesten Flieger nehmen, um zu euch zurückzukehren.“ „Erste Klasse wohlgemerkt!“, fügte unser Vater stolz hinzu. „Oh ja, erstklassiger Service und die Sitze waren so bequem, dass ich euren Vater nur mit Müh und Not daraus gebracht habe, sonst säße er jetzt noch im Flieger.“, erklärte unsere Mutter amüsiert. „Es ist so schön, dass ihr da seid. Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk von allen!“, rief Sarah glücklich und die Tage, an denen sie überall miese Laune verbreitete, waren wohl gezählt. Offenbar war sie einfach nur stinkig, weil unsere Eltern dieses Jahr zu Weihnachten nicht Zuhause waren. „Na gut, wenn wir schon von schönen Weihnachtsgeschenken reden, dann können Christoph und ich euch die frohe Botschaft auch gleich überbringen.“, sagte Lena, während Christoph seinen Arm um sie legte. „Wir haben gestern nämlich einstimmig beschlossen, dass wir ein Kind adoptieren werden. Als wir gestern all die Waisenkinder gesehen haben, da wurde unser Herz weich und wir fühlten beide dasselbe. Wir bereiten damit nicht nur uns ein Geschenk, sondern auch einem Kind, welches wir ein warmes Zuhause und eine liebevolle Familie geben werden.“ „Lena, das sind wirklich wundervolle Neuigkeiten!“, rief unsere Mutter glücklich, nahm Lena in die Arme und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Herzlichen Glückwunsch Christoph, zu dieser tollen Entscheidung.“, sagte unser Vater und schüttelte meinem Schwager stolz die Hand. „Werden wir dann zu Onkel und Tante?“, fragte Sebastian in die Runde. „Bin ich nicht viel zu jung, um schon ein Onkel zu sein? Ich weiß ja gar nicht, was ich da alles beachten muss.“ „Du musst rein gar nichts beachten. Sei einfach nur für deinen zukünftigen Neffen oder deine Nichte da, wie du für deine Geschwister da bist.“, meinte Lena lächelnd zu ihm. „Gut, wenn es ein Junge ist, zeige ich ihm, wie man richtig spuckt und wenn es ein Mädchen ist, muss sich Sarah um sie kümmern, denn mit Mädchen hab ich nichts am Hut.“, sagte Sebastian und brachte mit seinen Worten alle zum Lachen – einschließlich mich.
Nach dem reichhaltigen Essen der letzten Tage, hatte ich das Gefühl, eine Kugel vor mir herzuschieben. Julius würde mich jetzt sicherlich wieder triezen, wenn er mich so sehen könnte. Er hatte auch leicht reden, denn egal wie viel er immer gegessen hat, er nahm immer nie zu. Ich hingegen musste nur Essen anstarren, um dick und kugelrund zu werden. Also machte ich das einzig richtige: Einen Verdauungsspaziergang durch den Park. Es dämmerte bereits und kalt war es auch, aber wieder einmal hing ich meinen Gedanken nach, die mich warm hielten.
Ich war im Kindergarten und aß gerade mein letztes Stück von einem Apfel, als ich zu Julius sah, der sich gerade mit unserer Kindergärtnerin Fee unterhielt. Dabei sah Julius geheimnisvoll zu mir herüber. „Und? Hast du dein Versprechen aufgeschrieben, so wie wir es besprochen haben?“, fragte Julius mich später, als die anderen Kinder auf dem Spielplatz spielten und nur wir beide uns etwas von den anderen distanzierten, um einen Plan in die Tat umzusetzen. Wir beide hielten ein Versprechen auf einen Zettel fest, legten diese in eine Holzkiste und wollten diese dann unter der Erde in der Nähe einer Eiche vergraben. Beide trugen wir Gummistiefel, um nicht allzu dreckig zu werden und um das Loch zu graben, hatten wir beide eine kleine Schaufel von Zuhause mitgenommen. „Natürlich.“, antwortete ich verlegen, verschwieg ihm dabei aber, dass es in Wirklichkeit Lena aufschrieb. Ich war schließlich erst Sechs! „Willst du es lesen?“ „Nein, erst wenn wir es eines Tages wieder ausbuddeln, aber bis dahin vergeht hoffentlich viel Zeit.“, antwortete Julius mir. „Leg deinen Zettel nun in die Holzkiste.“, sagte Julius und ich folgte seiner Anweisung, indem ich meinen Zettel zu seinem dazu legte. „Also abgemacht. In fünfzig Jahren oder so, kommen wir wieder hierher, buddeln die Kiste aus und schauen, ob wir unsere Versprechen eingehalten haben. Sollte aber einer von uns schon eher den Löffel abgeben, erhält der andere die Erlaubnis, die Kiste vorher wieder auszubuddeln.“
Als ich unserer Kindergärtnerin Fee bei der gestrigen Weihnachtsfeier wieder begegnet bin, erinnerte ich mich an die Holzkiste, die Julius und ich einst vergraben haben. Ob sie noch immer dort unter der Erde lag? Vermutlich hat sie längst einer ausgegraben, sich über die Zettel totgelacht und die Kiste verbrannt. Es war unwahrscheinlich, dass sich die Kiste nach über sechszehn Jahren noch immer an Ort und Stelle befand. „Ignorierst du mich jetzt etwa?“, fragte mich eine Stimme, die ich inzwischen ganz klar Jack zuordnen zu wusste. Ohne es zu bemerken, lief ich an dem Geist von Weihnachten vorbei, der seelenruhig auf einer Parkbank saß und sich vermutlich seinen hübschen Hintern abfror. Er lächelte mich zwar an, aber in seinen Augen lag ein Ausdruck von Trauer und Schmerz. „Ich dachte, du bist schon längst wieder fort. Schließlich bist du vor drei Jahren auch an Heiligabend verschwunden.“, erklärte ich ihm meine Unaufmerksamkeit. Natürlich war das eine schwache Ausrede, denn Jack mit seinem schneeweißen Haar zu übersehen, grenzte wirklich an Ignoranz. „Ja, aber letztes Jahr hab ich mich dir erst nach Heiligabend gezeigt.“, entgegnete Jack betrübt. „Dachtest du wirklich, ich hau einfach so ab? Ohne eine Wort des Abschieds…?“ „Naja…, ich dachte du wärst sauer auf mich, wegen gestern, du weißt schon. Der Witz mit der Cola…“, sagte ich und stand nun direkt vor Jack, der sich von der Parkbank erhob. „Ich war nicht sauer. Keine Sekunde. Ich bin gar nicht in der Lage irgendetwas zu fühlen…, zumindest dachte ich das immer.“, antwortete Jack mir und drehte mir den Rücken zu. Ich verstand nicht, was er mir damit sagen wollte. Vielleicht war ich heute auch ein wenig schwer von Begriff. „Ich verstehe nicht, was du mir jetzt eigentlich sagen willst.“, sagte ich deshalb. „Ich auch nicht.“, erwiderte Jack schließlich. „Heiliger Bimbam! Das kann sich ja keiner länger mit ansehen.“, sagte eine kleine Mädchenstimme. Da war sie wieder: Das Mädchen von der Weihnachtsfeier und endlich wusste ich auch, wo ich sie schon einmal gesehen hatte. Sie war das kleine Mädchen aus dem Kaufhaus von vor zwei Jahren, das ihre Eltern gesucht hat und dann auf meine Oma stieß. Ihr Name war glaube ich Bell! „Der Junge scheint dir richtig den Kopf verdreht zu haben, wenn du so rumeierst, Jack.“ Kopf verdreht? Wovon sprach das Mädchen? „Bell!“ Jack sah das Mädchen warnend an, doch die dachte gar nicht daran, ihren Schnabel zu halten. „Lukas, weißt du eigentlich, dass du es nur Jack zu verdanken habt, dass deine Eltern heute nach Hause gekommen sind? Er hat dem Schneesturm in Michigan ein Ende bereitet.“, erklärte Bell ausführlich. „Dafür hat er all seine Kraft einsetzen müssen, bis ihm davon nichts mehr übrig blieb.“ „Was soll das heißen? Jack, wovon spricht sie?“, fragte ich Jack irritiert und besorgt. Jack blickte mich zunächst stumm an, aber dann sprach er doch zu mir: „Auch meine Kräfte haben Grenzen und diese hab ich eindeutig überschritten. Nun wurde ich dafür bestraft und mein Leben, welches ohnehin kalt und trostlos war, wird noch dieses Jahr sein Ende nehmen.“ Ich starrte Jack entsetzt an. „Soll das etwa heißen…“, begann ich laut zu sagen, „…dass du stirbst? Verdammt, nicht du auch noch! Das ertrage ich nicht!“ Und schon wieder war ich den Tränen nahe. Was war dieses Jahr eigentlich nur los? Hat sich denn alles gegen mich verschworen? Jack schien verwundert über meinen Ausbruch zu sein, wohingegen Bell still in sich hinein lächelte. Jack trat wieder näher an mich heran und legte seine kalte Hand auf meine Schulter, um mich zu trösten. Dann packte ich ihn jedoch und zog ihn ganz fest an mich heran. „Bitte verlass mich nicht.“, flüsterte ich ihm ins Ohr und schniefte danach. Jack war kalt wie ein Eisberg, aber ich… ich… liebte ihn. „Es tut mir Leid.“, sagte Jack schließlich und ich glaubte, selbst ihn schluchzen zu hören. „Wäre ich nicht in dein Leben getreten, dann hättest du jetzt ein Problem weniger und weitaus weniger Kummer…, aber es ist meine Schuld. Ich wollte es so…, weil ich mich in dich verliebt habe, Lukas!“ Ich stieß mich etwas von Jack ab und sah ihn überrascht an. Seine eisblauen Augen leuchteten im Mondlicht, der längst aufgegangen war. „Es ist wahr.“, sagte Jack, um sicherzugehen, dass ich ihm auch tatsächlich glaubte. „Ich hab mich in dich verliebt. An dem Abend, als wir uns küssten. Es traf mich ein Blitz. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet. Meine Sehnsucht nach dir, wurde von Jahr zu Jahr schlimmer, aber mir wurde es nicht gestattet, dich wiederzusehen. Also schickte ich Bell vor, damit sie auf dich Acht gibt, aber auch ich war immer in deiner Nähe, unter anderem an dem Abend vor zwei Jahren, als du beinahe von einem Auto angefahren wurdest. Ich hab immer nur das Beste für dich gewollt, denn du bist der erste Mensch, der mir jemals was bedeutet.“ Jack hatte genug gesagt. Jedes Wort das er an mich richtete, fühlte sich wie ein Geschenk an. Ein Geschenk der Zuneigung und eben ein solches, wollte ich ihm zurückgeben. Ich beugte mich leicht vor und schloss meine Augen. Sein kalter Atem streifte meine Lippen, bis ich seine Lippen auf meinen spürte und ihm einen warmen Kuss schenkte. Es war der erste Kuss seit drei Jahren. Jack fühlte sich kalt an, dennoch glaubte ich sein Herz schlagen zu hören. Moment. Hatte der Geist der Weihnachten denn ein Herz? Und überhaupt: Warum wurde Jack gerade von Sekunde zu Sekunde wärmer. Der Duft von Zimtsternen zog mir durch die Nase, während ich Jack weiterhin küsste. Dann auf einmal wurden wir von Schneeflocken umhüllt. Bell lächelte in der Ferne, bis sie wie ein Stern in den Himmel verschwand und nur noch ein Glöckchen zu hören war. Über uns hörte ich den Ruf eines alten Mannes: „Hohoho, fröhliche Weihnachten! Los Rudolph, bring uns nach Hause zum Nordpol!“ Ich löste mich von Jack und blickte in den Himmel empor. Ein Schlitten flog über unsere Köpfe hinweg und als er außer Sichtweite war, rieselte leise der erste Schnee dieses Jahr vom Himmel. „Was hat das alles zu bedeuten?“, fragte ich irritiert, aber auch unsagbar glücklich. Jack lächelte mich an, welches wärmer war als jemals zuvor. „Ich glaube, der Weihnachtsmann hat uns beiden gerade das größte Geschenk auf Erden gemacht.“
Wie versprochen noch der Epilog zu "Die letzte Weihnachtsgeschichte" ... und wie der Titel schon sagt, ist diese Geschichte damit auch endgültig beendet. Ich danke allen, die es bis hierhin geschafft haben und verabschiede mich recht herzlich von Lukas, Julius, Jack und all meinen treuen Lesern. Auf Wiedersehen und gute Nacht!
Epilog: Jack und ich saßen zusammen auf meinem Bett in meinem Zimmer, welches einst Julius gehörte. Wir hatten das Licht im Zimmer ausgemacht, um dem wunderschönen Schneetreiben besser vom Fenster aus beobachten zu können. Es war eine sehr ruhige Nacht und alles schlief tief und fest. Es schien fast so, als wären nur noch Jack und ich wach. Ich hielt eine Kiste in meinen Händen. Die Kiste, die ich einst mit Julius vergraben hatte und die ich heute zusammen mit Jack wieder ausgrub. Jack legte seinen Arm um meine Schulter, denn ich traute mich nicht so recht, die Kiste zu öffnen. Ich wusste, welches Versprechen ich Julius einst gab, aber nicht, welches er mir gab. Ich sah Jack an, der mich aufmunternd anlächelte. Bereit dazu, öffnete ich schließlich die Kiste, die in all den Jahren der Natur standhielt. Unsere Zettel lagen zusammengefaltet im Inneren der Kiste. Auch wenn das Papier nicht mehr gänzlich weiß war, so konnte man noch immer entziffern, was auf ihnen geschrieben stand. Als erstes nahm ich meinen Zettel zur Hand und las Jack laut vor: „Ich verspreche, Julius immer ein guter Freund zu sein und…“ Ich hielt kurz inne. Da ich damals weder lesen noch schreiben konnte, hab ich Lena darum gebeten, mein Versprechen an Julius aufzuschreiben, aber jetzt stellte ich fest, dass sich Lena nicht ganz an meine Worte hielt und sich einen Scherz erlaubte. „…und ihm bei mir freie Hand zu lassen, wenn ich mal wieder unverschämt war.“ Jack blickte mich irritiert, aber lächelnd an. „Wie großzügig von dir. Versprichst du mir das auch?“ „Das hat Lena geschrieben, nicht ich. Sie hat mich reingelegt!“, erklärte ich schnell. „Und?“ Jack blickte mich weiterhin verschmitzt lächelnd an. „Und was?“ „Durfte Julius mit dir machen was er wollte?“, fragte Jack mich überaus interessiert. „Julius durfte so ziemlich alles mit mir anstellen.“, antwortete ich nun selber mit einem strahlenden Lächeln. Wohlwissend, dass diese Antwort Jack ein wenig aus der Fassung bringen würde. Und in der Tat sah mich der ehemalige Geist von Weihnachten nun leicht schockiert an. Doch ich widmete mich nun dem Versprechen, dass Julius mir einst gegeben hat. Erst zögerte ich, aber dann zog ich seinen Zettel aus der Kiste und entfaltete es. Als ich sein Versprechen las, spürte ich einen Stich in meinem Herzen. Ich las das Versprechen nicht laut vor, aber Jack guckte mir über die Schulter, als er sah, wie Tränen über meine Wangen kullerten. „Ich verspreche, für meinen Freund Lukas immer da zu sein, in guten wie in schlechten Tagen, bis das der Tod uns scheidet.“ „Ob er es damals bereits geahnt hat?“, gab sich Jack grüblerisch und vertiefte seinen Verdacht. „Auch ich war einst ein Mensch, vor vielen Jahrhunderten. Ich war jung und sprunghaft, ein richtiger Draufgänger, der sich nicht um Regeln scherte. Es war der kälteste Winter seit Anbeginn der Zeit und ich wollte unbedingt den ganzen Tag im Schnee spielen. Meine Mum meinte noch, ich soll mich wärmer anziehen, aber ich hörte nicht auf sie. Schließlich wurde ich krank… sehr krank. Ich sah den Schmerz in den Augen meiner Mutter, als es mir zunehmend schlechter ging und es keine Hoffnung mehr für mich gab. Mir war klar, dass mein Tod ganz nahe war und ich versprach meiner Mutter, als Geist über sie zu wachen und sie vor Unheil zu bewahren. Ich starb genau an Heiligabend und wurde als Geist der Weihnachten wiedergeboren. Ich löste mein Versprechen ein und passte auf meine Mutter auf, bis auch ihr Leben viele Jahre später vorüber war. Ich hab dafür gesorgt, dass sie trotz meines Todes noch ein glückliches Leben hatte. Seitdem beschütze ich die Menschen und versuche ihnen in ihrer Not beizustehen.“ Jack hielt inne. Seine Geschichte war interessant, denn es war das erste Mal, dass ich sie hörte. „Wer weiß…, vielleicht hat Julius jetzt meinen Platz eingenommen und du wirst ihn früher wiedersehen, als du denkst.“ Ich schüttelte den Kopf. „Er schrieb, dass er solange für mich da sei, bis er stirbt…“ Ich schluckte und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. „Julius ist fort… für immer.“ Erneut weinte ich bittere Tränen. Jack legte seinen Arm um mich und zog mich tröstend zu sich heran. Ich spürte seine Wärme, seine Geborgenheit, seine Liebe. Wo auch immer Julius sein mag, er konnte beruhigt sein, denn ich war nicht allein. Es war jemand für mich da, der sich an seiner Stelle nun um mich kümmerte. Ich wusste es zu dem Zeitpunkt noch nicht, aber siebzig glückliche Jahre später, als dann auch meine Seele in den Himmel empor stieg, da begegnete ich Julius wieder. Er war um keinen Tag gealtert und auch ich hatte wieder mein Aussehen als junger Erwachsener. Julius streckte seine Arme nach mir aus und umarmte mich. „Schön dich wiederzusehen Lukas, und Frohe Weihnachten!“